Artikel vom 10.05.2007

Druckversion

Mit Schmidt auf Reisen 4

Durch die Wüste

Über das widersprüchliche Gefühl von Schwere und Schwerelosigkeit

Von Aurel Schmidt



Jede Richtung ist in der Wüste die richtige – oder die falsche, und man sieht immer das gleiche, aber nie dasselbe… Foto Aurel Schmidt, Basel © 20087


Von seinen zahlreichen Reisen berichtet der Basler Schriftsteller und frühere Redaktor Aurel Schmidt in einer lockeren Folge kürzerer Reisebilder. In der neuen Folge blickt er auf einen achttägigen Fussmarsch durch einen Teil der Wüste Taklamakan im Osten Chinas zurück.

Als wir am Fuss der alten Festung Mazartagh unsere Zelte aufgeschlagen hatten, legte ich mich flach hin, den Kopf auf den Rücksack gestützt, streckte die Beine aus und versuchte, mir Klarheit darüber zu verschaffen, was geschehen war.

Acht Tage hatte der Weg durch einen winzigen Teil der Taklamakan-Wüste im östlichen Teil Chinas geführt. Sand, soweit das Aug reichte; wogende Sanddünen bis an den Horizont. Man sehe immer das gleiche, aber nie dasselbe, schrieb Georg Wilhelm Friedrich Hegel , als er die Reichenbachfälle im Berner Oberland besuchte. Das kann man auch hier sagen.

Was hatte so einen starken Eindruck hervorgerufen? Ich glaube, es war das Fehlen jeglicher Orientierung gewesen. Jede Richtung ist in der Wüste die richtige – oder die falsche, gleichermassen; es ist ununterscheidbar geworden. Alles sieht gleich aus. So etwas wirkt auf das Denken ein und versetzt es in eine kritische Phase.

Vielleicht lag es auch daran, dass es nirgends eine Rückzugsmöglichkeit zu geben schien und sich ein Gefühl der Unentrinnbarkeit ausbreitete unter einem brennenden Himmel aus Licht, ohne eine Spur von Schatten – oder der einzige Schatten bestand in der Formation der Sanddünen im Wechselspiel von Licht und Gegenlicht.

Jeder Ort ist einer unter vielen möglichen. Trotzdem ist jeder der einzige, auf den es ankommt. Weil es derjenige ist, an dem ich mich aufhalte und von dem aus ich die Wüste wahrnehme, die Welt, die sich von mir aus in jede beliebige Himmelsrichtung erstreckte.

Das Gefühl, davongekommen zu sein

Manchmal erfasste mich, als ich so dalag, ein Schrecken in Anbetracht von so wenigen Haltegriffen, manchmal aber auch eine unbändige Freude und Begeisterung, als sei mir klar geworden, gerade noch einmal davongekommen zu sein. Der unentrinnbare Raum schliesst dich ein wie in einen Kerker, aber er nimmt dich auch auf in seine Allmacht.

Keine Zivilisationszeichen; keine strukturienden Merkmale; keine Eingriffe weit und breit. Nur leerer Raum und der Lauf der Sonne. Aber so leer war der Raum auch nicht gewesen, wie es aussah. Es war ein schwingender, vibrierender Raum gewesen; ein Raum, der aus Zuständen besteht, aus denen er sich zusammensetzt; also ein dichter Raum.

Die Wüste ist ein Ort, an dem das Denken beginnt; der degré zéro, von dem aus alles seinen Anfang nimmt; der Ort, wo man der Geburt der Welt aus dem formlosen Zustand der Ur-Anfänglichkeit beiwohnen kann. Jeder Schritt, jeder Blick, jede Bewegung, jeder Gedanke ist eine Setzung, also ein philosophischer Akt.

Der Weg ist auch der Lebensweg

Jetzt dachte ich, dass ich nicht nur einen Teil der Wüste durchquert hatte, sondern einen Teil meines Lebens. Der Weg durch die Wüste war identisch geworden mit dem Lebensweg. Ich gehe durch die Wüste, durch das Leben, und erfinde dabei die Wüste, das Leben und zuletzt mich selbst, dem dies alles in diesem Augenblick durch den Kopf geht.

Andere hatten auf dem Weg durch die Wüste oft die fürchterlichsten Entbehrungen erlitten. Sven Hedin war beinahe verdurstet. Er beschreibt, wie er schliesslich in ein Wäldchen kam und Wasser fand. Am Beispiel der spärlichen Vegetation, die ich in Mazartagh antraf, konnte ich mir ein Bild machen, was für ein Wäldchen es gewesen sein musste.

Ich fragte mich, wie sich die Mitglieder der Expedition von Ernest Shackleton auf Elephant Island während ihrer verunglückten Expedition in die Antarktis die Nägel geschnitten haben. Die Reiseberichte blenden solche Details, die doch hochinteressant sind, meistens aus. Wie verrichtet man in der arktischen Kälte seine Notdurft? In der Wüste sucht man einen Winkel hinter einem Abhang oder der Biegung einer Düne und ist nach hundert Schritten allein – noch mehr allein als je sonst. Auch das gehört zur Erfahrung der Wüste. Aber das ist selten ein Thema.

Der Ursprung der Faszination

Was ist so faszinierend an der Wüste, an den Eisgegenden der Arktis oder Antarktis, den Great Plains (Prärien) in Nordamerika, der kirgisischen Steppe, am Changtang (dem tibetischen Hochland)?

Ich spürte im Liegen das Gewicht meines Körpers und fühlte mich doch zugleich leer und leicht, als würde ich durch den Raum fliegen. Die Durchquerung eines kleinen Teils der Wüste war abgeschlossen – es war keine bedeutende Leistung gewesen –, aber ich war trotzdem zufrieden. Weil ich spürte, dass ich eine Schwelle überschritten hatte und ein kleines Stück im Leben weitergekommen war. Die Wüste lag hinter mir und die Zukunft als leeres, aber beschreibbares Blatt Papier, als Möglichkeitsszenario, vor mir.

Das Faszinierende an der Wüste ist das Einerlei, das in tausend Formern und Manifestationen in Erscheinung tritt. Und es ist die Begegnung mit sich selbst, ohne dass es gelänge, sich aus dem Weg zu gehen. Das bist Du! Du bist es, der sich sieht und erkennt!

Ob traditionelle Wüstenbewohner ebenso denken, weiss ich nicht, aber ich stelle es mir vor. Zuhause komme ich mir in die soziale Realität eingesperrt und zugleich von ihr ausgespuckt vor – in der Wüste stellte sich dieser Eindruck kein einziges Mal ein. Ich fühlte mich aufgehoben im Ganzen. Mehr kann ich nicht sagen. Die Wüstenbewohner, die ihren Teppich auf dem Sand ausbreiten und eine Feuerstelle einrichten, um Tee zu kochen, leben in der gleichen Verfassung. Sie stellen einen Mittelpunkt her, von dem sie ausgehen können.

Rückkehr an den ersten Tag

Alles ist ein Anfang; ein Aufbruch; eine einsetzende Rollbewegung. Es ist eine Rückkehr an den ersten Tag.

Diese Erfahrung ist so bedrückend, weil sie alle verpassten Anfänge bewusst macht, und zugleich so beglückend, so belebend, so begeisternd, weil sie noch ein Mal die Chance eines Anfangs vermittelt. Es ist nie zu spät. Das ist damit gemeint. So dass von diesem Tag an das Leben nicht mehr so ist wie früher. Nie wieder wird es so sein können. Eine Wende ist eingetreten. Erst von diesem Augenblick an gehört die Zukunft mir, dir, uns.

Das, glaube ich, ist es, was ich sagen wollte.

Von Aurel Schmidt


Klicken Sie hier, wenn Sie fortan bei neuen Artikeln dieses Autors benachrichtigt werden wollen!





Nach oben


Copyright © 2003 by webjournal.ch

 

Die Funktion Newsletter ist wegen Spam blockiert. Schreiben Sie eine Mail an info(ad)webjournal.ch mit dem Betreff: «Bitte newsletter zusenden» Besten Dnak für Ihr Verständnis.