Artikel vom 24.05.2007

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Reusdals lautes Räuspern

Lex dubia non obligat

Das Spiel ist aus

Wie viel Erotik verträgt eine moderne Stadt?

Von Mitch Reusdal




Die Sloggi-Plakate werden bei Triumph-International von einer Frau verantwortet, von Frau Charlotte Hegnauer - und die reagierte auf die Basler Geschlechtsgenossinnen von der amtlichen Moral eben, wie eine emanzipierte Frau reagiert, wenn sie mit bodenloser Dummheit konfrontiert wird: pfiffig, witzig und treffend!


Ein Plakat erregt in Basel Anstoss. Die Rechtschaffenen sind empört und fordern ein hartes Vorgehen gegen «sexistische Werbung». Auf in den Kampf gegen die moralische Verschmutzung.

In Basel sind im Augenblick zwei Kriege entbrannt. Kriege haben immer mit Überzeugungen zu tun, weil Kriege Mittel sind, um der gerechten Sache zum Durchbruch zu verhelfen. Das heisst der Sache, die von den Kriegern als gerecht empfunden werden.

Wenn Kriege die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sind, dann ist die Politik im gleichen Sinn die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln. Die Grenze zwischen Politik und Krieg ist damit ungenau und schwer zu ziehen. Aber gezogen wird sie, Tag für Tag, wie ungenau auch immer. Krieg ist Politik, Politik Krieg. Weil keiner nachgeben will. Weil alle überzeugt sind. Überzeugungen leiden aber immer an einem Übermass. Sie zeichnen sich durch ein Zuviel an «Zeugung», das heisst an Meinungen, Ansichten, Einstellung aus.

Ein Koloss erregt Anstoss

Der eine Krieg in Basel findet um einen «Koloss» statt, den die anderen bescheiden «Casino» nennen. Das Bauwerk ist für die einen zu gross, für die anderen gerade recht; für die einen eine «Wucht», für die anderen hässlich und erdrückend; für die einen modern, für die anderen unzumutbar. Nun muss man manchmal auf die Barrikaden steigen, weil die Ereignisse aus ihrer orbitalen Bahn herausgeschleudert werden. Aber wenn alle das gleiche denken, also die anderen, die vom Gegenteil ausgehen – was dann? Dann dröhnen die Posaunen des Jüngsten Gerichts.

Das ist es, was jetzt geschieht. Die Meinungen sind längst gemacht. Um so heftiger entbrennt der Kampf um die letzten Unentschlossenen. Ohne Casino kann Basel international nicht mithalten und muss in die hinteren Ränge einstehen.

Plakate erregen Anstoss

Der andere Krieg geht um etwas, das viel schwerer in Worte zu fassen ist. Es geht offenbar um bestimmte Plakate in der Stadt, die gewissen Allianzen nicht passen. Es wird behauptet, sie sollen «sexistisch» sein, womit der Krieg schon gewonnen ist, denn wer steht gern als Säuniggel da?

Den Anstoss scheinen Plakate für Damenlingerie gegeben zu haben. Ein paar entzückende, aufgestellte, in der Pose selbstsichere Frauen in knapp bemessenen Slips und BHs strahlen eine Fröhlichkeit aus, die in dieser von nervöser Geschäftigkeit platt gewalzten Stadt mit Blumenkübeln, Velos, die den Weg versperren, auf den Trottoirs parkierten Autos, Werbetafeln, Verkehrsumleitungen, überquellenden Abfallcontainern, rabiaten Fussballfans und so weiter selten geworden ist.

Aber was solls? Sexismus ist nun einmal verwerflich. Also müssen Plakate und Werbung im öffentlichen Raum für Unterwäsche, Lingerie und Bademode Marke X verschwinden, so schnell wie möglich. Auch andere unzüchtige Dinge. Die Regierung soll und will die Bestimmungen für den Aushang von Plakaten verschärfen. Jetzt wird durchgegriffen! «Basel blyb suuber», wenigstens moralisch, wenn es schon nicht möglich ist, Littering zu bekämpfen.

Über die Wortkreation «Sexismus»?

Aber unter uns gesagt: Was heisst eigentlich «Sexismus»? Das ist eine Wortkreation, die erfunden wurde, um in den Djihad für moralische Sauberkeit und Überlegenheit zu ziehen. Entrüstung ist dabei – und Entrüstung ist immer das Vergnügen derer, die den Eindruck haben, zu kurz gekommen zu sein. Allerdings ist es ein substituiertes Vergnügen, ein Surrogat, ein Ersatz. Empörung ist die Devise des Moralmobs.

Ein Aufstand der Rechtschaffenen findet statt, der im Zeitgeist liegt. Eine Grenze ist überschritten, heisst es, aber wer legt diese Grenze fest? Es sind genau diejenigen, die sich darauf berufen.

Moralische Aufrüstung ist ein Aufruf, der zurzeit um die Welt geht, von den rechten – und reaktionären – Christen bis in den Iran, wo die Sittenwächter Frauen zurechtweisen, die nicht ordentlich gekleidet auf der Strasse herumlaufen, oder zu den Taliban in Afghanistan. Die Burka steht bestimmt nicht unter Sexismusverdacht. Aber Spiel, Lust, Fröhlichkeit, legere Haltung, Lachen, Ironie bleiben bestimmt auf der Strecke.

Jeden Tag bekennen sich die Sünder zu ihren Verfehlungen, geloben Besserung und fangen gleich als erstes damit an, die anderen – eben die Sexisten – zu massregeln.

Von Mitch Reusdal

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Po-Backen sollen «Sexobjekt» sein

• Plakatverbot aufgehoben - auch SVP profitiert

• Frau Füdeli


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