Artikel vom 07.08.2007

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Mit Schmidt auf Reisen 8

Eine Stadt wie ein Film

In Paris ziehen die Bilder und Eindrücke wie im Kino am Reisenden vorbei

Von Aurel Schmidt



Drinnen «plat du jour», draussen das Leben, das vorbeizieht. Foto: Aurel Schmidt, Basel © 2007


Von seinen zahlreichen Reisen berichtet der Basler Schriftsteller und frühere Redaktor Aurel Schmidt in einer lockeren Folge kürzerer Reisebilder. In der neuen Folge lässt er sich durch Paris treiben und wundert sich, dass es regnet...

In einer Vitrine in der Metrostation Voltaire in Paris ist eine Büste des französischen Philosophen ausgestellt. Paris ist eine Stadt, in der ununterbrochen gegessen wird (die Menüs bilden eine Literaturgattung, die noch niemand untersucht hat) oder die Menschen nichts anderes zu tun haben, als auf den Strassencafés zu sitzen, zu diskutieren, etwas zu trinken oder die Zeitung zu lesen.

Manche schreiben, aber das kommt eher selten vor. Paris ist eine verbale Stadt.

Eine Frau, die, durch eine Glaswand getrennt, vor meinem Teller vorbeiläuft, bewegt die Lippen. Sie spricht mit sich, ein Schauspielerin, die ihren Part rezitiert oder memoriert, ist es kaum.

Wieviel verdient die Frau, die mich beim Mittagessen bedient? Reicht es aus, um sich Ferien zu leisten, für die auf grossen Plakaten in den Metrostationen Werbung gemacht wird? «MYKONOS 999 €uro». Die Metrostationen sind Traumorte beziehungsweise Orte, an denen geträumt wird.

ALLEZ, AU REVOIR
ICI (was?)
2 ROUES

Die Zeichnungen von Camille Corot im Louvre erinnern mich an die Schweizer Alpenlandschaften. Sie passen kaum zu den Pariser Strassen, Mansarden und Hinterhöfen. Sobald es die schöne Jahreszeit erlaubte, machte sich Corot auf, um im Freien zu malen, unter anderem im Forêt de Fontainebleau. Was eine schöne Jahreszeit war, unterliegt im Rückblick keinem Zweifel. Es war die Zeit, als der Winter die Menschen nicht in ihren Wohnungen zurückliess und sie sich gegen die Kälte und Nässe nur schwer wehren konnten.

Wenn Jean-François Millet die Bauern auf dem Land im 19. Jahrhundert malte, verurteilten die Kunstkritiker den kruden Realismus Millets und warfen dem Künstler sozialistische Malerei vor.

Der Stadtplan als historische Karte

An der Mauer des Friedhofs Père Lachaise befindet sich ein kleines Monument aus Steinen, von Moos überwachsen, das an die Ermordeten der Commune von 1870-71 erinnert. Die Bourgeoisie hat sich immer an denen gerächt, die von ihr abhängig waren und es auch so gut haben wollten, wie sie es selber hatte.

«Le cléricalisme, voilà l‘ennemi», soll Léon Gambetta gesagt haben, der von 1881 bis 1882 während kurzer Zeit Ministerpräsident war. Heute erklärt der Kellner im Restaurant «Le bouchon de la Roquette» eher, wie die «tarte au pêches» gemacht wird («dessert du jour»).

Die Namen der Metrostationen, Strassen und der Plätze (Gambetta, Etienne Marcel, Jaurès, Jussieu, Pasteur, Goncourt, Raspail, Louis Blanc und so weiter) erinnern an Frankreichs Geistesgrössen und an die Geschichte des Landes. Der Stadtplan von Paris ist eine historische Karte.

LE LIT DE FRANCE
JARDIN D‘AMOUR (vielleicht eine Ausstellung)
PIPES ET VASES (vielleicht eine andere Ausstellung)

An jedem Ort, wie immer er auch aussieht, gleicht Paris jedem anderen Ort, wie er aussehen mag. Paris ist ein Hologramm. Die Häuserfassaden sind nie die gleichen, aber sie erinnern alle an alle anderen. Sie sind sofort wiedererkennbar.

Die Bistrots, die Strassenschilder, die «plats die jour» in den Restaurants, die Aufschriften auf den Bussen bilden ein öffentliches Archiv.

Im Restaurant «Le Grand Colbert» erinnert die Inneneinrichtung an das 19. Jahrhundert. Paris ist eine Stadt, die im 19. Jahrhundert stehengeblieben ist. Es ist vorauszusehen, dass Präsident Sarkozy sie amerikanisieren wird (sie ist es ohnehin schon zur Genüge). Versuchen wird er es bestimmt.

Odyssee, Wirbelwind, Filmstadt

Paris im Regen erinnert an das Gemälde von Gustave Caillebotte, auf dem ein Paar unter einem Schirm über eine Eisenbahnbrücke spaziert. Die Strassen glänzen vom Regen. Ein Satz wie «In Paris regnet es nie» ist so wahr beziehungsweise so falsch wie der Satz «Alle Engländer heissen Jonathan». Diese Sätze stimmen nicht, aber man fragt sich, warum sie es nicht tun, obwohl sie doch so einleuchtend daherkommen. Auf keiner Postkarte von Paris regnet es – eine eklatante Fälschung. Aber offenbar liegt auch im Falschen eine versteckte Richtigkeit.

MAISON DU LAIT
L‘EPICURIEN (ein Club, offen ab 22.00 Uhr)
ICEP Tel. 35 46 29 74

Auch der Satz «Paris ist eine Odyssee» ist ebenso richtig wie falsch. Morgens auf dem Père Lachaise, nachmittags im Louvre, abends im Le Grand Colbert; von Denfert-Rochereau über Montmartre zur Bibliothèque Nationale, wo eine Ausstellung von Fotografien von Eugène Atget das verschwundene Paris wiedergeben (aber nicht ganz, denn man kann es überall noch antreffen) – so kreuzen sich die Wege in der Real- und der historischen Zeit.

Odyssee heisst soviel wie ein schneller Wirbelwind, der alles mitreisst. Jeder Stein hat Geschichte geschrieben. Man braucht keinen Reiseführer dazu. Zwei Füsse genügen. Sich treiben lassen, kein Ziel haben, das ist die beste Reisemethode, aber nirgends so sehr wie in Paris.

Die Pariser Odyssee ist ein Film, Paris eine Filmstadt mit Takes, Sequenzen, viel Travelling und scharfen Schnitten. So kann man Paris erleben, wenn man sich viel vorgenommen hat. Und wenn man sich treiben lässt, ist es nicht anders.

Eine Stadt, die ständig eintrifft. Ohne Ziel kann man an jedem Punkt sein imaginäres, geistiges Zelt aufschlagen und sich wie ein Nomade niederlassen, zum Beispiel in der Buchhandlung am Boulevard Saint-Germain oder in einem Bistrot bei einem «petit café» oder einer «pression», und das Leben an sich vorbeiziehen lassen, an dem man sonst für die anderen Teil hat.

Das ist der Grund, warum Paris den Eindruck macht, dass alle Menschen sitzen, diskutieren, trinken, essen, meistens auf viel zu kleinen Tischen - aber das ist eine andere Geschichte.

Von Aurel Schmidt


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