Artikel vom 26.02.2007

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Mit Stumm unterwegs

Vom Meistern der Rolle

«Caligula» - die Tragödie eines gewissenhaften Ratlosen - spielen Studenten der Akademie für Sprachgestaltung und Schauspiel im «Holzhaus» am Goetheanum

Von Reinhardt Stumm



«Caligula» - das Bild stammt von einer anderen Studententheater-Aufführung, Stuthe in Wien.


Die Neugierde trieb mich nach Dornach. Auf dem Spielplan Camus (*1913) und sein «Caligula» (1947). Wer spielt denn noch den 1960 bei einem Autounfall ums Leben gekommenen französischen Nobelpreisträger? Und dann auch noch dieses Wahnsinnsstück? Und dann auch noch im Goetheanum – überall doch wohl, aber nicht dort!

Denn «seine Philosophie beruht auf der rationalen Erkenntnis der absoluten Sinnlosigkeit menschlichen Daseins und schliesst ein Entrinnen in metaphysische oder ideologische Bindungen aus», sagt das Lexikon.

Was doch auch heisst, dass mindestens für diesen Caligula menschliche Existenz grenzenlos und verantwortungsfrei ist. Was doch auch heisst, dass nichts über das menschliche Dasein hinauszielt, dass sich alles nach innen richtet. Dass Endlichkeit in jedem Sinne gemeint ist.

Und ist doch auch wieder nichts anderes als ein Stück über die Sehnsucht nach Transzendenz, nach dem, was auf der anderen Seite ist – kein Wunder, ist der Spiegel in diesem Stück so wichtig, in dem menschliches Vermögen sich an der Macht über das Leben anderer beweist: «Ich lebe, ich töte, ich übe die sinnverwirrende Macht des Zerstörers, mit der verglichen die Macht des Schöpfers als billiger Abklatsch erscheint. Das heisst glücklich sein!»

1947 geschrieben. Es ist wohl nicht ganz unwichtig, das Datum zu beachten.

Und im Goetheanum? Das Spannende an diesem Abend, dass Schauspielschüler eine (wenn ich das richtig verstanden habe) eigene Bearbeitung spielten. Das hiess vor allem, die Spielhandlung auf das Nötige zu reduzieren, Argument und Gegenargument in die Mitte zu rücken. Und das heisst, alles wegzulassen, was trägt, und sich zu konzentrieren auf das, was am schwierigsten ist: Die Gewichtung des Arguments, ohne dabei sich selber zu verlieren.

Theater ist kein philosphischer Lehrstuhl, die Spieler sind keine Professoren. Es wird imemr dann schwierig, wenn Schauspieler die Verse des Dichters ehrfürchtig vor sich hertragen, wie Monstranzen, fleissig, absolut textsicher, ohne den kleinsten Versprecher – wie unermüdliche Lastträger, Satz gegen Satz, Argument gegen Argument. Und dabei selber verlorengehen. Das ist ein Spezifikum für Laientheater. Hier haben wir es mit angehenden Berufsschauspielern zu tun, von denen wir – eines Tages - mehr erwarten müssen.

Dass es gerade bei diesem Camus so schwierig ist, Spieler und Rolle deckungsgleich zu machen, ist kein Wunder. Wie geht ein normal empfindender Mensch mit den Ungeheuerlichkeiten um, die Camus für seinen Caligula festschreibt? Solche Rollen zu meistern, kann nur gelingen, wenn einer imstande ist, sich mindestens auf der Bühne mit ihnen deckungsgleich zu machen. Das muss nicht Einverständnis heissen mit dem, was gesagt und getan wird, es muss aber Einfühlung sein, eine Ahnung, ein Gespür für eine Form von Wahnsinn, der rational kaum noch zu begründen, aber in jeder Faser des betreffenden Menschen (der Rollenfigur) spürbar ist.

Da fängt grosse Schauspielerei an - und die legitime Neugier bei ihrer Beobachtung. Schauspieler, die wir bewundern, sind Menschen, die imstande sind, jenes mimetische Verständnis für ihre Rollen zu entwickeln, das aus Papier Leben, aus Texten Leidenschaft macht.

Du liebe Zeit, das tönt furchtbar, soll es aber nicht sein. Wir sehen, wie in diesem Fall, Schauspielschülern zu, die mit ihren Rollen kämpfen, die gelegentlich Identität zwischen sich und der Rolle erzielen und manchmal nicht – und spannend ist, zu beobachten, wann es geht und wann nicht und vielleicht herauszufinden, warum.

Am Ende haben wir alle gelernt.

Von Reinhardt Stumm


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