Artikel vom 22.10.2007

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Elsass - Kultur

Mit Fotostrecke am Schluss

Politik und Gesang

Das war ein Erlebnis: Die Reise zum Apéro-Konzert nach Wesserling per Bahn am Sonntag, 21. Oktober 2007!

Von Jürg-Peter Lienhard



Wer sie dieses Jahr verpasst hat, auf den wartet nächstes Jahr eine Konzertreihe, die besser mit dem Fahrplan-Takt abgtestimmt ist. Dank webjournal.ch! Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2007


War es das Datum des Wahlsonntags vom 21. Oktober 2007 in der Schweiz, war es mangelnde Imagination, oder sind es Vorurteile gegenüber einer unbekannten Nachbarschaft? Immerhin konnte sich doch ein wackeres «Fähnlein» von zehn «Aufrechten» dazu entschliessen, dem Aufruf von webjournal.ch zu folgen, per Bahn ans Frühschoppen-Konzert im Park von Wesserling mit anschliessendem Mittagessen und Besuch des Textilmuseums zu reisen.



Dann sind sie auch noch Frühaufsteher, diese unentwegten Musikliebhaber: Abstimmungssonntag hin oder her, sie waren um 8 Uhr am Treffpunkt Basel SNCF und voll dabei auf dieser Eisenbahnfahrt ans höchst anspruchsvolle Konzert in Wesserling.


Das Internet machte es möglich: Bereits um 14 Uhr standen die ersten Resultate für Basel-Stadt und Baselland bereit, aber noch waren die Teilnehmer des Frühschoppen-Konzertes in einem der beiden Restaurants «Coté Jardin» (Gartenseite) und «La Clématite» (Die Waldrebe) zu Tisch, wenn auch bereits beim Dessert. Alle zehn Teilnehmer der webjournal.ch-Exkursion hatten bereits schriftlich gewählt, wie sie versicherten, und da sie sich eigentlich nur für die definitiven Resultate interessierten, konnten Wahl-Informationen bis zu den Abendnachrichten oder bis zur Tagesschau warten. So sind sie halt, die kultivierten Schweizer…

Immerhin hatten die zehn Teilnehmer auf ein ergiebiges Sonntagsvergnügen gesetzt und hatten damit einen «Sechser» gezogen - nicht im Lotto, aber in Sachen Erlebnis! Es begann schon am Treffpunkt Basel SNCF, wo die zahlenmässig ungerade Teilnehmerschaft (zehn plus Reisebegleitung) «Sigg-sagg-sugg» spielte, um den «Überzähligen» fürs Einzelbillett zu ermitteln. Denn es gab Gruppenbillette für jeweils fünf Personen. Sie dürfen einmal raten, wer der «Überzählige» war…

Schon Goethe…

Man könnte sich denken, dass so eine Fahrt von Basel nach Mulhouse, wo es umzusteigen galt, völlig langweilig sei. Doch an diesem Sonntagmorgen nach der Abfahrt um 8.18 Uhr lag in der Rhein-Ebene dieser seltsam melancholische Nebel, der über den Baumwipfeln beginnt und der bodennahen Sicht ein Licht spendiert, das ein unbekannter elsässischer Dichter so besang und Goethe begeisterte, weil er darin reimte: «…denn isch bigott die Zytt nit wyt, wo mer sich seit Adieu…»

Doch in Mulhouse war der Nebel verflogen - und verflogen auch der Hauch der Melancholie, denn da zeigte bereits die Sonne ihr mildes Herbstlächeln. Und da wartete auch schon der «Train-Omnibus», dessen Komfort einem Basler «Combino» in nichts nachsteht - sogar Velo-Haken gibt es. Nur Lärm macht er und stinken tut er, denn er ist mit einem Dieselmotor ausgestattet, weil die Bahnlinie nach Kruth, der Endstation im Sankt-Amarin-Tal, nicht elektrifiziert ist. Das soll aber spätestens im Jahr 2010 anders werden, wie mir der Pilot unseres Bummel-TGVs erzählte.

Mit dem Mann konnte ich nämlich ein paar Worte wechseln, denn er ist der Typ der kommunikativen Sorte: Schon beim Zusteigen begrüsste er die Passagiere gutgelaunt mit «Bonjour», und liess die gläserne Tür zum Führerstand demonstrativ offen. Als ich scheu wagte, einen Blick in den Führerstand zu werfen, forderte er mich ultimativ auf, zu ihm in die Kabine hereinzukommen: «Venez-donc!»

Hopper - nicht Matisse

Mit Sonnenschein zeigte sich die Landschaft nach Thann mit seinem Münster und dessen fein ziseliertem Turm des Basler Münster-Architekten Remigius Faesch dann auch viel fröhlicher, zumal die vorüberziehenden Wälder und die Rebberge am Rangen in den buntesten Farben miteinander wetteiferten.

Am Bahnhöflein von Wesserling ist momentan ein Schild «zu verkaufen» angebracht. Das Bahnhofbüffet von gegenüber ist jetzt Wohnhaus, und das WC-Häuslein dient nun als Velounterstand. Über einer Tür kann man noch «DAMES» entziffern, denn die Übermalung hat offensichtlich dem UV-Licht nicht standgehalten… Die langen Schatten und das intensive Licht der morgendlichen Herbstsonne liessen das Bahnhöflein erscheinen, als erwarte es demnächst Sergio Leone für ein Remaking seines Films «Spiel mir das Lied vom Tod». Doch die Stimmung war sonntäglich, friedlich schön und provozierte köstliche Sinneseindrücke: Edward Hopper, zum Beispiel - aber nicht Matisse…

Der Spaziergang durch eine Gasse mit seltsamen Hausfassaden, an denen man die «hochbegabten Hände» von Freizeitbastlern erkennen kann, die Überquerung eines mit Verkehrs- und Hinweisschildern bepflanzenten Kreisels - und schon war man in der Allee, die einen zum Fabrikareal des Parks von Wesserling führt. Es sind dicke Eichenstämme, die im Hochsommer bestimmt kühlende Schatten geben, und das Trottoir ist übersät mit Eicheln, die hier wohl liegenbleiben, weil sich die Wildsauen aus dem nahen Schlosswald vielleicht doch nicht bis hierher getrauen…

Das Theater in der Westentasche…

Der Ort des Konzertraumes ist üppig beschildert - nicht mal ein Blinder würde ihn verfehlen. Ist allerdings nötig, denn die zahlreichen grossen und weitläufigen Fabrikationsgebäude bilden ein riesiges Areal mit Ecken und Winkeln, Steigungen und Wegen und Strassen.

Der Konzertraum nennt sich «Théâtre de Poche» - Taschen-Theater, und ist doch aber fast so gross wie eine Turnhalle. Er ist Teil einer früheren Fabrikationshalle mit typischem Sheddach. Augenfällig sind die Einbauten, die aus der Halle einen Theater- und Konzertraum machen, aber gleichwohl den Raum nicht dominieren, sondern ihm seinen Charakter belassen. Ein Heizungs- und Lüftungsrohr an der Decke, neue Eingangs- und Notausgangs-Türen, eine mobil verstellbare Bühne - das genügte. Heizen dauert allerdings fast einen Tag und eine Nacht, am Konzert vom Vorabend sei es bitter kalt gewesen, denn die Veranstalter waren vom heftigen Kälteeinbruch überrascht worden.

Immerhin war am Sonntag dann die Temperatur innen so viel angenehmer als aussen. Doch als die beiden Musikerinnen auftraten, fröstelte es gleichwohl buchstäblich so manchen: Die beiden Damen trugen Abendkleider «oben ohne»…

Die Garderobe war schliesslich mitschuld, dass das Konzert ohne Störungen durch die vielen Zustpätkommenden vor sich ging: Ein «textiles Problem» am Kostüm einer der Mitwirkenden musste in letzter Minute gelöst werden, wodurch sichtbar wurde, wie man es gegenwärtig im Elsass mit der Pünktlichkeit nimmt: Wohl aus falsch verstandener französischer Nonchalance. Denn ein Zuhörer drehte sich unvermittelt um, als ich mich zu meinem Nachbar über die lässig langsam eintrudelnden Zuspätkommer mokierte, und er sagte leicht gereizt: «Ich bin kein Elsässer, aber ich war pünktlich hier…»

Verdienter enthusiastischer Applaus…

Die Darbietungen waren dafür schlicht schön, wunderbar vorgetragen mit erstaunlich viel Frische. Enthusiastisch darf man auch sagen, jugendlich-enthusiastisch, weil noch unberührt von selbstverständlicher Routine. Das bekamen die Interpretinnen denn auch beim Applaus zu spüren, der ebenso enthusiastisch anhaltend war.

Die Idee des organisierenden Arztes und Initianten der Wesserlinger Konzerte im Park, Didier Kleimfeld, im Anschluss einen Apéritif zu spendieren, ermöglichte einen wohltuenden Ausklang: Man konnte sich noch etwas auslassen über die Musik und die Darbietung und so den Anlass auch verinnerlichen.

Wildsau aus dem eigenen Wald…

Danach war Mittagessen angesagt. Es standen die beiden Restaurants im Park zur Auswahl: Das «Coté Jardin», zum Schlossgarten hin ausgerichtet und etwas nobler als das «La Clématite», das dafür auch preiswerter ist, aber nichtdestotrotz angenehm. Meine Begleitung und ich entschieden uns für das «La Clématite», was «die Waldrebe» heisst und von Zwillingsbrüdern geführt wird. Es gab Wild: Zur Vorspeise Wild-Terrine mit feinen Rübensalaten, als Hauptgang Wildsau-Cotelette aus der eigenen Jagd, Spätzle, Rotkraut, Rosenkohl, und zum Dessert warme, selbstverständlich hausgemachte Zwetschgenwähe mit den Früchten aus dem Obstgarten des Schlosses. Mit einem Augenzwinkern gabs ein Ballon-Glas voll «Eau-de-Vie-de-Prunes», dessen erster Schluck mir das Augenwasser durch die Nase fluten liess…

Auf dem Rückweg nach Basel erlebten wir, wohin es die Jugend des Tales an einem Sonntag-Nachmittag zieht, denn der «Train-Omnibus» wurde zusehends voller, je näher wir Mülhausen zu fuhren. In diesem Dieselzug schloss der Kondukteur den Führerstand aber von aussen ab…

Ja, dann hatte der Zug von Strassburg nach Basel in Mülhausen 20 Minuten Verspätung. Dabei lernte ich das Verb «désservier» kennen. Ein ziemlich zurückhaltender junger Mann, offenbar ein gelehrter, erläuterte mir peinlich korrekt, dass «train dessert» nichts mit Dessert im Zug zu tun hat, sondern «dessert vient du verbe désservir»…

Wir kamen gerade rechtzeitig in Basel an, um zuhause auf Radio DRS die ersten zuverlässigen Trendmeldungen aus den Kantonen zu hören. Es kam so heraus, wie ich es erwartet, aber nicht erhofft hatte. Die Reise zum Konzert hatte mich dafür um so mehr entschädigt…


Fotostrecke fotografiert von J.-P. Lienhard, Basel © 2007




Der Lokiführer mit den langen Haaren ist auch der kommunikativste - lässt die Türe zum Führerstand im «Train Omnibus» sperrangelweit offen, damit solche Passagiere wie ich ihren früheren Bubentraum nochmals träumen dürfen. Er hat seinen Wunschtraum zum Beruf gemacht, ist aber inzwischen nicht mehr ganz glücklich damit: Es gibt allem Anschein nach handfeste Gründe, warum die französischen Bähnler zu Streikmitteln greifen…




Sowas Spektakuläres kann man unterwegs nur im Zug ausgiebig angaffen - auf der Autobahn ist es sowieso fraglich, ob man es zu Gesicht bekommen hätte: Heissluftballon mit den elsässischen Trachten-Symbolen bei Thann.




Velofahren beginnt im Elsass wieder «in» zu werden. Aus gesundheitlichen Gründen auch, aber vor allem, weil die Auto-Nation Frankreich den Strassenverkehr derart sträflich fördert, dass Stauungen und Luftverschmutzung zu einem ernsten Problem geworden sind! Wer Zug fährt und das Velo benützt, ist dort im Vorteil, wo es Eisenbahn gibt - das ist im Sankt-Amarin-Tal der Fall.




Die Train-Omnibus der SNCF können es locker mit den Combinos der BVB in Basel aufnehmen, was Komfort und Service angeht!




Der Velounterstand im Toiletten-Häuschen ist werktags stark belegt. Die Wektätigen fahren von zu Hause mit dem Velo zum Bahnhof und von dort an ihren Arbeitsplatz in Mulhouse - einige sogar bis Basel! Die Velounterstände sind abgeschlossen; man kann sie nur mit einem persönlichen «Badge» öffnen. Der ist zwar gratis, aber wegen des Papierkrieges und wegen des Depots nur für längere Ferienaufenthalte zu empfehlen.




Abends nehmen sie das Bahnhöflein von Wesserling herein - damit es nicht gestohlen wird…




Der Park von Wesserling ist nur einen Steinwurf vom ehemaligen Bahnhof-Büffet entfernt, das heute jedoch Wohnhaus ist.




Wesserling am Fuss der Vogesen bietet eine Vielzahl von beschilderten Wanderwegen jeglichen Schweregrades. Nicht alle, aber viele davon, habe ich schon bewältigt…




So schauts aus: Bahnsteig in Wesserling mit wundervollem Blick Richtung Kruth am Vogesenfuss, der Terminus-Station im Thur-Tal.




Sieht fast aus wie in Texas - nur war ich dort nie! Von welcher Seite auch immer man kommen mag - in Wesserling findet man immer den Weg zum Park!




Orientierungsplan am Anfang der Eichen-Allee, die zum Park von Wesserling führt: Hier sind nur die Gebäude abgebildet - Gärten und Wald haben darauf keinen Platz gehabt - trotz doppeltem Weltformat…




Die Halle mit dem «Théâtre de Poche» worin die Konzertreihe 2007 stattfand.





Fast 80 Personen bemühten sich um 11 Uhr zum «Concert Rencontre Apéritif» am Sonntag, 21. Oktober 2007, ins «Théâtre de Poche» - eine ganz ansehnliche Anzahl Musikliebhaber, wenn man bedenkt, dass das Dargebotene recht anspruchsvoll war!




Kunst und Musik - das Traumpaar der Kultivierten: Perfekt arrangierte Kunst von Pascale Faure, Variationen klassischer textiler Motive, in gestalteter Hängung arrangiert, gab dem Konzertraum eine wunderbar zur Musik abgestimmte Note.




Für Frauen mache ich viel. Für schöne Frauen sogar einen Umweg. Für schöne Frauen, die auch noch besonderes Können bieten, sind sie mir gar eine Reise wert. Und das tat ich denn auch!



Das war das Concert Rencontre Apéritif

Die Solistinnen:

• Sophie Boyer, Sopran
• Aliessa Zoubritski, Klavier



Die Werke:

• Debussy
Nuit d'étoiles
Beau soir
romance: Voici que le printemps


• Fauré
Au bord de l'eau
Ici-bas!
Le papillon et la fleur
Après un rêve
Clair de lune
Fleur jetée


• Bellini
Allmen se non poss'io
Per pietà


• Rodrigo
Con que la lavaré
De los alamos vengo, madre!


• Tschaikowsky
A la fenêtre, le soir…
Berceuse
Si vite oublié…


Von Jürg-Peter Lienhard

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