Artikel vom 21.03.2007

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Mit Stumm unterwegs

IM APRIL AUCH IN DORNACH

Nackter Hass

Die alt-berühmte «Schauspieltruppe Zürich» mit Maria Becker spielt bis Anfang April 2007 unter der Regie des Becker-Sohnes Oliver Freitag (59) im Zürcher «Bernhard Theater» Strindbergs «Der Vater»

Von Reinhardt Stumm



Wohin der Hass führt: Endstation Zwangsjacke, von der eigenen Frau geschnürt. Bild: Philipp von Schulthess, Benedict Freitag, Maria Becker, Udo Bodnik
(von links). Fotos: art-tv © 2007



ZÜRICH.- Der Rittmeister, die männliche Titelrolle, ist mit Benedict Freitag (54) besetzt, dem zweiten der Becker-Söhne. Die Baslerin Emanuela von Frankenberg ist Laura, seine Frau. Und ich wollte noch einmal zu Maria Becker. Ich hatte sie lange nicht mehr gesehen, aber ich erinnere mich sehr intensiv an Schillers «Maria Stuart» im Schauspielhaus Zürich - Agnes Fink spielte die Titelrolle, Maria Becker die Elisabeth von England. Es war ein aufregender Abend, der ein Nachspiel hatte.

Maria Becker zauste mich, weil ich zum Alter der beiden Königinnen eine (bewundernde) Bemerkung des Inhalts machte, dass man nach zehn Minuten keinen Gedanken mehr daran verschwendete, dass die Damen Schillers Königinnenalter weit hinter sich hatten. (Beachte Aktualisierung am Schluss.)

Worauf es mir ankam: Wer das Metier beherrscht, ist vom Alter unabhängig. Maria Becker machte mir freilich klar, dass die beiden Königinnen in Schillers Stück den Kindergarten seit Jahrzehnten hinter sich hatten!

Das musste mir jetzt wieder einfallen. In Strindbergs Stück spielt Maria Becker die hochbetagte Amme, die dem Rittmeister einst die Windeln wechselte, die nun hier ihr Gnadenbrot verzehrt. Das Verblüffende ist abermals, dass die Schauspielerin in ihrem Lehnstuhl sitzt, als sei sie da hineingeboren, dass sie sich, klein, zu einem Knäuel Decken und Wollsachen zusammengerollt, bewegt, als hätte sie nie in ihrem Leben was anderes getan. Die Einsicht des Zuschauers muss sein, dass dies und nichts anderes ihre Rolle immer war und ist.



An der grossen alten Dame des Theaters scheint die Zeit spurlos vorübergegangen zu sein: Wer sie kennt und schätzt ist stets hingerissen von ihrer unnachahmlichen, ungeheuren Präsenz!


«Der Vater», 1887 geschrieben, ist erkältend. Ein Ehepaar gerät in den Clinch, weil der Vater das (ihm damals zustehende) Recht in Anspruch nimmt, über die nahe Zukunft der halbwüchsigen Tochter Bertha zu bestimmen, womit er den Widerspruch ihrer Mutter provoziert. Für den Autor nicht viel mehr als ein Vorwand, der ihm erlaubte, Machtverhältnisse und seelische Brutalität in einer Ehe zu thematisieren. Der Zufall spielt der Ehefrau Laura das Mittel in die Hand, das ihr die Oberhand verschafft: Ist der Rittmeister wirklich ganz sicher, dass er der Vater ist?

Der Rest lässt sich denken. Der Rittmeister dreht durch, sein Geisteszustand erlaubt Laura, ihn zu entmündigen und in eine Nervenheilanstalt einzuweisen. Zu seinem Glück (darf man sagen) stirbt ihr der Rittmeister unter der Hand weg, so dass ihm nach der Demütigung doch mindestens dieses Schicksal erspart bleibt.

Das Stück ist 120 Jahre alt, Strindberg ist für eine bestimmte Phase des psychologischen Theaters sprichwörtlich. Manches, was wir hören, muss uns angestrengt, komisch, unglaubwürdig vorkommen. Erstaunlich, dass dieses altgediente Ehepaar nicht imstande ist, ein Problem bei einem Glas Wein zu besprechen. Strindberg brauchte kein Gespräch, keine Schlichtung eines Konflikts, was er suchte, ist seine Wahrheit, die das kalte Entsetzen gebiert, das den Zuschauern den Buckel hinaufkriechen muss. Der Motor des Stückes ist Hass.

Nun kommt ein Problem. Der Regisseur kann sich für zweierlei entscheiden. Entweder er schneidet die Geschichte, die Story so zusammen, dass wir gerade noch ahnen, worum es geht - und hetzt stattdessen die Protagonisten aufeinander los, dass wir Blut schwitzen. Dann verstehen wir bis zur eigenen Erstarrung Stimmlagen, Gefühle, seelische Bewegungen, nehmen den blutigen, tödlichen Hass zweier Menschen aufeinander wahr - zweier Menschen, die verheiratet sind und eine gemeinsame Tochter haben. Entscheidet sich der Regisseur dafür, schlägt er die gleiche Richtung ein, die Friedrich Dürrenmatt Ende der sechziger Jahre bei seiner Bearbeitung des «Totentanz» einschlug. Sein «Play Strindberg» war auch (sozusagen) die entsetzliche Quintessenz der Einsicht in das «Eigentliche» bei Strindberg.

Die andere Möglichkeit ist, das Stück zu verschlanken, die Geschichte geradeaus zu erzählen, und rechts und links den argumentativen Gefühlsballast wegzuschneiden, der bremst und hemmt. Das freilich nimmt dem Stück Grund und Begründung und umgeht genau jene Gefühlseruptionen, an die sich erinnern muss, wer breitere und härtere Inszenierungen des Stücks gesehen hat. Gelegentliche Lacher im Publikum sind die Quittung dafür. Manche Sätze, um ihren Hintergrund gebracht, provozieren heute Belustigung, die gewiss nicht gemeint ist.



Oh nein, Papa… Bild: Benedict Freitag, Kira Westphal


Wo das glasklare Konzept fehlt, geht es mal gut, mal nicht so gut. Dann gibt es harte, spröde Passagen (es sind die besten), wo jedes Wort vernichtend, tödlich, gnadenlos und entsetzlich ist, und es gibt Passagen, die weich werden, gefühlig, sentimental. Schwer zu denken dann, dass jedes Wort eine tödliche Waffe sein soll, deren Wirkung lauernd beobachtet, wer sie führt.

Im Grunde haben diese Menschen, diese Theaterfiguren keine Lebensgeschichte, die sich lesbar machen liesse. Das macht auch diesen Strindberg ungemein schwierig. Sie sind Puppen, Figuren, Beweisträger, Modelle, für den Augenblick gemacht, ihr Vorher und Nachher ist irrelevant. Strindberg reduziert eine Beziehungsgeschichte auf ihren Modellcharakter - und wer seine Lebensgeschichte kennt, weiss, dass es seine ist.

Das noch einmal zu sehen, war schon den Weg nach Zürich wert. Und an Maria Becker abermals zu erkennen, was grosse Schauspieler können, ihre Begabung, selbst hölzernen Modellen Leben einzuhauchen. Das wollen wir nicht vergessen.

«Der Vater» von August Strindberg

Gespielt von «Die Schauspieltruppe Zürich»,
zu deren Mitbegründern auch Will Quadflieg gehörte

Mit:
Maria Becker
Benedict Freitag
Emanuela von Frankenberg
Regie:
Oliver Tobias Freitag


Noch bis 1. April im Bernhard-Theater, Zürich

Tickets unter Telefon 004144-268 66 66
(Mo.-Sa. 11.30 - 18 Uhr)

Spielplan siehe Link hier unten.




Das Hexeneinmaleins: 's ist vollbracht… Bild: Philipp von Schulthess, Kira Westphal, Emanuela von Frankenberg, Maria Becker, Udo Bodnik (von links), Benedict Freitag (vorne).



Drei Vorstellungen auch in der Region Basel, im Neuen Theater am Bahnhof (NTaB) in Dornach:

• Dienstag, 3. April, 20 Uhr
• Mittwoch, 4. April, 20 Uhr
• Donnerstag, 5. April, 20 Uhr


Vorverkauf für die Vorstellungen im Neuen Theater am Bahnhof Dornach:
Tel. 061 702 00 83
Theaterkasse geöffnet
Dienstag von 10.30 bis 12.30 Uhr und
Donnerstag 16 bis 19 Uhr
sowie DROPA Drogerie Altermatt, Dornach

Link zum NTaB siehe unten


Von Reinhardt Stumm

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Link zum Spielplan des Bernhard-Theaters

• Film-Interviews mit den Beckers und Szenen-Film

• Link zum Neuen Theater am Bahnhof, Dornach


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