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Artikel vom 13.12.2005

Elsass - Kultur

Ecomusée d‘Alsace: SOS!

Das elsässische Freilichtmuseum fühlt sich von der Politik verraten und will nun, kurz vor dem finanziellen Kollaps, mit einer Demonstration in Colmar seine anerkannt wirtschaftliche Rolle wahrgenommen haben

Von Jürg-Peter Lienhard



Das schönste Dorf Europas in Gefahr: Blick vom wiederaufgebauten Mülhauser Wohnturm auf die «Sundgaugasse» - im Hintergrund Abraumhalden und Fabrikationsgebäude der Kalimine «Rodolphe». Foto: J.-P. Lienhard, Basel @ 2005.



UNGERSHEIM (ELSASS).- Das ist wahrlich kein Weihnachtsgeschenk für alle Freunde der elsässischen Kultur, für alle Liebhaber des Ecomusée d‘Alsace: In einem dramatischen Aufruf «Dernière Minute» (letzte Minute) tritt der Gründer des elsässischen Freilichtmuseums, Marc Grodwohl, an die Öffentlichkeit, weil er die Zukunft des grandiosen Werkes durch politische Ranküne gefährdet sieht. Mit einer Demonstration am Freitag, 16. Dezember 2005, 15 Uhr, vor dem oberelsässischen Parlament in Colmar, will er die Politiker zur Verantwortung mahnen.

Der SOS-Aufruf an die Medien und an die Bevölkerung im Elsass erging am Dienstag, 13. Dezember 2005, per Mail: Das Ecomusée d‘Alsace, seine Mitarbeiter, seine Freiwilligen, seine Freunde und ihm Wohlgesinnte, wollen an einer mächtigen Demonstration vor dem «Hôtel du Département» in Colmar, dem Sitz des oberelsässischen Parlamentes, des «Conseil Général du Haut-Rhin», am Freitag, 16. Dezember 2005, um 15 Uhr, ihre Besorgnis um den Fortbestand des nun 21-jährigen Ecomusée d‘Alsace sowie der über 150 Arbeitsplätze kundtun.

Das sind die Fakten: Das Ecomusée d‘Alsace hat für das kulturelle und wirtschaftliche - vor allem wirtschaftliche - Leben im Elsass Bedeutendes geleistet: Es hat in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld 150 Stellen geschaffen; seine kulturelle Ausstrahlung hat nicht nur der Tourismusbranche im Elsass zugeschaufelt, sondern auch zu den Kontakten beigetragen, wodurch Niederlassungen von 17 japanischen Firmen, darunter Weltkonzernen, ins Elsass geholt werden konnten.

30 Mio. Euro für ein umstrittenes Projekt

Diese wirtschaftlichen und kulturellen Verdienste werden von der gegenwärtig im Oberelsass herrschenden Politik schnöde vernachlässigt: Sie favorisiert in unmittelbarer Nachbarschaft des Ecomusée d‘Alsace ein höchst umstrittenes Projekt eines technischen Vergnügungsparks - dem «Bioscope» - der im Juni 2006 eröffnet werden soll.

Das «Bioscope» scheint der elsässischen Politik eher geeignet, Aufmerksamkeit für künftige Investoren auf sich zu ziehen, als das «Museums-Dorf», als das das Ecomusée d‘Alsace abwertend betrachtet wird.

Während jedoch das Ecomusée d‘Alsace seit Jahrzehnten - es eröffnete 1984 damals noch als winziges Freilichtmuseum - den Grossteil seines Finanzbedarfs aus eigenen Kräften mittels Selbstfinanzierung durch Eintritte, Dienstleistungen und Gastronomie erbrachte, pumpen die politischen Autoritäten unglaubliche öffentliche Summen (30 Mio. Euro) in das mehrmals überholte «Bioscope»-Projekt. Nicht etwa in Infrastruktur, wie Zufahrt und Energie, sondern in den «inneren» Aufbau des technischen Vergnügungsparks.

Das Ecomusée d‘Alsace hat in verschiedenen und seit längerem andauernden Demarchen um die Verbesserung seiner Zufahrt und der Infrastruktur nachgesucht, ist jedoch stets auf taube Ohren gestossen und musste diese Kosten aus seinen anstrengend erwirtschafteten Mitteln selber bestreiten. Was natürlich die Substanz für eigene Investitionen und Projekte erheblich schmälerte.

Erstmals öffentlicher Demo-Aufruf

Nun ist für den genialen Gründer des Ecomusée d‘Alsace, Marc Grodwohl, «genug Heu drunter»: In seinem dramatischen Aufruf «SOS Ecomusée d‘Alsace» tritt er jetzt an die Öffentlichkeit und klagt die Behörden im Elsass an, das wirtschaftliche und kulturelle Vorzeigewerk auszuhungern. Indem einem höchst umstrittenen Projekt der Vorzug gegeben wird, während das Ecomusée d‘Alsace im Schnitt über 300‘000 Besucher jährlich aus aller Herren Ländern anzieht und je nach Saison über 150 bezahlte Arbeitsplätze bietet und nochmals so viele Freiwillige in Teilzeit für die Animationen beschäftigt.

Auch sozial kommt dem Ecomusée d‘Alsace eine Vorreiterrolle zu: Es hat als erste Institution im Elsass Häftlinge auf Bewährung, Arbeitslose und Behinderte begleitend beschäftigt, wofür es zwar ensprechend entschädigt wurde, jedoch gleichwohl dafür ein grosses ideelles und personelles Engegagement eingehen musste. Auch bildungsmässig bedeutend ist seine Existenz, denn nicht nur besuchen es fast alle Schulen im Elsass und darüberhinaus auch viele aus ganz Frankreich, Deutschland und der Schweiz, sondern es ist auch projektorientiertes Ziel von tage- und wochenweise abgehaltenen Schulkolonien.

Erfolg als Vorwurf

Das Problem Grodwohls und seiner Equipe ist indessen - fast könnte man sagen «hausgemacht» -: Es ist der Erfolg, der langjährige Erfolg, das stete Anwachsen, die «Gewöhnung» an die erfolgreiche Institution und die immer wieder bemerkenswerte Überlebensfähigkeit.

Das wird «öffentlich» nicht mehr zur Kenntnis genommen, wie auch nicht zur Kenntnis genommen wird, dass viele Institutionen, Initiativen und Projekte in Wirtschaft, Tourismus und Kultur ihren Anfang im Ecomusée d‘Alsace genommen haben und es das Ecomusée d‘Alsace geschafft hat, seinen Unterhalt und seine Projekte selber zu finanzieren.

Indessen: Das inzwischen aus seinen kleinen Anfängen von 1984 zu einem eigentlichenen «Unternehmen» mutierte Freilichtmuseum stösst wegen seines Wachstums und seiner Grösse an die Grenzen der Selbstfinanzierung, die es nicht mehr erlaubt, die nötige Infrastruktur zu unterhalten.

Das Werk Ecomusée d‘Alsace ist in jeder Beziehung eine der erstaunlichsten Unternehmung der Gegenwart, die das an Industrie- und Innovations-Geschichte so reiche Elsass hervorgebracht hat: Seine Anfänge gehen auf reine Freiwilligen-Arbeit zurück - initiiert durch die Initiative eines einzelnen Unternehmers, des Gründers Marc Grodwohl.

Frühreifer Intellektueller

Grodwohl war erst 17 Jahre alt, als er in Biederthal im Hause des Basler Professors Michel Fernex und Gatte der grünen Europa-Abgeordneten Solange Fernex, seine Idee eines Museums für das Elsass entwarf. Es war in den siebziger Jahren, als der wirtschaftliche Aufbruch nach den Nachkriegsjahren das «Gesicht» der elsässischen Dörfer, der Reichtum an historischer Bausubstanz, sprich des touristischen Kapitals, zu zerstören begann.

Die neue, geschichtsinteressierte Generation von Studenten und Heimatbewussten vor allem aus «linken» Kreisen begannen unter Führung des jungen Marc Grodwohl in reiner Fronarbeit in den Semesterferien einzelne historisch wertvolle Gebäude wiederherzustellen, mit der Absicht, das «Bewusstsein» der elsässischen Öffentlichkeit für ihr kulturelles Kapital zu wecken. Eine Absicht, die wenig Früchte trug, da in dieser Zeit jährlich Hunderte von historischen Häusern, Fachwerk-Bauernhäuser zumal, abgerissen und zu Brennholz zerhackt wurden.

Ballenberg als Vorbild, aber nicht als «Kopie»

Durch Kontakt mit dem Initianten des schweizerischen Freilichtmuseums auf Ballenberg bei Brienz, Max Gschwend, erkannte Marc Grodwohl die Aussichtslosigkeit des Einsatzes in den Dörfern: Ein renoviertes einzelnes Haus konnte man nicht als Beispiel «mitnehmen»; der «Aha-Effekt» bei der Bevölkerung und Entscheidungsträgern blieb daher beschränkt.

Weil elsässische Häuser aufgrund des während Jahrhunderten im Elsass herrschenden «germanischen Rechts», das einen Unterschied zwischen Haus- und Grundbesitz machte, stets im vorfabrizierten und demontierbaren Fachwerk erstellt sind, lag die Idee nahe, wenigstens ein paar typische und besondere Beispiele an einem geschützten Ort, in einem Freilichtmuseum wieder aufzubauen.

Es vergingen Jahre nach der Suche eines solchen Standortes, unter anderem hatte Grodwohl Rosenau bei Basel im Visier, doch dessen damaliger Maire wollte das Gelände in der Au als Landreserve für die in der Basler Chemie handlangernden Elsässer behalten. Doch diese blieben aus, und der Maire weinte echt in einem späteren Interview wegen der verpassten Chance…

Es war schliesslich der Maire von Ungersheim, Gilbert Fricker, Sozialist und europäischer Unternehmer, der Marc Grodwohl und seiner jungen Equipe Anfang der 80er-Jahre ein brachliegendes Industriegelände der Kalimine Rodolphe zur Verfügung stellte.

Dort begannen die jungen Leute um Grodwohl Haus um Haus wieder aufzubauen - alles in Gratis- oder Fronarbeit - bis 1984 schliesslich 19 Häuser das künftige Museums-Dorf andeuteten und vom damaligen Kulturminister Frankreichs, Jack Lang, mit eingeweiht wurde.

Grodwohl und seinen Wackeren gelang es zudem, den damaligen Präsidenten des oberelsässischen Generalrats, der Viehdoktor und Senator Henri Goetschy, für das Projekt zu gewinnen. So lange Goetschy Präsident des Generalrates und einflussreicher Politiker in Paris war, konnte das Ecomusée d'Alsace seine Prosperität erweitern. Es war die Zeit, als der oberelsässische Generalrat und die Region Elsass sowie der Gemeindeverband Mülhausen viele Projekte und Infrastrukturaufgaben mitfinanzierten oder zumindes ermöglichten.

Freiwillige waren die Aufbau-Pioniere

Zurzeit umfasst der Museums-Komplex über 80 historische Gebäude, Fachwerke zumal - mit Ausnahme des mittelalterlichen steinernen Wohnturmes aus Mülhausen. Die davorliegenden mächtigen Gebäude der 1975 stillgelegten Kalimine «Rodolphe» wurde im Jahr 2004 begehbar gemacht und zu einem Museum der Geschichte des gloriosen elsässischen Kalibergbaus ausgestaltet (siehe Link am Schluss dieses Artikels). Die beiden Komplexe Museums-Dorf und Kalimine verbindet gar eine Eisenbahnlinie, die Besucher zwischen den beiden Abteilungen in historischen Waggons hin und her transportiert.

Mit der touristischen Erschliessung der Kalimine «Rodolphe» ist das Ecomusée d‘Alsace auf seinen 110 Hektaren zu einem eigentlichen Museumspark angewachsen, der einen geschichtlichen Bogen vom Mittelalter bis zur industriellen Neuzeit am Oberrhein zu zeigen vermag.

Zivilisationsgeschichtlich Zusammenhänge zeigen

Denn es sind nicht mehr allein Häuser, die hier «ausgestellt» sind, sondern es wird grossen Wert auf den Zusammenhang und Wandel in der Zivilisations-Entwicklung am Oberrhein gelegt. So beherbergt der Museumspark eine ganze Reihe alter Haustierrassen, zeigt die Entwicklung beim Anbau von Obst, Frucht und Gemüse in grossen Musterfeldern und ist Zentrum des staatlichen Wiederansiedlungs-Programms des elsässischen Wappentiers, des Storches, sowie der Bioforschung.

Inzwischen haben die Verhältnisse gekehrt; die nachrückende Politiker-Generation, die nicht mehr wie Goetschy elsässisch spricht, verkennt die Bedeutung des ideell ausgerichteten Ecomusée d'Alsace und gibt «moderneren» Projekten mit wenig echten Perspektiven den Vorzug: Das Ecomusée d'Alsace stört da irgendwie auf irgendeine Weise. Die junge Politik versucht es zu knebeln mit ständig neuen «Finanzierungsstudien», die jeweils hundertausende kosten, aber keine konkreten Folgen zeitigen. Verlorenes Geld, das er für Investitionen in die «unsichtbare» Infrastruktur dringend brauchen könnte, wie Marc Grodwohl bitter erkennen musste. Seit 16 Monaten wartet er vergeblich auf schriftlich eingereichte Fragen - jetzt hat er genug und ruft zum «Warnstreik» nach Colmar.

Die Favorisierung des noch nicht eröffneten «Bioparcs» vor der Haustüre des Ecomusée d‘Alsace durch die gegenwärtige Politik diskreditiert daher die Riesenarbeit von Marc Grodwohl und seiner Equipe, stellt die 150 Arbeitsplätze in Gefahr und ist schlicht auch ein Affront gegenüber der elsässischen Bevölkerung.

Jeden Monat 150 Zahltagstäschli…

Um der elsässischen Politik die Verbundenheit der einheimischen Bevölkerung mit der «nationalen» Institution vor Augen zu führen, lud das Ecomusée d‘Alsace während dreier Wochen im Oktober 2005 zu «Tagen der Offenen Tür» für den symbolischen Eintritt von zwei Euros. Das bescherte dem Museumspark eine unerwartete Explosion von 105‘000 zusätzlichen Besuchern, wovon 37‘500 die an den Generalrat gerichtete Petition für die Unterstützung des Ecomusée d‘Alsace unterzeichneten.

Diese Petition wollen nun die Angestellten, Freiwilligen und Freunde des Ecomusée d‘Alsace am Freitag, 16. Dezember 2005, um 15 Uhr, in einer wohl mächtigen Demonstration vor dem Parlamentsgebäude in Colmar dem Oberelsässischen Generalrat vorlegen.

Von Jürg-Peter Lienhard

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