Artikel vom 01.05.2007

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Schmidt präsentiert

Ein Beobachter seiner Zeitgenossen

Ein Buch für 77 Franken 50 sagt nichts «Neues» und ist trotzdem hochbrisant

Von Aurel Schmidt



«Es ist schön, den Augen dessen zu begegnen, dem man soeben etwas geschenkt hat.» - Auch solche Feststellungen haben mit Charakter zu tun: Umschlagbild der französischen Ausgabe von «Les charactères» von Jean de La Bruyère.


Der französische Philosoph Jean de La Bruyère ist vor 300 Jahren gestorben. Was er gesagt hat, ist von zeitloser Aktualität, auch wenn es im Stil der Zeit von damals daher kommt. Falsch ist es deswegen noch lange nicht. Aber man muss zu lesen verstehen.

Das Buch kostet 77 Franken 50. Das ist ein prohibitiver Preis. Ein genau gleich grosses Hindernis für dessen Erwerb ist sein Autor, Jean de La Bruyère, der von 1645 bis 1696 lebte und ein einziges Werk geschrieben hat: «Die Charaktere».

Ein kleines Vermögen für ein Buch und für einen Autor auszugeben, der seit mehr als 300 Jahren tot ist – das könnte auf ein abenteuerliches Unternehmen hinauslaufen, das sich jedoch, entgegen aller Bedenken, lohnen kann.

Die Zeiten ändern schnell, aber nicht so schnell, wie es die Eiligen sich gern wünschen. Was gestern richtig war, muss auch heute stimmen, wenn es stimmt, dass es gestern richtig war. Nur das äussere Bild, die Erscheinungsform, der Auftritt wandeln sich und folgen dem Lauf der Zeit. Der Kern bleibt, was er immer war: der Kern der Sache, die Substanz, die Essenz.

Das Zeitalter bestimmte den Stil

Auch bei La Bruyère. Er war ein Produkt seiner Zeit, aber an seiner Beobachtungsgabe, an seinem unbestechlichen Blick auf seine Zeitgenossen, hat sich nichts geändert. Das höfische Zeitalter bestimmte den Stil. La Bruyère sah sich seine Zeitgenossen genau an und entdeckte an ihnen eine Menge miserabler Züge (mehr schlechte als gute). Betrug, Habgier, Unterwürfigkeit gegenüber den Oberen, aber gegen die Unteren Hochmut und eine hässliche Art, sich aufzuspielen, die er mehrmals geisselte.

An einer Stelle sagt unser Autor von einem seiner Studienfälle, es sei kein Mensch gewesen, er habe nur einfach Geld gehabt. Klar: Wer Geld hat, ist jemand und wird respektiert, wer keines hat, muss sich vieles gefallen lassen und wird verachtet. Die Glücksgüter sind ungleich verteilt. Wer sich auf die Jagd nach ihnen gemacht hat, verliert viel von seiner Menschlichkeit. Wer sie verteidigt, ist keinen Deut besser dran.

Der höfische Stil bestimmt den höflichen Stil. Für seine Zeit war La Bruyère ganz schön deutlich geworden, obwohl die Willkürherrschaft des Sonnenkönigs keine grossen Sprünge erlaubte.

Kein Revolutionär oder Sozialkritiker

Wie es sich gehört, war La Bruyère ein Sittenschilderer, ein Moralist im Sinn, Geist und Verständnis der französischen Philosophie (wie La Rochefoucauld, Chamfort, Vauvenargues und andere). Das heisst, jemand, der eine Anzahl von Regeln für das Zusammenleben der Menschen festlegt, meist in aphoristischer Form wie La Bruyère.

Ein Revolutionär konnte er unter allen diesen historischen Umständen nicht sein. Man würde zuviel von ihm verlangen. Die Sittenkritik durch eine Sozialkritik zu ersetzen, lag nicht in den Grenzen und Möglichkeiten der Zeit, in der er lebte, und also nicht in seinen eigenen.

«Angenommen, dass es auf der Welt nur zwei Menschen gibt, die sie allein besitzen und vollständig unter sich teilen, so bin ich überzeugt, dass sie binnen kurzer Zeit einen Grund zum Bruch finden werden, und sei es nur ein Streit über die Grenze.» Sagt unser La Bruyère. Wie richtig.

An anderer Stelle hält er dies fest. «Es ist oft kürzer und nützlicher, den anderen nachzugeben, als seine Kraft daran zu setzen, dass die anderen sich uns anpassen.» Auch nicht falsch. Soweit sind die Grenzlinien seines Denkens gezogen.

Grenzen des Denkens

La Bruyère sieht genau, wie die Verhältnisse liegen, er beschönigt sie nicht, macht sich nichts vor, aber was soll er tun? Er war ein Gefangener seines Zeitalters. Trotzdem kann man sein Buch immer wieder lesen, ein paar Seiten, dann innehalten, wieder weiterlesen, und, darin versteckt, manchmal kostbare Perlen finden. Und erstaunt feststellen: Der Charakter der Menschen hat sich nicht geändert. Nicht gross. Eigentlich ist er sich auf fürchterliche Art gleich geblieben.

Nur die Zeitbedingungen muss man in Rechnung stellen. Der Stil ist der Preis, der bezahlt werde muss. Dagegen sind die 77 Franken 50 ein Trinkgeld…


La Bruyère, Jean de: «Die Charaktere». Aus dem Französischen von Otto Flake. Mit einem Nachwort von Ralph-Rainer Wuthenow. 543 Seiten, Leinen und im Halbleinen-Schuber. Erschienen am 19. März 2007 im Verlag Suhrkamp-Insel, Frankfurt am Main. €uro 48.-- (D)/ €uro 49.40 (A)/ CHF 77.50. (ISBN 978-3-458-17339-7)


Inhalt

Zu den Höhepunkten der europäischen Literatur zählen die Werke der französischen Moralisten, allen voran Montaigne mit seinen Essais und die Charaktere Jean de La Bruyères (1645–1696). Die Ausgabe im Insel Verlag macht das Werk des großen Moralisten erstmals seit vielen Jahren wieder zugänglich.

Nach juristischer Ausbildung und Jahren als Prinzenerzieher am Hof Ludwigs XIV. begann La Bruyère spät mit der Abfassung seines einzigen Werks. Ausgehend von seiner Übersetzung der Charaktere des Theophrast, fand er sehr bald zu einem ganz eigenen Ansatz: In großer formaler Vielfalt – vom Charakterporträt hin zu Aphorismus und Kurzessay – richtet er seinen unbestechlichen Blick auf das Grundsätzliche der menschlichen Natur und sozialer Verhältnisse. La Bruyère, den man auch den Soziologen unter den Moralisten genannt hat, erschafft so eine ›comédie humaine‹ des klassischen Jahrhunderts in Frankreich und wird zum Wegbereiter von Aufklärung und Revolution.

Das Buch ist in sechzehn Kapitel unterteilt, deren Titel die Vielfalt des Inhalts erahnen lassen: Von den Werken des Geistes; Von den Frauen; Von der Gesellschaft und der Unterhaltung; Von den Urteilen; Von der Mode; Vom Menschen

«Sie enthalten mehr wirkliche Gedanken als alle Bücher deutscher Philosophen zusammengenommen.» Friedrich Nietzsche

Von Aurel Schmidt


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