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Artikel vom 12.06.2016

Musik

Das 1. Frauen-Symphonieorchester im Dreiland - Les Elles Symphoniques

Warum denn jetzt auch noch ein Frauen-Symphonieorchester?

Ein banaler Zufall legte einen erstaunlichen Zustand offen

Von Jürg-Peter Lienhard



«Les Elles Symphoniques», das 1. Frauen-Symphonieorchester im Dreiland beim Gründungskonzert von 2014 in Wittenheim (Elsass). Foto zVg


Das wollte Valérie Seiler im Sommer 2014 einfach nicht in den Kopf. Dabei konnte sie sich auf ihre umfangreiche professionelle Adresskartei stützen: Als man die Dirigentin für ein ad-hoc-Sinfonieorchester während der Italienfestwochen im elsässischen «Bassin potassique» beauftragte, waren lediglich Musikerinnen für ein Engagement frei. Dieser Zufall liess sie nachdenklich stimmen: Werden Frauen weniger engagiert, fragte sie sich?



Valérie Seiler, die Gründerin und Dirigentin von «Les Elles Symphoniques» während eines Konzertes ihrer vielen «Schützlinge» aus verschiedenen musikalischen Fächern. © foto@jplienhard.ch 2016

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Wenngleich sie zunächst gar nicht an ein Frauenorchester aus der Sicht des Frauenthemas dachte, so wurde ihr schnell mal klar, dass tatsächlich Frauen in den Orchestern stets in der Minderheit sind. Mal abgesehen von basel sinfonietta, wo sie gut vertreten sind - auch im Basler Kammerorchester und im Basler Sinfonieorchester sind sie zahlreich -, doch in den weltstädtischen Orchestern, wie den «Wienern», wo gerade mal vier Musikerinnen unter fast 80 Männern sitzen, sind Frauen in krasser Minderheit. Und noch krasser ist der Frauenanteil bei den Dirigentinnen, die es zu internationaler Geltung gebracht haben. Denn die kann man an einer Hand abzählen, und es bleiben immer noch Finger übrig…

Der genannte Zufall brachte es an den Tag, auch wenn die Dirigentin nicht danach suchte: Es ist halt doch ein Geschlechter-Thema und ein Gleichstellungs-Problem, dass Männer eher als Musiker rekrutiert werden, statt Frauen.

Vielleicht ist es in Deutschland weniger krass, aber in den professionellen Orchestern in Frankreich sind die Frauen generell untervertreten. Beim Projekt-Orchester für die Italienfestwochen kam hinzu, dass die Dirigentin beim Budget der Reisekosten feststellen musste, dass viele der professionellen Musikerinnen zwar aus aller Herren (…) Länder stammten, aber viele von ihnen im Dreiland verstreut wohnen. Oder im Elsass leben, aber in den Basler Orchestern arbeiten, oder in Basel wohnen und im Sinfonieorchester von Mulhouse spielen.

Was lag daher für die Dirigentin Valérie Seiler näher, als dieses Orchester deutsch als 1. Frauen-Symphonieorchester im Dreiland und französisch «Le 1er Orchestre Symphonique des Femmes trinational» zu nennen und es mit dem poetischen Titel «Les Elles Symphoniques» zu versehen? Auf jeden Fall ist es ein komplettes Sinfonieorchester mit rund 45 Musikerinnen aus allen drei Teilen im Dreiland.

Nach zwei erfolgreichen Auftritten im Elsass und während der Italienfestwochen in Wittenheim, will dieses Orchester sich nun auch in der Schweiz hören lassen. Zunächst Anfang September in Basel und Ende Oktober in Liestal. Die mit dem Masterdiplom für Orchesterleitung an der Hochschule für Musik, der Musik Akademie Basel, ausgebildete Dirigentin Valérie Seiler ist Musikschul-Rektorin der Musikschule von Wittenheim, die mehreren Gemeinden dient, dirigiert zudem verschiedene klassische Formationen sowie das symphonische Blasorchester Vogésia Wittenheim mit 65 Musikern und leitet in Bubendorf, Kanton Baselland, den Musikverein MVB und dessen Jugendmusik-Orchester.

«Die ersten Auftritte in der Schweiz bieten uns ein ideales Sprungbrett für weitere Auftritte in der näheren und weiteren Regio dies- und jenseits der Grenzen», hofft Valérie Seiler. Sie hat ein Flair für das Aufspüren von Titeln, die in einen spannenden Mix von Klassik bis zur Moderne und auch zur klassischen Filmmusik passen. Allerdings will sie mit den fortschreitenden Aufführungen und der Erweiterung des Repertoires erreichen, dass das Orchester ein unverwechselbares Profil erhält. Denn die französische und die deutsche Musikwelt haben ihre Eigenarten. So wird in der deutschen viel mehr kategorisiert, sowieso mit den unsinnigen Bezeichnungen E-Musik (ernste) und U-Musik (unterhaltende), während die französische weniger Berührungsängste hat, um selbst Filmmusikkompositionen zusammen mit Klassik in Programme aufzunehmen. Tatsächlich bieten diese Musikerinnen aus den vielen Ländern im Dreiland eine wertvolle Anregung zum Austausch und zum Vergleich von Können und Kompositionen.

Das Programm des ersten Auftritts der «Les Elles Symphoniques» in der Schweiz ist aus dieser Perspektive zu verstehen, wie Valérie Seiler erklärte. Zunächst ist das Programm in Basel und Liestal den Frauen gewidmet: Frauen als Dirigentinnen, Frauen als Musikerinnen, Frauen als Komponistinnen aller Epochen, Frauen als Thema oder Inspirationsquelle von Dichtern und Komponisten, Frauen, die in die Geschichte eingingen und Frauen, als «Musen». Zu diesem breiten Themenfächer gehören daher eben auch Männer, Komponisten, die in diesem Kontext stehen: Claude Debussy mit «La damoiselle Elue» und Otto M. Schwarz mit der »descriptiven» Komposition «The Story of Anne Frank».

Hingegen sind Frauen als Komponistinnen zwar zahlreich, aber oft viel zu wenig gespielt, zumal selbst solche von hoher Qualität. Beispielsweise Emilie Mayer, deren «Faust»-Ouvertüre aus dem 19. Jahrhundert den Anfang des Konzertes machen wird, gefolgt von Cécile Chaminade mit einem Flötenkonzert, Germaine Tailleferre, die Gründerin der «Groupe des six», mit «Petite suite pour orchestre» und Ethel Smith, die gerne als «Souffragette» gilt, aber es doch verstanden hat, dass ihre Musik wahrgenommenen wird. Schliesslich gelang es Valérie Seiler, eine Schweizer Erstaufführung an Land zu ziehen, nämlich Hélène Blazys «Adagio pour cordes», welches sie für einen Dokumentarfilm über die Kunstmalerin Elisabeth Vigée-le-Brun komponiert hatte. Blazy, die in Paris lebt, versprach gar, extra deswegen nach Basel zu kommen. Vorausgesetzt, die Finanzierung der Aufführungen lässt sich meistern.

Und genau darum geht es auch, wenn man den eben erst gestarteten Vorstoss der «Les Elles Symphoniques» in die Schweiz betrachtet: Wie soll denn die Zukunft aussehen, wenn Frauen nicht nur bei Engagements, sondern auch noch beim Anstehen an Subventionen benachteiligt werden? Immerhin zeigt die Gründung der «Les Elles Symphoniques», dass da noch ein ganz grosses Potenzial brachliegt. Und vielleicht ist dies auch ein Anstoss, der weit über die Dreilandgrenzen hinaus reichen kann. Weil nun die Frauen Bogen und Taktstock selber in die Hand nehmen und den Männern in den verantwortlichen Gremien für Orchester-Rekrutierung buchstäblich den Marsch blasen wollen. Recht haben sie und schweigen sollen sie nicht - aber vermehrt spielen (und verdienen)…

Infos: www.les-elles-symphoniques.eu
Aufführungen:
in Basel • Sonntag, 4. September 2016, 17 Uhr
in Liestal • Sonntag, 30. Oktober 2016, 17 Uhr
Vorverkauf ab sofort bei ticketino.com und Bider & Tanner, Basel
Billette zu CHF 50, 38, 24 und 20 IV/Legi





Valérie Seiler hat stets auch einen direkten Draht zum Publikum, was vor allem dann zum Vorschein kommt, wenn sie sich zum Schluss des Konzertes mit einer Zugabe bedankt. © foto@jplienhard.ch 2016

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Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

http://les-elles-symphoniques.eu

https://ticketino.com/Default.aspx?id=163&eventid=55706

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