Artikel vom 30.07.2007

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Reusdal räuspert sich

Das Partygirl und das Publikum

Welche Funktion erfüllt die Klatschpresse?

Von Mitch Reusdal



Schöne Augen hat sie ja - aber die Nase! - Lindsay Lohan.


Filmsternchen, Models und Partygirls halten die Medien auf Trab und werden wiederum von diesen auf Trab gehalten. Das Publikum scheint begeistert zu sein, aber in Wirklichkeit ist es das Opfer aller beteiligten unseligen Umstände.

Nach dem Filmsternchen und dem Model ist das Personalregister und Belegpersonal der Klatschspalten um das Partygirl erweitert worden. Das Partygirl ist ein Produkt der Klatschpresse. Es ist da und wird übermässig zur Kenntnis genommen, aber sein Öffentlichkeitswert ist gleich null.

Zum Beispiel Lindsay Lohan. Ich hätte nicht gewusst, wer das ist, wenn nicht gewisse Medien sich ihrer angenommen und über sie ausgelassen hätten. Lindsay Lohan ist offenbar die in geistigen Getränken verbundene Schwester von Paris Hilton, denn sie ist wie jene in betrunkenem Zustand Auto gefahren, hat also – modern gesprochen – ein Alkoholproblem. Sonst gehört es zu ihrem Berufsleben, an Parties aufzutreten, von Paparazzis abgelichtet zu werden und in der Boulevardpresse zelebriert zu werden. Auf Grund dieser Sachlage kann sie als «celebrity» betrachtet werden, als Berühmtheit. Davon lebt sie, vielleicht nicht einmal schlecht.

Sie will ihn, aber will er sie?

Diese Lindsay Lohan soll erklärt erklärt haben, sie wolle bis Ende Dezember 2007 David Beckham ins Bett kriegen. Hier stellt sich ein weiteres Problem: Wer ist David Beckham? Ein verständiger Bekannter mit einem umfassenden Wissen hat mich aufgeklärt, dass «die Beckhams» kürzlich «in Los Angeles angekommen» und «feierlich empfangen» worden waren. Offenbar ist Mister Beckham ein Fussballer, was vielleicht zur Geschichte gehört, vielleicht aber auch nicht. (Er fällt in jüngster Zeit sowieso vor allem dadurch auf, dass er nicht oder nicht mehr am Ball auf dem Rasen zu sehen ist.) Aber ankommen ist in jedem Fall der Anfang einer Geschichte, und nur deren Ausgang ist offen bis zuletzt.

Das zweite Problem ist die Frage, warum Lindsay Lohan David Beckham im Bett haben will. Soll sie doch. Es ist ihre Sache. Mich geht es – offen gestanden – nicht das Geringste an.

Ob alles zutrifft, was die Medien verbreiten, ist wahrscheinlich egal. Es ist Klatsch. Und es erlangt damit den Rang von Phantastereien. Lohan, Beckham – das sind entweder die Gestalten einer modernen Mythologie wie Zeus und seine Gesellen und Gesellinnen es waren, die vor 2000 Jahren das griechische Publikum mit ihren Eskapaden und Sex-Abenteuer unterhielten: Wer hatte mit wem eine Liaison, wer wen hintergangen und so weiter?

Vielleicht ist es aber nicht einmal das. Klatsch ist Klatsch, nichts weiter. Ob Lohan und Beckham das Zeug zur Mythologie haben, kann man mit Fug bezweifeln.

Reden können alle, aber nicht alle haben etwas zu sagen

Kürzlich meldete der „Blick“, dass ein gewisser Chris von Rohr sich entschlossen habe: «Jetzt rede ich!» Reden kann jeder. Ob er auch etwas zu sagen hat, steht auf einem anderen Blatt. Der Klatsch- und Boulevardjournalismus hat erreicht, dass alle sich zu Wort melden, dass es aber völlig egal ist, was gesagt wird. Es geht in der allgemeinen Kakophonie unter. Zu Recht. Nur der Lärm bleibt übrig; informationstheoretisch gesprochen: das Rauschen. Also das, was im Warenhaus oder in Lifts die Muzak bewirkt, die Hintergrundmusik, die niemand hört, obwohl sie mittlerweile auch schon volle Lautstärke erreicht hat.

Was Lindsay Lohan und ihre Alkohol- und Beckham-im-Bett-Probleme betrifft: Sie ist eine ziemlich überflüssige Erscheinung, aber offenbar doch nicht ganz so nichtig, wie es aussieht, denn ich bin bereits auf sie hereingefallen und setze mich mit ihr auseinander, was ich auf keinen Fall hätte tun dürfen. Jetzt frage ich mich, wie mir dieses Lapsus unterlaufen konnte.

Natürlich habe ich eine notdürftige Erklärung. Es handelt sich hier offenbar um ein Alltags- und für Professoren um ein soziologisches Problem. Die Funktion des Klatsches ist unter diesen Umständen einer Untersuchung wert.

Dienst am Kunden

Warum gibt es Klatsch? Verlangen die Menschen danach, und die Medien haben nichts Eiligeres zu tun, als ihre Kundschaft zu bedienen, oder handelt es sich sozusagen um einen vorauseilenden Dienst am Kunden? Das würde bedeuten, dass die Medien sich ihr Publikum erfinden und ihm dann unterstellen, dass es nichts Dringenderes wünscht, als solche Klatschgeschichten, jedoch bestimmt nichts Kulturelles oder etwas über die leer gefischten Meere oder das Ozonloch oder die Flüchtlingsprobleme in Darfur, und sie daher nur allzu dienst- und bereitwillig dieses Bedürfnis – oder Scheinbedürfnis, das weiss man nicht – zu befriedigen suchen, auch wenn die Klatschgeschichten hinten und vorne nicht stimmen, jedoch das Gefühl vermitteln – uff, das ist ein langer Satz geworden, wo doch bekannt ist, dass Sätze mit mehr als 13 Wörtern nicht mehr verstanden werden.

Ich breche also ab und sage nur, dass die Klatschgeschichten beim Publikum die Illusion hervorrufen, am grossen und glänzenden Leben derer teilzunehmen, zu denen es selbst nie und nimmer gehört und niemals Zugang bekommen wird. Sogar das Schweizer Fernsehen meint, eine schreckliche, an Belanglosigkeit unüberbietbare Sendung wie «Glanz und Gloria» über Leute von totaler Belanglosigkeit in sein Programm aufzunehmen – alles mit Konzessionsgeldern und im Hinblick auf die Einschaltquoten.

Das Publikum ist der ausgeschlossene Teil

Das Publikum ist nur schon per definitionem der immer ausgeschlossene und verhöhnte, der Lächerlichkeit preisgegebene Teil. Es bleibt draussen und wird zu Zaungästen und Claqueuren erniedrigt, im besten Fall zu Zuschauern, also zu einer passiven, manipulierten Masse, aber mit der Aufgabe, durch seine Geilheit für den Glanz zuständig zu sein, der auf die anderen fällt.

Mal direkt gefragt: Wollen die Menschen das? Wollen sie wirklich wissen, wen sich Lindsay Lohan oder Logan oder Lodan oder Lowan ins Bett holt oder bleibt ihnen nichts anderes übrig, weil der Zustand der Medien ein dermassen miserables Niveau erreicht haben?

Wie auch immer: Die Verdummung der Menschen hat einen erschreckenden Grat erreicht. Das Publikum ist das Opfer und will es sein oder lässt sich dazu herrichten – wer weiss...



Drei Mal Lindsay Lohan, drei Mal zensiert - infantiler gehts nimmer: Jede (US)-Kultur verdient, was ihr gebührt…

Von Mitch Reusdal


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