Artikel vom 30.03.2007

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Mit Stumm unterwegs

Mehr so aus dem Bauch raus

Talentprobe von «Dügg» inszeniert

Von Reinhardt Stumm



Szenefoto mit Sandro Tajouri: Judith Schlosser, Theater Basel © 2007


Wie ganz früher – grosser Bahnhof, lauter inzwischen ältere Gesichter, bei Theater und Publikum. Werner Düggelin inszenierte die Uraufführung eines Erstlings: «Lieblingsmenschen» von Laura de Weck. Grosser Applaus im Basler Schauspielhaus nach einer guten Stunde.

Die Bühne von Raimund Bauer sieht aus wie ein Versuchslabor. Kühl, durchsichtig, gleichmässig hell – nur die Einblendungen der Lieblingsmenschen schaffen Abwechslung: sechs ins Riesenhafte vergrösserte Porträtfotos – die Spielerinnen und Spieler nebeneinander. Von Mal zu Mal lösen sich diese Bilder lautlos in weichen Farbnebel auf. Die nächste Runde beginnt.

Junge Leute, Studenten, eine Schauspielerin, alles alte Freunde, ziemlich ununterscheidbar – Katharina Schmid, Inga Eickemeier, Sandro Tajouri, Anne Schäfer und Jan Bluthardt. Ihre Beziehungen sind ziemlich kunterbunt. Ihre Gespräche gehen in die Breite, was war, was ist rechts, was links? Vorn nichts. Was machst du? Was macht er? Wart ihr zusammen? Gehst du zu ihm, zu ihr? Einer bereitet sich auf die Prüfung vor, ein anderer will eine Arbeit schreiben, «Lernen» ist so eine Art Sammelbegriff für das, was sie tun sollten und zu tun versuchen. Alle sind ein bisschen gestresst. Manchmal aggressiv. Manchmal eklig aggressiv.

Werner Düggelin hat die Hand für sowas. Seine Szenen sind kurz, Nummernfolge. Sprache von heute – SMS- verseucht -, staccato, Jargon, modisch, schnell, trocken, manchmal unverständlich, und immer auf eine Weise, die vermuten lässt, dass genau das weggelassen wird, worauf es eigentlich ankäme. Eine merkwürdige Form von Kommunikationsverweigerung. Dialoge zackzack, hallo, was? Echt? Weiss nicht, vergiss es, ah cool. Ach, nicht so wichtig.

Und du sitzt in der fünften Reihe und fragst dich, worüber reden die krampfhaft nicht? Alles zugeschüttet? Oder war das überhaupt noch nie offen? Kein hinten, kein vorne, kein oben, kein unten. Was sie tun, tun sie, weil sie aus irgendeinem Grund müssen. Beziehungsstress. Was sie wollen, bleibt Geheimnis. Dabei sind diese alten Kinder durchaus quecksilbrig, aber auf eine Weise, die dem Zuschauer Lust macht, ihnen gelegentlich kräftig in den Hintern zu treten, damit sie wach würden und ihre Wirklichkeit wahrnähmen.

Wie kann man das erklären? Fünf zugedeckte Töpfe, wohlgefüllt, auf einem Kochherd, Feuer drunter. In den Töpfen brodelt es, die Deckel klappern, manchmal sehen wir Dampf, es macht Lärm, aber was in den Töpfen los ist, erfahren wir nicht. Weiss nicht, vergiss es, ah cool. Ach, nicht so wichtig.

Ich weiss nicht, ob das gemeint ist, aber so ganz weit von dem, was wir wahrnehmen, ist es wohl nicht! Was mindestens bewiese, dass Laura de Weck gute Ohren hat. Aber wohin geht das?

Mit dem, was ich unter Theater verstehe, hat «Lieblingsmenschen» wenig zu tun. Immer da, wo es anfangen müsste, ist der Deckel zu. Rammelfest. Zwei Möglichkeiten: Mein Verständnis von Theater bedarf neuerlich der Revision. Oder mein Verständnis von Wirklichkeit. Die Autorin? Eine Talentprobe, eine gelungene Talentprobe. Nächstes Mal müsste es – wird es ernst werden!

Von Reinhardt Stumm


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