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Artikel vom 08.03.2017

Sozialskandal

40 Jahre Schlumpf-Museums-Besetzung

Fritz und Hans Schlumpf, die beiden Schweizer Industriellen sind als Wirtschaftsverbrecher verurteilt worden, weil sie ihre Automobilsammlung in Mulhouse mit unterschlagenen Mitteln finanzierten

Von Jürg-Peter Lienhard



Ich bin zwar nicht am Tatort erwischt worden, aber wurde von den in Basel im Hotel Drei Könige abgestiegenen Schlumpfs in Basel angeklagt - vergeblich…


Am 7. März 2017 ist es 40 Jahre her, als die Arbeiter der Schweizer Industriellen-Brüder Fritz und Hans Schlumpf die private Automobilsammlung der Gebrüder in Mulhouse (Elsass) besetzten, nachdem ich vier Wochen zuvor als erster Journalist/Photoreporter illegal über das Dach in die Halle mit den 450 bis zum letzten i-Tüpfelchen restaurierten Oldtimern eingestiegen bin und dort die allerersten Fotos im streng geheimgehaltenen Privatschatz machte. Für mehr hier klicken:

Die Publizität dieser Fotos, mit denen ich vier Wochen weltweit Monopolist war, bewogen die Arbeiter zur Besetzung der Sammlung, was während zweier Jahre anhielt und einen beispiellosen sozialen Skandal offenlegte. Hier ein paar Reminiszenzen aus meiner riesigen Dokumentation, womit ich den Arbeitskampf während 18 Jahren fast lückenlos belegen kann - nebst 2’000 Fotos.



…und bin dann schliesslich freigesprochen worden - mangels Beweisen. Obwohl jedermann wusste, wissen konnte, wer der Urheber dieser Fotos war. Denn, so das Gericht, die Dokumentation über diesen geheimen privaten Tresor war wichtiger als die Privatinteressen der Gebrüder. Schliesslich dokumentierten die Fotos, dass enorme Mittel vorhanden waren, während die Industriellen-Brüder Konkurs ihrer Betriebe anmeldeten.


Über die sogenannte Schlumpf-Affäre und deren Verurteilung durch den schweizerischen Bundesrat aufgrund einer Intervention von Jean Ziegler - ebenso durch die Basler Regierung - ist im webjournal.ch schon viel geschrieben worden. Gehen Sie in der linken Spalte ganz nach unten und klicken Sie auf «Suchen im Archiv». danach geben Sie das Stichwort «Schlumpf» ein.

Bitte entschuldigen Sie, dass ich nach so vielen Jahren und nach Tausenden von Seiten und Hunderten von Interviews nicht mehr mag darauf zurückzukommen. Es geht allen Aktiven von damals so; wir sind der Diskussionen überdrüssig. Der Sozial-Skandal dauert heute noch an: Die elsässische Politik will einen Schleier des Vergessens über diese beispiellose Geschichte einer unverantwortlichen Bereicherung eines Sammelwütigen (Fritz Schlumpf) zulasten der Allgemeinheit breiten. Weil ansonsten die Mitverantwortlichkeit der Politik zu offensichtlich würde.

Eklatantes Beispiel ist, dass die öde Sammlung in ein Automobilmuseum umgebaut wurde, um die Spuren zu verwischen. Denn ursprünglich sah die Sammlung wie eine Sammlung aus - eine Halle mit lauter Autos. Viele davon Doubletten. Man hätte diesen luxuriösen Autofriedhof so belassen müssen um die Geschichte der Abwegigkeit dieser Textiblarone, die während einer Zeit sogar Monopolisten waren, zu zeigen und den Arbeitskampf der über 2’000 Arbeiterinnen und Arbeiter (die Frauen waren in der überwiegenden Mehrzahl) zu würdigen.

In den Nachbarliegenschaften, die auch zu diesem von den Schlumpfs aufgekauften Industriebrachen gehören, hätte man immer noch genügend Platz gehabt, um die Geschichte des Automobils zu zeigen, auch wenn dies mit dieser Sammlung nichts zu tun hat.

Die Geschichte der Schlumpfs ist noch nicht geschrieben. Noch sind die Wunden nicht verheilt, noch sind die politischen Interessen im Elsass zu eng mit dieser Vergangenheit verstrickt. Immerhin hat die Schweiz und Basel eine klare Haltung gezeigt, auch wenn sie die nach Basel ins Hotel Drei Könige geflüchtete Wirtschafts-Kriminellen wegen ihrer Schweizer Staatsbürgerschaft nicht nach Frankreich ausliefern konnte. Und aus politischen Gründen wollte der französische Staat den Prozess gegen die Brüder nicht in der Schweiz anstrengen. Immerhin sind sie bis zum Kassationshof in Paris in absentia zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt worden.



Titelseite des Extra-Blattes der Dernières Nouvelles d’Alsace, das zwei Mal am selben Tag nachgedruckt werden musste. Derart schlugen diese Fotos im Elsass, in Frankreich und anschliessend in der ganzen Welt ein…

Alle Dokumente aus meiner privaten Sammlung von 18 Ordnern und 2’000 Fotos.

Von Jürg-Peter Lienhard

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