Artikel vom 13.12.2007

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J.-P. Lienhards Lupe

In Erwartung des «Tsunami 08»

Die Claims sind abgesteckt, die Polizeistunde ausgehebelt, die Ladenöffnungszeiten bis Mitternacht verschoben - wems nicht passt, soll abhauen!

Von Jürg-Peter Lienhard



Weh dem, der da wohnt, schlafen will, selbst, wenn er sich einen Euro-08-Match an der Glotze angeguckt hat: Pissoirmeile Juni 08 in Basel.


Das Verb «Profitieren» hat Oberkrämer Malama an der Gewerbe-Orientierung zur regierungsrätlichen Verordnung betreffend Euo 08 unbekümmert unzählige Mal auf die Versammlung in der Messe am Mittwoch, 12. Dezember 2007, rieseln lassen: Ein Klondike soll die «08» für die Innenstadtgeschäfte und Beizen werden. Der Rubel soll ungehindert rollen dürfen - nicht «wie in Portugal» oder «in Deutschland»…

In Portugal machten Beizen und Geschäfte komplett dicht, als die Horden einfielen; in Deutschland besetzten Türkenbuden die Allmend vor den einheimischen Geschäften. Das alles soll in Basel nicht passieren: Der Gewerbe-Nationalrat und seine Mitstreiter - keiner ausser ihm sprach Baseldeutsch - haben der Regierung eine Verordnung diktiert, die wohl einzigartig in Europa, einzigartig für eine Europameisterschafts-Austragungsstätte sein dürfte und den anderen vom «Tsunami 08» anvisierten Orten in der Schweiz einen Schuss vor den Bug bedeutet: Basel machts, Basel machts vor, Basel machts am besten!

Fast einen Monat lang müssen die Bewohner des Stadtkerns sowie der sogenannten Fanmeile zwischen Bahnhof SBB und Badischem Bahnhof - also eine mehrere Kilometer lange Pissoirstrecke quer durch die ganze Stadt - solche «Details» aus der Verordnung 08 hinnehmen:

• Den Beizen wird der 24-Stunden-Betrieb erlaubt.
• In den unzähligen Budenbeizen darf gebechert, gegrölt und geprügelt werden bis 2 Uhr in der Frühe.
• «Beschallungen» sind von 14 Uhr bis Mitternacht ungedämpft erlaubt. Darunter ist zu vestehen Extremlärm aus Turbo-Lautsprechern von Rock- und Popbands und von den zahlreichen Gross-Leinwänden, unter anderen links und rechts an der Mittleren Brücke (!) und auf dem Münsterplatz.
• Die Ladenschlusszeiten sind ausgehebelt und gelten ebenfalls bis Mitternacht.
• Wer eine Bühne für Musikgruppen, eine Budenbeiz oder einen Giggernillis-Verkaufsstand auf Allmend errichten will, dem steht durch ein «vereinfachtes Verfahren» kein Hemmnis entgegen - ob das Projekt originell oder gar nötig ist, ist kein Kriterium.

Wunderbar auch das «Sauberkeitskonzept»: Etwa 200 blaue Container der «Stadtreinigung» sollen in der Stadt buchstäblich verankert werden. Wer bisher an einem lauen Sommerabend über den Barfüsserplatz spazierte, dem wurde deutlich gemacht, «wie unendlich weit» ein solcher Container entfernt sein kann, sogar wenn die Abfallverursacher gleich daneben hocken…

Wo aber scheissen, pissen und kotzen die Heerscharen bis Tagesanbruch? Die Antwort kam zaghaft, als ob man gar nicht daran gedacht hätte… In der Powerpoint-Projektion - natürlich: Powerpoint! - wurden zwei Fotos gezeigt: eines mit geschlossenen Baustellen-WCs, das andere mit Schiffwänden, also Kunststoffwände ohne Dach und Türe, wo die Biertrinker sich reihenweise dranstellen, um sich zu entleeren. Wo aber schifft ein stockkanonenvoller Fussballdepp hin, wenn er um 6 Uhr in der Frühe durch die Stadt zum Hotel torkelt. Und wenn er privat einlogiert ist, wohinein tut er dann kotzen?

Die Gewerbe-Orientierung zeigte, wer Basel in Wirklichkeit regiert: Das ungeschriebene Gesetz des Profits. Es machte eine Volksbefragung vollkommen überflüssig. Malama rechnete vor: Eine Million werden erwartet, davon sollten ziemlich genau die Hälfte über Nacht bleiben - die Wirte und Hotels, Buden und Geschäfte können sich den Profit schon jetzt ausdenken…

Das Wort fiel nur einmal, aber es fiel: Kultur! Schwammig im Zusammenhang, und es kam aus dem Mund eines Typen, dem man durchaus zutraut, dass er seine Walther zückt, wenn das Wort an ihn herangetragen wird! Er heisst sinnigerweise Weisshaupt (mit zwei «s»), gleicht mit seinem Funktionärskopf entfernt Brigadier Jeanmaire und ist wohl so etwas in der Suisse primitive, wo er herzukommen tönt: Der Mann fürs Grobe!

Und er gab auch gleich zu vestehen - sinngemäss, nicht wörtlich -, dass es Anwohnern unbenommen sei, dem Chaos zu entfliehen. Offenbar hielt er es eh für überflüssig, daran zu denken, was mit Leuten geschehen soll, die mit Fussball und seinen Deppen nichts am Hut und schon gar kein «Musikgehör» für 24-Stunden-Nacht-Unruhe haben. Die Euro-Flüchtlinge sollten sich an Basel Tourismus wenden, wo es vielleicht Rabatt für Ferien in den Schweizer Bergen, «Rabatt aber nur in der Schweiz», gebe…

Basel wird dieser bittere Kelch einer Massenveranstaltung mit seiner ungehemmten Profitorientierung nicht erspart bleiben. Die hochgelobten kulturellen Stätten Basels werden kaum etwas davon spüren, so sie denn überhaupt von den Mitläufern in Betracht gezogen werden, angesichts des Übermasses an schreiendem Unterhaltungsangebot. Profitieren werden einige wenige, die dann allerdings mächtig - allen voran die Uefa. Nicht jenen, denen vorgegaukelt wird, die Euro 08 sei «die» Chance für ihr Geschäft, für die Stadt oder so!

War doch mal ein Anlass in Portugal oder so? Wo war das schon wieder? Und was war in Deutschland? Sind SIE schon dorthin in die Ferien gefahren, weil Sie eine Fussballübertragung von dort gesehen haben? Wer spielte und wieviele Goools gab es?

Wie die eingangs erwähnten Beispiele «Portugal» und «Deutschland» ja von den Euro-08-Bonzen rückblickend beurteilt werden, muss jeder folgende Anlass noch einen Zacken zulegen, muss mit noch grösserer Kelle angerührt werden: Eine Gesellschaft, die den sogenannten Sport, den profitorientierten Sport (gibts einen anderen?), derart überhöht, ihm alles unterordnet, ist im Begriff sich selbst zu unterhöhlen.

Die Euro 08 in Basel gibt mit ihrer Profitstrategie ohne Rücksicht auf Verluste ein falsches Signal in Richtung emanzipierte Gesellschaft - das ist gar nicht angestrebt. Doch die Entwicklung ist aufgegleist und läuft auf eine Verblödung der Gesellschaft mit allgegenwärtigen Massenvergnügungen und Konsum hinaus!



Das am 21. Dezember 2007 bekanntgegebene Pissoir-Konzept sieht 1200 mobile WC und Urin-Zonen auf den Fan-Meilen vor - gewissermassen an jeder Strassenecke…

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Siehe polizeiliche Erfahrungen in Basel


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