Artikel vom 11.02.2007

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Mit Stumm unterwegs

Liebeserklärung ans Drummeli

Der Theaterkritiker und frühere Feuilleton-Chef der Basler Zeitung (baz) erstmals an einem Drummeli - an der Premiere des Basler Monstre-Trommelkonzertes vom Samstag, 10. Februar 2007

Von Reinhardt Stumm



Stammt aus dem Grossen Kanton im hohen Norden, wohnt seit über 50 (!) Jahren in Basel (Kleinbasel), spricht immer noch kein Baseldeutsch und hatte bislang mit der Fasnacht nichts am Hut - doch seit der Drummeli-Premiere 2007 ist das jetzt anders: Reinhardt Stumm versucht die Baseldytsch-Verschlüsselungen im Programmheft 2007 zu entziffern… Alle Fotos und Legenden/Titel: J.-P. Lienhard, Basel © 2007


Premiere war Samstag abend. Weiter geht es täglich bis Samstag, 17. Februar. Billett 49 Franken. Apfelkuchen mit Vanillesauce 6.--. Drummler-Däller 18.50, weisser Mont-sur-Rolle 5 dl 21.--. Garderobe 2 Franken.

Das gibt es auf der ganzen Welt nur einmal. Wenn die Fasnachtszeit anbricht, wechselt eine Stadt ihr sprachliches Kostüm. Was immer sich auf das urbane Hauptereignis des Jahres bezieht, erscheint fortan in einer Schreibweise, die kein Mensch versteht – er sei denn hiesigen Ortes geboren. Preis ist «Bryys», abends «zoobe», «Pfyffer-Däller» heisst was zum Essen, die Tüte schreibt sich «Giggli».

Die Anzeigen im Programmheft des Drummeli 2007 überschlagen sich fast beim Nachweis ihrer Stadtverbundenheit – «alles dernoo faarbig in der Zytig» verspricht die Basler Zeitung, und Eiche garantiert fürs Beste «au bi Grossaläss oder Ihrem glaine Fescht». Trotzdem ist es nicht mehr ganz so wie früher, als der Glopfgaischt noch Satz für Satz kontrollierte und Fehler in der «Nazizyttig» gnadenlos anprangerte.




Woher kommt es, dass mit dem Drummeli (als einer der ersten Fasnachtsveranstaltungen) für ein paar Wochen dieser ganz leichte Beigeschmack von Narrenfreiheit wiederkehrt, die es erlaubt, einmal im Jahr rücksichtslos die Wahrheit zu sagen. Darf man das sonst nicht so? Sich einschiessen auf die Regierung, die Polizei, die Behörden, die Ämter. Endlich mal ungehemmt den Mund aufmachen, ohne irgendwelche Folgen fürchten zu müssen? Klar, als das freie Wort noch verboten war, musste der Narr her, dem Redefreiheit eingeräumt war – man kann ja mal wieder bei Shakespeare ins Theater gehen («Was Ihr wollt» zum Beispiel), um es zu erleben. Aber das ist lange her. Welcher Art ist das Vergnügen, das Narrenfreiheit heute noch verschafft?

Neunzehn Cliquen, die 75-jährige «Drummel- und Pfyfferschuel vo de Sans Gêne Strizzi» und die «Guggemuusig Schotte-Clique» bestreiten das Programm des Drummeli 2007 im Grossen Festsaal der Messe Basel. Als Schnitzelbänggler treten «d Gluggersegg» und der «Peperoni» von den «Comité-Schnitzelbängg» auf, eine besondere Dankeszeile gilt im Programm «nadyyrlig allne Raamespieler».

Für PISA-Studien ist das ungeeignet. Ist auch nicht dafür gemacht!

Wirklich bewundernswert der Fleiss, der aufgewendet wird, um das immer Gleiche immer neu erscheinen zu lassen. Es ist das alte Kunstproblem. Hier müssen die immer gleichen Trommeln und Pfeifen (ich merke, wie ich mich geniere, einfach so hochdeutsch Trommeln und Pfeifen zu schreiben) so auftreten, dass ein erstauntes, beifälliges Raunen durch den Saal geht. So haben wir es noch nie gesehen.




Und in der Tat: was es zu sehen gibt, ist immer überraschend, oft erstaunlich und manchmal wirklich bewundernswert. Dann werden an den Tischen die Köpfe zusammengesteckt, Experten führen das Wort, gesucht ist, wer sich auskennt. Vergleiche mit früher. Erinnerungen. Namen. «Waischnoo?» (das soll «weißt du noch» heissen). Öfter wird Kritik laut. Mäkelei. «Joo nai!» (Ja nein). Auch das ist beruhigend. Loben kann jeder, was ist leichter? Kritik üben setzt Kennerschaft voraus, und die muss ja belegt werden.

Die Musik. Laut. Und gellend. Manchmal tönt sie so falsch, dass sie richtig sein muss. Man hört sich ziemlich schnell ein, entdeckt, dass diese Märsche nicht nur laut sind, sondern Kraft haben, Schwung, gelegentlich sogar erkennbare Melodie. Fürchterliche Erinnerungen werden auch wach – «voran der Trommelbube» oder «Eine jede Kugel trifft ja nicht» oder «Ich hatt‘ einen Kameraden» – die Kriegszüge, die Ritter auf ihren gepanzerten Pferden, das Fussvolk und die Leichenberge...

Viel Phantasie bei der Erfindung der Szenerie und beim Einkleiden der Spieler. Um so notwendiger vermutlich, als der musikalische «Umfang» zwangsläufig begrenzt ist. Mal ist eine Strassenbaustelle zu denken (oder auch zu erkennen), mal eine Serie von Bilderrätseln, die mit dem Sujet der Clique spielen («Es pfyffe d Dybli vom Dach / Dr Brandeburger vom Bach»), mal ist es Zirkus mit schwungvollen Artisten, zwischendurch kommt eine fabelhafte Dudelsacktruppe (Schotte Clique 1947) – und immer wieder nötigt die Organisation Respekt ab – die Wechsel auf der Bühne beinahe unsichtbar und im Handumdrehen, schon wieder Licht, schon die nächste Überraschung – Erinnerung an Hitchcock, «d Veegel» (Glunggi), richtig gut gemacht.

Zwischendurch auch Cliquen ohne Trommeln – da ist dann «dr Pinkuin» das Thema, wir hören den Pfyffersound vom René Brielmann und haben es begriffen: Markthalle! Polarium!




Das Publikum total wach und sehr bewusst im Umgang mit den Belohnungen – vom Höflichkeitsapplaus bis zum rauschenden Beifall gibt es alles, und den letzteren durchaus nicht im Übermass. Aber wenn, dann begreiflich. Gegen Ende zum Beispiel, «D Breo» mit «Carlo Conti’s Spaarorcheschter spiilt dr Unsquare Dance». Die hübsche Anspielung (Square Dance) will ja wohl sagen, dass es hier ohne den Ansager geht, der vor jedem Tanz den Ablauf erläutert und die Kommandos gibt, so dass jeder mittanzen kann. Hier wird in einem Spital Musik gemacht, alle weiss, die Aerzte, die Schwestern, die Kranken in Rollstühlen, Krücken schlagen Rhythmus – und das Ganze wird am Ende mit begeistertem Geheul quittiert.

Natürlich darf der FCB nicht fehlen, auch ein Wald von Gummibäumen erregt Erstaunen, und dann sind wir schon fertig. Die «Alti Stainlemer & Special Guests» präsentieren ihre «Celebration World Tour 2007» – auch das eine Inszenierung, die schon fast einen Theaterkritiker braucht, um richtig gewürdigt zu werden. Und womit hört es auf? Na bitte, womit wohl?

Z’Basel a mim Rhy?

Übrigens früh! Es war nicht einmal elf. Fast alle waren dankbar dafür.

Von Reinhardt Stumm

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Fotoromanza: Hinter den Kulissen des Drummeli 2007


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