Artikel vom 28.05.2007

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Im Fokus der Autoren

Sport ist ein brutales Geschäft

Wer etwas anderes sagt, macht sich etwas vor

Von Aurel Schmidt



Im Sport und in Gewalt-Pornographie spiegelt sich unsere Gesellschaft - und hier in der Karikatur ohne Worte, wohl aber gedopt…


Über Sport wird viel Schönes gesagt. Meistens stimmt es hinten und vorne nicht. Hauptsache ist Siegen. Das Publikum und die Sponsoren wollen es so. Dem muss sich der Sport fügen.

Der Aufschrei der Empörung über die Dopingvergehen im Velorennsport hat etwas Heuchlerisches. Sport soll sauber und fair sein, doch die Realität stimmt schon lange nicht mehr mit den hehren Idealen überein, die der treuherzige Baron de Coubertin in Umlauf gesetzt hat.

Der Diskurs hat sich selbständig gemacht und ist seine eigenen Wege gegangen. Der Velorennsport ist nicht in die Dopingfalle geraten, sondern hat das Dopen unumgänglich gemacht.

Wie sollen die Rennfahrer anders als durch erlaubte oder unerlaubte Steigerungsmittel die Leistungen erbringen, die von ihnen erwartet werden? Die Tour de France dauert drei Wochen und führt 4000 Kilometer weit über Pyrenäen und Alpen. Nicht einmal im Auto würde ich die Geschwindigkeiten fahren, die die Sportler auf sich nehmen.

Wozu? Um zu siegen. Das ist alles, was von ihnen verlangt wird. Das ist die Hauptsache. Alles andere ist Schönfärberei.

An den Grenzen der Leistung

Das Publikum will das Gaudi. Es will Leistungen, die von Mal zu Mal und Jahr zu Jahr gesteigert werden. Aber offenbar gibt es physische Grenzen, an denen die Sportausübenden angekommen sind. Man kann das am besten im Skisport sehen, wo die Sieger bei Abfahrtsrennen nur noch durch die Chronometrie ermittelt werden können. Grosso modo kann man sagen, dass bei einem Wettkampf die ersten zehn Teilnehmer alle gleich schnell fahren. Die Hundertstel-Sekunden Unterschied sind für das Publikum gar nicht mehr wahrnehmbar.

Die Siege, die am Ende ausgerufen werden, sind fiktiver beziehungsweise virtueller Natur.

Gier nach Rekorden

Im Velorennsport gibt es noch Reserven. Statt in fünfeinhalb Stunden über Aubisque und Tourmalet zu fahren, könnten es auch fünf oder viereinhalb Stunden sein. Wenn die Fahrer um 11:00‘0“ Uhr zur Tagesetappe antreten, so wird, mit einem Seitenblick auf einen Vers von Erich Kästner, erwartet, dass sie um 10:45‘00“ Uhr im Ziel eintreffen...

Also müssen die Rennfahrer gedopt werden, damit sie immer noch gewaltigere Leistungen erbringen. Aber Leistungen, die auf einer falschen Voraussetzung beruhen. Immer mehr Spitzenrennfahrer outen sich jetzt und bekennen, gedopt worden zu sein oder sich selbst gedopt zu haben.

Kein Wunder. Die Lust am Spektakel, die Rekordgeilheit des Publikums hat diese Entwicklung unumgänglich gemacht.

Das Kapital im Sport – übersehen, vergessen

Aber auch der Kapitaleinsatz des Sports hat zu dieser Entwicklung beigetragen. Ohne Siege keine Sponsorengelder. Die Sponsoren wollen Siege sehen, weil nur so ihr Name in den Medien genannt wird. Im Grunde genommen missbrauchen sie den Sport für ihre Zwecke – wie sie es mit der Kultur tun. Und jetzt wollen sie von allem nichts davon gewusst haben? Glaube das, wer will!

Sport sei «Erziehung, Gesundheit, Entwicklung, Frieden, Vertrauensbildung», verkündete Adolf Ogi an einer Tagung 2005 in Magglingen. Er hatte das Kapital völlig vergessen, weil er von seinen eigenen Worten total berauscht war…

Das Verhältnis von Kapital und Sport hat den Sport korrupt und kaputt gemacht. Sportanlässe sind ausserdem dazu da, um neue Materialien und technische Innovationen zu prüfen, zum Beispiel von neuen Baustoffen für Regatten. Im besten Fall ist er ein Anlass für die Werbe-Industrie.

Krawalle und Betrügereien im Fussballsport

Der Fussball ist zu einer Art Gehirnwäsche geworden, wenn man an seine Bedeutung im öffentlichen Leben denkt. Es genügt, sich an die Vorbereitungen für die Euro 08 zu erinnern, an die Geldströme, die dabei fliessen, an die Auslagen für Sicherheitsmassnahmen. Fussball-Clubs sind Aktiengesellschaften. Der Fifa-Neubau, wo die Herren des Fussballs residieren, kostete 240 Millionen Franken, die Fussböden sind aus Lapislazuli, die Wände aus Onyx, ein Andachtsraum ist vorhanden, die Sakralisierung des Fussballds unübersehbar – und alles dies durch die Eintrittspreise von gröhlenden, Fahnen schwingenden, betrunkenen Fans bezahlt.

Zwar soll gegen Randalierer und Hooligans hart vorgegangen werden. Doch die Krawalle sind nur das Spiegelbild der Korruptionsfälle, die mit schöner Regelmässigkeit im Sport, zum Beispiel im italienischen Fussball, aufgedeckt werden. Gegen sie «hart vorzugehen» ist merkwürdigerweise kaum eine Forderung des Tages.

Wie im Geschäftsleben

Alles nur Entgleisungen? Es wäre naiv, dies anzunehmen. Der Sport unterscheidet sich von den unsauberen Praktiken in der Geschäftswelt (Siemens, Enron, Pornoindustrie) oder in der Politik (schwarze Kassen) in nichts. Sie gehören zur Tagesordnung, auch wenn mit allen Mitteln versucht wird, die Tatsachen zu vertuschen. Denn Durchsetzungsvermögen ist alles.

Das wird so lange so bleiben, wie Siegen und Gewinnen beziehungsweise Gewinn erzielen wichtiger sind als Spielen und Mitmachen – im Sport wie im Geschäftsleben. Der Konkurrenzkampf in der Wirtschaft diktiert die Regeln des Wettkampfs auch im Sport.

Von Aurel Schmidt


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