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Artikel vom 02.04.2021

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Elsass - Kultur - Artikel vom 18.9.2007

Mit Foto-Reportage

13. Patchwork-Festival: Das Résumé in Bildern

Starke Beteiligung von Schweizer Liebhabern an diesem Festival von Quilt-Kunst und -Kunsthandwerk in Sainte-Marie-aux-Mines (Oberelsass)

Von Jürg-Peter Lienhard



Gegensätzliche «Bebilderung» in der Sonderschau des diesjährigen Gastlandes Spanien in der katholischen Kirche «Eglise de la Madeleine»: Alle drei Konfessionen des Ortes, katholische, lutherianisch-deutsche und französisch-protestantische, stellten ihre Kirchen als Ausstellungsorte zur Verfügung. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2007


Auf einer Weltkarte konnten sich die rund 16‘000 Teilnehmer am 13. Patchwork-Festival vom Donnerstag 13. September bis Sonntag, 16. September 2007, in der elsässischen Vogesen-Kapitale des «Fadens» mit einer farbigen Stecknadel markieren, woher sie kommen: Sie kamen aus der ganzen Welt, mitunter von den Antipoden, aber aus jedem Kontinent. Nur von Basel kamen sie nur tröpfchenweise, denn die Basler Zeitung informiert nicht mehr, was ihre Leser an Interessantem aus dem Elsass erleben könnten…



Auch das 1905 in Deutscher Zeit erbaute Stadttheater war einer der gediegenen Ausstellungs- und Vortragsorte: Alle acht Ausstellungsorte boten jeweils besondere Stimmungen.


Man stelle sich das vor: Ein ganzer Bus voller Walliserinnen aus Brig und gar aus Goms, nahmen die mehrstündige Carfahrt auf sich, um nach Sainte-Marie-aux-Mines, auf Deutsch Markirch geheissen und in Basel mit der Markircherstrasse geehrt, zum europäischen Treffen der Freunde und Freundinnen von textiler Kunst zu reisen. Ich sah Autoschilder von Appenzell-Innerrhoden, selbstverständlich auch von Sankt-Gallen, der grossen Schweizer Textilmetropole mit engen Beziehungen zum Elsass, einen Bus von Kuoni mit Nidwaldner Kennzeichen - die Basler und Baselbieter Autoschilder sah ich nicht, obwohl Sainte-Marie-aux-Mines nur 110 Kilometer vom Rheinknie entfernt ist und eine bezaubernde Anfahrt über den Vogesenpass «Col de Ribeauvillé» vom Vorzeigeort des elsässischen Tourismus Ribeauvillé aus bietet.

Interessant zu bemerken war auch, dass die elsässischen Autoschilder in der Minderheit waren; französische Kennzeichen aus praktisch allen Departementen Frankreichs waren in der Überzahl. Enorm stark war auch die Beteiligung Deutscher Patchwork-Amateure; es gab sogar einen Stand mit Büchern in Deutscher Sprache zum Thema Patchwork. Weil die Carparkings über die vier Gemeinden, die am Festival teilnahmen, verstreut waren, sah ich nur den am nächsten von meinem Aufenthaltsort gelegenen Parkplatz, wo 16 Cars aus Holland, England, Frankreich, Österreich, Deutschland, Italien, Spanien, der Schweiz und natürlich aus Innerfrankreich abgestellt waren.



Kuoni-Reisecar aus der «Suisse primitive», wie die Innerschweiz französisch korrekt heisst, aus dem Ur-Kanton Nidwalden, vor der Eglise de la Madeleine: Ein ganz schönes Wegstück Reise, wie sie nur engagierte Patchworkerinnen auf sich zu nehmen gewillt sind!


Wer den Anlass nur gerade ein paar Stunden oder einen Tag besuchte, dem darf die gute Organisation sicher aufgefallen sein. Doch wer alle vier Tage herumstreunte, der sollte doch da und dort Mängel bemerken. Das war aber nicht der Fall, schon gar nicht am besucherstärksten Tag, dem Samstag, 15. September 2007, wo die mittelalterlichen Gassen und Gässchen beinahe schwarz vor Leuten, die Ausstellungen dicht belagert waren.

Irgendwie naheliegend ist, dass Patchwork hauptsächlich von Frauen betrieben wird, doch vor allem unter den Künstlern sind auch Männer vertreten, wie der dänische Textilkünstler Steen Hougs, der mit seiner Partnerin Inge Mardal eine stark beachtete Sonderschau bestritt. Gleichwohl dürfte das männliche Publikum zahlenmässig kaum einen Fünftel der Besucher ausgemacht haben. Die Luft in Sainte-Marie-aux-Mines schwirrte voller Weiblichkeit; als Mann fühlte man sich so wohl in dieser Frauengesellschaft, wie der besagte Hahn im Korb.




Patchwork-Techniker, der es bei den Stechmuster-Vorlagen ganz genau wissen will. Doch industrieller Patchwork ist für wahrhaftige Amateure tabu.


Denn dieses stark weiblich dominierte Publikum vermittelte eine Atmosphäre, die schwer zu beschreiben ist, aber sehr deutlich ganz entspannt und sehr, sehr friedlich ablief. Kein Drängeln, keine Hektik oder Aggessivität, sondern ein stets sicht- und fühlbar und für unsere Zeit beinahe fremd wirkende Konzentrationsbereitschaft: Da wurde genau hingeguckt, manchmal von ganz nah, und immer auch mit der Digitalkamera festhaltend, was offenbar neu oder bemerkenswert war. Immer wieder konnte man spontane «Symposien» von Besucherinnen-Gruppen erleben, wo offenbar erfahrene Pachtworkerinnen das Entdeckte kommentierten und diskutierten. Diese Gruppen und Grüppchen von hochinteressierten Frauen unterschieden sich komplett von touristischen Grossanlässen: Kreativität, Aesthetik und Konzentration, nebst sorgsam gepflegter Musik- und Lärmlosigkeit - diese einzeln nicht messbaren Elemente ergaben eine Stimmung, die in der Gesamtheit eben einzigartig ist!




Ein Bild des Friedens und der entspannten Ruhe: Die Theatertreppe ist stets auch Treffpunkt und Platz der Erholung von der üppigen Bilderflut.


Augenfällig wirkte auch die Gestaltung der Sonderschauen, die durchaus (fast) mit jener einer Muba oder «Art» in Basel mithalten konnten: ausstellungsgerechte Platzierung der Werke, hervorragend beleuchtet auf sauberen Ausstellungsflächen und diskret, aber stets konsequent beschildert. Überall einen professionellen Eindruck hinterlassend, nirgends Biertisch-Stände und hässlich leere Stellwände, die mit Tourismusplakaten vollgepappt sind, wie man das von den «Salons» im Südelsass kennt!

Sainte-Marie-aux-Mines hat seinen Namen aus der Silber- und Kobalt-Bergwerksperiode, die vom frühen Mittelalter bis zum Zweiten Weltkrieg dauerte. Das Städtchen mit heute um etwas mehr als 5000 Einwohner war schon vor der französischen Revolution der Textilort im Elsass, wo bis zur Gegenwart Textilien allererster Qualität und in grösser Diversität hergestellt wurden. Damals hatte der Ort über 15‘000 Einwohner, mehr als das noch nicht durch die Revolution erweckte Mülhausen, dessen Übername später «Manchester des Festlandes» wurde.




Das verrostete Warnschild am Ausgang dieser stillgelegten Textilfabrik ist gewissermassen ein Souvenir aus der gloriosen industriellen Vergangenheit des Tales…


Unter Textil versteht man in der Branche einen Sammelbegriff, der eine riesige Vielfalt an Techniken und Produkten bedeutet, im elsässischen Sprachgebrauch unter dem Stichwort «Faden» alles zusammenfasst, was eben angefangen von der Seiden-, Woll- und Baumwollverarbeitung zu Stoff, der Handel, die Maschinen, die Bräuche, die Gebäudeformen, die Wohnsituation, das gesellschaftliche Leben, der Reichtum und die Kultur unter ein Dach stellt. Das Dach des Oikos, griechisch für Haus und eingedeutscht ziemlich treffend in Ökonomie und Ökologie.

Dass dieser Ort in diesem doch etwas abgelegenen Vogesental, gebeutelt von der Textilkrise der siebziger und achtziger Jahre, durch die damit verbundene Abwanderung verarmt, sich zu einem europäischen Festivalort für Patchwork-Kunst und -Kunsthandwerk entwickeln konnte und seit dessen erster Abhaltung vor 13 Jahren jedes Jahr erfolgreicher abgewickelt wird, ist um so erstaunlicher und höchst bemerkenswert. (Siehe Artikel auf webjournal.ch; Direktlink am Ende dieser Reportage.)



Woher die Aussteller und Besucher kamen: Farbige Stecknadeln auf der Weltkarte markieren die Herkunft. Ich habe die extremsten rot eingekreist, weil die Stecknadelknöpfe bei der geringen Auflösung des Bildschirmes viel zu klein erscheinen.


Die Veranstalter können auf viele örtliche Vereine zählen, ohne deren Personal das Festival nicht denkbar wäre: Die tadellose Beschilderung, der Verkehrsdienst, der Quartierdienst, der Bus-Shuttle alle 20 Minuten für die Anfahrt an die acht Ausstellungsorte in den vier Gemeinden des Silbertales, die Massen-Verpflegung ganz im Stile der elsässischen Küche, das Wetter - pardon, dafür können die wackeren Vereinsleute nichts, aber es war wunderprächtig dieses Jahr! Vielleicht stellen sie nächstes Jahr an den Shuttle-Bushaltestellen Bänke auf, auch wenn die Busse alle 20 Minuten fahren, sind ältere Leute doch froh darum, sich kurz setzen zu können.

Eine Negativseite gibt es allerdings auch, auch wenn die Veranstalter nichts dafür können - oder doch? In diesem Tal gibt es offenar einige nicht ganz richtig belichtete Figuren, denen es darauf ankommt, das Renommée des Festivals zu beeinträchtigen: Das sind vor allem solche Vollidioten, die mit ihren getunten Autos in der 30-Kilometer-Zone mit laut dröhnenden Lautsprechern Jagd auf die Festivalbesucher machen! Desgleichen Halbstarke auf Zweitakt-Motorrädern mit abgeschraubtem Auspuff, denen es Spass macht, die Fussgänger mit Einrad-Artistik zu verscheuchen. Oder die noch strohdümmeren Autodeppen, die ausserhalb der Ortschaft ausländische und ortunskundige Automobilisten mit ungeduldigem Nahaufschliessen in gefährliche Bedrängnis bringen wollen - offenbar ein ziemlich verbreiteter Spass sogar bei alten Laferis! Da wäre eine polizeiliche Präsenz oder Restriktion nötig, auch wenn die Verkehrsregelung von den freiwilligen Helfern reibungslos gemeistert wird.


Das Festival im Bild

Fotoreportage: J.-P. Lienhard, Basel @ 2007


Sonderschauen
(willkürliche Auswahl)

Aegypten




Eglise Saint-Louis: Erhöhter Blick ins Kirchenschiff mit den ägyptischen Patchworks.




Prächtige Beispiele in leuchtendem Blau. Links hinten das Dächlein des Beichtstuhles…




Bildgeschichten in den Sandfarben der Wüste.




Und immer wieder: Innehalten, ausruhen, verdauen, was an Eindrücken so über einen hereingeprasselt ist.
.



Was man in Worten nicht beschreiben kann, muss man eben bildlich festhalten: Jedes Motiv wird Anlass geben für eine neue Schöpfung.




Zum Glück trennt den ägyptischen Tent-maker die Abschrankung zum (katholischen) Altar; der Mann würde wohl vom äusserst lernbegierigen Publikum schön in Bedrängnis… gedrückt…




Und immer wieder diese spontanen «Kolloquien» von Gruppen und Grüppchen hochmotivierter Patchworkerinnen.




Afghanistan




Patchwork der farblichen Sonderklasse, die wahrscheinlich am Bildschirm nicht an die reale Brillanz heranreicht.




«Femme Afghan» ist der Titel dieser Arbeit, die bildlich wie formatmässig die Dimensionen einer Flickendecke sprengt, denn sie ist ganz eindeutig ein Kunstwerk, das die Patchwork-Technik lediglich als Medium benutzt.




Die Fülle der Sujets im afghanischen Kunstwerk waren begehrte Fotomotive und erzeugten kreativste Auseinandersetzungen.




Spanien




Überblick von der Empore der Eglise de la Madeleine auf die spanische Sonderschau.




Hier wird sichtbar, dass da ganz junge Patchworkerinnen am Werk gewesen sind…




Gar nicht schlecht geraten, auch wenn die Vespa italienisch ist. Übrigens sieht man hier ganz gut die Struktur der Nähte.




Immerhin brachten die Spanierinnen auch traditionelle Patchwork mit.




Patchwork als Kunstform




Der dänische Textilkünstler Steen Hougs ist Tierbeobachter, und seine in Patchwork-Technik gearbeiteten Kunstwerke haben vor allem die Vogelwelt zum Gegenstand. Links Porträt-Patchwork des Künstlers, und in der Mitte sein mit seiner Partnerin Inge Mardal gemeinsam bestückter Stand von Kunst in Patchwork-Technik.




Inge Mardal und Steen Hougs meistbeachtetstes Patchwork-Motiv.




In diesem textilen Kunstwerk in Patchwork-Technik sieht man im blauen Himmel die typische Struktur der Stiche.




Immer genau hingeguckt. Allerdings können sich nicht alle Patchworkerinnen mit Patchwork als Medium der Kunst anfreunden. Für viele bleibt Patchwork ein kunsthandwerkliches Erzeugnis und soll es auch bleiben.




Wie aber dieses Beispiel zeigt, ist die Grenze zwischen Kunst und Kunsthandwerk fliessend - interessant sind die Resultate aber alleweil.




So wie dieses Kunstwerk hier…




…oder diese da…




…oder gar etwa das da, das im eigentlichen strengen Sinne, bereits keine Flicken-«Decke» mehr ist.




Textilkunst sind auch diese Mini-Patchworkes…




…oder die hier, die man sicher nicht als Bettüberwurf gebrauchen kann.




Wie schwierig die Grenzziehung ist, zeigt dieses «moderne» Beispiel, das doch eher traditionellem Patchwork entspricht.




Oder eben die «echten Klassiker», die einen schwindlig ob der Schönheit werden lassen. Dann findet man die akademischen Diskussionen völlig unerheblich…




Patchwork und Verwandtes in der Mode




Patchwork ist Textil und Textil heisst Bekleidung: Modenschau in Sainte-Croix-aux-Mines, einer der vier Patchwork-Gemeinden und einer der acht Ausstellungsorte. Hier ein Modell der Holländerin Anneke Copier.




Anneke Copier mit zwei ihrer Modelle beim Schlussapplaus.




Patchwork-Mode à la Anneke Copier.




Die französisch-russische Créatrice Elena Bessières zeigte russisch-französische Edel-Mode, ganz in der Tradition der engen kulturellen Beziehungen Frankreichs und Russlands, wie sie Alexandre Dumas père Mitte des 19. Jahrhunderts, in der Hochblüte der elsässischen Textilindustrie, in «Russlandreise» beschrieb.




Witziger Einfall der Dänin Iben Fredsøe, die ihre Kollektion so ankündigte: «Vergessen Sie die Mode, seien Sie originell!» Tatsächlich originell ist die wintertaugliche wollene Badekappe zum Sommerkleid. Oder handelt es sich hier um ein Doppelpack von Sommer- und Wintermode?




In Sainte-Croix-aux-Mines ging es um Mode, Patchwork-Mode. Und an diesem Stand geht es um Kopfbedeckungen - Hüte ist wohl zu viel gesagt…




«Patchwork-Mode» mit ganz mordernen Kunststofftextilien: Die Ponchos ähnlichen Überzieher sind nicht etwa Regenschutz, das zwar auch, sondern modisches Kleidungsstück für viele Gelegenheiten.




Reibungslose Organisation




Vernissage mit den offiziellen Gästen und Ausstellern im Stadttheater, kurz vor der Schlacht am kalten Büffet…




Wer nicht in einem der wenigen städtischen Restaurants essen wollte, konnte sich in der Zeltstadt verpflegen. Dort war alles perfekt organisiert. Immerhin hat man aus 13 Jahren so allerhand gelernt, was die Bewältigung des Publikumsaufmarsches ungemein erleichterte.




Es mag wie Kantinenverpflegung aussehen, aber es ist typisch elsässische Küche: Tourte à l‘Alsacienne beispielsweise oder Bäckeoffà (die Welschen könnens weder schreiben noch aussprechen, die Deutschen und Schweizer erst recht nicht…). Dass das obligate Glas Elsässer Weissen hier auf dem Bild fehlt, liegt aber schon ein bisschen am mangelnden didaktischen Verkaufstalent der Vereinsmitglieder…




Das Drum und Dran




Das ganze Städtchen im Zeichen von Patchwork: Die Papeterie und Buchhandlung bietet alles zum Thema.




Sogar das Schaufenster des Coiffeur-Salons macht auf Patchwork.




Die Taverne du Mineur - schon äusserlich «appetitlich» anzuschaun…




In Kirchen kennt man Hornochsen, Esel und Schafe. Neu ist eine Milchkuh… Sie illustriert in der Ausstellung von Quilt Amish, dem amischen Patchwork, das einfache Landleben der amischen Leute.




Das Plumpsklo der Lokal-Agentur der Dernières Nouvelles d‘Alsace über dem Landbach. Ich habe die Kollegin Anne Muller diskreterweise nicht gefragt, ob es noch in Betrieb ist - vermutlich nicht!




Die Dame rechts wird sich freuen, dass ich das Bild doch veröffentlichte, obwohl ich es ihr nicht versprechen wollte. Sie gehört zu einer vierköpfigen Gruppe, die sich den Ausflug nach Ste-Marie-aux-Mines mit selber gepatchworkten Rucksäcken verschönerte.




Da sieht man, wie reich Ste-Marie-aux-Mines mal war - dank dem «Faden» und der Silber- und Kobalt-Minen: Das 1902 erbaute Hallenbad war lange das einzige im Elsass. Leider haben gewisse Jugendstil-Elemente der Modernisierung vor kurzem nicht standgehalten.




Zu den Errungenschaften aus der gloriosen Textil-Zeit gehört auch das Theater - hier der Blick vom Seiten-Balkon auf die Bühne, eine typische Guckkasten-Bühne der Jahrhundertwende von 1905. Leider sind vor allem die Ränge ziemlich verlottert, und welche Art von Theater sich hier abspielt, mochte ich schon gar nicht fragen…




Panorama-Ansicht von Ste-Marie-aux-Mines - umgeben von dichtem Vogesen-Urwald. Foto: Office de tourisme.




Abendrot über Sainte-Marie-aux-Mines am Samstag, 15. September 2007, zirka 19.30 Uhr.




Nein, das ist kein Gemälde von Gottfried Keller, sondern eine Abendaufnahme der Villa Burrus in Sainte-Croix-aux-Mines - übrigens zu Zeiten Kellers erbaut. Gewesenen (!) «Parisienne»-Rauchern sagt der Name Burrus etwas. Die Burrus kamen aus dem Schweizer Jura, so wie die anderen Einwohner von Sainte-Croix-aux-Mines, das zu den drei «welschen» Enklaven im Elsass gehört, wo man zum Teil noch heute das typisch welsche «pâtois» spricht. Im Gegensatz zu Sainte-Marie-aux-Mines, wo sich die Bevölkerung aus französischen und mehr und mehr schwindend aus elsässischen und deutschen Sprachgruppen zusammensetzt. In der Villa Burrus nahm übrigends das Patchwork-Festival vor 14 Jahren seinen Anfang.




Kommerzielles




Das Thema Patchwork ist unerschöpflich. Die Literatur darüber auch.




Das Technische ist die Domäne der Männer. Nähmaschinen werden in unterschiedlichem Mass für Patchwork eingesetzt. Alle drei noch produzierende europäische (!) Nähmaschinenhersteller sind Sponsoren: Pfaff, Husqvarna und Bernina.




Industrieller Patchwork: Den Anfang machen wie stets Engländer… Immerhin unter sehr kritischer Beobachtung…




Von Nahem abgelichtete Steppmaschinen-Naht.




Nicht nur Stoffabfälle kommen für Patchwork zur Verwendung. In der kommerziellen Abteilung wird handbemalte Seide angeboten. (Ich habe mir lange, lange übelegt, was genau «dseda» hier heissen will, bis ich dann draufkam: Auf elsässisch spricht man Seide «Sedà» aus; mit weiblichem Artikel davor schreibt man aber in korrekter Orthographie: «d'Sedà»…) .




Früh übt sich: Fertig-Patches mit Tier- und Fantasiemotiven ziehen vor allem Kinder an - aber nicht nur. Die Stolperfalle heisst auch hier: Kitsch…




Die Technik der Handarbeit: Die linke Hand, hier unter dem Tuch, sticht die Nadel von unten durch das Vlies. Die rechte zieht die Nadel von oben hervor und befestigt das Stoffteil für das Motiv.




Diese Verkaufshalle gibt einen winzigen Einblick in den früheren Reichtum an Stoffen in schier unendlichen Varianten von Farben und Qualitäten. In Basel wurde schon in den siebziger Jahren im Warenhaus «Rheinbrücke» noch ein vergleichbares Angebot aufgehoben.




Die Köpfe des Festivals




Der Waadtländer Jacques Légeret aus Pully, Journalist und Buchautor zur amischen Kultur, organisierte 1993, zum 300. Jahrestag des Amischen-Schismas von Sainte-Marie-aux-Mines den Gedenkkongress der Amischen im Vogesenort. Seine kostbare Sammlung an Quilt Amish, amische Flickendecken, gab den Anstoss zum Patchwork-Festival im Jahr darauf.




Der Unterelsässer Historiker Eric Jacob entdeckte vor 14 Jahren das Potential des Patchwork, als die von Légeret organisierte Ausstellung am Mennoniten-Kongress unerwartet Zuspruch fand. Der kluge Kopf - Markenzeichen exquisite Designer-Hemden statt Kravatten-Uniform - wurde im Jahr 2003 nach Husseren-Wesserling berufen, um das dortige Textilmuseum aufzubauen und den Schlosspark zu animieren. Er ist aber weiterhin für das Patchwork-Festival in Ste-Marie-aux-Mines aktiv - schliesslich ist es sein geistiges Kind. Anekdote am Rand: Er erfand die Marke «Silbertal» (französisch «Val d‘Argent») vielleicht zu früh, wäre er weniger voreilig gewesen, hätte das Marketing-Genie wohl der Marke «Patchwork-Tal» den Vorzug gegeben, denn Patwork lebt in diesem Tal - Silber ist längst Geschichte…




Eric Jacob hat die operative Leitung an seinen früheren Mitarbeiter, den Italo-Franzosen Christofero Crupi, abgegeben. Crupi führt das Festival seit fünf Jahren und ist wesentlich dafür verantwortlich, dass es den stetig steigenden Besucherstrom reibungslos bewältigt. Er spricht Italienisch und Spanisch; es ist also leicht zu erraten, weshalb dieses Jahr Spanien das Gastland war…




Marie Lotz ist die Pressebeauftragte des Festivals. Sie fährt wie eine Henkerstochter durch die 30-er-Zone, aber die Dienste für Pressevertreter erledigt sie immerhin im gleichen Tempo…




Das Festival ist auch Praktikum für Studentinnen der Touristik. Sie sind vor den Sälen für die Billeterie zuständig - und für Fragen des Publikums. Ich bin noch jetzt angetan von ihrer Freundlichkeit und professioneller Hilfsbereitschaft. Sie sind die Ambassadorinnen des Festivals…



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Von Jürg-Peter Lienhard

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• Vorschau auf das 13. Patchwork-Festival und Hintergrund

• Weitere kreative Projekte, die ihren Anfang in St-Marie-aux-Mines nahmen


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