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Artikel vom 18.08.2018

Polemik

Mit Bildstrecke am Schluss

Guggemusik-Protest gegen Rassimus-Vorwurf

Grosse Protestdemo am Freitag, 17. August 2018, vom Bahnhof bis zur St.-Theodorskirche - trotz facebook und Internet-Sperre

Von Juerg-Peter Lienhard



«Händ wäg vo unsere Kulturgüeter», so lautet eines der wenigen Transparente im Protest-Umzug. Die Fasnacht ist seit diesem Jahr «Unesco immaterielles Kulturgut der Menschheit». Foto © foto@jplienhard.ch 2018


Eine studentische Unterstellung wegen angeblichem «Rassismus» schlägt derzeit hohe Wellen unter den Basler Fasnächtlern - angeheizt von der Basellandschaftlichen Zeitung online: Die beiden Basler Guggemusik-Fasnachtsvereine «Negro-Rhygass» und «Mohrekepf» seien «rassistisch» und mithin deren Mitglieder «Rassisten». Dabei haben die beiden Vereine seit Jahrzehnten unbeanstandet den Gugge-Namen auf das Pauken-Fell gemalt gehabt und gehören gewissermassen zu den «Gugge-Adeligen»…



Zu Hunderten strömten die Gugge-Fans und Sympathisanten der angegriffenen Guggenmusiken vor das De-Wette-Schulhaus zum Protestmarsch. Foto © foto@jplienhard.ch 2018
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Obwohl die facebook- und Internetsites der Basler Fasnachts-Vereine Mohrekepf und Negro-Rhygass wegen des Rassismus-Vorwurfs gesperrt wurden, machte der Aufruf der Guggen- und Fasnachts-Apologeten via Handy-Aufrufe oder via anderer Online-Portale schnell die Runde. Es kamen Unterstützer vor allem aus dem «Speckgürtel» Basels. Vielleicht gut und gerne 2’000 Personen. Übrigens mit Kind und Kegel.

Zunächst versammelten sich die Protestierenden vor dem De-Wette-Schulhaus, wo leider die Ansprache einer Guggen-Obmännin mangels Lautsprecher akustisch nur von den allernächsten Zuschauern verstanden werden konnte. Als sie jedoch den Leuten die hierzulande «Mohrenkopf» geheissene Confisierie-Spezialistät der Firma Richterich zu verteilen begann, wurde ihr grosser Applaus zuteil.

Schliesslich formierte sich ein - bewilligter - Protestzug, der durch die Elisabethenstrasse via Bankverein zur Wettsteinbrücke zog. Angeführt von einem VW-Bus mit gelben Warnleuchten der Basler Verkehrsbetriebe. Die Trams jedoch verkehrten nur auf dem Gleis gegenüber, weil der Protestzug mittlerweile die gesamte Länge der Wettsteinbrücke ausmachte. Zuvorderst im Protestzug ruesste eine Trommler-Gruppe. Etwas weiter hinten kamen die Schlagzeuger verschiedener Guggen, unter anderen die «Provokante» aus Binningen (Baselland), eine aus Pratteln oder die Basler Guggemysli.

Am Glaibasler Brückenkopf hatte sich eine aus ganz jungen Leuten zusammengesetzte Gruppe von zirka hundert Personen mit Parolen-Banderolen in den Weg gestellt: «Racism by Tradition» und «Mit rassistischen Traditionen brechen». Dabei skandierten sie in amerikanischer und italienischer Sprache.

Derweil hielt der Protestzug in der Mitte der Brücke an. Es vergingen ein paar bange Minuten, aber die Gegendemo machte schliesslich Platz, indem sie sich aufs gegenüberliegende Trottoir zurückzog und den Protestmarsch passieren liess. Vereinzelt wurden sie von den wohl angetrunkenen Guggen-Supportern beschimpft - zum Teil sogar übel… Unten am Brückenkopf schwenkte der Zug in die Theodorsgraben-Anlage, verharrte dort eine Weile, umrundete dann die Tramstation Wettsteinplatz um auf dem Theodorskirchplatz mit einem Guggen-Platzkonzert und einem Schnitzelbangg vom «Schottisch Halbhoch» sowie mit dem einmal von einer aufgekratzten Teilnehmerin angestimmten Ruf: «Ihr sinn geili Sieche», «auszuklingen».

Insgesamt verlief der Protestmarsch ruhig. Am Theodorskirchplatz wurden die zuvor mitgetragenen Bierbüchsen und -Flaschen einfach auf den Boden geworfen. Auf dem Wettsteinbrunnen-Rand sassen zwei Jugendliche, wohl aus dem Quartier und um sich zuvor auf dem Platz mit den Spielgeräten zu vergnügen, und schauten dem Treiben interessiert zu. Es waren zwei kohlrabenschwarze Jugendliche - eben «Näger-Buben» oder «Mohrenköpfe», die zu den Guggemusiken rhythmisch mit den Beinen wippten. Niemand nahm von ihnen Notiz. Schliesslich galt der Protest nicht ihrer «Rasse»…

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Kommentar

Bei genauerer Betrachtung des Publikums fiel dem geübten Auge auf, dass die überwiegende Anzahl der Protestanten - gemessen an der Kleidung, an der Haartracht und an den Tattoos - eben typische Guggenmusik-Supporter oder -Aktive waren. Wohl meist auch FCB-Fans, vielleicht sogar von der Muttenzer-Kurve. Und gemessen am Dialekt (Meendig, Schträhl, uufe) mehrheitlich aus dem nahen bis fernen Baselbiet. Und wahrscheinlich waren auch keine Mitglieder der Stamm-Cliquen im Protestzug mitmarschiert: Die Basler Fasnacht ist eben eine «Klassen-Gesellschaft», und insbesondere die Guggenmusiker wecken für die passiven Massen andere Emotionen wie die gemächlichen Cliquen.

Die Verachter der Basler Fasnachts-Tradition - meist Binnen-Migranten - werfen zumal der Cliquen-Fasnacht deren militärischer Ursprung (Reisläufer oder napoleonisch) vor, bezichtigen die alten Märsche als «kriegerisch». Der Rassismus-Vorwurf - wenngleich nicht fussend auf der neuen amerikanischen «political correctness»-Welle - wurde auch in der Vergangenheit immer wieder laut. Und tatsächlich werden zuweilen geschmacklose Vorfälle bekannt. Nur zu oft bekamen die Zürcher oder «d’Schwoobe» mehr Fett ab, als es selbst die Satire verträgt. Das Fasnachts-Comité - oft als «Fanachts-Freiheit» verhinderndes statutenlose Gremien verspottet - hat immer wieder Ausreisser glätten oder dann und wann sogar verhindern können. Meist mit Appellen an die Vernunft und Einsicht, aber auch mit drohendem Abzug bei den aus dem Blaggedden-Verkauf erzielten Subventionen.

Allerdings hat die in den letzten Jahren durch die zunehmende Medien-Präsenz und durch die vom Gastgewerbe und dem Tourismus angeheizte Kommerzialisierung Fasnachts-Kritiker auf den Plan gerufen, die weder mit der Kultur der Basler Fasnachts-Satire noch mit den feinen Unterschieden in der Basler Gesellschaft aufgewachsen und vertraut sind. Und ja, der Grossteil der Aktiven sind ausgekochte Fidleburger, denen Humor und Toleranz während des Jahres abhanden gekommen zu sein scheint.

Daher kann eine Aussensicht, eine Kritik, Vorwürfe von aussen, zumal auf amerikanischen Wellen verbreitet und via facebook usw. fein zerstäubt, den Finessen dieser Basler Fasnachts-Kultur nie gerecht werden. Denn, wenn man so will, ist Satire und Humor stets rassistisch, weil sie Charaktere oder Abweichungen beschreiben, die nur zu oft einen ganz anderen Hintersinn enthalten und vielleicht sogar aufs Gegenteil abzielen. Das ist eben das Privileg des Dialektes, der gegenüber der Hochsprache mit ganz anderen Farben eine Botschaft aussendet, die mitunter das krasse Gegenteil meint, was die Laute vermeintlich bedeuten. Aber die «Eingeweihten» verstehen sofort!

Ich weiss nicht, woher der genannte Student stammt. Aber als Basler hätte er wirksamere Waffen als Denunziation mit falschen Argumenten gehabt! In der Literatur gibt es unendliche Beispiele dafür, wie nötige Gesellschaftskritik geäussert worden ist, ohne eine ganze Stadt, ohne eine ganze Kultur zu denunzieren, falsch zu denunzieren, zudem! Statt naseweise in ein modisches Horn zu blasen, halt sich Arbeit zu machen. Zum Beispiel hingehen, überzeugen, in Frage zu stellen, ohne via Presse zu denunzieren, zumal bei so einem Thema, will sagen: bei so einer «heiligen Kuh», wie der Fasnacht!



Bildstrecke - Fotos: © foto@jplienhard.ch 2018























Diese Amerikanerin schrie die ganze Zeit über - aus sicherer Entfernung - während der sie den Umzug von Beginn weg verfolgte: «Racistes»…







Und der hier ist tatsächlich ein Rassist: Er trägt provokativ ein T-Shirt mit dem Emblem der faschistoiden «PNOS - Partei National Orientierter Schweizer», was aber im Gedränge untergegangen und von mir nur durch Zufall entdeckt worden ist. Schnappschuss unter gewissen Stress-Bedingungen…

Von Juerg-Peter Lienhard

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