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Artikel vom 15.08.2016

Theater

«Was ihr wollt» im römischen Amphitheater Augst

Die Basler Theater-Saison 2016/2017 begann unter freiem Himmel und startete mit Wetterglück

Von Jürg-Peter Lienhard



Der Mond schien helle auf die Premiere zum Saisonstart des Theater Basel im Amphitheater von Augst. iPhone-Photo: foto@jplienhard.ch © 2016

«Der Dreikönigstag oder Was ihr wollt» von Shakespeare hatte die römischen Zuschauerstufen als Spielort, während das Publikum auf gepolsterten Gradinplätzen sitzen und alles verstehen und sehen konnte. Ein schöner Abend unter dem Halbmond… Für mehr hier klicken:

Zugegeben, Freilichtaufführungen sind mir ein Greuel. Stets fallen sie ins Wasser, oder es beginnt zumindest während der Premiere zu Schiffen. Ganz und gar nicht zu sprechen von den Sitzgelegenheiten, die entweder auf schmalen Plastikstühlen oder auf Steintreppen - im schlimmsten Fall auf feuchtem Grasboden - vorhanden sind. Und nach Sonnenuntergang weicht die Hitze einer fiesen Kälte, die die nackten Beine und dann das ärmellose T-Shirt hochkriecht und jeden Genuss buchstäblich erzittern lässt. Oder man muss einen unnummerierten Platz so weit vom Geschehen einnehmen, dass man weder etwas deutlich sieht noch sowieso irgendwas Gesprochenes versteht. Da kann dann auch der Vollmond noch so leuchten, als ob er von der Regie eigens bestellt wäre.

Indessen - mal abgesehen vom wunderbaren Idealwetter - war die Premiere der Freilicht-Aufführung von Shakespeares Top-Komödie «Was ihr wollt» vom Samstag, 13. August 2016, im römischen Amphitheater in Augst - womit das Theater Basel seine Saison eröffnete - ein optischer und akustischer Genuss. Man sass nicht, wie ich befürchtete, auf den Steinstufen des Amphitheaters, von wo man sowieso von der untergehenden Abendsonne geblendet hätte werden müssen, sondern auf einem extra aufgebauten Gradin. Da lagen sogar auf jedem Sitzplatz Sitzpolster, und von jedem Platz aus war nicht nur die Akustik ausgezeichnet, weil unsichtbar verstärkt durch Lautsprecher, sondern die Handlungen verteilten sich bis weit hoch hinaus zru den früheren «Paradies-Rängen» des römischen Plebs. Natürlich unter Einbezug der zuoberst hochaufgeschossenen Föhren, die von der Lichtregie allmählich und mit dem Fortschreiten des Einnachtens in eine zauberhafte Stimmung verwandelt wurden. Und tatsächlich leuchtete auch der Halbmond in die Arena, als sei er von der Regie eigens bestellt gewesen.



Die Lichtregie schuf eine zauberhafte Stimmung. Leider via iPhone kann nur Gros-plan aufgenommen werden, aber am untern Bildrand sieht man gleichwohl noch die beiden «Luschtigs» bei einzweideutigem Einsamkeitsspiel. iPhone-Photo: foto@jplienhard.ch © 2016


So ein «umgekehrter» Spielort, also wo die Leute gewissermassen auf der Bühne sitzen und die Bühne die Zuschauerränge sind, ist sowohl eine Herausforderung für Regie und Bühnenbild wie auch eine enorme Gelegenheit für alle möglichen Einfälle. Und zudem ist das Geniale an den Stücken Shakespeare, dass sie gar kein Bühnenbild brauchen, oder bestenfalls ein Schild: «Hier steht ein Baum». Doch, was tun mit den etwa zehn Mitwirkenden, damit die nicht in der Arena verloren gehen, und damit auch das Paradies hoch oben einbezogen bleibt? Der Einfall des Bühnenbildes wirkte gleichsam grotesk, wie er auch ein bemerkenswerter Einfall ist: Von oben purzelte ein überdimensionales Luftkissen in Schottenmuster langsam herunter auf den Arenaplatz, wirklich langsam. Man wusste nie, hatte das Luftmonster Stummelbeinchen oder Stumpfhörner. Und irgendwann krochen dann die Schauspieler daraus hervor. Ein anderes Luftkissen-Monster kam von der Seite hereingkeucht und entliess wieder Schauspieler, diesmal die Gräfin Olivia - edel kostümiert als Trauernde (Barbara Horvath) - mit einem unendlich langen Schlepp, womit sie wiederum unendlich langsam die Ränge hoch hinauf zu den Föhren schritt.

Ja und dann die Fechtszenen - in den Augen des Fechtsportlers eher unbeholfen, aber im Stück ja ein trotteliger Zweikampf zweier Trottel - hatten ihren akrobatischen Reiz, weil sich da die Stufen runter und rauf purzeln liess, die Degen weit hinauf katapultiert werden konnten und an einer Stelle der Degen - gewollt oder unabsichtlich - in einem Steinspalt eingeklemmt wurde, so dass die beiden Gegner ihn mit vereinten Kräften gemeinsam herausziehen mussten, ehe der Kampf weitergehen konnte. Also eine durchaus vergnügliche Umsetzung in einer Riesenkulisse.

Szenenapplaus erhielt Lisa Stiegler, die als Viola den Cesario spielte, als sie wie ein Wiesel atemraubend schnell die steilen Stufen hinaufseckelte. Übrigens halbnackt, denn sie musste sich ja als Frau in einen Mann verkleiden und auf Szene von einem Frauen- in ein Männerkostüm wechseln. Dass sie dabei mit nackten Brüsten und in einer fleischfarbenen Unterhose auftrat, fand ich wegen der Unterhose peinlich, denn nackt ist schon lange kein Skandal mehr, aber halbnackt, peinlich… Nun, destotrotz hatte ihr Spiel grosse Qualitäten, zumal ihre Beweglichkeit, die nie falsche Männlichkeit darstellte, sondern derart darstellerisches Selbstbewusstsein ausdrückte, dass sie die Frau trotz der Männerrolle nicht verleugnete.

Steffen Höld als Malvolio, war eine grossartige Nummer als Ekel, zumal in seinem Outfit mit den gelben Strümpfen und den gekreuzten Strumpfbändern. Aber auch meine Nachbarin fragte sich, ob er ein Glausauge hat, oder ob das Auge zur Maske gehört. Auf jeden Fall lugte er so schröcklich aus der Wäsche, dass es - welch Widerspruch - ein wahrer Genuss zum Zuschauen war.



Der mit dem «Glasauge» endet schliesslich mit buchstäblich heruntergelassenen Hosen… iPhone-Photo: foto@jplienhard.ch © 2016


Sir Tobi Rülps (Florian von Manteuffel) und Sir Andrew Bleichenwang (Elias Eilinghoff) gaben ein komödiantisches Paar, teils mit gelungenen Slapsticks, teils mit noch etwas zu hysterisch statt komisch wirkenden Possen, aber geschickt improvisierend dort, wo die steinernen Kulissen ihre Tücken hatten. Witzig der Einfall kurz vor der Pause, als das in ihrem Liebeswerben abgewimmelte Duo sich - anstatt - hinsetzte (und wie in Fellinis Amarcord den Buben im Auto abgeguckt) sich rhythmisch unter ihrem Kilt zu schaffen machte, und zwar so lange, bis der Narr Feste (Myriam Schröder) auf die Szene trat und im zweideutigen Sinne und zum Gaudi des Publikums den beiden zuraunte: «Macht mal Pause!»… 

Slapstickig gings dann auch zu als man dem Haushofmeister den verdienten Streich spielte. So wie wir uns das in unserer Jugend mit dem Schulhausabwart auch leisteten - nur leider mit Misserfolg. Auf jeden Fall kam da wieder so etwas Shakespearisches ins Bühnenbild: Die drei Helden, diesmal angeführt von der listigen Kammerzofe Maria (Nicola Kirsch), trugen zwei Buchen-Äste herein, wohinter sie sich in diesem «Gebüsch» versteckten und mit Hochgenuss dem eitlen Malvolio zuschauten und zuhörten, wie er in die Falle trampelte, die ihm Maria mit einem gefälschten Liebesbrief seiner Arbeitgeberin stellte.

Irgendwie gings dann drunter und drüber, und am Schluss endete alles in Friede, Freude und Eierkuchen. Allerdings wild durcheinander und auch mal mit Küssen zwischen Männern, aber als echtes Happy-End.

Nur der genarrte Malvolio (mit dem Glasauge) stand als einziger mit heruntergelassenen Hosen da - im buchstäblichen Sinne. Und stieg so hinauf zu den Föhren, woherab er sich umdrehte und den Fluch über die glücklichen Paare unten auf der Szene schrie, dass es einem durch Mark und Bein ging. Denn sein Ruf des Genarrten zeugte nicht von Einsicht, aber wirkte in einer Weise, die irgendwie unheimlich bekannt tönte: «Ausrotten!»

Dann noch dies: Ich kam zum Premieren-Billett wie der Hund zum Tritt, weshalb ich mich nicht vorbereiten konnte, aber nun gleichwohl darüber schreiben musste. Denn ein ungeschriebenes Gesetz in Journalistenkreisen ist, dass man nur Gratis-Billette in Anspruch nimmt, wenn man auch die Arbeit des Berichtens oder gar der Kritik leistet. Also habe ich einiges nicht notieren können, da nicht ausgerüstet. Aber gut zugehört habe ich: Bei aller Bewunderung für die komödiantisch perfekten Slapsticks der Schauspieler, tauchten da im shakespearischen Text sogar auf Deutsch kurze Geistesblitze auf, die weit über dem Geschehen zünden. Und ja, auch was der Narr da zuweilen so sagte, hat genau die Wahrheit in sich, die sich nur Narren leisten können. Ergo: Wenn man schon gepolsterte Plätze angeboten bekommt, wenn schon der Mond im richtigen Moment erscheint, und wenn dann in den späteren Aufführungen alle Slapsticks tadellos eingeschliffen sind, sollte man sich gewisse Stellen im Text nicht entgehen lassen. Auch wenn die hier verwendete Übersetzung «aktualisiert» tönt. Erst dann hat man etwas erlebt, das dann auch so genannt nachhaltig wirken kann…

In weiteren Rollen: Herzog Orsino: Thiemo Strutzenberger. Sebastian, Violas Bruder: Max Rotbart. Antonio, Sebastians Freund, Musiker: Michael Wächter. Kostüme: Esther Bialas. Regie: Julia Hölscher. Bühne: Paul Zoller. Kostüme: Esther Bialas, Musik Arno Waschk. Dramaturgie: Sabrina Hofer.


Info

Weitere Aufführungen:

Dienstag, 16. August, 19.30 Uhr - Augusta Raurica
Donnerstag, 18. August, 19,30 Uhr - Augusta Raurica
Samstag, 24. September, 19.30 Uhr, Foyer Grosses Haus, Theater Basel

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

http://www.theater-basel.ch/Spielplan/Was-ihr-wollt/oO8UI2zR/Pv4Ya/



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