Druckversion von "Die Verabschiedung Kutters" auf webjournal.ch


Artikel vom 02.08.2005

Nachruf III

Die Verabschiedung Kutters

Grosse Anteilnahme an der Trauerfeier in der St.-Leonhards-Kirche - nachdem die Beerdigung in engstem Familienkreis erfolgt war

Von Jürg-Peter Lienhard



Abdankungsfeier für Markus Kutter in der vollbesetzten Leonhardskirche. Fotos J.-P. Lienhard, Basel © 2005


BASEL. Die Leonhards-Kirche war am Dienstag, 2. August 2005, voll besetzt, als die Trauerfamilie von Markus Kutter um punkt 15 Uhr geschlossen eintrat und damit die Abdankungsfeier eröffnete.

Unter den Abdankungs-Gästen waren neben Regierungsrat Christoph Eymann auch alt Regierungsrat Hans-Martin Tschudi auszumachen sowie etliche frühere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus der Werbeagentur GGK, der Markus Kutter das «K» im Namen lieh. Auch die beiden «G» waren anwesend: Karl Gerstner und Paul Gredinger.

Münster-Pfarrer Franz Christ verlas nach Gebet und dem gemeinsam gesungenen Lied «Wer weiss, wie nah mir mein Ende» anstelle eines Lebenslaufes einen Brief Kutters an den Herausgeber einer Geschichts-Enzyklopädie, in dem Kutter auf die ihm besonders wichtigen Publikationen und Tätigkeiten hinwies. Der Brief endete mit dem Satz. «Dies alles scheint vielleicht nicht wichtig, für mich hingegen ist es wichtig.»

Damit traf Markus Kutter den Nerv seines Selbstverständnisses: Er war stets kompromisslos überzeugt von seinen Projekten und Ideen - viel mehr, als sie von der offiziellen Öffentlichkeit wahrgenommen werden wollten. Denn nur zu oft galt er als unbequemer Störenfried in eingefahrenen oder perspektivlosen gesellschaftlichen Unternehmen.

Mit Staunen nahm man von Karl Gerstner zur Kenntnis, dass Kutter, zusammen mit Lucius Burckhardt, bereits zu Beginn der «Hochkonjunktur» in den fünfziger Jahren die Verschandelung der alten Stadtstruktur durch das «rote Basel» geisselte: Die Zerstörung der Aeschenvorstadt, das Innenstadt-Projekt «Talentlastung» aus der Küche des alten Nazi und KZ-Architekten Kurt Leibbrand, sowie des Blumenrains mit seiner scheusslichen Polizei-Administration «Spiegelhof».

In einem persönlichen Gespräch in der von ihm so geliebten «Kunsthalle» Ende sechziger Jahre, motzte er bitter, «man müsste weit vor der Stadtgrenze einen hohen Turm bauen, wo man die Technokraten und Beamten Basels auslagern und die von ihnen besetzten alten Patrizierhäuser und -Wohnungen in der Altstadt mit Mietern wieder zum Leben zu erwecken». Immerhin hatte Kutter sein persönliches Büro an der Augustinergasse im früheren Münster-Pfarrhaus bezogen.

Die Rückblenden auf Kutters Schaffen von Karl Gerstner und Marc Steffen enthielten denn viele schmerzliche Elemente, indem sie aufzeigten, welche Chancen Basel verpasste (ja auch die Schweiz!) und wie selbstbetrügerisch doch der Slogan ist, dass «Basel anders tickt»! Ziemlich gut mag ich mich entsinnen, dass zuvorderst Neid und Kleingeist agierten, die selbst die Diskussion über viele seiner unkonventionellen Ideen verhinderten.

Auch wenn Kutter, wie er mir bei meiner Anfrage für das Präsidium der Elsass-Freunde entgegnete, er sei bei der tonangebenden Gesellschaft in Basel nicht beliebt, ja verhasst, trat er dann bei der «Daig»-Partei, den Liberaldemokraten bei. Allerdings zu einem Zeitpunkt, da die früher diese Partei dominierenden Inzestler längst abgekratzt waren.

Doch wenn man Kutters Projekte und Wirken rückwirkend betrachtet, hatte dieser Schritt seinen Sinn: Kutter war nie ein Aussteiger, sondern immer ein Einsteiger, und er stieg stets dort ein, wo der Drache hockte. Wäre «links» mit «Kreativität» und «Vision», mit dem Zerhauen des Gordischen Knotens gleichzusetzen, wäre Kutter «der» Linke. Aber für «die Linke» war er wegen seiner humanistischen Bildung verdächtig, zumal seine Ideen aus seinem kreativen Individualismus und aus seinem gefestigtem philosophischen «structus fundus» stammten.

Markus Kutter war ein aufmerksamer Zeitgenosse, im späteren Lebensabschnitt ein respektheischender Gelehrter, der keine Oberflächlichkeit ertrug, sondern den Sinn vieler seiner Themen, mit denen er sich beschäftigte, aufzuknacken imstande war. Darum hat er auch gedichtet und sich mit seinen Gedichten als das offenbart, was er insgeheim war: Ein Poet.



Die Trauerfamilie: Gisela Kutter (mit Hut) und Samuel Kutter (mit Brille, Mitte).


Die Abdankungsfeier hinterliess am Schluss den Eindruck, dass sie von ihm selbst «inszeniert» war, auch wenn die Dramaturgie von A bis Z von seiner Gattin Gisela stammte. Er, der «allgemeines Meinungsgut» so ätzend zu entblössen vermochte - weil er ein sehr aufmerksamer Zuhörer war und den Spreu vom Weizen zu unterscheiden verstand - wurde denn auch an der Feier verabschiedet mit leisen Tönen und darin verpackten Botschaften:

Ein namenloser Chor aus Familienmitgliedern unter der Leitung von Georg Geiger gab zwei Volksweisen zum besten, worüber die grosse Masse so acht- und bewusstlos hinwegtrampelt, wie über das bewundernswert resistente Kleinkraut im Rinnstein. Dass ich das Lied «Hinterem Münschter hett en Anggemeitli Butterweggli feil» seit fünzig Jahren das erste Mal wiederhören durfte sowie das Trostlied des unsterblichen Romantikers Joseph von Eichendorff, «Komm Trost der Welt», auch, tönte wie ein Adieu-Geschenk des Poeten Kutter.

Selbst die Wahl des in der Sonntagsschule so bestgehassten Liedes mit dem Text des barocken Dichters Matthias Claudius, erschien mir wie ein Vermächtnis Kutters: Zuhören ohne Vorurteil erschliesst erst poetische Schönheit. «Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.» (…und wohl unsre Ohren auch nicht hörn…und unsrem Verstand der Sinn verschlossen bleibt…).

Wer hätte das gedacht, dass aus dem seinerzeit so ungezogenen Bengel, wie ich ihn an der denkwürdigen Hammer-Ausstellung erleben musste, ein hervorragender Klarinettist werden konnte - ich meine Kutters Sohn aus erster Ehe? Samuel Kutter verabschiedete seinen Vater mit zwei Darbietungen für Orgel (Susanne Doll) und Klarinette. Noch nie habe ich diese Kombination gehört, und die Stücke kenne ich auch nicht. Jedoch war es eine wundervolle Einlage - ein Genuss, wäre es nicht die Abdankung von Markus Kutter gewesen. Aber er hätte es, so bin ich überzeugt, auch so verstanden und vielleicht auch so gewollt!

Und dann dies: Der wohldurchdachte Schluss der Zeremonie wollte, dass sämtliche Teilnehmer der Abdankung sich vor der Trauerfamilie in einer fast endlosen Schlange vorbei zum Ausgang bewegten - unter der Orgel-Transkription des Beatles-Ohrwurm «Yellow Submarine». Vielleicht war das ein augenzwinkerndes «au revoir» von Markus Kutter?


Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

http://webjournal.ch/article.php?article_id=446

http://webjournal.ch/article.php?article_id=447

http://webjournal.ch/article.php?article_id=582



Druckversion erzeugt am 24.10.2019 um 05:19