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Artikel vom 04.12.2020

Aufruf

«Schweigen für die Kultur»

Noch einmal Schweigen - danach aber sollte gebrüllt werden!

Aufruf zur 2. Lichterkette in Basel am Montag, 7. Dezember 2020, von 17.30 bis 18.30 Uhr, vom Theaterplatz bis zur Kaserne

Von Jürg-Peter Lienhard



Noch schweigt die Kultur, um gehört zu werden… Foto telebasel


Bereits zum zweiten Mal ruft das Stadtcasino Basel, der grosse Konzertraum in der Innenstadt, zu einer Lichterkette auf. Denn seit dem ersten schweigenden Lichter-Protest hat sich die Situation unter den Konzert- und anderen Kulturveranstaltern dramatisch verändert. Diese Schweige-Aktion sollte also anders als die erste möglichst gut gehört werden. Nicht nur vom Publikum! Für mehr hier klicken:

Erst im August 2020 ging der lange erwartete Abschluss des Umbaus des grossen Musiksaales im Stadtcasino Basel zuende. Im Jahr zuvor plante die Casino-Gesellschaft als Hausherrin den akustisch hervorragenden Musiksaal mit dem charmanten Hans-Huber-Saal im Anbau sowie das neugeschaffene Foyer mit einer fulminanten Konzertreihe zu eröffnen. Die Corona-Seuche machte jedoch den Plänen einen gehörigen Strich durch die Rechnung: Schon nur deswegen musste die Platzzahl wegen der vorgeschriebenen Distanz zwischen Sitzen und Reihen drastisch reduziert werden. Auch die Orchester konnten nicht in der geplanten Vollzähligkeit auftreten.

Seither sind nur drei Monate verstrichen. Drei Monate, während denen das Virus scheinbar zurückgedrängt schien, in Wirklichkeit aber nur eine Atempause einlegte, um um so wirkungsvoller erneut alles lahm zu legen: Die Konzertkultur (ob Pop, Rock oder Klassik), zu schweigen von der Sportkultur, musste unzählige Veranstaltungen absagen. Veranstaltungen, wozu je nach Werken eben lange administrative Vorlaufzeiten nötig sind für die Rekrutierung der Künstler, die in aller Welt verstreut sind, für die Abstimmung der Engagements-Verpflichtungen der Solisten, die ja Engagements weit zum voraus ebenfalls in der ganzen Welt eingegangen sind. Auch die Reservation der besten Aufführungstage, die meist wegen der grossen Nachfrage eben auch schon lange sehr stark belegt sind.

Und dann: einfach alles aus, fertig, Schluss! Keine Veranstaltung heisst: kein Publikum, was eben auch heisst: keine Einnahmen, keine Gage, keine Saalmiete, womit der Unterhalt der grossen Bude bestritten werden sollte. Das ist keine «Kunstpause» - das ist eine Katastrophe.

«Katastrophe? Da haben wir schon ganz andere Probleme gemeistert»… hörte ich von Unbedarften in sicherer wirtschaftlicher Position sagen. Vorschläge wie Live-Streaming oder was der blechernen Computer- und meist auch TV-Lautsprecher alles als Ersatz dienen sollte, mag ja für «elektrische» Musik noch angehen, auch für Jazz-Gesang. Geschweige denn das «Feeling», der «Draht» zum Publikum, was die Künstler zu Höhepunkten treibt oder umgekehrt das Publikum mitreissen lässt… Aber das Hörererlebnis eines Gross-Orchesters oder eines Chores im Musiksaal - das kann die Technik nicht ersetzen. Schon nur die Orgelkonzerte zur Einweihung der neuen Orgel im Musiksaal des Stadtcasinos - wiewohl akustisch auch nicht zu vergleichen mit dem Münster oder der Strassburger Kathedrale - am Radio übertragen ist eine qualvolle Notlösung und verlangt sehr viel musikalische Hör-Phantasie (siehe Abschnitt Schwalbennest-Orgel im Strassburger Münster: http://webjournal.ch/article.php?article_id=1431).

Auch der angebliche Trost, dass ja auch die Corona-Seuche ein Ende haben müsse und… eine Impfung in der Pipeline der Pharma koche, ist ein Trugschluss: Denn die Wurst hat zwei Enden, und erst eines ist durchgebissen. Das dickere Ende kommt noch und zwar brutalerweise erst mit wohl einjähriger Verzögerung, falls es nicht noch durch eine dritte Welle tödlich gepfeffert wird: Man hat es gemeinhin wohl überhört und überlesen, was die Caritas diese Woche prognostiziert hat. Dass durch Kurzarbeit und durch Betriebsschliessungen Heerscharen in die Armut getrieben werden. Es sind dies zuerst die Schwächsten der Wirtschaft, die Menschen in den Gastro- und den Gewerbebetrieben.

Und auch die Künstler! Und zwar jeder Couleur, ob bildendes oder musikalisches Fach. Viele unterrichten privat oder an der Akademie; Ihre Konzert- oder Ausstellungstätigkeit ist zwar mehr als ein Zubrot, in der Regel gar Ausdruck und Ventil einer intensiven künstlerischen Arbeit weit weg von einem Orchester oder einer Bühne im Atelier oder am Instrument und über der Komposition, wo geprobt, gefeilt und bis zur Vollendung gelitten wird. Meist ist dann der Applaus das «Honorar», zumal das richtige aus einem Konzert ja nur bei den allergrössten Stars ein Jahresgehalt ausmacht. Aber selbst die Vedetten mussten dafür in eine lange und intensiv fordernde Laufbahn investieren, proben und leiden.

Wenn die Corona-Pest schon die Wirtschaft in die Knie zwingen kann, dann zwingt sie das - reduzierte - Publikum wohl auch dazu, ihre privaten finanziellen Möglichkeiten zu überdenken. Aber auch die Sorge um Ansteckung - beim älteren Publikum in den klassischen Konzerten, beim jüngeren an Pop- und Sportveranstaltungen - werden die Einnahmen aus kultureller Tätigkeit mehr als merklich schrumpfen lassen.

Da mehr und mehr ihre Franken zwei Mal umdrehen, bevor sie für «Unterhaltung» Geld ausgeben, selbst wenn die zweite Welle vorüber gegangen ist - es ist ja wahrscheinlich, dass gar eine dritte und schlimmere anrollt - werden die Veranstaltungen lichter oder fallen länger als bisher aus. Bei Konzerten hat das verheerende Folgen. Denn jedes Konzert ist für den Musiker oder den Dirigenten eine Erfahrung, auf der das nächste aufbaut und diese Erfahrung modifiziert und angepasst ein neues Hörerlebnis produziert. Nicht umsonst redet man von Ären, wenn man von Dirigenten spricht, die epochemachende Aufführungspraxen kreierten.

Andererseits gibt es Menschen, denen gelebte Kultur statt bildender Unterhaltung gleich einem Lebenselixier ist, ja die dafür sogar zu sterben gewillt sind, oder zumindest Armut in Kauf nehmen, was ja in «La Bohème» klassisch thematisiert ist. Und nirgends wie im Warschauer Ghetto wurde vor dessen Vernichtung so viel gedichtet, geschrieben und musiziert. Angesichts tödlicher Bedrohung durch die Nazis und trotz Not und Hunger. In Corona ist die Bedrohung durch den Tod nicht hypothetisch, denn er betrifft die ganze Gesellschaft, zumal im Ausdruck durch die Hilflosigkeit gegenüber den tödlichen Folgen.

Das wird schwer auf den Kulturschaffenden lasten. Ihr Schaffen ist oft nicht allein durch Sehen oder Hören sichtbar respektive hörbar. Wenn es dann fehlt oder stark eingeschränkt wird, werden wir erst merken, was da verlustig ging. Dann sässe man auf einem Ast, zu dessen Ende wir gerutscht sind und nun merken, dass er unsere Last nicht mehr tragen kann. Dabei ist unsere «Last» hier unser Kulturbedürfnis gemeint. In Israel hörte ich in unserem Kibbuz die Erzählung eines Dabeigewesenen, wie nach der Staatsgründung am 14. Mai 1948 nach der Deklaration von David Ben Gurion die fünfte Symphonie von Beethoven aus dem Radio erklang und welcher kollektive Selbstbehauptungswille bei den Hörern dabei buchstäblich gezündet worden sei. Und im Zweiten Weltkrieg waren es wiederum die vier Paukenschläge des Anfangs der sogenannten Schicksalssymphonie, die die Hörer der alliierten Nachrichten zur überlebenswichtigen Aufmerksamkeit bewegten.

Letztere Beispiele mögen zeigen, dass Kultur weder das «Salz in der Suppe» noch ein besonderer Luxus für ein paar wenige Begüterte ist, sondern schlicht ein Lebenselixier: Wer seinen Kindern zumindest weder eine Gutenachtgeschichte erzählen noch ein Schlaflied zu singen vermag, wird ihnen kaum die Ehrfurcht vor dem Leben vermitteln können, die nötig ist, um ihnen genau dies auf den Lebensweg mitzugeben. Das ist Kultur. Denn schon in der Bibel steht: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.»

Nun bleibt die Frage aber noch ungeklärt, was dies alles für den einzelnen Kulturschaffenden heisst, zumal, wenn er auf Einkünfte verzichten muss, die eh schon bescheiden ausfallen können. Ich kenne eine Traverseflötistin, die ein geringes Teilpensum als Dozentin bekleidet. Zu viel zum Sterben, zuwenig zum Leben, denn im Moment gibts keine Kammermusikkonzerte und Privatunterricht für Blasinstrumente ist sowieso gezwungenermassen reduziert. Immerhin lebt sie zusammen mit ihrem Freund und kann viele Ausgaben teilen. Aber ihre Zukunft ist nicht sehr rosig, will heissen, ihre Existenz im Allgemeinen ist prekär - sie ist noch zu jung, um vom Ersparten leben zu können - und ihre berufliche steht vor dem Aus. Eine Bereicherung für die Musikkultur der Stadt und ein Talent dürften bald erlöschen wie eine Sternschnuppe am Himmel…

Ein Beispiel. Wie gesagt, es ist erst der Anfang. Caritas hat kürzlich von einem Zeitraum von einem Jahr gesprochen, bis all die Armut und der Verlust in der Kultur manifest wird. Aber dann total und dann ist es weit fortgeschritten, wenn nicht gar zu spät, um von einer «Erholung» sprechen zu können. Mir kommen leider die «sieben fetten und die sieben mageren Jahre» in den Sinn. Was aber für einen Haushalt, ja sowieso für eine Stadt und erst noch für einen Staat angeht, der nicht «in der Zeit für die Not» gespart hat, das kann doch nicht auch für ein junges Musikertalent gelten, das noch gar nicht in der Lage ist, «in der Zeit zu sparen», weil noch erst am Anfang der Karriere.

Das sei mal nur darum angetönt, weil schon jetzt die Messer für garantiert zu erwartende Verteilkämpfe gewetzt werden. Man denke nur an die 1’500’000’000’000 Franken, die der Bundesrat in die Swiss als Überlebenskredit gepumpt hat. Das gäbe genau 348’837’209 Mal einen Monatslohn von 4’300 Franken einer alleinerziehenden Aldi-Verkäuferin oder eines hochbegabten Konzertmusikers oder für jeden durch Corona in die Armut abgedrifteten - inklusive des freigestellten Flugpersonals…

Das Beispiel ist etwa gar nicht so krass, wie dargestellt. Denn krasser ist, was in einem Jahr folgen wird: Wer sahnt ab, vor allem wer zuerst, vor der traumatischen Fahrt hinab nach «Cassa blanca»… Die Gesellschaft, das heisst, wir alle, haben es in der Hand, wie wir das Gemeinvermögen verteilen, wie wir eben nicht nur an Brot denken, was ja sowieso dick macht… Aber die Autoren der Bibel hatten diese geniale Metapher wohl ausgedacht, ohne zu wissen, was der spätere «moderne» Mensch alles als «Nahrung» zum Überleben braucht. Gewiss: wer schon am Honigtopf geleckt hat, wird ihn eher vermissen als jener, der ihn (noch) nicht kennt. Aber wie hart wird es für grosse Bevölkerungsteile sein, statt nach Casa Blanca in die Ferien, Wanderschuhe anzuschnallen und ins schöne Baselbiet zum Blust aufzubrechen? Oder statt eines neuen TVs ein Buch zu lesen - ganz, auch wenn es dünn im Umfang ist? Und so weiter und so fort.

Irgendwann steht dann vielleicht an einer Strassenecke oder vor dem Eingang der Migros eine Traversflötistin mit ihrem offenen Flötenkasten am Boden und spielt um einen Bakschisch, den sie sich vom verarmten Corona-Opfer musizierend erbettelt. Vielleicht bleibt dann der eine oder andere stehen und lauscht gespannt ob der himmlischen Töne, die ihm so wunderschön aber fremd vorkommen - weil er sie schon lange nicht mehr gehört hat. Was macht er dann? Was machen wir dann alle?

Aufruf und Verlautbarung der Organisatoren «Schweigen für die Kultur»

«Schweigen für die Kultur» - Wir machen weiter
Montag 7. Dezember 2020,17.30 - 18.30 Uhr

Mit der neuen Verordnung – der Obergrenze von 15 Personen bei kulturellen Veranstaltungen und Konzerten – hat der Regierungsrat Basel-Stadt auf die epidemiologische Situation reagiert und verschärft die Massnahmen zur Eindämmung der Covid-19 Pandemie im Kanton ein weiteres Mal. Dies ist die zweite massive Publikumsbegrenzung innerhalb weniger Wochen und eine Bedrohung nicht nur für den laufenden Spielbetrieb, sondern für die Existenz zahlreicher kultureller Betriebe in der Stadt und Region Basel. Vor dem Hintergrund ausgeklügelter Schutzkonzepte in den betroffenen Spielbetrieben trifft diese Massnahme auf grosses Unverständnis der Kulturschaffenden und ihres Publikums.

Wir fordern eine schnelle und transparente Umsetzung der Unterstützungsmassnahmen, ein klares Bekenntnis zur Systemrelevanz der Kultur sowie differenzierteres Beurteilen von Gesundheitsrisiken bei Kulturveranstaltungen. Wir laden ein zu einem stillen Protest gegen den Kulturabbau! Bilden Sie mit uns eine Lichterkette; dieses Mal vom Theater Basel bis zur Kaserne!

Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Flyer im Anhang oder der Webseite - siehe Direktlink hier unten:

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

https://kulturschweigen.ch/

http://webjournal.ch/article.php?article_id=1431



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