Artikel vom 03.02.2007

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Mit Stumm unterwegs

Alles Pro und Kontrabass!

Eine Derniere der grossartigen Art mit einem grossartigen Schauspieler aus der grossen Düggelin-Aera im ausverkauften Schauspielhaus der Solothurner Enklave

Von Reinhardt Stumm



Zum 587. Mal Kronlachner-Kontrabass: Abschied (vom Stück) mit Rosen und Küsschen von der Frau Direktorin Johanna Schwarz…


Nicht dass in Dornachs Neuem Theater am Bahnhof noch einmal Süskinds «Der Kontrabass» zu sehen war, ist Anlass für diesen Bericht. Anlass ist, dass der Schauspieler Hubert Kronlachner dieses Einpersonenstück jetzt zum 587. Mal spielte. Und das sollte das letzte Mal sein.



…und mit stehendem Applaus vom Publikum. Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2007, Legenden und Untertitel: jpl.


Es gibt Leute, die lesen Patrick Süskinds «Kontrabass» mit dem Brockhaus-Riemann-Musiklexikon auf dem Tisch. Dann können sie kontrollieren, ob der Autor Fehler gemacht hat – was Musikgeschichte oder Instrumentenbau betrifft.

Se non è vero, è ben trovato!

Was wären die Folgen für das Stück? Keine. Was wären die Folgen für den Leser? Zumindest würde deutlich, dass sein Verständnis von Theater so falsch ist, dass man einen Theaterphilosophen damit beschäftigen könnte. Er würde am Ende herausfinden, dass man den Kontrabass zwanglos ersetzen könnte – durch eine Kaffeemaschine, durch einen Staubsauger, am Ende gar durch die Ehefrau des Kontrabassisten. Die Geschichte wäre immer dieselbe, sie wäre nur nicht so lustig.

Denn es kommt nicht auf die materielle Richtigkeit der Umstände an, sondern darauf, wozu sie dienen. Wozu dienen sie hier? Sie dienen dazu, eine Beziehung darzustellen und zu untersuchen, die wir mehr oder weniger alle auf die eine oder andere Weise erlebt haben. Ob einer von seinem Auto abhängt, ohne seinen Hund nicht leben kann, in seinen Garten vernarrt ist, er kennt die Augenblicke der Verzweiflung, die Wutanfälle, dieses Gefühl, hilflos, bedingungslos ausgeliefert zu sein, und er kennt die Tricks, mit denen er sich aus der Affäre zieht oder zu ziehen versucht – denn manchmal geht es ja meistens nicht.

Und alle lachen über ihn – bis sie selber an die Kasse kommen. Nun braucht man das nur noch im Theater zu erzählen, und schon merkt man, es ist völlig gleichgültig, ob dabei aus dem Vierzylinder ein Siebenzylinder wird oder aus dem Rehpinscher ein Neufundländer, es gibt nur einfach andere Pointen. Aber alle Geschichten sind imstande, genau dasselbe zu erzählen – im Gelehrtenjargon ist das dann die Aussage.



Der Blick von verhaltener Neugier ist auch so etwas wie Schauspielkunst, wenngleich live: Der Mann von der Technik (Reto Wick) hat mindestens 587 Mal so gegen die Wand gekopft wie Frau Niedermayer und erhielt vom Kontrabassisten zum Abschied vom Stück wohl etwas ganz Besonderes.


Damit ist eigentlich schon klar, was Süskind uns in seinem Stück «Der Kontrabass» erzählen will (er kann es!). Ein Mensch und ein Gegenstand geraten in eine Beziehung zueinander, die genauso zum Lachen wie zum Heulen ist, sie ist tragikomisch. Wir schauen zu, wie ein Orchestermusiker im Laufe von ewigen Jahren eine Beziehung zu seinem Kontrabass entwickelt, die einer ebenso langen Ehe in Nichts nachsteht. Er kann ohne nicht leben (im doppelten Sinn – er lebt ja auch davon). Das weiss er. Und diese Abhängigkeit nährt seinen Hass auf das verdammte Instrument. Er ist freilich intelligent genug zu wissen, dass der Kontrabass nichts dafür kann. Der ist ja immer gleich. Er gehorcht widerpruchslos jedem Bogenstrich – wie man in den Wald ruft...

Wie geht ein Mensch damit um? Er sucht Prügelknaben. Er entwickelt Galgenhumor. Er macht faule Witze. Er hätschelt Allmachtsgefühle. Er übt Gelassenheit. Er schwärmt von einer jungen Dame, die im Orchester sitzt, lieber möchte er da mal reinbeissen! Und so weiter. Wenn das keine Herausforderung für einen Schauspieler ist, dann gibt es keine. Als Zuschauer hat man das zusätzliche Vergnügen, sich die Beziehung zwischen Schauspieler und Stück als eine ganz gleichgeartete vorzustellen.

Unser «Kontrabass» hier in Dornach hatte vor ziemlich genau 24 Jahren seine Premiere im Keller des Zürcher Schauspielhauses. Der damalige Direktor Gerd Heinz inszenierte, Hubert Kronlachner (der zur Düggelinzeit in Basel ein Mittelpunkt des Ensembles war) spielte. Vor der Premiere herrschte durchaus die Ansicht, dass das Stück ja nun auch gespielt werden könnte, nachdem «Das Parfum» desselben Autors weltberühmt geworden war. Nach der Premiere war klar: «Der Kontrabass» ist ein Reisser, ein Glanzstück.



Strahlender Kronleuchter, pardon Kronlachner (Umkehrung des Lachers, von Kronlachner selbstironisch produziert)…


Eines, mit dem Hubert Kronlachner lebte, mit dem er alt wurde, ohne dass das Stück alt wurde. Dieser Tage fand im Neuen Theater in Dornach die 587. Vorstellung statt. Das ist im Grunde nicht zu glauben. Wie haben die – Schauspieler und Stück - das ausgehalten? Wie hat Kronlachner das gemeistert, ohne irgendwann durchzudrehen, ohne seine eigenen Mätzchen dazu zu erfinden, ohne auf den Händen zu laufen? Zu sagen, dass man eine Ahnung davon bekommen kann, was Selbstdisziplin ist, Berufsethos oder was weiss ich, ist ja oberfaul. Ich weiss es aber nicht.

Das weiss ich, diese Aufführung war fehlerlos. Kronlachner, locker, spielvergnügt, beherrscht die wechselnden Stimmungslagen vollkommen. Irgendwie meistert er die depressiven Schübe, Sehnsucht blüht hier, Selbsthass wuchert da, die Überwindung von Depressionen ist reine Kraftsache, das machen wir doch links – und so fort. Eine Glanzrolle, um so glänzender, als die Geschichte ja eigentlich ganz beiläufig, unerheblich, irgendwie beiläufig zwischen Tür und Angel erzählt wird (sie ist keine grosse Konfession!). Ein Orchestermusiker wird von Gefühlen überschwemmt, er quasselt seinen Zuhörern die Ohren voll, bis er sich langsam sputen muss, um nicht zu spät zur Vorstellung zu kommen. Alles wäre ja möglich, das nicht!

Hubert Kronlachner – Hubsi, wie seine Freunde ihn nennen – ist das Stück. Kaum zu denken, dass er es nicht mehr spielen wird. Oder?

Warten wir's ab.




Der Frack steht ihm gut, auch wenn er kein Musiker und erst recht kein Kontrabassist ist und im Stück nur ein paar Griffe und ein paar Töne beherrschen muss - darunter allerdings ein meisterlich vorgetragener «unhörbarer Ton»…



Die letzten Fotos vom Kronlachner-Kontrabass
Alle Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2007











Von Reinhardt Stumm

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Mehr zum Neuen Theater am Bahnhof Dornach

• Mehr und kurz zum Inhalt des Stückes


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