Artikel vom 29.03.2007

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Rubrikübergreifendes

Die Bühne erst entlarvt den Spiesser Steppenwolf

David Mouchtar-Samorai inszenierte Hermann Hesses «Steppenwolf» in der Bühnenbearbeitung von Joachim Lux als Schweizer Erstaufführung im Stadttheater Bern

Von Gast



Die Flasche beflügelt so manchen Spiesser zum Antispiesser. Von links: Matthias Brambeer, Michael Günther (Harry Haller). Alle Fotos: Annette Boutellier, Bern © 2007


-- Von Hildegard Wenner, Köln --

Harry Haller hatten wir uns immer als einen asketisch aussehenden Menschen vorgestellt. Er isst ja wenig, hält es nirgends lange aus, mietet sich in Vorstadtmansarden ein, wo er mit vielen Büchern und Burgunderflaschen lange im Bett liegt.

Die «Welt» draussen ist verseuchtes Terrain, sie hat Goethe und Mozart verhunzt, Musik und Dichtung in ihre spiessbürgerlichen Niederungen heruntergezogen. Wie es scheint, ist Harry Haller der einzige, der die Verlogenheit des Erdendaseins, den Preis der bürgerlichen Existenz durchschaut. Nun gäbe er ja zu gerne den Prediger in der Wüste, stünde nicht dauernd dieser Steppenwolf, sein zweites Ich, neben ihm, um sich über Harrys idealistische Höhenflüge schief zu lachen - und den Don Quichote mit dem Burgunder zurück ins Bett zu schicken – oder nachts durch dunkle Gassen in die Kneipe.

Soweit die Ausgangslage im Jahr 1927, als der «Steppenwolf» erschien. Er wurde dann einer der meistgelesenen deutschsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts, konsumiert aber komischerweise hauptsächlich von der jeweils pubertierenden Generation. Obwohl der Held stramm auf die 50 zugeht. Das mag daran liegen, dass einem Harrys Probleme mit fünfzehn noch am ehesten einleuchten: sein Ekel vor allem «Bürgerlichen» und den daraus resultierenden suizidalen Energien.

Der rettende Engel

Aber dann kommt ja noch die grosse Wende - die Rettung naht im Foxtrott-Schritt, den Hermine, der Engel der Gefallenen, und ihre Freunde beherrschen. Sie führen den verzweifelten Harry ins wahre Lebenslager, auf den Ball, wo man hinter Masken verschwindet, sich selbst nicht mehr so wichtig und die Welt humorig nimmt. Wo man nicht zwei, vielmehr zweitausend Seelen in der Brust hat - und vor allem viel Opium raucht.

So eignet sich der Roman für die Pubertierenden der Jahre 68 ff in doppelter Hinsicht als Kultbuch: als auf den Maskenbällen endlich wieder Pfeifchen kreisten, eine amerikanische Band sich den Namen «Steppenwolf» gab und «Born to be wild» intonierte.

Wer allerdings selber in Harry Hallers Jahre gekommen ist, philosophische wie soziologische Grundkenntnisse erworben, das reichhaltige Angebot theoretischer Unterfütterung für alle Lebenslagen genossen hat, dem kommmt Harrys Weltbild doch ziemlich bescheiden, in seinen Kokettetterien mit dem Herrenmenschen gar unappetitlich vor. Kurz: Dieses Gedankengebäude besteht aus hinlänglich bekannten Klötzchen; die sind schnell aufgebaut, man könnte auch sagen, erzählerisch schnell verbraucht, so dass Harrys Erfinder Hermann Hesse sich doch reichlich wiederholen muss auf seinen gut 230 Seiten. Wobei zuzugeben ist, dass dieser Einerseits-Anderseits-Singsang von Geistmensch und Tiermensch die schöne Weltekel-Melancholie des Lonesome Riders überhaupt erst erzeugt.

Schwitzender Landstreicher

Herman Hesse beherrschte also den Trick, seinen Protagonisten so lange über die Spiesser um sich herum lamentieren zu lassen, ihn dabei äusserlich mit soviel Geheimnis zu umgeben, bis man gar nicht mehr merkt, dass Haller selber hier der Spiesser ist. – Aber wo lässt sich hinter die Kulissen schauen? Nur im Theater. Das wäre ja mal ein einleuchtender Grund für die vielen Romanvorlagen, die sich «dramatisiert» seit geraumer Zeit landauf landab auf den Bühnen bewähren müssen.

Eben dort, am Stadttheater Bern, ist Harry Haller (Michael Günther) nämlich endlich der, der er eigentlich von Anfang an war: Ein dicklicher, schwitzender Handlungsreisender, der nach ein paar Lebensniederlagen beschlossen hat, fortan als unverstandener Aussenseiter mit dem grossen Durchblick durchs Land zu streichen, sich aber ruckzuck und noch so gern in die Globussäle abschleppen lässt, wo Pablo die neuesten Hits der Roaring Twenties auf dem Saxophon bläst.

Nummernrevue

Heinz Hauser hat die Bühne geradezu minimalistisch hergerichtet, für die nachtschwarze Stadt lediglich grössere und kleinere Man-Ray-Solarisationen drapiert. Vorne wohnt unser Held, seine Mansarde erinnert allerdings eher an einen formidablen Loft, die goldglitzernde Jalousie schützt vor Feindesland. Joachim Lux hat die Bühnenadaption vor zwei Jahren für die Uraufführung am Wiener Burgtheater verfasst, eine auf Action angelegte Verknappung, die sich die gedehnten Reflexionen und mithin Redundanzen des Originals erspart; ein Stationendrama mit vielen kleinen Szenen, die David Mouchtar-Samorai nun in Bern als beinahe komische Nummernrevue abspulen lässt. Bob Fosses «Cabaret» mit einem Gastauftritt der Comedian Harmonists in strengstem Schwarzweiss.

Pantomimische Jazzband

Selbstverständlich sitzt der Live-Pianist (Michael Frei) mit auf der Bühne, dafür spielen Pablo und seine Band pantomimisch professionell Luftinstrumente. Hermine (Julia Wieninger) spielt statt Schicksalsgöttin eher Domina, die ihre Freundin Maria – das pausenlos kichernde Blondchen Silvia-Maria Jung - unter Harrys blütenweisses Plumeau treibt. Lockerungsübungen für den Partylöwen in spe und natürlich Lachnummer fürs Publikum. Um den Amüsierbetrieb zu schmieren, legt sich Goethe als Tischbein-Zitat (Goethe in Italien) auf die Chaiselongue, outet sich Mozart im «Magischen Theater» als Kiffer und Kulturbanause, der sein Wunschkonzert, Händels Concerto grosso in F-Dur, nur aus dem Kofferradio so richtig geniessen kann.



Goethe aus dem Grab herausbeschworen: Michael Günther (Harry Haller), Matthias Brambeer (Goethe)


Diese Liebe teilt er übrigens mit Harry Hallers namenlosem Mansardenvermieter (Uwe Schönbeck, das ist auch der Tischbein-Goethe), ein diskreter Büromensch bei Hesse, der als Rahmenerzähler die äusseren Koordinaten des «Steppenwolfs» setzt. Ihm, nicht Harry Haller, wird auf der Bühne alle Ehre des Antibürgers zuteil. Der Suff macht ihn freundlich und gutmütig, offen für alle Harry-Haller-Eskapaden und auf dessen «Steppenwolf-Tractat» genauso unvoreingenommen neugierig wie auf Radio Peking, Moskau oder Sansibar.

Seine scheppernde Blechkiste, trägt er auf torkelndem Schritt und Tritt stets nah am Ohr, ins andere dringen Harrys technikfeindliche Tiraden - dagegen ist jeder Maschinenstürmer ein Waisenknabe. Michael Günther gab in Bern schon zu Beginn der Spielzeit in Thomas Manns «Buddenbrooks» (Achtung Romanvorlage!) jenen Christian, der als gelernter Bürger so langsam verlottert, nun macht er sozusagen die Rolle rückwärts.

Thomas Mann soll sich über den «Steppenwolf» übrigens lobend geäussert haben, die Pubertät hatte er zum Zeitpunkt des Erscheinens schon ziemlich lange hinter sich.



Silvia-Maria Jung (Maria), Michael Günther (Harry Haller)


Weiter Aufführungen im Stadttheater Bern:

29. März 2007
19. und 21. April
13. und 30. Mai
1., 5., 9., 13., 25. und 28. Juni 2007

Von Gast

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