Artikel vom 21.06.2007

Druckversion

Mit Schmidt auf Reisen 7

Die Reise ist eine Verwandlung

Jede Eisenbahnfahrt ist auch eine Fahrt durch die Gedanken, die einem durch den Kopf gehen

Von Aurel Schmidt



Auslage eines Pariser Traiteur-Geschäfts: Fast ein Museum. Foto Aurel Schmidt, Basel © 2007


Von seinen zahlreichen Reisen berichtet der Basler Schriftsteller und frühere Redaktor Aurel Schmidt in einer lockeren Folge kürzerer Reisebilder. In der neuen Folge unternimmt er eine Bahnfahrt, die ihn am Ende nach Paris bringt.

Reisen ist wie das Wechseln der Kleider. Ich fahre los und bin schon ein anderer. Die Frage ist, ob ich ein stationäres, integriertes oder ein offenes, mobiles, innerlich und äusserlich bewegtes Leben führe.

Die Kleider sind die Welt, durch die ich reise. In diesem Augenblick denke ich an die blühenden Kirschbäume auf dem Bruderholz. Andere Kleider sind die Ebenen im argentinischen Teil von Patagonien oder zum Beispiel die Huang-shan-Berge in China.

Die Welt ist ein Kleiderschrank. Kann man das so sagen? Ich lasse es vorläufig so stehen. Nichts ist endgültig.

Die Zugbremsen kreischen. Jeder Schritt ist ein Fortschritt, nicht im Sinn einer bewerkstelligten Verbesserung, sondern eines geistigen Vorankommens. Die Neugier, die mich antreibt, ist eine erotische Kraft. Etwas zieht mich an, ich weiss nicht, was es ist, aber die Wirkung der Kraft steht ausser Frage. Ich bin mit mir beschäftigt und merke, wie um mich herum die Welt sich wie ein Kreisel bewegt.

«Douze minutes d‘arrêt.» Auch wenn der Zug auf dem Bahnhof hält und stillsteht, bin ich in Bewegung. Ich habe keine Zeit. Das Sein ist zeitlos, im besten Fall eine Expansion.

Heute ist ein heller, dunstiger, verschwommener Tag, durch den der Zug eilt. Dörfer in der Ferne, grünes, flaches Land, Strassen, Kanäle.

Bewegung ist mein Cogito, mein Credo: Ich reise, also bin ich.

Realität oder Einbildung der Welt

Langres auf einem lang gestreckten Hügel, der in die Ebene herausragt: ein Zeichen in der Landschaft und in meinem Leben, eine Struktur im Unstrukturierten. Denis Diderot, die Aufklärung, die Enzyklopädie. Langres ist eine Stadt ohne nennenswerte Sehenswürdigkeiten, aber es ist die Geburtsstadt Diderots und aus diesem Grund eine geistige Heimat.

Die Landschaft ist das Bild, das ich mir von ihr mache. Gibt es eine Realität der Dinge und der Welt, die so bezeichnet werden kann, oder ist alles Einbildung? Es kann das eine oder das andere sein, gewissermassen eine Art Unschärferelation.

Die Zugsgeschwindigkeit macht dramatische Landschaften entbehrlich. Die sanften, wogenden Hügel verflachen sich durch die Geschwindigkeit noch zusätzlich. Sie werden in die Breite und Länge gezogen, wie ein Gummiband. Hielte der Zug an, müsste sich die Landschaft, so stelle ich mir vor, wieder zusammenziehen und in die Höhe wachsen.

Wenn der Zug durch die sich in alle Richtungen ausdehnende Ile-de-France fährt, lösen sich durch die Geschwindigkeit die Formen auf, und es tritt ein Eindruck ein, der an Fliegen erinnert. Auch an Träumen. Etwas Vergleichbares sagt auch die Physik. Wenn die Lichtgeschwindigkeit erreicht ist, müssen sich die materiellen Formen auflösen. So weit ist es noch nicht, aber ein kleiner Vorgeschmack davon ist spürbar, wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, während draussen die Landschaft vorbeiflitzt. Sie löst sich auf und verschwindet.

Zeit und Raum sind überwunden. Nicht ganz, aber doch ein Stück weit. Physik und Psyche ergänzen und kumulieren sich. Das Psychische ist eine Totalität, ein All-Eins.

Warum Langsamkeit?

«Toujours assoiffé» (immer gehetzt), lese ich in einer Zeitung. Zu viel Beschleunigung, zu viel Eile, zu viel Hetze, soll damit gesagt werden. Aber warum Ruhe? Warum soll sie eine positive Besetzung sein? Von der Bewegung und Geschwindigkeit könnte mit gleichem Recht eine affirmative Aussage gemacht werden.

Der existenziellen Schwere des Daseins enthoben sein: das scheint das Glück zu sein. Das Reisen versetzt in einen Ausnahmezustand, der auf Französisch «état d‘urgence» heisst (Zustand der Dringlichkeit, der Eile). Reisen, Zeit, Bewegung, Geschwindigkeit. Befreiung aus den Fesseln das stationären, normalisierten Daseins.

Im Vorbeifahren fallen mir Misteln in den Bäumen auf. Das Chaotische, zu der die Natur tendiert. Es wäre ein Irrtum, die Natur zu idyllisieren. Die Natur setzt sich immer durch, sagt Lothar Schäfer («Das Bacon-Projekt»). Was sich durchsetzt, überlebt – bekanntermassen auf Kosten des Sanften, Weichen, Nachsichtigen. Der Opportunismus der Natur ist ein Thema, das meistens übersehen wird.

Die Gedanken eilen weiter, wie der Zug vorankommt und sich durch das Land schlängelt.

In der Ferne sehen die Kühe wie Spielzeuge aus, von einer «invisible hand», einer unsichtbaren, lenkenden Hand, in die Landschaft gestellt worden sind.

Ankunft auf einem anderen Planeten

Nach fünf Stunden die Einfahrt in die Stadt. Ankunft auf dem Planet Paris. Die Luft in der Metro. Die Boulevards. Die Häuserfronten und die Geometrie der Fenstermasse, reiner Cartesianismus. Die Menschen in der Bar an der Strassenecke, nachmittags kurz vor zwei Uhr, als würden sie immer so dastehen, damit die ankommenden Reisenden an das reale Leben glauben. Die Einfachheit des Hotelzimmers. Kein Komfort, nicht zum Bleiben gemacht, denn wer will bleiben? Reisen ist ein Provisorium, ein Vorgang, ein Durchgang, manchmal. Manchmal auch nicht. Das kommt darauf an. Alles, was geht, vergeht. Ici a passé... Je me souviens.

Vor der Fromagerie Boursault bleibe ich stehen. Die Auslage ist hinreissend, der Stoffwechsel in der Natur produziert die unglaublichsten Produkte, Erscheinungen, Formen: zum Staunen. Die Käsehandlungen in Frankreich, die Metzgereien, die Traiteurs mit ihrer kunstvoll angeordneten, überbordenden Auswahl sind heute die anregendsten Museen. Die Üppigkeit, die Bildlust, die kreative Entfaltung kennt keine Grenzen.

Die Reise hört, wenn sie einmal begonnen hat, nicht mehr auf. Sie kann es nicht. Sie geht weiter, weil sie weitergehen muss. Weil Ankommen nur ein Zufall ist, eine vorübergehende Station, und weil die Reise keine wäre, wenn sie aufhörte. Die Bewegung, der Vorgang, die Veränderung, der Metabolismus, die Erneuerung, der Wandel, der Umbruch, die kopernikanische Revolution sind alles, worauf es ankommt. Reisenderweise lässt sich diese Erfahrung jederzeit machen.

Das ist das schwer fassbare und doch ganz einfache Geheimnis des Reisens und Unterwegsseins.

Von Aurel Schmidt


Klicken Sie hier, wenn Sie fortan bei neuen Artikeln dieses Autors benachrichtigt werden wollen!





Nach oben


Copyright © 2003 by webjournal.ch

 

Die Funktion Newsletter ist wegen Spam blockiert. Schreiben Sie eine Mail an info(ad)webjournal.ch mit dem Betreff: «Bitte newsletter zusenden» Besten Dnak für Ihr Verständnis.