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Artikel vom 03.12.2020

Nachruf

Valéry Giscard d’Estaing ✝

Der ehemalige fanzösische Staatspräsident starb 94-jährig an Covid

Von Jürg-Peter Lienhard



Valéry Giscard d’Estaing. Foto J.-P. Lienhard, © 2020


Die französische Tageszeitung «La Libération» berichtete als eines der ersten Medien am Mittwoch, 2. Dezember 2020, um 23.30 Uhr, via die online-Ausgabe, vom Hinschied des französischen Politikers Valéry Giscard d’Estaing. Er ist am 2. Februar 1926 in Koblenz geboren worden und wurde 1974 im Alter von 48 Jahren Staatspräsident von Frankreich, was er bis 1981 blieb. Wie «La Libération» meldete, erkrankte er an Covid-19 und wurde deswegen drei Tage vor seinem Hinschied in Authon (Loir-et-Cher) hospitalisiert. (webjournal.ch brachte eine Eilmeldung um 23.55 Uhr unter «Aktuelles» am 2.12.2020 - siehe rechte Spalte). Für mehr hier klicken:

Valéry Giscard d’Estaing, auch salopp von den Medien «VGE» genannt, stammt aus katholischem Adel und heisst mit vollständigem Namen Valéry René Marie Georges Giscard d’Estaing. Er hatte vor seinem Amtsantritt als Staatspräsident eine farbige Politkarriere hinter sich: zuvor war er Vorsitzender der liberalen «Républicains indépendents», dann zwei Mal von 1962 bis 1966 und 1969 bis 1974 Finanz- und Wirtschaftsminister. Als er vom Präsidium abtrat - unter anderem wegen einer Affäre um ein Diamentengeschenk des afrikanischen Diktators Bokassa - übernahm er die Präsidentschaft der rechtsbürgerlichen Partei UDF (Union pour la démocratie française), aber trat dann 2002 zur neuen Mitte-rechts-Partei UMP (Union pour un mouvement Populaire) bei. Zuvor war er von 1986 bis 2004 Präsident des Regionalrates der Auvergne. Um 2002/03 präsidierte der den Europäischen Verfassungskonvent, wurde 2003 in die Académie Française aufgenommen und gehörte seit 2004 dem französischen Verfassungsrat an.

Seine Familie war eine Politiker-Familie der schwarz-katholischen Fraktion. Nach Abschluss einer Schulzeit auf renommierten Gymnasien und zweifachem Baccalaureat in Philosophie und Mathematik trat er in die Armee des Generals Jean de Lattre de Tassigny ein und kämpfte in Frankreich und in Deutschland, wofür er mit dem «Croix de la guerre» ausgezeichnet wurde. Er habe eine glückliche Jugend gehabt, schreibt er in seinen Memoiren. Aber nach seiner Jugendzeit sei ihm bewusst worden, dass es gewisse Gebiete der Welt gebe, von denen er weder intellektuell noch affektiv einen Bezug hatte. Die Memoire sind aber im Ton überschattet von seiner Kränkung nach der Abwahl.



Valérie Giscard d’Estaing mit dem berühmtesten Elsässer und einem der berühmtesten Köche in Frankreich in seiner Zeit: Paul Haeberlin, Dreisterne-Koch in Illhäusern. Mit auf dem Bild ganz links: Paul Bocuse, Erfinder der «Nouvelle Cuisine». Aufgenommen am 21. Januar 1987 von Foto J.-P. Lienhard, © 2020


Nach dem Krieg absolvierte er die Elite-Akademie ENA und 1952 heiratete er Anna-Aymone Sauvage de Brantes, mit der er vier Kinder hatte. Politisch ging dann alles Schlag auf Schlag: Kabinettsmitglied bei Edgar Faure erst im Alter von 30 Jahren, Staatssekretär und dann Finanzminister. In diese Periode gehört auch, dass er die Preise für Schinken und Zucker sowie für Benzin in Paris staatlich einfror. Seine Stabilitäts-Beschlüsse gegen die Inflation wurden schnell unpopulär.

Als im Januar 1966 Charles De Gaulle Präsident der Republik wurde, kam es bei Giscard zu einer Karrierenverlangsamung. Die beiden verstanden sich nicht: Während De Gaulle einen jakobinischen und souveränen Staat anstrebte, sah sich VGE als Europa-Zentrist und später im Geist unabhängiger Republikaner, die sich gegen De Gaulle stellten. De Gaulle wollte Algerien abstossen, während VGE in der Nostalgie eines französischen Algeriens verharren wollte. Er unterstützte De Gaulle im Referendum am 27. April 1969 mit einem «ja, aber», was dem Gründer der 5. Republik (De Gaulle) den Rest gab und ihn schliesslich zum Abtreten bewog.



Personal und Gäste lauschen einer launigen Ansprache Giscard d’Estaings nach der festlichen Tafel in der Auberge de l’Ill. Aufgenommen am 21. Januar 1987 von Foto J.-P. Lienhard, © 2020


Doch VGE war noch nicht soweit: Zunächst folgte Georges Pompidou auf den Thron des Elisées. Immerhin ernannte dieser ebenfalls charismatische Präsident VGE zum Finanzminister, ein Amt, das er fünf Jahre innehatte. Als Pompidou zusehends unter Krankheit litt, schien VGEs Stunde gekommen. Doch zuvor hatte ein Held der Résistance und Gaullist noch mehr Gewicht: Jacques Chaban-Delmas.

Das bewog VGE angesichts des Erben Pompidous zu einem Winkelzug: Er propagierte die «société libérale avancée» und plädierte für «ein aus dem Zentrum regiertes Frankreich». Dadurch gewann er die Unterstützung von Jacques Chirac, eliminierte Jacques Chaban-Delmas und François Mitterrand im Laufe eines Fernseh-Duells, wo sich VGE mit dem sprichwörtlich gewordenen Verdikt gewissermassen «unsterblich» machte: «Vous n’avez pas le monopole du coeur.»

So kam es schliesslich, dass VGE am 27. Mai 1974 - zu Fuss - ins Elysée eintraf. Er liess seinen von ihm persönlich gesteuerten Wagen 200 Meter davor parkiert stehen. Nicht wie alle vor ihm, die per Chauffeur in den Palast kutschiert wurden.



Ständchen für den ehemaligen Präsidenten der Republik und seiner Gattin, Anna-Aymone Sauvage de Brantes, dargebracht von der bekannten Akkordeonistin Danielle Pauly, einer Freundin des Hauses Haeberlin in Illhäusern. Aufgenommen am 21. Januar 1987 von Foto J.-P. Lienhard, © 2020


Sehr schnell nahm VGE das in Angriff, was er vor seiner Wahl versprochen hatte: In sechs Wochen stimmte das Parlament die Herabsetzung der Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre herab, die Bezahlung der Antibaby-Pille durch die Sécurité sociale, die Aufhebung des Kartells des öffentlichen Rundfunks und Fernsehens. Die kommunistische Zeitschrift «L’Humanité» warf gar ihre Gesinnung über den Haufen: «Valéry Giscard d’Estaing a l’intelligence de s’adapter, de prendre l’air du temps.» (VGE ist intelligent genug, sich anzupassen an den Zeitgeist.)

Tatsächlich gründet er auch ein Staatssekretariat für die feministischen Belange, das er der anerkannten linken Journalistin Françoise Giroud anvertraute und die gleich darauf die «Scheidung im gegenseitigen Einvernehmen» ins Eherecht einbringen liess.

Zudem lud er sich, zusammen mit seiner Gattin, zum Essen in bescheidene Familien ein - als Beleg, wie nahe er beim Volk sei und besuchte auch die elenden Bidonvilles von Paris. Wenig später, als Simone Veil im Parlament um das Abtreibungsrecht kämpfte und dieses mithilfe der Linken auch durchsetzen konnte, verhielt er sich zwar wortlos im Hintergrund, aber anerkannte später diese symbolische und bestimmende Abstimmung in der Geschichte des Frauenrechts. Die Foto, als er Simone Veil nach dem 13. April 1989 herzlich lächelnd die Hand schüttelte, ging auch tatsächlich in die französische Geschichte ein.



Launige Tafelrede des damaligen Präsidenten des Oberelsässischen Generalrates, Henry Goetschy, einem begnadeten Tafelredner, der die Waffe der Doppeldeutigkeit mithilfe der Elsässischen Sprache, meisterhaft verstand. Aufgenommen am 21. Januar 1987 von Foto J.-P. Lienhard, © 2020


Auch im institutionellen Bereich hatte VGE einige wichtige Reformen eingeleitet, die ihre Spuren noch bis heute hinterlassen haben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Republik bekam Paris einen gewählten, statt einen ernannten Bürgermeister. VGE lancierte den Bau des TGV-Netzes (die erste Strecke war Paris–Lyon). Zusammen mit dem Deutschen Helmut Schmidt setzte er sich für ein europäisches Parlament ein und das Système monétaire européen (SME), dem Vorläufer des €uro. Er förderte die deutsch-französische Aussöhnung und ging sogar so weit, den 8. Mai (Kapitulation Deutschlands im 2. Weltkrieg) als Feiertag in Frankreich aufheben zu lassen, was aber heftige Reaktionen erzeugte und heute noch immer Feiertag ist.

Die ethische, politische und ökonomische Bilanz ist hingegen weniger glücklich. Beispielsweise favorisierte er die Todesstrafe, die am 28. Juli 1976 an Christian Ranucci vollzogen wurde und wohl vor dem Hintergrund eines Justiz-Irrtums ablief. Als er seine Sterne am Horizont sinken sah, nominierte er einen jungen, ambitionierten Politiker, «qui dévorait le travail, la vie, et les sandwichs avec belles dents» (der Arbeit, das Leben und auch das gute Essen mit schönen Zähnen verschlingen kann). Es handelte sich um den damals 41-jährigen Jacques Chirac, von dem ihm allerdings seine ganze Umgebung abriet.

Keine zwei Jahre vergingen, als die Beziehungen zwischen den beiden auf einen Nullpunkt gesunken waren. Zudem verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation, die Arbeitslosigkeit stieg und die Preise ebenfalls, der Erdölpreis stand gar in Flammen. Chirac verliess Matignon, versammelte die Gaullisten und gründete das RPR (Rassemblement pour la République). Eine ganze Serie von Ereignissen überstürzten sich. Wobei Raymond Barre und Robert Boulin, Jean de Broglie und Joseph Fontanet zeitweilig auf Ministerial-Ebene eine Rolle spielten.



Giscard d’Estaing war schon während seiner Präsidialzeit gerne gesehener Gast in der Auberge de l’Ill in Illhäusern, wo ihn noch lange danach eine enge Freundschaft mit dem elsässischen Meisterkoch Paul Haeberlin verband. Aufgenommen am 21. Januar 1987 von Foto J.-P. Lienhard, © 2020


Bis die Satirezeitschrift «Le Canard enchaîné» enthüllte, dass der Staatspräsident Frankreichs bei mehreren Gelegenheiten Diamanten des zentralafrikanischen Despoten Bokassa privat als Geschenke entgegennahm. In dieser Affäre verhielt er sich diskret zurückhaltend, was schwer an seinem Image kratzte. Und auch später, als VGE schliesslich kein Wort des Bedauerns äusserte, als der Budget-Minister Maurice Papon am 2. April 1998 zu zehn Jahren Gefängnis wegen Beihilfe zur Deportation von Juden während des Vichy-Regimes verurteilt wurde, war seine Popularität dahin.

Diese andere Seite der Medaille, sein uneinsichtiger Charakter, war dann der hauptsächlichste Grund, weshalb er dem «ewigen Zweiten», François Mitterrand, am 10. Mai 1981, den Thron im Elysée abtreten musste: «Son mandat a été miné par son péché mignon - l’arrogance» (Sein Mandat war vermint als Folge seiner lässlichen Sünde - der Arroganz), kommentierte ein Beobachter damals das politische Ende Giscard d’Estaings, genannt VGE.

Von Jürg-Peter Lienhard

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