Artikel vom 18.09.2007

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Reusdal räuspert sich

Grosse Verwirrung

Was haben Sie davon, wenn Sie die Zeitung lesen und sich informieren?

Von Mitch Reusdal



Hinein, aber wie hinaus: Allenthalben Verwirrung allenorten.


Die Verwirrung nimmt jeden Tag ein Stück zu. Man sollte nicht zu viel wissen, um zufrieden zu leben. Aber wie müsste man es denn anstellen, um mit seiner Wut fertig zu werden?

Aufgestellte Zeitgenossen lesen die Zeitung und konsultieren die Medien, um auf der Höhe der Zeit zu sein. Sage ich immer. Nur fürchte ich, wenn es ernst wird, dass es vielleicht doch nicht stimmt. Vielleicht, wer weiss, stiftet es nur Konfusion, wenn man versucht, sich zu informieren.

Mehr Börse

Die Börse Schweiz ist vom zweiten auf den sechsten Platz heruntergerasselt. Jetzt möchten die Verantwortlichen sich wieder unter die ersten drei Börsenplätze der Welt einreihen, also entweder New York, London und Hongkong verdrängen von den Plätzen 1 bis 3. Und wie bitte soll das geschehen? Durch Steuersenkungen und dadurch, dass sich die Branche der Finanzindustrie selber reguliert.

Das ist doch nicht zum Sagen: Die Täter wollen sich selber beaufsichtigen. Das ist ungefähr so, wie wenn die gedopten Velorennfahrer sagen würden: Wir erledigen die Kontrollen schon selber, lasst uns nur machen. (Die Börse ist ja auch eine Art Doping für Spielsüchtige.) Was dabei herausgekommt, weiss man. Oder es ist, wie wenn die Cambrioleure sagen: Wir schauen selber, dass den Bestohlenen nichts wegkommt... (An dieser Stelle dürfen die Leser und Leserinnen innehalten und kurz lachen.)

Diese vor Selbstbewusstsein strotzende Unverfrorenheit ist wirklich superb. Begründet wird sie damit, dass es möglich würde, auf diese Weise 80‘000 neue Jobs in der Schweiz zu schaffen. Ja, ja, das kennen wir. Und dass viel Geld in die eigenen Taschen gesteckt werden kann. Auch das. Aber das sagt man nicht.

Mehr Bomben

Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren. So ungefähr schrieb der deutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing. Er ist zwar schon lange tot, aber seine Bemerkung ist immer noch zutreffend.

Die Russen haben... Das sagt man so. Weil es die Kommunikation vereinfacht. Gemeint sind die Machtkartelle in Russland oder die neue Nomenklatura oder, genauer gesagt, die Lage auf dem internationalen Waffen- und Sicherheitsmarkt. Denn die politischen Führer reagieren laufend auf die Reaktionen der anderen und nennen es Verantwortung oder Friedenssicherung und so weiter.

Also, die Russen haben, angeblich ohne den Rüstungswettlauf anheizen zu wollen, eine neue Bombe mit vielen tollen Eigenschaften ausprobiert. Die Zerstörungskraft kommt einer A-Bombe gleich, zerstört werden durch enorme Druckwellen Menschen und Gebäude, aber ohne radioaktive Nachteile.

Was für ein Fortschritt! Was für ein Segen! Was für ein Gewinn! Die Welt wird zerstört, aber nicht vernichtet. Oder vernichtet, aber nicht zerstört. Was kein grosser Unterschied ist. Wenn die Amis ihre Neutronenbombe haben – warum sollen die Russkis nicht ihre Druckluftbombe entwickeln. Es muss doch, wenn schon, wenigstens eine Symmetrie der Destruktion geben. Wenn tot, dann alle gleich tot, und auf die gleiche Weise. Reine Zerstörung, clean, effizient, total. Und erst noch ohne negative Folgen (für Natur, Umwelt, Städte; auch die Nahrungsmittel können an die Überlebenden, die den Schaden heil überlebt haben, bedenkenlos abgegeben werden).

Der Zynismus nimmt heute triumphale Formen an, die einem die Haare zu Berg stehen lassen. Weil er sich so sachlich, so vernünftig gibt und jeden Zweifel an seinen schlechten Absichten aus dem Weg räumt.

Mehr Anwälte für mehr schlechte Schüler

In einer Zeitung, die «20 Minuten» heisst, aber in weniger als sechs bis acht Minuten gelesen ist, habe ich zu meinem Erstaunen eine erhellende Nachricht gefunden. Sie besagt, dass immer mehr Eltern der Lehrerschaft mit dem Anwalt drohten, wenn ihre Sprösslinge schlechte Noten heimbringen oder nicht in eine bessere Klasse oder Schule aufsteigen.

Ich kann mir das gut vorstellen. Die verzogenen Kinder gutgestellter Familien lafern und lümmeln herum, und wenn sie nichts lernen, sind die Lehrer schuld. Ich habe einmal einen Lehrer gekannt, der seinen Beruf an den Nagel hängte, weil die Eltern schlechter Schüler ihn dermassen bedrängt haben.

Wenn das so weiter geht, werden wir nicht um die Feststellung herumkommen, dass die besten Schüler im Land eines Tages diejenigen sein werden, deren Eltern sich den besten Anwalt leisten können.

Mehr Einblick

Was haben diese verstreuten Nachrichten miteinander zu tun? Gar nichts. Ich habe auch nichts anderes behauptet. Nur eben, dass die einzelne Nachricht nichts aussagt, aber ihre Zusammenstellung einen grausigen Einblick in die Tiefe der geistigen Verfassung der Menschen offenbart.

Inzwischen wird in Frankreich die Baguette, in Italien die Pasta und in der Schweiz die Schokolade teurer, weil alles teurer wird. Und alles wird teurer, weil ein paar immer mehr für sich auf die Seite abzweigen. Oder weil wir mehr Bio-Treibstoff produzieren und dafür mehr für die Schokolade bezahlen müssen.

Und so weiter. Verstehen Sie das? Ich auch nicht.

Aber der Ausblick ist phantastisch.

Von Mitch Reusdal


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