Artikel vom 19.09.2006

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Elsass - Wirtschaft

TEIL-AKTUALISIERUNG I

Rübe ab!

Der Gründer des Ecomusée d‘Alsace, Marc Grodwohl, wurde zum Rücktritt gezwungen - ein folgenschwerer Schnitt für das tolle Dorf im nahen Elsass!

Von Jürg-Peter Lienhard



V.l.n.r.: Ecomusée-Gründer Marc Grodwohl (im weissen Hemd), daneben Maître Claude Weill, der gerichtliche Verwalter, François Capber, Vereins-Präsident und alt Banquier, Guy Macchi, Vizepräsident, Gründungsmitglied und Baumeister (bleibt im Amt). Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2006


Zu Beginn dieser denkwürdigen Generalversammlung (GV) der «Association de l‘Ecomusée d‘Alsace» vom Sonntag, 17. September 2006, gab Marc Grodwohl die operative Leitung des Ecomusée d‘Alsace, und François Capber, das Präsidium ab. Als Nachfolger des Vereinspräsidenten ernannte der Vorstand anschliessend Jacques Rumpler, der bis zum nächsten Gerichtstermin am 26. Oktober 2006 zu retten versuchen will, was zu retten ist.



Weil die General- und Regionalratspräsidenten Büttner und Zeller nicht Mumm genug hatten, als Vorstandsmitglieder an der GV teilzunehmen, schickten sie eine Frau (!) vor: Eine der vielen Regionalrats-Vizepräsidenten, Odile Uhlrich, musste den Kopf herhalten…


Vorab diese wichtigste Information in Zusammenhang mit den Problemen des Ecomusée d‘Alsace: Sie haben weder Misswirtschaft noch Betrug zum Ursprung, sondern mangelnde finanzielle Ressourcen, sprich Subventionen für Betrieb und Unterhalt.

Aus den an der GV aufgelegten Unterlagen geht hervor, dass das Zahlenspiel um die «Schulden» vorerst einmal ein buchhalterisches ist: Die sogenannten Schulden betreffen keinen einzigen Lieferanten, deren Forderungen bislang stets erfüllt worden waren - niemand musste um seine Leistungen fürchten!

«Schulden» gefährdeten die Substanz

Die «Schulden» betreffen allein die Substanz, die die Leitung des Ecomusée d‘Alsace angreifen musste, um die laufenden Betriebskosten zu bestreiten. Dies ist auch der Streitpunkt, um den es in der Auseinandersetzung zwischen Marc Grodwohl und den oberelsässischen General- und Regionalrats-Präsidenten geht: Grodwohl stellt sich auf den durchaus berechtigten Standpunkt, dass das Ecomusée d‘Alsace für die elsässische Wirtschaft (nicht nur für den elsässischen Tourismus!) und für die elsässische Kultur derart wichtige Leistungen erbringt, dass es angesichts seiner Grösse regelmässige Subventionen für den Betrieb und Unterhalt verdiente.

Grodwohl wies denn auch in der GV, die aufgrund der vorangegangenen Tatsachen nicht mehr überraschende Emotionen zu wecken vermochte, darauf hin, dass alle Museen im Elsass mit staatlichen Beiträgen an die Betriebs- und Unterhaltskosten von bis zu 70 Prozent bedient werden - nur das Ecomusée d‘Alsace nicht.

Grodwohls statt Büttners Kopf dem Bioscope geopfert

In weiteren Voten der GV, die als einziges Traktandum die Demission von Marc Grodwohl und François Capber zum Gegenstand hatte, waren sich die Redner darin einig, dass das Zerwürfnis zwischen der elsässischen Exekutive und Grodwohl in Zusammenhang mit der Fehlinvestition in das Bioscope steht. Die Finanzprobleme des Ecomusée d‘Alsace seien allein in diesem Zusammenhang zu sehen - ebenso die «Misswirtschaft», die von den politischen Verantwortlichen des Bioscope-Debakels hinterher dem Ecomusée-Gründer unterstellt worden war.

Tatsächlich hat Grodwohl schon im letzten Jahr das sich zusammenbrauende Gewitter vorausgesehen und teils mit Nachdruck (u.a. mit einer Demo vor dem Gernalrats-Präsidium im Dezember 2005 in Colmar) vor dem Auflaufen gewarnt. Um den Vorwürfen der Misswirtschaft zu begegnen, stellte er im März dieses Jahres vor dem Handelsgericht von Colmar den Antrag auf gerichtliche Verwaltung des Ecomusée d‘Alsace. Zudem sollte ein amtlicherseits bestelltes Gutachten die Situation «erhellen», sprich Beweise für eine «Misswirtschaft» erbringen.

Dabei ist bemerkenswert, dass das amtliche Gutachten dem Ecomusée derart gute Noten ausstellte, dass der Generalrats-Präsident parallel ein zweites erstellen liess, das zwar das erste nicht entkräften konnte, aber doch etwas kritischer allein in bezug auf die wirtschaftliche und kulturelle Ausstrahlungs-Effizienz (!) ausfiel. Offensichtlich suchte man griffigere Angriffsflächen, fand aber nur ein Haar in der Suppe…

Für die Leser dieser Zeilen ist es daher wichtig, dass sie sich selber ein Bild über Zahlen und Daten machen können. Aus verschiedenen technischen und daher Kosten-Gründen kann webjournal.ch diese Dokumente erst nachträglich hier zum runterladen bereitstellen. Wir bitten unsere Leser um Verständnis, zumal diese Informationsbereitstellung für uns auch mit Kosten verbunden ist, die wir nirgends einfordern können (ausser aus dem privaten Sack des Editors). Die Bereitstellung der Original-Dokumente wird mit dem Hinweis «Aktualisiert» über dem Titel dieses Artikels angekündigt.

Die Generalversammlung vom Sonntag, 17. September 2006, in der grossen Fachwerk-Festhalle war ziemlich gut besucht, obwohl das «Spiel» bereits seit Tagen gelaufen war. François Capber, der Präsident des Vereins Ecomusée d‘Alsace eröffnete und erklärte, dass die Rücktritte von ihm und von Grodwohl sowie die Entlassung von 50 Angestellten die Bedingung seien, die der elsässische Generalratspräsident Charles Büttner gestellt habe, damit eine finanzielle Unterstützung der Betriebskosten «ins Auge gefasst werden könne».

Marc Grodwohl kommentierte seinen Rücktritt mit wenigen, aber deutlichen Worten: «Ich kam nicht mehr auf gegen diesen politischen, finanziellen, wirtschaftlichen, technokratischen, kapitalistischen Bulldozer.» Das Quorum sowie das ebenfalls anwesende Personal quittierte seinen und Capbers erzwungenen Rücktritt mit lange anhaltendem stehendem Applaus.

Jacques Rumpler tritt ein schweres Amt an

Hierauf übernahm das Mitglied des Vereinsvorstandes, Jacques Rumpler, interimistisch die Leitung der vorerst «kopflosen» Versammlung. (Der Krankenkassen-Verwalter Rumpler wurde dann anschliessend definitiv vom Vorstand als Nachfolger von Präsident Capber gewählt.) Ihm blieb allerdings nur die Moderation der vielen substanziellen, harten und darum eindrücklichen Voten.

Als einer der ersten bedeutenden Voten meldete sich Michel Weber, ein Wirtschaftsmann aus Sennheim und freiwilliger Mitarbeiter des Ecomusée d‘Alsace. Unter dem im Elsass immer noch höchst kritischen Titel «J‘accuse», mit dem sich Emile Zola schon für den intrigant angeklagten Elsässer Offizier Dreyfuss einsetzte, rekapitulierte er wie ein Ankläger am Jüngsten Gericht den Verlauf der Geschichte des Ecomusée d‘Alsace von seiner Gründung bis zur Zuspitzung im tragisch endenden Konflikt unter der Ägide der Generalrats- und Regionalrats-Präsidenten Büttner und Zeller.

webjournal.ch wird diese Anklagerede ebenfalls zum runterladen hier anbieten, sobald Michel Weber sie ins Reine geschrieben hat. Sie entspricht im übrigen dem Kommentar von J.-P. Lienhard, «Das Ecomusée wird geköpft» vom 31.8.2006 (deutsch) und vom 3.9.2006 (französisch), in der Rubrik «J.-P. Lienhards Lupe» hier auf webjournal.ch

Anwesende Generalräte stehen gemäss ihrer eigenen Aussage der «Opposition» nahe, sollen also in den Debatten um das Ecomusée in der Minderheit gewesen sein, doch gerade diese Entschuldigungen kamen beim Personal schlecht an, das immer wieder diese Excusen mit Buhrufen quittierte. Oppositons-Politiker waren übrigens an der Personal-Demonstration im Dezember 2005 vor dem Parlamentsgebäude in Colmar auch keine auszumachen. Diese «Opponenten» hätten sich damals doch wenigstens zeigen dürfen, auch, und gerade weil sie «überstimmt» worden waren…

Die schweigende Minderheit…

Da sagte zum Beispiel der Generalrat des Kantons Saint-Amarin, François Tacquard, dass die Gewählten ja erst letzte Woche vom Absetzungsplan Kenntnis bekamen und ihnen daher keine Zeit mehr blieb, zu intervenieren. Dabei raunte es unter dem Personal: Wie informieren sich denn diese Volksvertreter und wo sind sie denn zu Hause - auf dem Mond?

Es mag jeder der Generalräte, die «bedauerten», die Verantwortung für das Debakel mittragen müssen, aber die Frage stellt sich gleichwohl: Ging es bei diesen Abläufen mit ihren kurzfristig verlautbarten «Plänen» aus der Exekutive nicht auch um eine demokratische «Überdehnung», um eine Ausreizung der gerade noch erlaubten Spielräume zwischen legal und illegal? Mit anderen Worten: Um eine konzertierte Kampagne, um ein unsauberes demokratisches Verhalten und um politisch-wirtschaftliche Intrige?

Immerhin gaben etliche Votanten ihrer Auffassung zum Ausdruck, dass es in diese Richtung geht. Zumal in Zusammenhang mit dem Debakel um das unselige Bioscope, das offenbar auf Kosten des Ecomusée d‘Alsace durchgefüttert werden solle. So weit dringt die langsam erwachende öffentliche Meinung schon durch. Nur: In den elsässischen Medien fand sie noch nicht die entsprechende Würdigung.

So weit die GV, in deren Anschluss dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit der zwölfköpfige Vorstand zum neuen Präsidenten des Vereins Ecomusée Jacques Rumpler als Nachfolger Capbers gewählt worden war.

Grodwohl musste gegen sich selbst handeln!

Diese Wahl wurde notwendig, denn noch ist das Schicksal des Ecomusée d‘Alsace offiziell nicht ganz besiegelt. Die von Marc Grodwohl im März 2006 beantragte Unterstellung unter gerichtliche Verwaltung hatte auch das Ziel, einen drohenden Konkurs abzuwenden. Dafür musste der Beweis der künftigen Finanzierbarkeit erbracht werden.

Der Verständlichkeit halber sei erklärt: Bei einem Konkurs würde das Ecomusée d‘Alsace gemäss Statuten automatisch vom Vereinsbesitz in den Besitz des oberelsässischen Generalrates gelangen. (Das ist ja auch die verdeckte Strategie der Bioscope-Stahlhelm-Fraktion - um das Ecomusée mit dem erfolglosen Bioscope verheiraten zu können.)

Das Handelsgericht legte den 12. September 2006 als Termin fest, um die Situation weiter zu prüfen. Am 29. August 2006 platzte dann Generalratspräsident Büttner in den Vorstand des Ecomusée d‘Alsace mit der Bedingung der Entlassung von Grodwohl und Capber sowie von 50 Mitarbeitern, ansonsten bleibe nur der Konkurs. Grodwohl und Capber mussten diese Erpressung hinnehmen, wollten sie nicht die Schuld der vollständigen Liquidation auf sich nehmen, zumal der Generalratspräsident noch ziemlich vage doch noch eine befristete Subvention und einen Sozialplan in Aussicht stellte.

Galgenfrist bis 26. Oktober 2004

Das Handelsgericht wollte diesem Plan jedoch nicht zustimmen - unter anderem, weil der Generalratspräsident keine Namen der künftigen Verantwortlichen nannte - sprich: nennen wollte. Denn das pfeifen alle Störche im Elsass schon lange von den Dächern: Die Verwaltung sollte in die Hände der Bioscope-Gesellschaften (Grévin/Les Alpes) übergehen, womit die von Departement und Region verlochten 30 Millionen Euro in den Bioscope-Plastik reingewaschen werden könnten.

Das Gericht setzt einen neuen Termin per 26. Oktober 2004, damit Büttner die entsprechenden Informationen nachliefere. Dies hat zwar die Köpfe von Grodwohl und Capber nicht mehr retten können, gibt dem Ecomusée jedoch einen kleinen Aufschub, den Betrieb für das Publikum und mit den bisherigen Angestellten so weiterführen zu können, wie bisher. Indessen: das Ecomusée d‘Alsace wird erst recht abhängig vom Generalrat, weil es selbst mit reduziertem Personal nicht ohne ein Minimum an Subventionen auskommen kann - es sei denn, die Bioscope-Investoren nehmen es unter ihre Verwaltung…

Eine andere - wenngleich eher theoretische - Chance bietet dieser Aufschub: Die Gründung einer Dreiländer-Aufsichtskommission, die gewissermassen eine Dachträgerschaft bildet, die die Mittel für Betrieb und Unterhalt sowie Investitionen beschafft und verwaltet. Aber auch da müsste das Departement und der Regionalrat einwilligen. Wenn's um die Ablösung zugunsten des Bioscope geht, werden diese Kräfte in den Parlamenten jedoch kaum Hand zu einem Gemeinschaftswerk der Dreiländerregion bieten - so wichtig, so einzigartig, so notwendig eine solche Institution auch sein mag…




Der vom Vorstand gewählte Nachfolger von Marc Grodwohl, Jacques Rumpler, Directeur du Centre de Santé Mutuel Française Alsace.


Die Beerdigung des Ecomusée d'Alsace von Marc Grodwohl: Der «Schwarze Mittwoch», 13. September 2006:




Statt muntere Landesflaggen des Dreiländerecks und Europas, flattern Trauerfahnen am Eingang vor dem elsässischen Freilichtmuseum.




Die Trauergäste: Handwerker und Animations-Personal, wovon jeder Zweite entlassen werden soll - geht es nach dem Generalratspräsidenten Büttner - warten auf den Beginn der Trauerzeremonie.




Der Trauermarsch auf dem Weg zum Museums-Friedhof. Auf der Kutsche die «trauernde Witwe»: Der Geist des Ecomusée von der Handschrift von Marc Grodwohl.




François Kiesler, Biologe des Ecomusée, mit dem daumenlutschenden Joël auf dem Arm. Wird sich Joël dereinst einmal erinnern können, dass er an der Beerdigung eines elsässischen Traumes teilnahm? Hinter den beiden sieht man den 12jährigen Dylan, Ochsenführer-Lehrbub. Ihm haben die Politiker vorbildlich vor Augen geführt, was eine «Ochsentour» ist…




Der Hängemann hat einen Namen: Marc Grodwohl, Gründer des Ecomusée d'Alsace.




Bittere Mine, trotzige Geste: Büttner glaubt wohl, die Rechnung ohne Marc Grodwohl und andere kluge Köpfe im Elsass machen zu können.




Ein wahr gewordener Traum wird beerdigt: Ein Teil der Zivilisationsgeschichte am Oberrhein, ein Werk mit Seele!


---------------TEIL-AKTUALISIERUNG I-----------------

Teil-Aktualisierung vom 19.9.2006, 14.21 Uhr:

Wie erwähnt können Sie Original-Dokumente zur aktuellen Situation des Ecomusée d'Alsace nun mit untenstehenden Links herunterladen.

Es handelt sich dabei um:

1. Eine Zusammenstellung von Zahlen und Ziffern zur Situation des Ecomusée d'Alsace aus Bilanz und Gutachten (offiziell).
2. (im selben Dokument angehängt): Der Bericht und Absichtserklärung des oberelsässischen Generalratspräsidenten Charles Büttner (Exekutive) vom 8. September 2006 zuhanden der Legislative (Generalräte/Parlament) zur Zukunft des Ecomusée.

Die obgenannten Dokumente stehen in einem einzigen Dokument im Format PDF zum Download bereit (zirka 1,6 Megabyte schwer), wobei Sie zwischen zwei Formaten wählen können:
1. Alle Seiten im fortlaufenden Format A4 (einzelne Seiten ohne Widerdruck)
2. Print-Job im Format A5, womit Sie eine Broschüre (recto-verso) im Broschürenformat A5 herstellen können (bedingt manuellen oder automatischen Duplex-Druck).

Die im obigen Artikel erwähnte «Anklageschrift» von Michel Weber, Sennheim, ist noch nicht in Reinschrift abgetippt verfügbar - dies wird Ihnen ebenfalls im Übertitel dieses Artikels als Neu-Aktualisierung II mitgeteilt. Sie müssen daher in den nächsten Tagen öfters diesen Artikel hier aufrufen, wenn Sie diese Schrift nicht verpassen wollen.

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Lesen Sie auch: «Das Ecomusée wird geköpft»

• Ecomusée-Dokumente (franz.) PDF A4

• Print-Job Ecomusée-Dokumente A5 (franz. pdf)

• Die Hintergünde des Ecomusée-Debakels


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