Artikel vom 22.06.2007

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J.-P. Lienhards Lupe

Die Bettel-«Blick»-Kampagne

Das Boulevard-Blatt, das sein Geld auf der Strasse verdient, lanciert eine Kampagne gegen Strassenverdiener

Von Jürg-Peter Lienhard



An der «Art 38 Basel» ausgestellte Skulptur, fotografiert von J.-P. Lienhard, Basel © 2007


Warum haben Sie einem Oststaaten-Bettler, der auf der Handorgel nur gerade ein Stück und nur erbärmlich spielen kann, noch nie einen Tritt gegeben? Oder ihm in den Hut oder gar ins Gesicht gespuckt? Es könnte so weit kommen; es ist bald so weit!

«Blick», die schweizerische Boulevard-Zeitung, die ebenfalls auf der Strasse ihr Geld macht!, hat den Riecher für die Abluft des Volkes: Der neuste Verkaufstrick ihrer meist akademisch gebildeten und hochverdienenden Journalisten reitet auf den alleruntersten Menschen. Den Bettlern, den Bettel-Musikanten aus dem Ostblock, die von raffinierten Mafiosi mit einem Touristen-Visum ausgestattet hierhergekarrt werden und die ihre paar Bettelbatzen an ihre gerissenen «Vorgesetzten» abgeben müssen.

Die Mafiosi sind mächtig, «weil sie Deutsch können», steht im «Blick», denn das Thema «Bettelbanden» ist eine verkaufsfördernde «Kampagne», wie viele andere, die von den raffinierten Akademikern im Ringier-Pressehaus nach allen Regeln des Boulevard-Profits «aufgebaut» worden sind.

Aber die Bettel-Arbeiter selber können kein Deutsch, und Lesen können sie nicht mal in ihrer eigenen Sprache, weshalb sie wohl nicht verstehen, weshalb ihnen demnächst mal ein «Blick»-Leser mit hiesiger Verve «uff d‘Schnuure» haut - als Folge der «Blick»-Kampagne, die wieder mal aufgedeckt hat, was Behörden verschlampt haben. Die «linken» Behörden selbstverständlich.

«Blick»-Journalisten hingegen sind immer «Linke», sonst kommen die gar nicht bei Ringier rein, weil sie die Sprache der Büezer skrupelloser daherbeten können, als beispielsweise die rechten Journalisten bei der NZZ.

So geht das also zu bei «Blick», und so geht der Journalismus vor die Hunde: Mit Kampagnen-Journalismus auf dem Buckel der allerärmsten Säue, die sich durch Not gezwungen, bei der Bettel-Mafiosi verdingen müssen!

Für das reiche Ringier-Verlagshaus bedeutete es einen Pappenstiel, Reporter mit der Recherche zum Hintergrund dieses traurigen Phänomens anzusetzen, herauszufinden, wer die Hintermänner sind, wie der Schlepp funktioniert, unter welchen Umständen die Bettler rekrutiert werden und zu welchen Tricks man sie trainiert. Allein diese Recherche-Ergebnisse würden den Fokus von den Bettlern weg auf ganz andere Zusammenhänge lenken - vermute ich.

Die «Blick»-Redaktoren haben wahrscheinlich Lisa Tetzners (alias Kurt Held, alias Kurt Kläber) «Die Schwarzen Brüder» und die «Rote Zora» von Kurt Held (alias Kurt Kläber) genau so gelesen, wie die meisten Gebildeten. Vielleicht gar waren sie an einer Lesung von Susanna Tamaro oder bei der tragisch verstorbenen Aglaya Veteranyi, die beide das Oststaaten-Armutsdrama beschrieben haben und in Zürich frenetisch gefeiert worden waren…

Stattdessen schreibt «Blick» von Schein-Bettlern, die gewissermassen nur zum Schein invalid sind. Egal, ob ein Bettler nun humpelt oder scheinhumpelt - einer, der bettelt, hat eben keine anderen Möglichkeiten, sonst würde er sie ergreifen! «Schaffe» hingegen ist das stereotype «Rezept» der meisten «Blick»-Leserbriefschreiber…

An der «Art 38 Basel» hat eine «Skulptur» meine Aufmerksamkeit erregt. Es war sicher eher ein Schock, den ich zunächst «belustigt» verdrängen wollte. Aber diese Skulptur hat mich nicht mehr losgelassen, sie geistert ständig in meinem Gedächtnis, und durch die «Blick»-Kampagne wurde mir plötzlich auch klar warum.

Die Skulptur stellt ziemlich realistisch, aber eben nicht ganz, einen Bettler dar. Der hockt mit ausgestreckten Beinen am Boden, den Oberkörper leicht vornübergebeugt, die Kapuze des Fun-Shirts tief über den schamvoll nach unten gebeugten Kopf gezogen und hält seine dunkelhäutige Hand hin, so als gehörte sie nicht ihm, als schämte er sich ihrer. Anstelle des kaum sichtbaren Gesichtes hat der Künstler einen grauen Lumpen angebracht.

Dieses Lumpengesicht war es, das mich so berührte, obwohl es weder Nase, Augen oder Mund besass - nur aus einem grauen Lappen bestand. Alles andere wirkte wie eine Schaufensterpuppe, etwas jugendlich modisch bekleidet. Doch diese zu grossen Schuhe, diese verbeulte Trainerhose und das schmuddelige Kapuzen-Shirt… Die Skulptur versinnbildlicht weder einen Clochard noch einen Penner. Sie ist ein Spiegel!

Man sieht in diesem «Spiegel» sich selbst - nicht als Bettler -, sondern als «Spender»: Denn es kommen einem dabei alle diese Reflexe hoch, wenn man «real» einem Bettler der untersten Klasse begegnet, nicht vorab dem «Hesch-mer-zwei-Schtai-Schnorrer», sondern einem, der nicht deutsch kann und den man am liebsten «ausweisen» wollte.

Da sitzt diese «Skulptur» am Boden, und jetzt sind alle diese hartherzigen, unchristlichen Verdrängungen «nicht nötig», denn der Lumpengesicht-Bettler «sieht» nicht und noch weniger «spürt» er. Man kann den «realistisch» wirkenden Bettler «gefahrlos» voyeuristisch oder hochmütig angucken, bis einem aufgeht, dass wir von Christus nichts gelernt und als Mitläufer des Kapitalismus gar nicht mehr wissen, wie Mitmenschlichkeit eigentlich gelebt wird, was Gemeinsinn fordert.

Die Bettler-Skulptur spiegelt, wie arm, wie bettelarm unsere Seele verkommen ist! Nicht nur diejenige der «Blick»-Kollegen…

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Mehr zu Aglaja Veteranyi


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