Artikel vom 02.05.2007

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J.-P. Lienhards Lupe

Mit Fotoreportage

Literaturhaus à l‘Alsacienne

Am Freitag, 4. Mai 2007, eröffnet St-Louis sein «Café littéraire» - gerade rechtzeitig eine Woche vor der «Foire aux Livres» (11. bis 13. Mai 2007)

Von Jürg-Peter Lienhard



Was versteckt sich denn da hinter dieser grauenvollen Betonmauer - St-Louis liegt doch nicht am Jordan?… Alle Fotos J.-P. Lienhard, Basel © 2007


Das alte Kaufhaus «Maison David» an der Avenue du Général De Gaulle 19 und vor der «Place de la Mairie» bleibt Basels Nachbarstadt erhalten, aber wegen seinem originellen Gesicht erhält es eine neue Bestimmung, die ganz gut zu ihm passt: Ein Literaturhaus mit einem «Literaten-Café», das allerdings nicht nur Literaten, sondern auch der Allgemeinheit zur Restauration offensteht, und zudem in den oberen, wunderbar erneuerten, lichtdurchfluteten Räumen Veranstaltungsort kultureller Aktivitäten von nicht zuletzt literarischer Art sein wird.



…es ist die «Maison David», das neue «Café littéraire» - hier von der «repräsentativen» Seite auf dem Rathausplatz aufgenommen…


Die «Maison David» war stets ein Blickfang an der «av Gal De Gaulle», denn sie hatte mit den riesigen Fenstern über zwei Etagen am Giebel ein Gesicht wie die alte Synagoge von Hegenheim. Das auf den Traufseiten seltsam hochgezogene Fachwerk auf dem gemauerten Erdgeschoss verriet sie aber gewissermassen als «Neubau» nach Ende der klassischen Fachwerkperiode im Elsass exakt um 1800. Sie stammt denn aus dem Jahr 1858, dem Anfang der Periode der ebenso geheissenen «Emanzipation» der Juden in der germanophonen Welt.

Das «David»-Haus gehörte zuletzt der Familie Bergheim, die nach der Geschäftsaufgabe nach Strassburg zog und das Gebäude der Gemeinde St-Louis verkaufte. Es war lange unklar, was mit ihm geschehen sollte, man erwog gar den Abriss, weil es teilweise die Sicht auf den neugebauten Rathausplatz mit seiner warmen, in Ziegelstein gehaltenen Architektur verdeckte. Immerhin hat die neue Mairie derart architektonische Qualität, dass sich diese beiden Gebäude ästhetisch nicht beissen, dass der auf Repräsentation ausgerichtete Rathausplatz sogar von seinem republikanischen Glanz zugunsten des konservativen der «Maison David» ein wenig abgeben kann.



…und hier der Blick auf die Giebelseite mit den «Synagogen»-Fenstern, die im Inneren Obergeschoss und Galerie erhellen.


Und schliesslich gehören beide Gebäude zur Geschichte von St-Louis - das eine zur alten, das andere zur neueren - und beide vermitteln etwas Stolz der Gegenwart an die Ludoviciens, den Bürgern Sankt Ludwigs, das sich unter seinem Député-Maire Jean Ueberschlag unbeirrt aus dem allmächtigen kulturellen und wirtschaftlichen Schatten Basels lösen will.

Ganz anders sieht es auf der zur Stadtmitte, zum «Carrefour», also zur «Wahrzeichen-Kreuzung» von St-Louis hin gerichteten Seite der «Maison David» aus. An der Traufseite zur Gasse mit dem «Hôtel Ibis» an der Ecke, wo früher die gute Beiz «Au Lion d‘Or» mit seiner Terrasse stand, ist ein krasser Neubau an das Fachwerk angeworfen worden: Er enthält die Infrastruktur des Literaturhauses sowie die Küche und Service-Räume, was im Gemischtwarenladen David ja nicht vorhanden war, also zugefügt werden musste.



Aber jetzt wirds kritisch, je mehr der Fotograf um das Objekt herumgeht, was jeder Fotograf tun muss, wenn er der Sache jeweils völlig gerecht werden will.


Mir ist ganz klar, dass man sich über Geschmack trefflich streiten kann, zumal über architektonischen - gibt es doch kaum Architekten, die wissen, was ein Haus, ein Fachwerkhaus, ein Haus mit klassischer, traditioneller Aufteilung ist, die gar wissen, wo die Wetterseite ist, wie das Mikroklima um das Haus berücksichtig, geschweige denn das Raumklima ökonomisch bewältigt werden kann…

Während Morgenstern einen solchen Versager in seinem Gedicht um den «Lattenzaun» im Nachruf folgerichtig, aber um des Reimes Willen so enden liess: «Der Architekt jedoch entfloh / nach Afri- od Ameriko», dürfte der Pfuscher des Küchenanbaus an der «Maison David» schamlos sein Honorar einfordern, und wohl erhalten… (Es sei denn, er bewerbe sich als Anwärter auf den Preis «Faust aufs Auge»!)

Der Anbau ist denn tatsächlich eine Faust aufs Auge - nicht nur auf das Auge des Ästheten, sondern auf jegliche Ästhetik der Form- und Farbenlehre - ein Gesellenstück für Verkäufer des «Kaisers neue Kleider»: Was für der Baupläne lesen Unkundige vielleicht auf dem Papier «interessant», «unkonform», «mutig» daherkam, zeigte nach der Entfernung der «Echaffaudage» sein brutalst durch architektonische Unfähigkeit verstelltes Gesicht: Eine massig-primitive Betonwand hat der Pfuscher an die stadtseitige Fassade gepappt, verziert mit unleserlichen Buchstaben, die ein so etwas wie «in Stein gemeisseltes Credo» bedeuten sollen, jedoch nicht mal vom künftigen, des Französischen weidlich mächtigen Sundgauer Beizers, Tony Hartmann, vollständig entziffert werden kann.

Die eigentliche Doppelfaust aufs Auge ist jedoch die strassenseitig zugewandte Front des Anbaus, der in völlig unverständlicher Art in Giftgrün von oben bis unten bemalt worden ist.



Die blinde Ente fand keine Brösmeli und tauchte stattdessen den Pinsel in den falschen Farbkessel.


Das Pfuschwerk ist anzuschauen zum Heulen, zum Eau-de-Cologne-Brunzen! Der einzige Vorteil, wenn man von einem Vorteil dieses gestalterischen Verbrechens reden soll, ist allein, dass er den dahinterstehenden Rosthaufen eines mit Eisen verkleideten Gebäudes verdeckt - nämlich die ebenso missratene Idee einer Plouc-Architektur, die glaubt, sich mit vermeintlicher Grosstadtarchitektur messen zu können…

Anbauten an Fachwerkgebäude verlangen Einsicht und Kenntnis in diese jahrhundertealte und traditionsreiche Bauweise, die der Natur abgeguckt ist und daher unumstösslichen physikalischen Gesetzen folgt. Die Fachwerkkonstruktion verschafft dem Gebäude eine Struktur, eine ästhetische Erscheinung, gibt ihm ein unverwechselbares «Gesicht», das von seiner Form bestimmt und daher auch nie langweilig ist.

Allerdings haben heute solche Gebäude - in der Regel landwirtschaftliche - die ihnen ursprünglich zugedachte Aufgabe verloren oder genügen dem zeitgemässen Anspruch an Komfort oder Raum nicht mehr. Das ist die besondere Herausforderung an Hausbesitzer mit Bildung, an Handwerker mit Kenntnissen und an Architekten mit Verantwortung und Verständnis für Tradition.

Beim Zusammentreffen dieser drei «Elemente» wird die Sache spannend, während sie sonst nur in Tragik endet. Selbstverständlich können im Idealfall moderne Baumaterialien, Beton und Glas sowieso, zum Zug kommen - es gibt keine dogmatische Schranken. Bewusstere Architekten spinnen das Fachwerkgedicht mit der Fachwerksprache weiter, beispielsweise mit Metall-Fachwerk, verglast oder nicht. Andere suchen den Gegensatz, sogar den kompletten: Doch da unterscheidet sich der Dichter vom Plagör, trennt das respektvolle Auge vom nachäffenden Aufschneider!




Mit einem Wort: Der Anbau der «Maison David» ist entsetzlich brutal und hat den Körper des Hauses um eine Hälfte amputiert!





So sah das «Ding» in der Simulation aus - eher filigran und ohne Laubfroschfarbe - das definitive Ergebnis ist wohl eine neue Interpretation des «Trompe-l'Œil»-Stils?


Werfen wir aber einen Blick ins Innere der «Maison David», müssen wir den äusseren Eindruck weglassen. Beim Innenaubau waren die Hände von Handwerkern mit Kenntnis am Werk: Ins Auge springt sofort die Treppe im Zentrum des Gebäudes, die wie in einem Kaufhaus auch mittendrin steht: Diese Treppe führt vom Rez-de-Chaussée mit dem «Café» und der Bar hinauf in das Obergeschoss mit der mächtigen Glasfront an der Stirnseite und der Galerie rundherum. Das ist sehr schöne Handwerksarbeit! Auch die Wendeltreppen im Serviceteil - hier im klassisch-rustikalen Stil - verraten Können des «Schtägemachers». Ebenso die Holzarbeiten um die Bar.



Die neue Bar (links) und die augenfällig renovierte Zentraltreppe, wie sie auch in den «grossen» Warenhäusern die «Mall» dominiert. Wenn man bedenkt, dass die «Maison David» 1858 gebaut wurde, bedeutete diese Treppenanordnung eine visionäre Marketing-Raumplanung. Vielleicht nicht ganz zufällig ist im grössten Basler Warenhaus damals, der «Rheinbrücke», 1958 die erste Rolltreppe der Schweiz eingebaut worden - als Zentraltreppe…


Eindrücklich wegen ihrer Rücksicht auf die «Ursprünglichkeit» fallen die Brandspuren im Plankenboden auf der Galerie auf: Man weiss es zwar nicht wann, aber es muss mal auf der Galerie-Ebene des Kaufhauses David gebrannt haben - glücklicherweise ohne, dass dabei das ganze Gebäude in Mitleidenschaft gezogen wurde. Bei der Restauration des Plankenbodens - es ist kein Parkett im heutigen Sinne - versuchten die Handwerker zunächst, die Brandspuren abzuschleifen, aber als es sich herausstellte, dass sie viel zu tief im Holz festsassen, kam man auf die originelle Idee, sie zu belassen und lediglich zu versiegeln: So sind sie ein kleiner ästhetischer Kontrapunkt allein im Fussboden.

Und wer mal Gelegenheit hatte, das Haus des verstorbenen Basler Kunstgewerbe-Schullehrers und Künstlers Joos Hutter in Hegenheim zu besuchen, weiss, dass dieser begnadete Dekorateur das schwarzverbrannte Fachwerk seines Hauses, das einen Vollbrand überstand, kongenial gestalterisch in den Wiederaufbau integrierte - dabei die Versicherung schonte, die es ihm dankbar vergalt, indem sie den Schadensfall so rasch erledigte, dass der Umbau derart zügig vorangig, dass er im brandversehrten Haus während der ganzen Umbauzeit wohnen bleiben konnte.

Etwas Hutterscher Einfall lebt also auch in der «Maison David» weiter, wenigstens im Fussboden, egal, ob von den Innendekorateuren bewusst oder unbewusst übernommen. Ein Funke eines schöpferischen Künstlers im neuen Haus der Literatur ist wie der Odem der Muse, die ihm Seele einhaucht. Inwendig wenigstens, was aber meist die Hauptsache ist, vor allem, wenn dem Gesamtkunstwerk aussen die künstlerische Benediktion fehlt!

Mal abwarten, was am Freitag, 4. Mai 2007, 20 Uhr, die «Offiziellen» zur grasgrünen Beton-Bunker-Aussenwand sagen werden - webjournal.ch ist dabei!




Blick ins Obergeschoss zur Fensterfont zeigt einen lichtdurchfluteten Raum - ideal für intime Veranstaltungen wie eben Literatur.




Blick von den Fenstern weg ins Innere. In der Mitte der Treppenaufgang.




Die Galerie und Blick auf die «Synagogen»-Fenster.




Und nochmals ein Blick von der Galerie.




In der Baustelle haben sich die stolzen «Schtägemacher» temporär verewigt: «St-Louis, frey tuccinardi WEBER - Et une équipe qui gagne», steht auf dem Karton mit den Fotos der Handwerker, die darauf auf «ihrer» Treppe sitzen. Wenn auch diese «Künstler-Signatur» beim Putzen vor der Eröffnung entfernt sein dürfte, bleibt sie immerhin hier auf webjournal.ch für die nächste Ewigkeit erhalten (zu Recht!)…




Und das ist der neue «Hausherr», Tony Hartmann, der frühere Beizer der «Oltinguette» in Oltingen, wo er mit seinen famosen «Coupes de Glâce» berühmt worden war und nun auch in seinem «Café Littéraire» 64 (!) Varianten Eis-Kalorienbomben anbieten will.



Die Buchmesse von St-Louis vom 11. bis 13 Mai 2007 geht bereits in das 24. Jahr - damit ist St-Louis im kulturellen Bereich 20 Jahre fortschrittlicher als Basel… Illustration auf dem Plakat: Tomi Ungerer


Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• «Einweihung vor Eröffnung»


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