Artikel vom 30.01.2008

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J.-P. Lienhards Lupe

Fasnacht im Alltag

Eingeschnürte Blutzufuhr

Die Krawatte («auch ein bisschen Penisersatz») sammt aus Kroatien und ist nach Jahrhunderten einfach immer noch nicht abgehängt…

Von Jürg-Peter Lienhard



Gruppenbild mit Krawatten, dahinter die Stadtbasler Regierungsräte Gass (Buschiblau), Eymann (Eveyelettihetter), Morin (Rotgrünrot), Conti (Schweizerhalleblau) und Lewin (Gäggeligääl). Die beiden Regierungsfrauen sind nicht dabei, obwohl sie Hosen anhaben, aber eben keine Krawatte. Foto zVg: Staatskanzlei Basel-Stadt © 2008


Den meisten Modelexika zufolge schlug die eigentliche Geburtsstunde der Krawatte um 1660: Mit der Ankunft kroatischer Söldner in Frankreich. Zu ihrer Tracht gehörte die «Hravatska» - ein Stück langen weissen Stoffs, das in Form einer Rosette am Kragen befestigt war und dessen Enden lose über der Brust hingen, so wie bei den Herren auf obigem Bild, wo deutlich sichtbar wird, dass das graue Gremium in der Kaffeepause jeweils ausjasst, wer welche Farbe des Binders tragen darf!

Die Krawatte hat sowieso psychologisch gut erklärbare Hintergründe und sagt oft mehr über seinen Träger aus, als dieser von sich preisgeben will. Dass dieses komplett unnütze Ding heutzutage immer noch nicht mit Acht und Bann geschlagen worden ist, ist um so erstaunlicher, als es doch auch ganz gefährlich werden kann:

Der Münchner Psychologe und Outfit-Berater Stephan Lermer vermutet, «dass die Krawatte mal erfunden worden ist, um dem Mann, der durch sein Testosteron leicht in Rage gerät, die Blutzufuhr im Gehirn zu drosseln; denn mit freiem Hals kann er leicht in Wut geraten und richtig gefährlich werden. Aber die Krawatte schnürt ihn immer etwas ein, so wird seine Rage gezügelt sein. Das ist vielleicht die Hauptursache. Wenn Sie heute mal in der Sportschau oder so Männer ansehen, die extreme körperliche Leistungen vollbringen, dann sehen Sie immer diesen starken Blutfluss an den Halsadern. Und das ist mit Krawatte einfach nicht möglich.»

Wer am Vortrag der Alliance Française de Bâle vor vierzehn Tagen über das Silber des Louis Toutedesuite in Versailles gut aufgepasst hat, der weiss, dass das eingeschmolzene Edelmetall für die Franzosen matchentscheidend für die Schlacht bei Steenkerke war, wo den französischen Soldaten und ihren kroatischen Söldnern angeblich die Zeit fehlte, den just in Mode gekommenen kroatischen Halsschmuck ordentlich zu binden: Sie warfen das «Hravatska»-Tuch einfach ganz lässig um den Hals und steckten die Enden in ein Loch in der Jacke oder befestigten sie mit einer Nadel. So kam erstmals Individualität in die Krawattenmode.

Vielleicht wären diese frühen Schlipsindividualisten weniger leichtfertig gewesen, wenn sie geahnt hätten, wie heute so mancher Psychologe von einer Krawatte auf deren Träger schliesst:

Lermer: Nun, tiefenpsychologisch gesehen ist die Krawatte immer auch ein bisschen Penis-Ersatz. Denn sie leuchtet und hat eine ähnliche Form...

Ahaa…

«Ich glaub, ich käm mir ziemlich blöd vor, wenn ich in den Spiegel schauen müsste und ich hätt ne Krawatte um den Hals. Das wär gar nicht ich, das wär eine andere Person», Steve Jobs, genialer Innovator, Gründer von Apple und mehrfacher Milliardär in einem Interview zu seinem stets krawattenlosen Outfit.

Von Jürg-Peter Lienhard


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