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Artikel vom 28.01.2020

Basel - Allgemeines

Nachruf

Seveso-Verantwortlicher Jörg Sambeth gestorben

Ein weiteres Kapitel in der Roche-Geschichte nach 44 Jahren seit der Dioxin-Katastrophe geschlossen

Von Jürg-Peter Lienhard



Jörg Sambeth ✝ 1932–2020 Bild: Unionsverlag, Zürich


Jörg Sambeth, der Hauptangeklagte in der Dioxin-Katastrophe von Seveso (Italien), ist laut Bestätigung des Unionsverlages, Zürich, vom Dienstag, 28. Januar 2020, am 16. Januar 2020 nach langer schwerer Krankheit im Kreise seiner Familie gestorben. Sambeth war technischer Direktor der Chemiefirma Icmesa, im norditalienischen Meda bei Milano, ein Tochterunternehmen der Givaudan, die wiederum Tochter der Basler F. Hoffmann-La Roche AG (Roche) ist. Die Icmesa war am Samstag, 10. Juli 1976, Verursacherin einer Umweltkatastrophe, bei der nach einer Autoklaven-Explosion eine enorme Menge des hochgiftigen Dioxins TCDD in die Umwelt gelangte.
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Dabei kamen unmittelbar viele Menschen durch Verätzungen und Spätschäden zu Schaden oder starben nachweislich an den Folgen. Skandalös war das Vehalten des damaligen Verwaltungsratspräsidenten der Roche, Adolf Jann, zumal er angetrunken die Katastrophe an einer denkwürdigen Pressekonferenz in Basel mit zynischen Sprüchen herunterzuspielen suchte.

Der Auftritt Janns schreckte weit über Basel Behörden und Bevölkerung auf. Er erregte auch den Zorn der in Basel heimischen Konkurrenz-Betriebe der chemischen Industrie, weil die Presse-Zitate von den Medien der ganzen Welt verbreitet wurden und den Ruf der ganzen Basler Chemie in Mitleidenschaft zog. In der Biografie des Vertreters der Roche-Erben gab der als Mäzen und Dirigent tätige Paul Sacher unumwunden zu, dass der von Jann angerichtete Reputationsschaden auch der Grund war, dass sich der Verwaltungsrat von Jann trennte.

Die Nachfolge trat der Berner Fürsprech Fritz Gerber an, dessen Bemühungen um die Wiederherstellung des Rufes erneut durch das Auftauchen der illegal entsorgten Fässer mit dioxinhaltigem Abraum vom Katastrophen-Gelände auf der Gemeinde Seveso, die fortan der Affäre den Namen gab.

Das Auffinden der Fässer kam nur Dank des Drucks des Chefredaktors der Nachrichten-Agentur Associated Press (AP), Urs Grassi, zustande und erzeugte einen nochmaligen Skandal, der die Roche und unfreiwillig die gesamte Basler Chemiebranche erneut in Verruf brachte. Aus diesem Grund intervenierten die Konkurrenten bei Paul Sacher, der wiederum Fritz Gerber zur grösstmöglichen Anstrengung zum Auffinden anhielt.

Die Fässer kamen schliesslich in Nordfrankreich zum Vorschein. Aber ob es sich tatsächlich um alle, respektive um den mit dem inkriminierten Abraum gefüllten Fässer handelte, konnte bis heute nie ganz geklärt werden. Sie wurden nach Basel transportiert und in einem speziellen Hochofen der damaligen Basler Partnerfirma Ciba-Geigy verbrannt.

Seither ranken sich zahlreiche Gerüchte um den Inhalt der Fässer mit dem Seveso-Gift. Die Rede war vor allem, dass das in Seveso produzierte Trichlorbenzol auch Grundstoff für das im Vietnamkrieg von den Amis versprühte Entlaubungsmittel «Agent Orange» war. Zumal Icmesa damals weltweit die einzige Herstellerin war.

Jörg Sambeth wurde von Roche als Hauptangeklagter fallengelassen. Er schrieb später das Buch, das hier auf webjournal.ch (Link unten) auch besprochen worden war und das im Zürcher Unionsverlag 2004 erschien. Darin versuchte Sambeth so genau wie möglich und im besten Wissen die Abläufe vor und nach der Katastrophe zu schildern. Aber auch er konnte nicht alle Zweifel ausräumen, ob die Icmesa tatsächlich den Grundstoff für das Entlaubungsgift im Vietnamkrieg hergestellt hatte. «Agent Orange» wurde von den Amis auf riesigen Dschungelflächen versprüht. Das Gift ist nicht abbaubar und behält seine schädliche Wirkung Jahrtausende bei. Man nennt das im Sprachgebrauch der Manager «Altlast»…

Die Geschichte wiederholte sich später am 1. November 1986, als nach einem Brand in Schweizerhall, diesmal aber auf dem Lagergelände der Konkurrenz-Chemiefirma Sandoz, das Löschwasser, zusammen mit den frei gelagerten Chemikalien in riesigen Mengen in den Rhein gelangte. Dabei wurde von Muttenz bis Rotterdam der Strom vergiftet und den gesamten Fischbestand sowie dessen Kleinlebewesen ausgerottet. Auch der Verwaltungsratspräsident der später in der Novartis aufgegangenen Sandoz, Marc Moret, spielte erst eine zwielichtige Rolle bei der Übernahme der Verantwortung. Er flüchtete gar aus der durch die Rauchentwicklung, die die ganze Stadt und ihre Umgebung stinkend verhüllte, zu seiner Tochter in den Jura. Sie ist übrigens die Frau des ebenfalls umstrittenen ehemaligen Novartis-Verwaltungsrats-Präsidenten Daniel Vasella.

Zum Buch «Zwischenfall in Seveso» von Jörg Sambeth

Klappentext des Unionsverlags, Zürich: Jörg Sambeth, geboren 1932 in Bad Mergentheim, studierte Chemie und zog später nach Genf. Als Technischer Direktor der Givaudan wurde er 1983 in Italien als einer der Hauptverantwortlichen des Dioxin-Unfalls in Seveso zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Schon vorher hatte er begonnen, nach den wahren Hintergründen zu forschen. Die Katastrophe warf ihn aus der Bahn und löste tiefe Schuldgefühle aus. Im Gestrüpp von Lügen, Spekulationen und Fakten machte er sich daran, die Hintergründe zu ermitteln.

Von Jürg-Peter Lienhard

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