Artikel vom 10.04.2007

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Mit Schmidt auf Reisen 3

Aufbruch und Heimkehr

Die Abreise scheint einem die Welt zu öffnen, während man die Welt bei der Rückkehr verengend erlebt

Von Aurel Schmidt



Uferansicht des Walden Pond bei Concord, Massachusetts, wo der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau von 1845 bis 1847 in einem selbst gebauten Holzhaus lebte und das Buch «Walden» schrieb. Jeder der vielen Besuche in der Vergangenheit am Teich und an der markierten Stelle, wo Thoreaus Haus stand, löst ein Gefühl der Vertrautheit aus. Der Walden Pond ist ein Erinnerungsort. Foto: Aurel Schmidt, Basel © 2007


Von seinen zahlreichen Reisen berichtet der Basler Schriftsteller und frühere Redaktor Aurel Schmidt in einer lockeren Folge kürzerer Reisebilder. In der neuen Folge geht er auf die Beschwingtheit bei der Abreise ein und auf die Gefühle der Bedrückung, die sich bei der Rückkehr einstellen.

Wenn du die Tür hinter dir zugezogen und abgeschlossen, das Gepäck aufgenommen und das Haus verlassen hast, um eine Reise anzutreten, dann liegt die Welt vor dir. Sie stellt ein Möglichkeitsszenario dar. Jeder Schritt führt in eine Ungewissheit. Aber diese Ungewissheit, diese Offenheit ist verlockend, unwiderstehlich. Die Welt gehört dir.

Solange du unterwegs bist, ist das Leben im Fluss. An jeder Kreuzung, an jeder Häuserecke, in jedem Augenblick eröffnet sich eine neue Aussicht. Die Strasse, das Hotel, der Bahnhof, die Randsiedlungen, dann das freie Land, die Felder und Berge am Horizont, die Strasse, das alles verliert rapid seine Bekanntheit. Mit jedem Schritt tritts du in ein neues Universum ein, hinter dem sich ein nächstes verbirgt. Das Land, das sich vor dir ausbreitet, bis an den fernsten sichtbaren Punkt erstreckt und immer noch ein Stück hinausschiebt, je weiter du kommst – das alles bildet einen Teil deiner neu geschriebenen Biografie. Du erlebst dein Leben als einen geografischen Bericht. Die Orte, die du aufzählst, sind Lebensstationen.

Die Abreise ist eine Erleichterung; eine Exaltation. Jetzt kann dich nichts mehr halten (aufhalten). Du bist entbunden vom täglichen, das heisst geregelten, konditionierten Leben und kannst dich frei bewegen. Jeder Schritt ist noch ungewohnt, aber nur eine Weile, dass verschwindet dieses Gefühl.

Keine Postkarte, sondern Realität

Nach Jahren sind die Kanäle von Venedig so vertraut wie damals, als du sie beim ersten Mal gesehen hast. Es ist, wie wenn es gestern gewesen wäre. Keine Postkarte, kein Gemälde von Canaletto, sondern Realität. Aber wie jede Realität mit einer unwirklichen Seite.

Du schreitest durch die Main Road in Concord, Massachusetts, sitzt in Brigham‘s, isst deinen Burger mit French Fries, trinkst deinen «coffee» («small», «medium», «large»), und es ist so, wie es immer war. So, als ob du nie fort gewesen wärst. Du kannst sagen, dass du dich auskennst. Etwas Besseres gibt es nicht zu sagen.

Den Walden Pond kennst du, wenn du wieder an seinem Ufer stehst, im Winter, wenn er zugefroren ist, im Sommer, wenn die Ausflügler baden, im Herbst, wenn die Blätter der Ahornbäume sich rot verfärben und kein Mensch anzutreffen ist.

Hier bist du schon oft gewesen, hierher kommst du nach Jahren wieder zurück. Es ist eine Rückkehr nach langer Abwesenheit.

Ein paar Orte auf der Welt sind dir im Lauf der Zeit geläufig geworden: die Place des Abesses in Paris; der Gipfel des Gifferhorns bei Gstaad; die afrikanische Savanne; Suzhou, die chinesische Stadt mit den schön angelegten Gärten, wo du abends in einem kleinen Restaurant mit dem Finger auf den Teller auf dem Nebentisch zeigst, um etwas zu essen zu bestellen: Reis, Gemüse, etwas Fleisch, Tee. Einfach, aber grossartig. Einfach grossartig.

Manchmal kommt es dir vor, als würdest du an vielen Orten gleichzeitig leben, aber in einer anderen Zeit. Es war einmal... das Leben. Dein Leben.

Jeder Weg ist richtig

Wenn du unterwegs bist, entscheidest du in jedem Augenblick, was du als nächstes unternehmen willst, und weisst, dass jede Entscheidung richtig ist, die du triffst.

Wer geht, ist auf dem richtigen Weg. Auch dann, wenn er sich verläuft, umkehren und ein Stück weit zurückgehen muss und dann die richtige Richtung einschlägt. Aber was heisst «richtig»? Auf einer Kugel (der Erde) sind alle Bewegungen beschränkt, aber unendlich – du kannst gehen, so viel und wohin du willst, vorwärts, rückwärts, hin und her, ohne je aufzuhören. Du bist immer da. Alle Bewegungen gehen niemals über die Fläche der Kugel hinaus.

Nur sitzen ist ganz und gar auf den Ort fixiert, an dem du dich aufhälst. Keine Bewegung, also keine Erfahrung. Reiner Stillstand. Ende der Vorstellung.

Der Augenblick der Umkehr

Der Aufbruch ist das Schönste am Reisen. Er ist ein Anfang, der lange anhält; der dich in einen anderen Zustand versetzt; ein geschenktes Leben.

Aber wenn der Augenblick der Umkehr kommt und du anfangen musst, an die Rückreise zu denken, wenn du den letzten Abend in Dhulikel verbringst, morgen im Lauf des Tages nach Kathmandu zurückkehrst und morgen abend zurückfliegst, oder in Concord nach einem letzten Spaziergang rund um den Walden Pond abends in der Bar noch ein Bier trinkst und denkst, dass du morgen in Boston das Flugzeug besteigst, dann schiebst du diesen Gedanken sofort weit von dir, als ob er dich gar nicht betreffen würde. Noch bist du unterwegs, noch immer. Alles andere liegt auf einer anderen orbitalen Ebene. Bis in die Hauptstadt und zum Flugplatz dauert es zuerst noch drei Tage, dann noch zwei, dann noch einen. Die Uhr tickt. Und mit einem Mal stehst du am Gate und wartest auf das Boarding.

Langsam fängst du an, dein Schicksal zu begreifen und zu spüren, wie eine Schlinge, die um deinen Hals gelegt wird. Noch vor ein paar Tagen konntest du die Arme ausstrecken und die Welt umarmen, jetzt stösst die Hand an einen Schalter, du zeigst dein Ticket und besteigst das Flugzeug oder den Zug und – ab geht die Post.

Die Rück- und Heimreise ist ein Vorgang, bei dem die Welt sich zusammenzieht, schrumpft. Mit einem Mal bist du nicht mehr der souveräne, leichtfüssige Reisende, der mit jedem Schritt die Welt entdeckt, sondern dir wird bewusst, dass du «gereist wirst», wie der Dichter Saint-Pol-Roux sagte. Du hast den Eindruck, ein Stück Gepäck zu sein, das an seine Destination verfrachtet wird.

Das Leben verengt sich; du blickst in dich hinein und siehst nur noch dich, nicht mehr die weite, offene, unbegrenzte Welt, in die du einmal hinausgetreten bist. Der Abschluss der Reise ist ein Elend.

Ernest Hemingway hat in «Die grünen Hügel Afrikas» beschrieben, wie er mitten in Afrika mit einem Mal daran denken musste, wie er sich später an diesen Augenblick erinnern würde, den er jetzt gerade erlebte, als er an den Abschied von Afrika dachte. Das kommt dir verdammt bekannt vor, nichtwahr?

Zum Fremdkörper geworden

Wenn du wieder zu Hause angekommen bist, das Gepäck auf den Boden stellst, den Hausschlüssel hervorholst, die Haustür aufschliesst und die Wohnung betrittst, kommt dir alles unsäglich fremd vor. Jetzt liegt die grosse Welt abgeschlossen hinter dir. Was dich erwartet, ist das eingesperrte, normierte, absehbare Leben. (Bis zur nächsten Abreise.)

Warst du fort gewesen? Wie könntest du es beweisen? Wo sind die Spuren, die du zurückgelassen hast?

Nur du selbst bist nicht mehr der gleiche wie vorher. Du hast den Eindruck, nicht mehr in diese Welt zu passen. Du bist zu gross, und die Lebensformen, in die Du gezwängt werden sollst, sind zu eng. Du bist ein Fremdkörper geworden. Was hat die Reise aus dir gemacht?

Nichts hat sich geändert, aber alles ist anders.

Von Aurel Schmidt


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