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Artikel vom 16.08.2017

Stadtentwicklung Basel

«Ehrlichkeit und Anständigkeit»

Wer ist Lukas Ott, der neue Stadtentwickler Basels?

Der Basler Stadtentwickler in spe, Lukas Ott, bis 1. Dezember 2017 Stadtpräsident von Liestal, hielt am 1. Mai 2017 in Liestal eine bemerkenswerte Rede

Von Redaktion



Stadtpräsident Ottl spricht am 1. Mai 2017 zur Bevölkerung von Liestal. foto@jplienhard.ch © 2017


Wer ist der neue Stadtentwickler Basels? Lukas Ott gehört zu einem Pfarrers-Clan, deren hervorragende Mitglieder sich stets nie gescheut haben, vor allem politisch dezidiert Stellung zu beziehen. In seinen Ansprachen verrät er ein aufgeklärtes Hintergrundwissen auf der Basis seiner humanistischen Bildung. Damit unterscheidet er sich von vielen lokalen Politikern, denen einfach ein breiterer Horizont mangelt, um in Erinnerung zu bleiben oder Wirkung zu zeigen. Ein Beispiel ist Lukas Otts Rede an der 1.-Mai-Feier 2017 in Liestal. Diese Rede hat sehr viel mit Liestal zu tun. Denn sie bezieht sich auf die Geschichte des Stedtlis, ist aber Anlass den persönlichen Standpunkt Otts für die Gegenwart zu formulieren. Für mehr hier klicken:

Leider erhielten wir die schriftlich verfasste Rede erst Wochen nach der Feier, so dass wir sie nicht mehr als aktuell verwenden konnten. Hingegen eignet sie sich jetzt, um anstelle eines Porträts veröffentlicht zu werden. Er nimmt darin Bezug auf Emma und Georg Herweg, dessen Denkmal in bemerkenswerter Grösse nahe dem Bahnhof einen prominenten Platz einnimmt, während die Adresse der Kantonsbibliothek Baselland Emma-Herweg-Platz 4 lautet. Und endet mit dem Credo, dass sozialer Marktwirtschaft Ehrlichkeit und Anständigkeit zugrundeliegen muss.

Übrigens das Attribut, das man Ott selber zugestehen muss, wenn man ihn kennt. Und insofern darf Basel sich sehr glücklich schätzen, eine solche Persönlichkeit als Stadtentwickler gewonnen zu haben, respektive muss man Elisabeth Ackermann für ihren Mut zu einer solchen Wahl gratulieren.


1. Mai 2017 in Liestal, von Lukas Ott

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es freut mich, Euch alle in Liestal herzlich willkommen heissen zu dürfen. Im Jahr 2017 ist es wichtiger denn je: Wir sind da und wir zeigen uns! Wir – das sind all jene, die eine solidarische, offene und nach vorne gerichtete Gesellschaft wollen, die für die Demokratie, die Grundrechte und den Rechtsstaat eintreten. In diesem Sinne begrüsse ich Euch gerne in Liestal, der zweitjüngsten Kantons-Hauptstadt unseres heutigen Bundesstaates.

Liestal als jener Kantons-Hauptstadt, die hervorgegangen ist aus einer Auseinandersetzung um Rechtsgleichheit. Daran lässt sich anknüpfen, daran wurde auch immer wieder angeknüpft. Es hätte beispielsweise nur eine kleine Änderung unserer heutigen Umzugsroute gebraucht, und wir wären an einem Denkmal vorbeigekommen, das eine solche Anknüpfung ermöglicht – dem Herwegh-Denkmal.

Ihr werdet Euch jetzt fragen, was suchte Georg Herwegh, der gefeierte sozialistisch-revolutionäre deutsche Dichter des Vormärz, in Liestal? Tatsächlich wurde Herwegh, nachdem er 1875 gestorben ist, seinem Wunsch gemäss «in freier republikanischer Erde» auf dem Liestaler Friedhof begraben, wo sein Grab und das Grab seiner Frau Emma heute noch zu sehen sind.

Es ist jener Herwegh, der nach der Pariser Februarrevolution 1848 zum Präsidenten des Republikanischen Komitees und Vorsitzender der Deutschen Demokratischen Legion wurde, jener Herwegh auch, der 1863 in seinem Schweizer Exil zum Bevollmächtigten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in der Schweiz bestimmt wurde und das «Bundeslied» schrieb. Ihr alle kennt die bekannten Verse aus dem Bundeslied von Herwegh:

«Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne Deine Macht!
Alle Räder stehen still,
wenn Dein starker Arm es will!»


In Liestal ist 1904 das erwähnte Denkmal errichtet worden – «dem Freiheitssänger und -kämpfer in Dankbarkeit gewidmet von Männern der Arbeit Freunden der Freiheit».

Georg Herwegh also hat Liestal bewundert, für sein Einstehen für die Rechtsgleichheit. Die Frage lautet, was das heutige Einstehen für Rechtsgleichheit und Demokratie im öffentlichen politischen Raum heute bedeutet. Eine andere wichtige Frage heisst, was das Gleichgewicht der Demokratie heute gefährden kann.

Der eigentliche Kampf der Kulturen ist nicht Christentum gegen Islam, sondern die Selbstbehauptung der liberalen und sozialen Demokratien gegen die Neuvermessung unserer Gesellschaften durch autoritäre, nationalistische und chauvinistische Bewegungen.

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Rechtspopulismus. Die Rechtspopulisten machen sich zwei Dinge zunutze: die Enttäuschung vieler Menschen über die gewachsene soziale Ungleichheit. Und die immer stärker werdende Distanz zwischen der wirtschaftlichen und politischen Führung und den Bürgern: Seit Jahrzehnten wird den Bürgern von den selbst ernannten Eliten in Wirtschaft, Politik und Medien erzählt, dass die Anpassung an die Globalisierung alternativlos sei.

Gleichzeitig musste man erleben, wie die Gier wuchs und leistungsloser Reichtum die Spaltung der Gesellschaft vergrösserte. Wer nach den Ursachen der Entfremdung und des Elitenhasses sucht: Das sind sie.

Tatsächlich geht die grosse Verbitterung über die Finanzkrise einher mit Globalisierungsängsten: Gemäss einer aktuellen, europaweit durchgeführten Studie der Bertelsmann Stiftung nehmen 45 Prozent der Befragten die Globalisierung als Bedrohung war. Immerhin 35 Prozent haben wirtschaftliche Ängste.

Das schockierende Grounding der Swissair 2001 oder die schwere Krise bei der UBS während der Finanzkrise ab 2007 – vor allem durch ihr Engagement in den USA und ihre Verstrickung in Steuerbetrugs-Affären – sind zweifellos Beispiele für Desaster, die auch in der Schweiz zur geschilderten Entfremdung beigetragen haben.

Oder der 44-Miollionen-(Franken)Lohn des damaligen Novartis-Chefs Daniel Vasella: Das Verhältnis zwischen seinem Gehalt und der makroökonomischen Entwicklung war nicht nur unmoralisch, sondern auch ökonomisch fragwürdig. Problemlos lässt sich mehr als ein Beispiel aus jüngster Zeit finden – etwa der Libor-Skandal von 2011, wieder bei der UBS.

Die Antwort auf die angeblich alternativlose Globalisierung muss deshalb um so mehr eine Rückbesinnung auf die soziale Marktwirtschaft sein, die das erfolgreiche Schweizer Modell der Marktwirtschaft lange Zeit prägte und der Schweizer Nachkriegsgeneration so viel gebracht hat. Der Wohlstand, der durch die soziale Marktwirtschaft ermöglichte wurde, war relativ gleichmässig verteilt. Von der stetig wachsenden Produktivität der Wirtschaft profitierten alle.

Dieser Grundkonsens ist heute auseinandergebrochen, wie auch die Diskussionen über existenzsichernde Löhne zeigen – mit weitreichenden Folgen. In der Rangliste der Länder nach zunehmender Vermögensungleichheit belegt die Schweiz mittlerweile den 227. Rang von allen 229 Ländern.

Heute gibt es in der Schweiz 352 superreiche Haushalte mit einem Vermögen von über 100 Millionen Dollar. Die Gefahr besteht, dass sich diese Entwicklung zu einer neuen Machtelite verstärkt und das Gleichgewicht der politischen und wirtschaftlichen Kräfte empfindlich gestört wird. Dies ist die grösste Gefahr für unsere Demokratie.

Was bedeutet dies für aktuelle Tendenzen wie soziale Desintegration, moralische Desorientierung und überzogener Egoismus, die zur Destabilisierung beitragen? Diesen sind wieder vermehrt Werte wie Solidarität, Verantwortungs-bewusstsein und vor allem Gemeinsinn gegenüberzusetzen, zumal die Wirtschaft nicht steril abseits der Gesellschaft existiert, sondern sich immer stärker in und mit ihr vernetzt.

Auch die Soziale Marktwirtschaft braucht als Basis einen Werte-Konsens. Ehrlichkeit und Anständigkeit müssen ihre Grundlage sein. Alles Werte, die nicht nur für die Wirtschaftskräfte, sondern auch für uns Politiker und Politikerinnen gelten. Im Mittelpunkt muss die Bereitschaft stehen, dem Wohl der Gesellschaft zu dienen.

Wie steht es am Rathaus Liestal geschrieben: «Unitas Civitatis Robur» - «Einigkeit ist die Kraft der Bürgerschaft» – engagieren wir uns gemeinsam für eine lebenswerte Welt!

Auch in seinem Grusswort im Programmheft des Konzertes des «1. Frauen-Symphonieorchesters im Dreiland - Les Elles Symphoniques» vom 31. Oktober 2016 in der Stadtkirche von Liestal nimmt Lukas Ott Bezug auf Emma und Georg Herwegh. Siehe Link hier unter diesem Grusswort. foto@jplienhard.ch © 2017



Sowieso: Wenn Sie mehr wissen wollen, was es mit dem «1. Frauen-Symphonieorchester im Dreiland - Les Elles Symphoniques» auf sich hat, dann klicken Sie hier unten auf den zweiten Link - er führt Sie direkt zum Aktuellen auf der site des Orchesters.

Von Redaktion

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

http://les-elles-symphoniques.eu/Les_Elles_Symphoniques/Programm_Basel_Liestal.html

http://les-elles-symphoniques.eu/Les_Elles_Symphoniques/AKTUELL_D.html



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