Artikel vom 25.02.2007

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Basel - Allgemeines

AUFRUF!

Historische Fotos verloren: 5000 €uro Finderlohn warten

Eine graue Künstlermappe im Format A2 mit 400 Schwarzweiss-Fotos der «Schlumpf-Affäre» ist am 20./21. Februar 2007 in Basel auf dem Trottoir vergessen worden - 5000 €uro Finderlohn sind ausgesetzt

Von Redaktion



Skizze der verlorenen Fotomappe mit den Bildern zur Schlumpf-Affäre: Grauer Karton 75 x 55 Zentimeter mit Haltegriff und Bändel zum zubinden.


Es ist eine folgenschwere Vergesslichkeit, die unter diesen Umständen auch anderen hätte passieren können: Weil so viel Material aus einem Auto ausgeladen werden musste, blieb eine grosse, schwere Künstlermappe im Format A2, die sorgsam an ein Gartenmäuerchen an der Ecke Steinbühlweg/Steinbühlallee in Basel angelehnt worden war, vergessen. Jemand hat sie mitgenommen, und diesem Jemand winken nun 5000 €uro Finderlohn, wenn er sie auf dem Fundbüro abgibt.

In Basel gibt es verschiedene Fundbüros, aber das bekannteste ist das offizielle Fundbüro im «Spiegelhof», dem grauen Gebäude der Verwaltung des Sicherheits-Departementes Basel-Stadt, gegenüber dem «Hôtel des Trois Rois», Eingang «Einwohnerdienste», gleich neben der Basler Kantonalbank. (Adresse und Öffnungszeiten siehe am Schluss dieses Artikels.)

Hier kann man anonym Fundgegenstände abgeben und erhält auch anonym und ohne Nachfrage den ausgesetzten Finderlohn - egal, ob man selbst der Finder ist oder ob man jemanden mit der Rückgabe beauftragt. Es wird weder Name noch sonstwelche Angaben erfragt. Fundsache gegen Finderlohn!

In diesem Falle sind es 5000 €uro, die auf jene Person wartet, die diesen Gegenstand auf dem Fundbüro Basel abgibt: Künstlermappe aus grauem Karton im Format A2, zirka 75 x 55 Zentimer gross und zirka 6 Zentimeter dick. Rücken und Enden sind mit grober, grauer Leinwand verstärkt. Oben ist ein Bändeli angebracht, womit man die Mappe zuschnüren kann. Damit der Inhalt nicht herausfallen kann, sind zudem an der Innenseite drei Klappen aus Karton angebracht. Weil die Kartonmappe zirka 8 Kilo schwer ist, ist an ihr eine Drahtvorrichtung mit Haltegriff aus Holz angebracht (siehe Abbildung).



Verlustort (roter Punkt): Gartenmäuerchen Ecke Steinbühlweg/Steinbühlallee Basel-Stadt. Grüner Strich: Verlauf der Kantonsgrenze Basel-Stadt und Allschwil, Baselland, in der Mitte der Steinbühlallee. Siehe Quartier-Ausschnitt weiter unten.


Die Künstlermappe enthält 20 weisse Kartons im Format A2, die in Sichthüllen stecken. Auf den Kartons sind jeweils 20 postkartengrosse Fotos, meist schwarzweiss, aufgeklebt. Unter jeder Foto befindet sich eine fortlaufende Nummer, die von einem Numeroteur in Antiqua-Schrift stammt. Auf der Rückseite der Kartons ist ein Copyright-Stempel mit dem Hinweis auf Missbrauchs-Folgen. Die Fotos selbst müssten auf der Rückseite ebenfalls mit einem Copyright-Stempel versehen sein.

Autor ist in jedem Fall stets: Jürg-Peter Lienhard, Basel.

Die Fotos sind eine fotografische Dokumentation aus der Periode von zirka 1974 bis 1984, welche den Arbeitskampf in der sogenannten Schlumpf-Affäre von Mülhausen belegt. Die Brüder Schlumpf hatten in Malmerspach und Mülhausen sowie im nordfranzösischen Roubaix ihre vier Textilbetriebe mit 2000 Arbeitern betrügerisch bankrott gehen lassen, um mit Betriebsmitteln ihre private Automobilsammlung zu errichten. Der beispiellose Sozialskandal betraf im Sankt-Amarin-Tal bei Thann, zusammen mit den Angehöringen, rund 8000 Menschen. Die Wirtschaft einer eh ärmlichen Gegend brauchte Jahre, um sich von diesem Schlag zu erholen.

Am 7. März 1977 besetzte ein Kommando aus Mitgliedern des Betriebsrates und der Gewerkschaft CFDT die Autosammlung, die damals als Privatbesitz nicht zur Konkursmasse der Betriebe gehörte, als Pfand für die vernichteten Arbeitsplätze. Aus Anlass des 30. Jahrestages der Besetzung, die schliesslich zum offiziellen Nationalen Französischen Automobilmuseum führte, hatte das französische Fernsehen France 3 - Alsace eine grosse Retrospektive mit den Exponenten des Arbeitskampfes vorgesehen.

Der Basler Journalist und Photoreporter Jürg-Peter Lienhard hatte mit seinen heimlich in der Privatsammlung aufgenommenen Fotos aufgezeigt, welch gigangtisches Vermögen darin gehortet wurde, während die Schlumpf-Betriebe bankrott gingen. Erstmals wurde dies eindrücklich bildlich belegt, weshalb die Arbeiter sich zur Besetzung der Sammlung entschlossen. Lienhard war als Journalist und Photograph seit Ausruch des Konflikts 1974 bis über den Tod des letzten der beiden Brüder Schlumpf 1992 dabei und hat viele Manifestationen und Aktionen bildlich festgehalten.

Das war denn auch der Grund, weshalb er zur TV-Sendung aufgerufen und die Fotosammlung mitzunehmen gebeten worden war. Die Regie verlangte auch nach der Fotoausrüstung, die Lienhard damals benutzte, sowie nach dem «Kostüm». Nebst Mantel, Mütze, Shawl und so weiter, waren es also viele Gegenstände, die sich gerade noch mit zwei Händen greifen liessen, weshalb die Kartonmappe mal ans Gartenmäuerchen gestellt warten sollte, bis die Reihe an ihr war… Der Rest - siehe oben…

Verlustort ist: Gartenmäuerchen Ecke Steinbühlweg/Steinbühlallee Basel. Zeit: Dienstag, 20. Februar, 22.30 Uhr, bis Mittwoch, 21. Februar 2007, 18.30 Uhr. Ein Finder kann die Mappe auch woanders wieder deponiert haben.



Quartier-Ausschnitt Neubad/Paradies. Der rote Punkt ist der Verlustort Ecke Steinbühlweg/Steinbühlalle Basel-Stadt. Rot eingerahmt ist das Einkaufszentrum «Paradies» der Migros Allschwil. Grün zeigt den Verlauf der Kantonsgrenze Basel-Stadt zu Allschwil, Baselland. Der Verflustort ist in der Nähe der Tramendstation 8, Haltestelle Neuweilerstrasse.


Es braucht nicht besonders erwähnt zu werden, dass der Verlust einige schlaflose Stunden seither mit sich brachte. Noch schlimmer jedoch das Gefühl und die Erkenntnis, wie respektlos, wie hinterlistig egoistisch die heutige Gesellschaft die Mitmenschen gemacht hat. Das Verteilen von Flugblättern im Quartier und Anschläge an Beleuchtungspfosten und anderem brachte keinen Erfolg.

In diesem Quartier parkieren tagsüber viele elsässische Grenzgänger (Angestellte von Migros-Markt, Jumbo-Markt), weswegen es nicht ausgeschlossen ist, dass ein Grenzgänger die Mappe als «Poubelle», als «Sperrgut» zur Entsorgung, wie in Basel üblich, also als herrenloser Gegenstand, betrachtete und mitnahm.

Für einen Finder ist die Fotosammlung wertlos. Ein Verkauf an Medien ist nicht interessant, weil die Redaktionen die Rechte nachfragen müssen und die Bilder gestempelt sind. Viele Fotos sind exklusiv entstanden, weshalb Redaktionen sofort Rückschlüsse auf den Autor Lienhard ziehen würden, würden seine Fotos von Unbekannten oder Nichtjournalisten angeboten.

Abgesehend davon, sind nur geringe Honorare zu erwarten, so um 50 Euro pro Bild, und grosse Mengen würden auch nicht abgenommen. Die interessierten Medien sind zudem über den Verlust ins Bild gesetzt worden und dürften beim Autor nachfragen, wenn Bilder mit anderem oder überklebtem Copyright-Hinweis versehen sind.

Fraglich ist auch, ob überhaupt noch ein besonderes mediales Interesse an den Fotos besteht, da die Affäre Schlumpf nun schon 30 Jahre zurückliegt und beispielsweise ausgerechnet die Basler-Zeitung-Redaktion dem Autor ausrichten liess, dass an einer Notiz zum Jahrestag kein Interesse bestehe!

Hingegen sind die Fotos unersetzlich und allein als historische Dokumente von hohem Wert. Schliesslich ist die Schlumpf-Affäre noch nicht geschrieben, noch nicht neutral wissenschaftlich ausgewertet worden, auch wenn viele Schriften und Bücher zum Thema im Verlauf der Zeit gedruckt worden sind. Die meisten Bücher befassen sich nämlich ausschliesslich mit den Oldtimern, streifen die Affäre nur am Rand oder ohne weitere Kenntnis des komplexen Hintergrundes. Der wird gerne geschildert aufgrund abgeschriebener Berichte von Autoren, die die Affäre gar nicht selbst verfolgt hatten oder die allein ihre Sichtweise aus ideologischer oder noch häufiger, aus banaler Wichtigtuerei beschreiben.

Die Fotomappe entstand damals, als viele der um ihren Arbeitsplatz betrogenen Arbeiter und Arbeiterinnen - es waren mehrheitlich Frauen, die in den Schlumpf‘schen Betrieben arbeiteten - ein Erinnerungsbild an Aktionen um ihren Arbeitskampf wünschten.


Fundbüro Basel-Stadt
Bevölkerungsdienste und Migration
Spiegelgasse 6
CH-4001 Basel
Montag - Freitag 09.00 - 17.30
Samstag 09.00 - 14.00
Telefon: 0900 120 130
Fax: 004161 267 70 80
eMail: fundbuero@sid.bs.ch


Alternativ dazu kann der Fundgegenstand abgegeben werden auf jedem Polizeiposten in Basel-Stadt und Baselland sowie im Elsass auf der Gendarmerie Nationale oder im Musée Nationale de l'Automobile, Collection Schlumpf, Mulhouse, oder mittels eMail-Kontakt via Redaktion webjournal: info@webjournal.ch


Ist Ihnen, dem möglichen Finder, unwohl bei der Sache und wollen Sie die Mappe mit den Fotos woanders abgeben, als auf dem Fundbüro? Dann legen Sie die Mappe einfach auf die Laderampe des Basler Postamtes Basel 15, Zufahrt an der Strasse «In den Ziegelhöfen» nach dem Neuweilerplatz und notieren Sie darauf: Lienhard, Postfach. Den Finderlohn kassieren Sie danach nach einem Anruf auf +4179-3157862 oder per Mail an die Redaktion info@webjournal.ch Vielen Dank im Voraus!

Von Redaktion

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Mehr zur «Schlumpf-Affäre» von J.-P. Lienhard

• Link zur Homepage Fundbüro Basel-Stadt


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