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Artikel vom 26.04.2005

Atom-Glosse

20 Jahre Tschernobyl

Eine Mahnwache auf dem Basler Barfüsserplatz zum Jahrestag der Atomkatastrophe in Russland

Von Jürg-Peter Lienhard



Vielsagender Wegweiser: Die Atomstrahlen von Tschernobyl drangen 1600 Kilometer von dort bis zu uns - die schweizerischen AKWs Gösgen, Leibstadt und Mühleberg sind etwas mehr als 40 Kilometer von Basel entfernt… Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2005



BASEL.- Am 26. April 1986 verlor die Atomtechnik ihre letzte Glaubwürdigkeit: Entgegen jeder Vorschrift bastelten russische Techniker im Atomkraftwerk von Tschernobyl einen «Versuch», der schliesslich den Atommeiler in einen unkontrollierbaren Zustand brachte: Der GAU - der grösste anzunehmende Unfall - war eingetreten.

Um ein Haar wäre es zum «Super-Gau» gekommen, der ganz Europa absolut verstrahlt und den Atomreaktor ins Erdinnere schmelzen gelassen hätte - eine Explosion der Erdkugel hätte gedroht. Heldenhafte Feuerwehrleute und Techniker, die ihren Einsatz für die Menschheit mit dem qualvollen Strahlentod bezahlten, verhinderten quasi in letzter Minute dieses Schreckenszenario.

Immerhin trieben Tage danach radioaktive Staubwolken bis ins Tessin, wo man noch heute davon abrät, im Wald gesammelte Pilze zu essen. Denn Pilze nehmen Radioaktivität ideal auf.



Aktionstage auf dem Basler Barfüsserplatz zum 20. Jahrestag der Tschernobyl-Atomkatastrophe.



Aber was sind denn schon verseuchte Pilze im Tessin gegenüber den Ausmassen der Katastrophe im eigenen Land - in Russland? Noch heute strahlt der Unglücks-Atommeiler, und er wird es noch tausend Jahre tun: Er wurde unter Beton gewissermassen zugeschüttet; ihm wurde ein «Beton-Grab» mit einer meterdicken Hülle gebaut. Die tödlichen Strahlen gelangen so nicht mehr «ungefiltert» in die Atmosphäre.

Doch die Siedlungen und Ortschaften um Tschernobyl sind heute verlassen, sind Totenstädte und -Dörfer, die zu Betreten niemand ohne Schutzanzug wagt. Wir haben die Kinder von Tschernobyl gesehen, die nach der Katastrophe in die Schweiz zur Erholung kamen: ausgefallene Haare, vergreiste Gesichter, erloschene Lebensfreude.

Die Atomtechnik hat derartig immense Dimensionen, dass man damit rechnen muss, dass sich eines Tages ein Unglück von der Grössenordnung Tschernobyl oder noch grauenhafter, wiederholt. Die Gründe liegen in der Unwägbarkeit des menschlichen Charakters, in der unbedenklichen Technikgläubigkeit und wohl eher zuletzt in der Natur selbst (Erdbeben).



Einige der jungen Leute von der Tschernobyl-Mahnwache auf dem Basler Barfüsserplatz waren damals wohl kaum auf der Welt oder hatten noch nicht lesen noch schreiben gelernt. Dieser Generation hat die damalige Gesellschaft ein - nein, Tausende von - Problemen hinterlassen…



Alle, die das verneinen oder als «in der heutigen Zeit unwahrscheinlich» darstellen wollen, seien auf die Geschichte der Technik verwiesen: Der Einzug der Technik in die menschliche Gesellschaft hat enorm viele Opfer gefordert - jedoch nie so viele, wie sie die Atomtechnik birgt, denn diese sprengt alle Dimensionen.

In der Technik-Geschichte gingen die Menschen immer zuerst unbedenklich mit ihren Höllenmaschinen um, und erst Opferserien zwangen sie von der unumschränkten Ausbeutung auch zu einer gewissen Verantwortung und damit zur Schmälerung des Profites. Genannt seien in erster Linie die Erfindung der Dampftechnik, bei der zuerst unzählige Kessel in die Luft fliegen, Tausende von Dampfschiffen auf den Ozeanen oder Flüssen (siehe Mark Twain) der Kontinente explodieren oder Millionen Menschen in unmenschlichen Fabrikstätten oder Stollen an Staublungen, Tuberkulose oder Erschöpfung infolge Unterernährung sterben mussten.

Die Aufzählung könnte weiter gehen mit der Einführung der Elektrizität, dem Flugverkehr, der industriell gefertigten Nahrung (Vergiftung von Erdreich, Lebensmitteln z.B. durch DDT), der Röntgendiagnostik, die sogar ihren Erfindern das Leben kostete. Alles technische Bereiche, deren Nutzen zuerst mit tödlicher Erfahrung bezahlt werden musste - und eben auch in Zukunft noch werden muss (z.B. Weltraumtechnik, globale Klimaerwärmung, Ozonloch usw.). Ganz nebenbei sei auch noch das Verbrechertum erwähnt; nicht auszudenken, was deutsche Kriegsverbrecher mit der Atomtechnik angestellt hätten, wären sie denn schon in deren Besitz gewesen…

Schon unsere Urahnen vor Tausenden von Jahren haben diese Erkenntnis gehabt und sie in ihren Schriften, und damit in «der Schrift», festgehalten: Das «Paradies auf Erden» gibt es nicht - dem Schweiss, der unser Angesicht so oft entstellt, können wir nicht entrinnen! Denn jede Technik, die uns diese Verdammnis erleichtern soll, verlangt wieder ihr Schweissopfer - ein Perpetuum mobile ist gegen die Gesetze der Himmelsmechanik, der Physik auf Erden zumal…

Die Verantwortung, die Gigatechnik fordet, kann niemand tragen. Der kategorische Imperativ ist schlicht nicht anwendbar. Wer hier handelt, hat vielleicht eine Ahnung, aber keine Kenntnis der Folgen.

Von Jürg-Peter Lienhard



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