Artikel vom 15.08.2007

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Reusdal räuspert sich

Der tägliche Irrsinn

Die versteckte Welt hinter Zeitungszeilen und Werbesprüchen

Von Mitch Reusdal



Macht «freie Information» auch freie Menschen? Oder wird mit der Dauerberieselung von Nebensächlichem beabsichtigt, das Hauptsächliche zu vertuschen?


Wenn man zu viel Zeitung liest und von zu viel Werbung infiltriert und infiziert wird, kann einem der Kopf von den vielen Nachrichten und Neuigkeiten manchmal ganz schön schwirren, und man gerät in Gefahr, den Verstand zu verlieren – wenn man sich nicht rechtzeitig zur Wehr setzt.

Es ist schwer, die täglichen kleinen Ungereimtheiten und Absurditäten zu ertragen, erst recht dann, wenn sie nicht isoliert betrachtet, sondern zu einem grösseren Bild zusammengestellt werden und etwas wie eine Diagnose der Zeit und der Umstände ergeben, die man nicht erwartet hat. Wie bitte? Ach so. Ja, ja.

«Zweifache Weisskraft»,

verkündet ein Werbespot. Das ist der angestrengte, aber hilflose Versuch einer Steigerung von Weiss: Weiss, weisser, noch weisser, immer noch weisser, am weissesten, unbeschreiblich weiss, doppelweiss, mehrfachweiss, weisser als weiss, superweiss, weiss an und für sich – was weiss ich.

Weiss ist weiss, etwas anderes gibt es nicht, basta. Denkste! Hinten und vorne falsch. Der erreichte Gipfel reicht heute nicht hin. Die Extreme müssen expandiert und ins Unendliche überspannt werden, nur so findet man noch ein Restchen Aufmerksamkeit. Weiss ist noch lange nicht weiss, und zweifach weiss ist wahrscheinlich auch nur der schäbige Übergang von grau zu gräulich. Fünffach oder vielleicht achtfach oder elffach weiss ist das angestrebte, aber noch lange nicht erreichte Ziel. Warten wir ab. Es kommt noch. Wir sind auf dem besten Weg.

«Miss-Schweiz-Favoritin von Velo überfahren»,

setzte der Blick am 18. Juli 2007 auf sein Plakat. Das ist ein ebensolcher Versuch der unmöglichen Steigerung. So viele Promis, wie nötig wären, um das Publikum zu unterhalten, gibt es gar nicht. Jetzt müssen schon die möglichen Anwärter und probablen Favoriten und Pseudo-Kandidaten auf eine Promi-Rolle antreten, weil das Personal knapp geworden ist.

«Velofahrerin stürzt aufs Trottoir»,

konnte man am 21. Juli 2007 in der Basler Zeitung lesen. Was? Eine Velofahrerin aufs Trottoir gestürzt? Das ist aber unglaublich! Dass es so etwas gibt! Was ist passiert? Aufs Trottoir, wer hätte das gedacht? Hat die Velofahrerin aufgepasst? Die Ärmste – oder: Selber schuld, wie man es nimmt. Hat es dem Trottoir etwas gemacht? Der Bund für Unfallverhütung muss sofort eine Kampagne gegen Velofahrerinnen, die aufs Trottoir stürzen, und gegen Trottoirs, auf das Velofahrerinnen stürzen, lancieren – und wir sind wieder für eine Weile mit den unendlichen und unglaublichen Unwägbarkeiten des Lebens konfrontiert und von den wichtigeren Fragen abgelenkt.

(Aber was sind die «wichtigeren Fragen»? Guter Einwand! So können wir unendlich weitermachen.)

«Ozon ist importiert: Fahrverbote nützen nichts»,

war ein Artikel in der Sonntagszeitung vom 22. Juli 2007 überschrieben. Das ist die lange unterdrückte, endlich erlösende Wahrheit. Die anderen sind am Ozon schuld, nicht wir. Deshalb fahren wir weiter Auto. Aber das sagen die anderen über das von der Schweiz produzierte und exportierte Ozon auch. Wie das Ozon, macht auch die Dummheit an keiner Grenze Halt, wie das Geld, wie die Kriminalität. Wie der Verkehr, der schon gar nicht Halt macht. Gefahren wird um jeden Preis. Bis die Mobilität im Totalstau kollabiert.

«Studie: Gamen hilft Kindern»,

schrieb «20minuten» am 30. Juli 2007. Das haben viele schon lange gedacht. Kids, die gamen, sind intelligenter, deshalb sollen an den Schulen Game-Räume eingerichtet werden. In einem zweiten Schritt können dann die Schulen ganz abgeschafft werden und durch Games ersetzt werden, was wir alle eigentlich schon lange vermutet, aber nicht gewagt haben auszuprechen.

«Wir wollen rauchfreie Schulen»,

liess sich der Ressortverantwortliche für Schulen im Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt in der Basler Zeitung vom 14. August 2007 vernehmen. Aber es gibt Durchsetzungsproblem. Diese gibt es in öffentlichen Räumen und bald in Beizen kaum noch. Auf diese Weise werden die Schulen zum letzten Ort der helvetischen Rauchfreiheit aufsteigen. Es ist also noch nicht alles verloren. Bitte Geduld.

Von Mitch Reusdal


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