Artikel vom 22.05.2007

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Mit Schmidt auf Reisen 5

Der Kontinent der Erinnerungen

Wo ist die auf Reisen verbrachte Zeit geblieben?

Von Aurel Schmidt



Pizzeria in Rio Mayo, Provinz Chubut, Argentinien. In der Erinnerung leuchtete vor dem Lokal eine Lampe und erhellte auf geheimnisvolle Art einen winzigen Punkt in der einbrechenden Dunkelheit. Bei der Betrachtung alter Dias wird die Erinnerung bestätigt. Foto Aurel Schmidt, Basel © 2007


Von seinen zahlreichen Reisen berichtet der Basler Schriftsteller und frühere Redaktor Aurel Schmidt in einer lockeren Folge kürzerer Reisebilder. Die neue Folge enthält Überlegungen, wie zurückliegende Reisen in die Erinnerung eingehen, dort archiviert werden und still weiterwirken.

Als ich im Kunstmuseum Luzern einmal das Gemälde «Landschaft mit Pilatus bei Morgendämmerung» von Robert Zünd sah, mit einer von Bäumen umfassten Wiese im Vordergrund, einem Wolkenband im Mittelgrund und dem Pilatus im Hintergrund, musste ich aus einem Grund, den ich nicht erklären kann, an den Botanischen Garten in Rio de Janeiro denken: Hinter hohen Bäumen erhebt sich der Corcovado mit dem Christus mit ausgebreiteten Armen auf dem Gipfel.

Der Jardim Botânico liegt abends im Schatten des Berges. Aber es ist eine bekannte Tatsache, dass die Erinnerungen manches verzerren, manches andere entzerren, vieles verkleinern, anderes vergrössern. Vielleicht verhält sich alles ganz anders, als ich es in Gedanken vor mir sehe – Jahre später. Die Topografie der Erinnerung stellt einen neuen Weltmasstab her. Die Welt schrumpft, sie wird miniaturisiert, in eine Kinderstube verwandelt. In der Jugend waren die Zimmer niedriger, die Flure höher und düsterer, die Nachmittage länger und die Nächte finsterer.

Die Vergangenheit wird anders erlebt als die aktuelle Zeit. Sie ist wie im Flug vergangen. Zuletzt ist das Leben ein kurzer Augenblick. Aber wie kurz er auch sein mag – das ganze Leben ist darin enthalten.

Wer sich erinnert, tritt eine Reise in die Vergangenheit an, seine eigene, die er aber nicht immer wiedererkennt. Im Augenblick, wenn wir uns erinnern, werden wir in zwei parallele Zeiträume versetzt: in einen, an den wir denken (die Vergangenheit), und einen anderen (die Gegenwart), in dem uns etwas durch den Kopf geht. Darin liegt das Geheimnis des Reisens. Der Reiseraum ist ein doppelter. Das Leben wird in ein Dasein und ein Parallel-Dasein dividiert.

Die Lampe vor der Pizzeria in Rio Mayo

Wenn ich an das Hotel denke, in dem ich einmal in Rio Mayo im Süden der Provinz Chubut im argentinischen Teil von Patagonien eine Nacht verbracht, meine ich, dass beim Blick aus dem Essraum durch das Fenster auf der gegenüberliegenden Strassenseite eine Lampe über dem Eingang einer Pizzeria brannte, die ein geheimnisvolles Licht verbreitete. Es war Einbruch der Dämmerung. Der Himmel war noch hell, die Strasse schon in Dunkelheit getaucht. Nachts schien der Vollmond. Ich bin nicht sicher, ob es wirklich so war, wie ich heute annehme, aber es würde zur Erinnerung passen.

Auf der Fahrt kam ich mit meinem Begleiter Karl-Heinz Raach später in das Dorf Chacay Oeste, wo uns eine deutsche Einwandererfamilie zum Nachtessen und zum Übernachten einlud. Es waren Schafzüchter. Auf dem Tisch stand eine grosse Schüssel Kartoffeln, zu essen gab es Schaffleisch, dazu in Fett gebackenes Brot. Die Leute freuten sich über den Besuch. Die Ortschaft bestand aus 16 Häusern. Der nächste grössere Ort lag 80 Kilometer weit entfernt und war auch nicht viel grösser. Am Morgen, als wir weiterfuhren, schwang sich der Mann aufs Pferd, winkte und verschwand in der Pampa.

Wo ist die Zeit von damals geblieben, frage ich mich heute, wenn ich an den Aufenthalt in Chacay Oeste bei den fremden Leuten in einem fremden Land denke?

Gespräch mit einem tibetischen Mönch

Einmal unterhielt ich mich in einem Kloster in Tibet mit einem Mönch, der Blumenkohl für das Nachtessen rüstete. Da wir uns sprachlich nicht verständigen konnten, mussten wir uns mit Handzeichen behelfen. Schlafen? (Linke Hand an die linke Wange.) Hier? (Finger auf den Boden gerichtet.) Kalt? (Brrrr.) Ja, kalt. (Brrrr.) Der Mönch lachte, nickte und bearbeitete den Blumenkohl mit einer Geduld und einer Bedachtsamkeit, die denken liess, dass die Zeit für ihn keinerlei Bedeutung hatte.

In Canareggio in Venedig ass ich ein Tramezzin und trank ein Glas Weisswein und dachte, dass Venedig aus zwei Städten besteht: einer, die im Reiseführer steht, und einer anderen, über die nirgends etwas verzeichnet ist, weil es nichts über sie zu sagen gibt. Obwohl sie voller Leben ist. Jedoch ohne fünf Sterne *****.

Wer reist, muss die ausgetretenen Pfade verlassen, die ***** meiden und einen Ort suchen, der in keinem Reiseführer steht. Solche Orte gibt es. Es sind Oasen. Aber man muss sie manchmal suchen. Und wenn man dann einen solchen Ort gefunden hat, ist das jedes Mal eine Entdeckung. Die Tadj Mahals der Welt sind keine Reise wert. Ich ziehe die holprigen Pisten in den Himalaja-Regionen und die Eintönigkeit der Wüste, die gar nicht eintönig ist, allem anderen vor. Es sind echte Orte des Zusichkommens.

Befreiung von der Chronologie des Lebens

In Gan-Gan in Patagonien verbrachte ich einmal einen Vormittag in einem einfachen Esslokal (ein anderes gab es nicht) und schrieb meine Eindrücke der vorangegangenen Tage auf und trank ein Bier (weil es ausser Bier nichts gab) und ass später etwas, Kartoffeln und Schaffleisch und in Öl gebackenes Brot (weil es nichts anderes gab, auch hier nicht).

In diesem Augenblick, wo ich gerade die letzten Worte des vorausgehenden Absatzes schreibe, überlege ich, wie ich damals in Gan-Gan dachte, dass ich in diesem fremden Esslokal sass und meine Eindrücke aufschrieb und später etwas ass und dachte, dass ich mich später bestimmt erinnern würde, was in diesem Augenblick, wo mir dieser Gedanke einfiel, gerade geschah.

Das Leben ist überall verteilt (auf dem Kontinent der Erinnerung), so wie es an einem einzigen Ort vereinigt ist (dort, wo die Füsse sind). Beide Dimensionen durchdringen sich im Geistigen. Das ist gut so, denn es ist die einzige Art, sich von der unentrinnbaren Chronologie des Lebens zu befreien.

Von Aurel Schmidt


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