Artikel vom 02.11.2007

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Elsass - Kultur

Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2007

Eine Idee pro Minute

Strassburg schenkte sich ein Kleinod, das ein grosses Werk zeigt: Die Sammlung Tomi Ungerer

Von Juerg-Peter Lienhard



Der weltberühmte Elsässer beim «Durchschneiden» des Einweihungs-Bandes für «sein» Museum in Strassburg. Im Hintergrund: Fabienne Keller, «Maire de Strasbourg».


Wie entschärft man einen Moralisten? Indem man ihm ein Museum baut! Strassburg hat seinem grossen Sohn ein Museum gewidmet - zu Lebzeiten. Am Freitag, 2. November 2007, öffnet das «Musée Tomi Ungerer - Centre International de l‘Illustration» erstmals seine Pforten für das breite Publikum.



Das Museum in der Villa Greiner vom Quai der Ill aus fotografiert.

Strassburg hat jetzt ein Kleinod, das eine Reise wert ist. Ein Kleinod von Weltgeltung! Und es ist erst noch so untergebracht, wie man es sich nicht besser ausdenken konnte: In der repräsentablen Villa Greiner am Kaiserplatz, wie die Place de la République heute heisst, und eben in der deutschen Kaiserzeit nach dem Siebziger Krieg erbaut, so wie damals Villen von Industriellen oder staatlichen Repräsentanten gebaut worden waren.

Der Kaiserplatz mit dem Kaiserpalast, wo jetzt Computer irgendwelcher Verwaltungen surren, mit der Nationalbibliothek und dem Nationaltheater sowie der Avenue de la Marseillaise, wo in der Nummer 2 das «Musée Tomi Ungerer» in der Villa Greiner untergebracht ist - das ist der Platz, der den unweit gelegenen noblen und geschichtsträchtigen Broglie-Platz aus königlicher Zeit in den Schatten stellt. So wie am Ende der Avenue de la Marseillaise auch schon die modernen Grossbauten des europäischen Parlamentes sichtbar werden, die grad nochmals doppelt so mächtig sind und beinahe auch den Kaiserplatz zu beschatten vermögen.

Und genau in diesem Fadenkreuz der vergangenen und der gegenwärtigen Mächte, die Strassburg ihren Stempel aufdrücken, haben die heutigen Verantwortlichen der Stadt beschlossen, das «Internationale Zentrum der Illustration» einzurichten, das «Musée Tomi Ungerer». Als wollten sie einen Stachel in den Speck, ein rotes Lämplein in das grelle Lichtermeer oder tout simplement einen Spiegel hinpflanzen: «Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der grösste Narr auf der ganzen Welt?»




Die «Narreteien» der Mächtigen und weniger Mächtigen sind denn auch immerwiederkehrende Themen in Tomi Ungerers Illustrationen, Karikaturen und Cartoons. Sie springen häufig so verquer und so direkt ins Auge, dass kein Kommentar, kein noch so kluger oder anklägerischer Text nötig ist, um selbst den ganz Eitlen unter den Mächtigen zu verstehen zu geben, dass es sich um ihr eigenes Spiegelbild handelt.

In ganz Strassburg gibt es keine einzige ernstzunehmende Kunstgalerie mehr. Eine Entwicklung, die selbst mit dem «Musée Tomi Ungerer» nicht gut zu machen ist. Auch «Illustration», also erleuchten, erklären, preisen, was die lateinische Grundform «illustrare» meint und Zeichnen impliziert, verliert in der bildenden Kunst mehr und mehr an Interesse und damit an Wert. Dabei ist Zeichnen die Grundlage jeglicher künstlerischer Tätigkeit, weshalb der Untertitel des «Musée Tomi Ungerer» auch eine Botschaft bedeutet - nicht nur für die Strassburger Kultur, sondern für die ganze Kunstwelt: «Centre International de l‘Illustration», «Internationales Zentrum der Zeichnung».




Ausgerechnet Strassburg hat jetzt die Initiative ergriffen, der Zeichnung in der Kunstwelt ein Schaufenster zu bieten. Ein Schaufenster, das zudem von einem Zeichner von Weltgeltung bestückt wird und erst noch von einem Sohn dieser Stadt - oder sagen wir es präziser: von einem Elsässer, den der «Kulturminister» der Stadt als «l‘Alsacien le plus Alsacien» bezeichnet. Auch wenn dieser «elsässischste unter den Elsässern» seine Ansprache an der Vernissage mit der handverlesenen Prominenz am Freitag, 26. Oktober 2007, im royalistischen Hôtel de Ville von A bis Z in französischer Sprache hielt!

Man stelle sich das einmal für Basel vor: Basel als Stadt eines der berühmtesten Kunstmuseen der Welt mit einzigartigen Werken von Holbein über Picasso und Beuys, dem Museum für Gegenwartskunst mit seinen klassisch gewordenen «Zeitgenossen», dem Beyeler-Museum in Riehen mit seinen grossartigen Klassikern der «Moderne» - welchem Sohn könnte diese Stadt ein eigenes Museum widmen? Nein, nicht Jean Tinguely, der ist eh ein Fribourger, und das Museum gleichen Namens hat nicht die Stadt, sondern die Firma F. Hommann-La-Roche AG gestiftet, deren Reichtum erst noch - nimmt man es genau - indirekt dem Elsass und seiner Mülhauser Textilindustrie zu verdanken ist!




Wie war das doch 1992, als sich Basel als «Kulturhauptstadt Europas» bewerben wollte und im gleichen Atemzug zwei Museen zusperren liess: Das eine, weil es zu anspruchsvoll schien, das andere es sowieso war…

Aber zurück zur Frage, wer denn in Basel ein Museum verdiente. Zu Lebzeiten! Wen haben wir denn hier in Basel, der quicklebendig lebt, den man auf den Piedestal stellen müsste, um ihn «ruhigzustellen» und um ihn zu «entschärfen»? Basel hat schon lange keinen einzigen selbsternannten Moralisten noch Künstler und erst recht keinen einzigen Täter mehr vorzuweisen, der kreative Unruhe in die Welt zu bringen vermag, der klar und kompromisslos, aber mit Können und mit Arbeit, was in einem noch so locker hingeworfenen Strich ja allemal steckt, Irritation und Nachdenken erzeugen kann. Plakativ!




Ja, «plakativ», das ist es, was «Künstler» ohne Talent und «Kritiker» ohne Geist, einem Zeichner vom Format Ungerers vorzuwerfen vermögen, sich anmassen anzumassen! Mathis Gothart-Nithart, genannt Matthias Grünewald, der «Plakatmaler» des 15. Jahrhunderts, konnte das als einer der ersten und vielleicht bis heute als einer der wenigen - Tomi Ungerer ausgenommen.

«Plakativ» eine Geschichte «erzählen», also zeichnend illustrieren, so wenige Worte brauchen, dass die Geschichte von selbst zu «reden» beginnt - weil sie auf die Phantasie, auf das Mitgefühl und auf das Vorstellungsvermögen der Betrachter abzielt. Weil sie den Zuhörer respektive den Zuschauer als Vollwertigen, als seelisch empfänglichen Menschen nimmt!




Die Renaissance, die Zeit, aus der Grünewald entstammt, war die Zeit des Aufwachens der abendländischen Zivilisation aus dem Tiefschlaf des dunklen Mittelalters mit seiner Verleugnung von Wissen und Kunst. Und wieder gibt es heutzutage Anzeichen dafür, dass das Gesetz der Zyklen uns eine neue Abenddämmerung anzeigt: Die globalisierte Welt lässt durchschimmern, dass die Menschenrechte und das Recht auf ein anständiges Erdendasein eben kein Naturgesetz, sondern Errungenschaften der abendländischen Zivlilisation sind. Und wie der Begriff «Errungen-schaft» andeutet, buchstäblich errungen, wenn nicht gar erkämpft werden muss - immer wieder von neuem.

Weil sich Geschichte wiederholt - natürlich nicht buchstäblich -, braucht es immer wieder den Blick zurück, um Rückschlüsse auf die Gegenwart zu schliessen. In die Zukunft können wir sowieso nicht sehen. Es kommt deshalb solchen Künstlern wie Tomi Ungerer die verdammt wichtige Aufgabe zu, dass sie die «Vergangenheit» in die Gegenwart übersetzen, mit dem Zeichenstift «plakativ» deutlich machen, welcher Charakter zum Machtmissbrauch neigt - eben nicht personalisiert und auch nicht in der Fratze eines längst vergangenen «Kaisers Sowieso» oder eines «Louis Toutedesuite». Sondern im Spiegelgesicht des Betrachters.




Hinter der Botschaft, hinter den Gedanken und Ideen eines Künstlers steckt aber immer auch die Persönlichkeit, sein Leben, seine Träume und seine Erinnerungen. Das «Musée Tomi Ungerer» zeigt darum nicht nur den ätzend kritischen Ungerer, sondern auch seine wundervolle Phantasiewelt, die er in Kinderbüchern, Illustrationen von Klassikern der Jugendliteratur oder in seiner Sammlung von Spielsachen umgesetzt hat und die ihn sowieso noch berühmter als seine skandalträchtigen erotischen Zeichnungen gemacht haben.

So hat er «seinem» Museum einige tausend Zeichnungen - man schätzt etwa 8000 - sowie Kinderspielzeug, Plastiken und Filme und Bücher geschenkt, was der Konservatorin Thérèse Willer über Jahre hinweg erlaubt, mit thematischen Wechselausstellungen dafür zu sorgen, dass das Interesse an Illustrationen Tomi Ungerers und am Zeichnen wach bleiben wird.




Die Menge der Werke, deren Gesamtzahl selbst Ungerer nicht kennt, weil sie weltweit verstreut sind, illustriert am besten, was der Präsident des Agglomerationsverbandes Strassburg, Robert Grossmann, bei der Planung und Realisierung des Museums als Erfahrung gemacht hat: Ungerer sei ein Mensch, ein Künstler, der jeweils im Minutentakt eine Idee gebiert…

Ungerer ist aber auch Europäer, Weltbürger, Brückenbauer zwischen Deutscher und französischer Kultur, Einzelkämpfer zwar, aber immerhin derart erfolgreich, dass er unbestritten einer der wichtigsten Zeichner und Illustratoren der Gegenwart ist. Allerdings - Ironie der Geschichte -: In Deutschland ist er weit berühmter als er in Frankreich bekannt ist. In Frankreich wird er vor allem in seiner elsässischen Heimat gefeiert, und auch da am meisten bei den Leuten, die (noch) Elsässisch oder Deutsch verstehen…




Um Ungerers Zeichnungen und Illustrationen zu verstehen, zu begreifen, braucht man als Deutscher weder Französisch und als Franzose weder Deutsch zu verstehen, geschweige denn Englisch oder Iranisch. Im Museum sind denn kaum Beschriftungen angebracht, und wenn, dann nur zur Orientierung im Haus - dies dann aber dreisprachig.




Nützliche Informationen



Das Publikum kann nicht schnurstracks den Eingang betreten, sondern muss ihn über eine lange Rampe in Schlangenlinie erreichen. Ein witziges Detail und eine der Abertausenden von Ideen Tomis.



Öffnungszeiten:

Montag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag 12-18 Uhr
Dienstag geschlossen!

Samstag und Sonntag 10-18 Uhr

Feiertagsschliessungen:

1. Januar, Karfreitag, 1. Mai, 1. November, 11. November, 25. Dezember


Adresse:

Musée Tomi Ungerer
Centre International de l'Illustration
2, avenue de la Marseillaise
F-67000 Strasbourg


URL: siehe Direktlink unten
eMail: audrey.zehner@cus-strasbourg.net
Tel.
Fax

Anfahrt

Am besten fährt man mit dem Zug nach Strassburg und nimmt vom Bahnhof aus die Tram, denn der Strassenverkehr in der Stadt ist sehr eingeschränkt. Vom Bahnhof fährt die Linie «B», Station «Place de la République» («Kaiserplatz»).

Profitieren Sie am Wochenende vom Ter-Generalabonnement für 13.50 €uro, womit Sie unbeschränkt auf dem ganzen elsässischen SNCF-Netz reisen können. Zum Vergleich: Die einfache Fahrt wochentags nach Strassburg kostet mit Reduktion ab 14.50 €uro! Das Wochenend-Abo können Sie in Basel auch am Automaten am Elsässer-Bahnhof beziehen (Achtung Internauten: Die Terminusstation Basel/Bâle SNCF heisst nun nur noch Basel SBB; die Perrons Gleis 30-36).






Die «Augenbrille» ist das «Logo» der Eröffnungs-Ausstellung - Tomi begrüsste damit seine Vernissagen-Gäste. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2007




Das ganze Haus ist innen komplett in Weiss gehalten: Decken, Wände, die Treppenhäuser und sogar der Fussboden.
















Nach der Besichtigung des eingeweihten Museums die Vernissage im «Hôtel de Ville», wo Fabienne Keller, die Bürgermeisterin von Strassburg, eine Ansprache hält, die ihr F. Miclo geschrieben hat. Rechts im Bild Robert Grossmann, der wesentliche Förderer der Idee des «Musée Tomi Ungerer».




Auch Tomi hatte an der Vernissage für geladene Gäste eine Ansprache gehalten, eine Dankesrede. Geduldig wartet seine Frau Yvonne auf dem Sofa, bis er drankommt.





Über den Autor dieses Berichts:


Jürg-Peter Lienhard (die Elsässer schreiben ihn mit unerschütterlicher Hartnäckigkeit immer mit «dt», dabei ist er gar nicht katholisch!) ist Initiant und Gründer des «Vereins Elsass-Freunde Basel - L'Association Les Amis de l'Alsace Bâle», den er 1984 zur Unterstützung von Marc Grodwohl für die Eröffnung des Ecomusée d'Alsace ins Leben gerufen hat. jpl ist seit Kindsbeinen mit dem Elsass vertraut, ist er doch von einer Strassburger Akademikerin in Basel erzogen und in Französisch unterrichtet worden. jpl arbeitete bis 2006, als die elsässische Politik Marc Grodwohl dessen Museum gestohlen hatte, für den Gründer des Ecomusée d'Alsace und betrieb die deutschsprachige Internetseite www.eco-museum.ch. jpl hat drei Theaterstücke mit elsässischen Themen im Theater Basel produziert und für das Ecomusée d'Alsace viele Ausstellungen gestaltet und Aktionen in der Schweiz und Deutschland produziert. jpl hat mit den heimlich aus der privaten Sammlung der Gebrüder Schlumpf geschossenen Fotos wesentlich dazu beigetragen, dass die Affäre ins Rollen geriet und die Sammlung dem Elsass erhalten blieb. jpl gründete 2011 den Verein RegioKultur Basiliensis und schrieb und organisierte am 31. Oktober 2012 im Stadt-Casino Basel ein klassisches Multimedia-Konzert mit elsässischen Solisten unter Leitung der elsässischen Dirigentin Valérie Seiler, die basel sinfonietta dirigierte (siehe: www.regiokultur.ch). jpls journalistisches Spezialgebiet ist das Elsass schlechthin..

Von Juerg-Peter Lienhard

Fr weitere Informationen klicken Sie hier:

• Rede von Fabienne Keller, Bürgermeisterin, im Format PDF

• Mehr auf der Homepage des Musée Tomi Ungerer (französisch)

• Das Presse-Dossier (französisch)

• Mehr von J.-P. Lienhard über Tomi Ungerer


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