Artikel vom 03.10.2007

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Reusdal räuspert sich

Die Stunde der Maulhelden

Aber die Rechthaber haben nicht recht

Von Mitch Reusdal



Sprechblasen blasen Worthülsen zu Luft-Ballonen auf: Wahlplakate der Wahlkampagne 2007. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2007


Es gibt zu viele Retter, die nur das Beste im Sinn haben und die Welt vor dem Schlimmsten bewahren wollen, zu viele Propagandisten, zu viele Schlangenfänger. Gerade jetzt in Zeiten, da in diesem Land National- und Ständeratswahlen anstehen.

Manchmal kommt man aus dem Wundern nicht heraus. «Manchmal» heisst täglich. An grossen Worten fehlt es selten. Was dahinter steckt, ist eine andere Frage. Sicher ist nur, dass die Widersprüche jedesmal etwas offenkundiger werden, wenn man anfängt zu kratzen. Und kratzen kann man nie genug. Manchmal muss man ein wenig nachhelfen, damit die Ungereimtheiten, Anmassungen, Übertreibungen, Hochstapeleien aufplatzen.



Die Werbung ist voll von Versprechen, die sie nicht hält. Nicht halten kann. Aber vielleicht gar nicht halten will, weil sie nur die Begleitmusik macht zu einer Wirklichkeit, die längst über alle Berge ist. Was wir in der Ferne noch hören, ist nur das Echo einer verlorenen Melodie.



Die anderen Versprechen (Zusagen, Sprechfehler) kommen von den Politikern. Es gilt das gebrochene Wort von gestern – so könnte man den grassierenden rhetorischen Stil zusammenfassen. Entweder vertrauen die Politiker auf das kurze Gedächtnis oder sie glauben tatsächlich, was sie sagen, auch wenn es ihnen nicht einfällt, ihre Rede mit der Realität zu messen. Alles ist relativ. Das gilt nirgends so sehr wie hier.



Die Kehrseite der Behauptungen

In den National- und Ständeratswahlen, die wir gerade zelebriert bekommen, verstieg sich ein Politiker dazu, seiner Überzeugung Ausdruck zu geben, dass nur eine blühende Wirtschaft in der Lage sei, die Sozialwerke zu sichern. So hört man es gern. Aber ein Blick in die Medien belehrt den interessierten Zeitgenossen und die aufmerksame Leserin schnell eines Besseren.



Wie man sich noch gut erinnert, lamentiert die Wirtschaft bei jeder Gelegenheit gern, dass die Lohnnebenkosten eine Belastung für sie sind. Das Rentenalter soll heraufgesetzt werden (denn offenbar sind 65-jährige Menschen in der Wirtschaft heftig gesucht, und Arbeit gibt es bei den Arbeitslosen mehr als genug). Die Renten sollen gekürzt werden, damit der Zinssatz auf den Vorsorge-Guthaben gesenkt werden kann und die Finanzindustrie zu billigem Geld kommt. Und so weiter. Jeden Tag.



Manchmal, also bei jeder Gelegenheit, könnte man fast glauben, dass es der Wirtschaft am besten gehen würde, wenn sie keine Löhne bezahlen müsste und die Soziallasten ihr erspart blieben. Soll doch der Staat für die Löhne aufkommen...



Machen wir uns nix vor

Was glauben Sie? Ist das eine gute Idee? Davon sind wir gar nicht so weit entfernt, wie es aussieht. Das Überraschende ist das Wahrscheinliche. Machen wir uns nix vor. Der Kanton Obwalden, bekannt für Steuerminimisierung für Reiche und Unternehmen, senkt schon wieder die Unternehmenssteuer. Einer dieser Kantone Appenzell, von denen man nicht weiss, ob es der äussere oder der innere ist, hatte beschlossen, ihm zuvorzukommen und sie noch tiefer zu senken. Das konnte sich der obere Waldkanton nicht bieten lassen. Er sah sich infolgedessen zu einer weiteren Steuerrunde genötigt, um die «Pole-position» zu halten. Bis der eine der beiden Appenzell selbst wieder an die Spitze drängt.



Das ist weniger abwegig, als es aussieht. Vielleicht werde die Unternehmenssteuer sowieso eines Tages ganz abgeschafft, meinte der Obwaldner Finanzdirektor. Da wird der Kanton aber seine Augen reiben... Mit welchen Argumenten will er dann neue Unternehmen ansiedeln? Einmal beisst sich die Katze in der Schwanz. Dann ist Sense. Die Unternehmer geben die durch die reduzierten Steuern verbesserten Gewinne zwar an die Shareholder weiter, aber diese bezahlen dann ein Mehrfaches für die Dinge des täglichen Bedarfs, weil die Mehrwertsteuer, im Sinn des Freisinns, die Steuergrundlage der Zukunft bilden soll. Dafür bleibt ihr Kapital wenigstens steuerfrei. Wer jedoch kein Kapital besitzt und keine Kapitalgewinne macht, ist dumm dran.



Parolen und Gegenparolen

Es ist Wahlzeit. Das merkt man an der tief stapelnden Dummheit der politischen Parolen, die wie Prügel auf die Passanten niederprasseln.



Wer das Land vor einem rot-grünen Erdbeben retten will, soll Blocher stärken und SVP wählen. Wer tiefere Preise will, soll Doris Leuthard unterstützen und daher CVP wählen. Behauptet diese Partei keck. Man kann den Satz aber vom Kopf auf die Füsse stellen. Dann sieht die Welt anders aus: Wer seinen Lohn gesenkt bekommen will, der oder die muss unbedingt CVP wählen. Denn mit tieferen Preisen kann man keine höheren Löhne bezahlen, und die Folgen werden nicht ausbleiben.



Und so fort. Das Staunen hört nicht auf. Es geht weiter und weiter. Jeden Tag ein Stück mehr.

Die SP will die SVP aus dem Bundesrat kippen. Und die SVP am liebsten die SP. Hin und her. In majestätischer Selbstherrlichkeit. Blocher-Plakate werden mit Anti-Nazi-Parolen vollgeschmiert, die SVP-Kommandozentrale warnt vor dem Untergang der Schweiz, wenn Rot-Grün zuviel Macht in Bundesbern bekommen sollte.



Mag sein, dass das ein Teil des Propagandastils in der Kampfzone ist. Feste druff. Das kann nie schaden. Aber die Auseinandersetzung ist im Begriff, Formen anzunehmen, die an Gehässigkeit und an Schwachsinn nicht zu überbieten sind. Das ist keine politische Auseinandersetzung mehr, auch keine harte, dass die Fetzen fliegen - sondern plumpe Anpöbelei.

Soviel Bern gibt es nicht

Im Augenblick möchten etwa 500 Männer und Frauen den Kanton Basel-Stadt in Bern vertreten. Das grenzt an Hochstapelei. So viel Bern gibt es gar nicht.



Albrecht oder Fetz? Bitte sagen Sie mir: Wo liegt der Unterschied? Woher kommt also die Aufregung? Politik ist auswechselbar. Und ganz bestimmt nichtssagend. «Ab durch die Mitte», wie eine Jung-Partei plakatiert, was ist damit gemeint? Ja, vielleicht: Ab durch die Mitte, so schnell wie möglich.



Der verbreitete Verbaltonfall geht einem langsam auf den Wecker, aber er liegt durchaus in der Luft. Der Zeiger steht auf Sturm. Es riecht nach Bürgerkrieg. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Es gibt nur noch Rechthaber auf dieser Welt, die sich als Retter der Welt anbieten. Etwas anderes als die eigene Meinung kommt nicht in Frage. Dabei liegt die Wahrheit nicht einmal in der Mitte, die längst ausgedünnt und wie die Nordwest-Passage weggeschmolzen ist. Sie hat sich aus dem Staub gemacht. Vielleicht in einer anderen Galaxie.



Wenn ich die Wahrheit wäre, hätte ich mich ebenfalls längst verzogen. In diesem kakophonischen Kreischkonzert ist jede Rede, jeder Gedanke, jedes Argument zum Verstummen, zum Schweigen verurteilt.

Von Mitch Reusdal


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