Artikel vom 13.11.2007

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Reusdal räuspert sich

Die Schüsse in Finnland

Warum wundern wir uns über Massaker wie in Tuusula?

Von Mitch Reusdal



«Menschlichkeit ist überbewertet», heisst es auf dem T-Shirt des Amokläufers. (Bild: youtube.com)


Ein 18-Jähriger hat in einer Schule in Tuusula in Finnland acht Menschen erschossen. Daraufhin richtete er die Waffe gegen sich selbst und erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. In Finnland herrschen Entsetzen, Verzweiflung, Fassungslosigkeit über das Massaker. Das ist nachvollziehbar, aber man kann mit grosser Sicherheit davon ausgehen, das ein ähnliches Ereignis sich wiederholen wird, wo auch immer, so wie zuvor in Littleton und Erfurt geschehen.

Die Fassungslosigkeit bis in die helvetischen Zeitungsspalten ist trotzdem schwer zu verstehen. Worüber wundern wird uns eigentlich? Dass es geschehen ist? War es undenkbar? Doch wohl eher nicht. Warum sollte Finnland verschont bleiben?

Schusswaffen sind Mordinstrumente

Bei jedem solchen Ereignis sind wir eine zeitlang schockiert. Vielleicht denken wir, dass es zum Glück nicht bei uns geschehen ist und auch kaum soweit kommen kann. Die Blumen am Tatort verdorren, die Kerzen erlöschen. Dann tritt der normale Alltag wieder ein.

War es ausgeschlossen, undenkbar, unmöglich, dass ein solches Massaker geschehen konnte, wo es auch immer sei?

In Finnland ist es möglich, mit 15 Jahren eine Schusswaffe zu erwerben – ohne Waffenschein. Jede Schusswaffe ist ein potentielles Mordinstrument. Wo keine Waffe ist, wird auch nicht geschossen. Aber wo eine Waffe vorhanden ist, liegt nach den Gesetzen des Zufalls, der Wahrscheinlichkeit und der Statistik die Aussicht nahe, dass sie gebraucht wird, früher oder später. Denn dass Schusswaffen zum Schiessen bestimmt sind, liegt in ihrer Logik begründet.

Mord als Unterhaltung

Kommt hinzu: Der Mord ist das am meisten verbreitete Unterhaltungsthema am Fernsehen. Es ist schon ausgerechnet worden, wieviele Morde jeden Tag am Fernsehen ausgestrahlt werden. Päng! Der Gegner, der Feind, der Konkurrent, der Bösewicht liegt tot am Boden. Das ist auf dem Bildschirm inzwischen ein dermassen alltäglicher Vorgang, dass es niemandem mehr auffällt und niemand infolgedessen daran Anstoss nimmt.

Aber es soll mir niemand sagen, dass das Vorbild am Fernsehen, die tödliche Indoktrination des Mordens, um sich einen Vorteil zu verschaffen, nicht auf die Menschen abfärbt, die eine Schusswaffe erwerben, und sei es nur, um damit zu plagiieren. Früher oder später geht der Schuss los. Nicht so oft, aber wenn es der Fall ist, mit fürchterlichen Folgen.

Kommt ausserdem hinzu, dass der finnische Todesschütze seine Tat auf YouTube angekündigt hat. Das Format muss ja dazu reizen, mit der eigenen Tat öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, von sich reden zu machen. Es verleitet dazu, mit hoher Einschaltquote Rambo zu spielen. YouTube verspricht zwar, solche Gewaltandrohungen zu unterbinden, aber das geschieht meistens hinterher.

Auch das Handy, mit dem Filmaufnahmen von Prügeleien auf dem Schulhof gemacht werden, verleitet zu Gewalt, weil eine zynische Publizität damit verbunden ist.

Unumkehrbare Entwicklung

Die modernen technischen Errungenschaften lassen sich nicht verbieten, aber niemand denkt auch an so etwas. Bewahre! Wir sind tolerant, liberal, grosszügig. Verbote? Nur das nicht. Zu denken, dass sie Erfolg bringen würden, ist für die Verteidiger der freien Gesellschaft eine naive Illusion.

Wahr ist auch: Die Entwicklung hat sich längst selbständig gemacht. Sie ist unumkehrbar. Das ist das Entsetzliche. Wir haben uns längst daran gewöhnt.

Also machen wir weiter wie bisher. Und wundern uns und sind fassungslos, wenn die nächste Ungeheuerlichkeit eintritt.


Von Mitch Reusdal


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