Artikel vom 09.03.2007

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Elsass - Wirtschaft

Genau hingucken ist Kunst…

…vor allem, wenn es um erstklassige Handwerksarbeit geht, wie am Stand der elsässischen Kunsthandwerker «frémaa» an der Muba 07 in der Halle Wohnsinn 1.1, Stand K50

Von Jürg-Peter Lienhard



Kostbare Broderie von Hand gefertigt und unikat: Tromp-l‘œil-Gilet mit Silbermünzenschmuck, traditionell wie bei den Trachten, der stehengebliebenen spanischen Mode. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2007


Die Entdeckungen sind überraschend und beeindruckend, gilt doch Häkeln heutzutage gemeinhin als «unemanzipierte» Frauenarbeit, ist Handarbeit im Zeitalter der Computerspiele sowieso gnadenlos «out», wie auch die Gesellschaft es sich leistet, alles rund um die Lebenstechnik - früher Haushaltlehre - schnöde aus dem Schulstundenplan zu vertreiben: Doch ein zweiter Blick in die «Schatulle» der Elsässer Handwerker, dem Stand der «frémaa» an der Muba 07, erschliesst wie in der Liebe erst die ganze Schönheit.

Vorausgeschickt sei allerdings, dass dieser Artikel weder bezahlt, noch sein Verfasser mit Edelzwicker oder Gänseleber geködert worden war, sondern dass ihn der Instinkt des Entdeckers und Erfahrung durch journalistische Arbeit auf den Pfad zu diesen Kostbarkeiten gebracht hat!

Broderie nennt sich die Arbeit von Françoise Wintz aus F-67230 Huttenheim im Bas-Rhin. Broderie kennen vielleicht noch ältere Generationen, die ihre Bettwäsche noch nicht für einsfünzig das Multipack, Kinderarbeit in Pakistan inbegriffen, vom Discounter ennet der Grenze gehamstert, sondern bei der Langenthaler Leinenweberei gekauft haben. Die Oberleintücher zierten am oberen Ende kunstvoll gestickte Bordüren, auf der einen Seite im Negativ, und, wenn man beim «Bettenmachen» das Leintuch oben korrekt umschlug, kam das Muster im Positiv zur Geltung. Ganz vornehme Haushaltungen bezogen ihre Betten gar mit Tüchern mit dem eigenen Monogramm in der Borte.



Broderie-Accessoire mit eingenähten Streifen aus gefiltertem Sand vom Atlantik: Dieses textile Schmuckstück, über weisser Blouse oder Hemd getragen, verrät an der Gala, an der Vernissage, in der Oper oder einfach beim ersten Rendez-vous, feinsten Geschmack des Trägers oder der Trägerin!


Aus dieser verschwundenen textilen Tradition schöpft die Künstlerin Wintz Ihre Kreationen, wozu sie als Werkzeug allein Nadel, Faden, Fingerhut und kleine spitze Schere benötigt. Wert: 5 Franken, wenn's hochkommt! Aber, was sie damit anfängt und vor allem, wie sie es beendet - das geht ganz schön ins Tuch, auch wenn es weniger Tuch als Schmuck ist!



Hand und Werkzeug der Textil-Künstlerin Françoise Wintz mit brodierter Manschette und Lagen der Kimono-Skulptur: Mehr Werkzeug braucht‘s nicht, um Schönes zu schaffen, dafür eine künstlerische Hand mit Verstand!


Glücklicherweise bin ich momentan nicht in einer teuren Liebschaft gefangen; ich hätte mir sonst Manschetten und Kräglein, Gilet-Tromp-l‘œil und Kimono geschenkwütig erstanden. Apropos Kimono: Françoise Wintz zeigt einen Rückteil eines Kimonos, der dem kenntnislosen Betrachter als unscheinbare Dekoration völlig entgeht. In Wirklichkeit ist es ein Bild, eine textile Skulptur, wie ein Gobelin auch. Madame Wintz war fasziniert von der Bedeutung der Kimono-Tradition, womit die Trägerinnen sehr viel, aber sehr diskret und verschlüsselt in der textilen «Sprache» über sich, über ihren sozialen Stand und über ihr Vermögen kundtaten. Zwölf Schichten allerdünnster Stoff aus Seide und anderen Edeltextilien, jeweils anders gewebt und verziert und in Weiss, war der obersten Kaste vorbehalten. Je mehr Schichten, je höher der Stand, aber nur Eingeweihten diskret sichtbar an den Stoffenden am Hals…

Vielleicht ist Madame Wintz von Hervé Joncour aus Lavilledieu in Südfrankreich auf die Idee gebracht worden. Auf jeden Fall hat sie die Erzählung «Seide» von Alessandro Baricco gelesen, das gleichnamige Hörbuch davon, gesprochen von Christian Brückner, aber hat sie wohl kaum gehört, denn sie ist keine Elsässerin, sondern Bretonin, die mit einem Elsässer verheiratet ist. Wer dieses Buch gelesen hat, wird vielleicht am besten nachfühlen können, dass Madame Wintz ihr sinnliches Empfinden darin widerspiegelt sieht, und wer dann auch ihre Handarbeit bewundern kann, wird unschwer feststellen, dass die Sinnlichkeit ihrer Objekte auf eine Seelenverwandtschaft mit dem Italiener hinweist…



Sieht so eine «gebackene Hausfrau, die am häuslichen Herd häkelt» aus? (Gewissen Emanzen sollte man den Mund stopfen!) Hier aber sehen Sie die häkelnde Textilkünstlerin Madame Françoise Wintz mit einer brodierten Seidenschärpe und vielen Details, die hier wegen der geringen Auflösung leider nicht zur Geltung kommen können. Im Hintergrund, weiss, die textile Skulptur Kimono.


Und da wir es hier schon von Literatur haben, dann ist es auch die Gelegenheit, von der Poesie von Stéphanie Pelletrat von der avenue Robert Schuman 109 in F-68100 Mulhouse zu berichten. Auch ihre Objekte sind Kunst, die nicht direkt ins Auge springt, wie auch beispielsweise die Möbel-Kreationen von Jean-Jacques Erny, dem Absolventen der berühmten Pariser Gestaltungsschule «Ecole Supérieure des Arts appliquées aux Industries de l'Ameublement et de l'Architecture Intérieure, Paris - BOULLE». Der oberflächliche Betrachter mag Madame Pelletrats Objekte «lediglich» als eigenwilliges Licht oder Lampen wahrnehmen. In Wirklichkeit ist es Kunst, die beleuchtet ist.

Madame Pelletrat arbeitet mit Porzellan und Eisen. Genauer: Sie giesst Ihre Poesie in Porzellan und erhält nach einem aufwendigen Verfahren und vielen kleinen Einzelschritten eine beleuchtete Buchstaben-Skulptur aus Porzellan, die man mit dem nötigen Respekt und der Geduld, die das Werk fordert, entziffern kann:

Apparaître
Laisser paraître
Vrai ou faut
Peut-être
Ne pas savoir
Et disparaître


Schön, nicht?



Das «Lichtgedicht» von Stéphanie Pelletrat - in Pozellan und hintergrundbeleuchtet: Auch die Fassung aus rostlackiertem Metall hat künstlerische Qualität.


Was auch nicht direkt ins Auge sticht am Stand der Elsässer Künstler und Kunsthandwerker, sind die Arbeiten des Buchbinders Maurice Salmon aus Strassburg. Wer Bücher nicht wie ich einfach als Dokumente und Nachschlagewerke betrachtet, den nennt man Bibliophiler, und ein Bibliophiler ist ein Bücherliebhaber, der den bedeutenden Inhalt mit einer besonders kostbaren Verpackung umgibt, die er nur von einem wirklich geschickten, künstlerisch veranlagten und sauber arbeitenden Handwerker ausgeführt haben will. So ein künstlerischer Handwerker ist Salmon, und um das Gesagte zu überprüfen, müssen Sie seine am Stand ausgestellten wunderschön gebundenen Bücher in die Hand nehmen und den Rücken, die Bindung, die Deckblätter und den Umschlag genau ansehen. Dann spüren Sie unter den Fingerkuppen, was ein gut gebundenes Buch ist, und haben dann vielleicht auch den Wunsch «Seide» von Baricco dem Künstler Salmon zu übergeben!

Vielleicht kommt er auch an die nächste «BuchBasel» im Mai 2007 - bis zu ihm nach Strassburg ist jedenfalls die Kunde der «Messe-Erfindung» von Matthyas Jenny nicht vorgedrungen - zum Glück gibt's webjournal.ch! Übrigens: Vielleicht waren Sie schon mal an der «BuchBasel» und dort an einer der Podiums-Veranstaltungen mit berühmten Autoren oder berüchtigten Autorinnen. Dann haben Sie wohl die Bühnendekoration nicht übersehen können: Ein mächtiges, aufgeschlagenes Buch - Sie haben es erraten - der Text der zwei Buchseiten der Dekoration stammt aus des Turiner Musikwissenschafters und Schriftsteller-Philosophen Novelle «Seide»…

Zum Schluss aber hier noch ganz schnell ein paar Tips zum genauer Hinsehen: Die Hutmacherin Annie Basté-Mantzer habe ich im vorangegangenen Artikel bereits bildlich erwähnt, aber auch ihre textilen Arbeiten, wundervoll gestickte und gewobene Jäckchen und andere Damen-Oberkleider, sind zu entdecken und zu erfühlen! Und wenn Sie mal wissen wollen, wie die Mona Lisa von hinten aussieht, dann sind Sie in der Ecke des Fotografen Thomas Frey am richtigen Ort, das heisst, auf der Augenweide…

Wer Freude an künstlerischem Schmuck hat, der muss allerdings ganz genau hinsehen, denn leider sind die schönen Präsentationskästen komplett überfüllt und mit unnötigen Fotos und der Preisliste tapeziert, so dass die einzelnen, wirklich hervorragend gestalteten Schmuckstücke so wenig auffallen, wie in der Kiste des Piratenschatzes…

Übrigens, falls Sie mir nicht glauben, wie wundervoll schöne Sachen es am Elsässer Stand zu bewundern (und kaufen) gibt: Fragen Sie Frau Karin Hanser, Wirtin der Bar «The Point» im Einkaufszentrum «Gundeli-Park» der Migros Basel. Mein erster, allgemeiner Artikel über den Elsässer Stand hat sie derart neugierig gemacht, dass sie unverzüglich und noch gleichentags an die Muba segelte - und hat‘s nicht bereut!



Teilabbildung des Umschlags vom Katalog der «frémaa»-Künstler und -Kunsthandwerker (Bestell-Infos am Schluss).


Da man Kunst und Kunststücke ja nicht jeden Tag kauft, und die Muba 07 an diesem Sonntag, 11. März 2007, zu Ende geht, wird sich der eine oder andere Leser mal später an die tollen Arbeiten der Elsässer Künstler und Kunsthandwerker erinnern und steht dann wie das nicht abgeholte Päcklein in der Wüste, wenn er sich des Namens und der Adresse entsinnen sollte. Gleiches dürfte ihm widerfahren, wenn er nach einiger Zeit konkret etwas Kunstvolles aus dem Handwerk des Elsass sucht.

Doch, wer Schönes macht, Kunst sich ausdenkt, der hat eben Grips in der Birne, weshalb es für die in der «frémaa» zusammengeschlossenen Künstler und Kunsthandwerker auf der Hand lag, ihre Arbeit und ihre Produkte zu dokumentieren. Übrigens ganz in der Tradition der elsässischen herausragenden Unternehmer, die stets gerne und stolz die Muster ihrer Produkte sammelten und so den Grundstock der einzigartigen Museen der einstmals gloriosen textilen Hauptstadt des Kontinentes, Mülhausen, legten. Resultat ist ein 192 Seiten starker Katalog, der eigentlich schon ein Buch ist und den Titel «Regards sur les Métiers d‘Art en Alsace» trägt.



Auszug aus dem Katalog, Seite 118, mit der Abbildung des restaurierten Bildes von Nicolas de Largilliere «La Belle Strasbourgeoise» aus dem Musée des Beaux-Arts in Strassburg.


Darin befinden sich Porträts und Adressen von über 50 hervorragenden elsässischen Künstlern und Kunsthandwerkern, Männlein wie Weiblein, aber vor allem sind deren Metiers teilweise recht ausführlich beschrieben. Selbst wer nichts zu bestellen hat, hat mit dem Katalog ein Bilderbuch mit vielen kunsthistorischen, bau- und wohn- sowie musikgeschichtlichen Beschreibungen in den Händen mit den Kapiteln Geschichte des elsässischen Handwerks, den Rubriken Graphik, Holz, Innendekoration, Vergoldung, Instrumentenbau, Metall, Mode, Stein, Erde, Glas und vor allem Restauration als ein wichtiges Kapitel. Der Katalog kostet 30 €uros und kann bei der «frémaa - fédération régionale des métiers d‘art d‘alsace», Rubrik «Nous contacter», bezogen werden (siehe Link am Schluss).



So sieht einer aus, der etwas kann und etwas geleistet hat, das von Wert ist: Jean-Jacques Erny, Kunsttischler aus Colmar und gewissermassen «amtierender» Doyen der elsässischen Kunsthandwerker-Innung «frémaa». Er spricht nicht nur ein lupenreines Elsässisch mit Colmarer Färbung, sondern ist auch von seiner Gesinnung her ein echter Europäer ohne Berührungsängste über die Grenzen! Mit ihm kann man seriös über wirtschaftliche und politische Aspekte und aller Gattig anderes im Elsass diskutieren. Seine Ansichten schöpft er aus genauen Beobachtungen und ist daher ein kompetenter Gesprächspartner.


Direktbezug Katalog

Via untenstehendem Direktlink, Rubrik «Coordonnées», oder bei jedem der «frémaa»-Künstler oder -Kunsthandwerker. Hier aber ohne Umweg über die «frémaa»-Homepage:

«frémaa»
13, rue du Dr Stoltz
F-67140 ANDLAU
Tél/Fax: 00 33 3 88 08 25 57
Portable: 00 33 (0)6 76 09 42 40
eMail: ninon.derienzo@fremaa.com


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Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Homepage «frémaa»

• Artikel zur Muba 07 und elsässische Kunsthandwerker

• Beispiel, wo man Schönheit lernen kann


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