Artikel vom 31.01.2007

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Mit Stumm unterwegs

Was wolltet Ihr?

Sophokles hier, Shakespeare dort - ein paar nicht ganz neue Gedanken zu noch nicht ganz alten Themen rund ums Theater und zur noch jungen Aera Delnon

Von Reinhardt Stumm



Nichts Neues unter der Sonne ist selbst die Hackordnung, denn die gab es schon vor Sophokles in den Zentren der Macht und des Geldes… Szenebild aus «König Oedipus», aufgenommen von Judith Schlosser, Theater Basel © 2007; Legenden: jpl.


Das Schauspiel hat in Basel in den letzten Wochen an Tempo und Spannung zugelegt und lässt noch manches für diese Spielzeit erhoffen. Reizt derweil natürlich auch zur Auseinandersetzung. Mit «König Ödipus» und «Was ihr wollt» zum Beispiel.

Es ist ja immer derselbe Versuch, durch Abtragen der verunklärenden zeitgebundenen Schichten dahin zu kommen, wo die alles verbindende Wahrheit steckt - versteckt ist. Was man da schliesslich entdeckt, ist keineswegs neu, im Gegenteil! Es gibt Kenner, die behaupten, es gebe überhaupt nur zwanzig oder dreissig Geschichten - immer dieselben. Und die Kunst des Theaterschreibers (wie die Kunst aller Schreiber überhaupt) ist es, die von ihm gewählte Geschichte so einzukleiden, dass der Zuschauer gar nicht bemerkt, dass er schon wieder dasselbe vorgesetzt bekommt. Langsam, langsam geht ihm dann, wenn er aufmerksam ist und seinen Kopf brauchen kann, ein Licht auf - das kenne ich doch? Und langsam, langsam weiss er, dass er gemeint ist. Schon wieder.

Kein Wunder, der Mensch ändert sich ja nicht, wie können sich da die Wahrheiten über ihn ändern? Er sieht zwar anders aus als früher - Haare und Hosen, Kleider und Mäntel, Flugzeug statt Pferd - aber innen drin ist er keinen Deut anders. Abhängig von Emotionen, die er nicht beherrscht und nicht steuern kann, von Überzeugungen, die eigentlich gar nicht seine sind, von Lebensumständen, die er nicht gemacht hat, ist er, was die Dichtung (die verdichtete Wahrheit) seit Jahrtausenden von ihm singt und sagt. In jedem von uns werden, wenn der Mensch Thema wird, Erinnerungen wach, in jedem andere, der denkt an Platon, jener an Hölderlin (Sprachlos und kalt, im Winde / klirren die Fahnen) oder Büchner, dieser an Dostojewski, jener an Hemingway oder Balzac, die Namen sind ungezählt, aber was uns mit ihnen verbindet, ist immer dasselbe! Wenn man wollte, liesse sich meisterhafte Kunst als meisterhafte Mogelpackung, als vollkommener Betrug begreifen - mit dem Ziel, alte und ungeliebte Wahrheiten neu zu verbreiten.



In der Hackordnung gibt es Hühner, die werden von allen gehackt, selber aber dürfen sie nicht hacken, weil sie am Ende der Hackordnung sind, wo es nichts mehr zu hacken gibt… Foto: Szene in «König Oedipus», aufgenommen von Judith Schlosser, Theater Basel © 2007. Von links: Jörg Schröder, Katharina Schmidt, Steve Karier, Katja Reinke, Inga Eickemeier


In dieser Einsicht steckt vermutlich eine Erklärung für die oft völlig verkrampften Leistungen des sogenannten Regietheaters. Es will ja zweierlei, und beides ist durchaus löblich: Das Bekannte auf eine Weise verfremden, die die entlarvte Absicht des Kunstwerks neu verschleiert und ihm neue Aufmerksamkeit verschafft, und zweitens den überlegenen und kritischen Umgang der Regie mit den überlieferten Texten unter Beweis stellen (ein Vorgang, den die Kritik, die willfährige Hure des Theaters, dann treulich legitimiert. Wie zum Beispiel Stephan Hilpold in der Frankfurter Rundschau vom 10.1.2007 über Shakespeares «Sommernachtstraum» im Wiener Burgtheater: «...dieses Stück, das man mit guten Gründen für ziemlich märchenhaft dämlich halten könnte...»).

Es geht hier weder darum, Regietheater zu desavouieren noch zu legitimieren. Es geht (wie immer) nur darum, die richtigen Fragen (und damit Antworten) zu finden. Oft genug werden die Mühen der Regie von Ergebnissen belohnt, die verblüffen, die überraschend sind, die einem Text unvermutet zu einer ganz drängenden Aktualität verhelfen. Um so mehr, als ein Theatertext, der was taugt, so vielschichtig ist wie die Wirklichkeit, aus der er kommt. Keine Wirklichkeit ist auf einen Blick «rundherum» erkennbar. Denken wir uns Wirklichkeit als Kugel, erkennen wir schnell, dass wir mit einem Blick im besten Fall eine Hälfte ihrer Oberfläche sehen können. Dann müssen wir sie drehen. Jeder Drehung in der einen oder anderen Richtung lässt aber mehr als nur gerade Beiläufigkeiten neu erkennen. So birgt ein Theaterstück, das was taugt, nicht nur die festgeschriebenen Wirklichkeiten von ehedem, es ist auch ein Werkzeug der Erkenntnis weit über seinen Ursprung hinaus ins Heute, weil - da waren wir ja schon - sich ja nicht die Sache ändert, sondern ihr Kostüm.



Die Gockel sind immer dieselben, auch wenn sie im Laufe der Geschichte immer anders heissen - schon vor der Zeit Sophokles bis in unsere Tage hinein… Szenebild aus «König Oedipus», aufgenommen von Judith Schlosser, Theater Basel © 2007. Von links: Peter Schröder, Inga Eickemeier, Katharina Schmidt, Raphael Traub, Jörg Schröder


So habe ich den Sophokleïschen «König Oedipus» in der Inszenierung von Alexander Kubelka im Basler Schauspielhaus verstanden. Der diagonal fast die ganze Bühnenbreite in Anspruch nehmende Konferenztisch (das erstklassige Styling der Bürotische ist wegweisend) schafft ohne ein einziges erklärendes Wort eine Atmosphäre, die jeder kennt. Jeder kennt die Hackordnung solcher Veranstaltungen, die sich schon in der Sitzordnung ausdrückt. Und das Problem, das verhandelt wird, ist so nachvollziehbar wie gegenwärtig. Theben geht vor die Hunde, was machen wir falsch?

Ein Kunstgriff der Regie ist, dass die Stilstufe sich ganz mühelos verändert, dass Gegenwart und Rückblende immer wieder nahtlos ineinanderfliessen. Der Grund für das Unglück, das Theben befallen hat, mag kein heutiger sein. Aber die Schritte, die zu seiner Enthüllung und zur entsetzlichen Einsicht der Wahrheit führen, sind mühelos übersetzbar. Der Wechsel von Konferenzatmosphäre und gespielter Geschichte ist absolut spannend, ganz beiläufig geht einem auf, dass Sophokles ein unglaublich geschickter Dramaturg seiner eigenen Erzählung ist. Wie er es fertigbringt, die Zuschauer noch ein paar tausend Jahre später atemlos sitzen zu lassen, wenn Iokaste - sie wird doch nicht etwa! - Oedipus entlasten will und dabei, unwissend, genau das Gegenteil erreicht, das ist - ja!

Wie beiläufig erinnert dieser Abend (in dem sehr genau überlegten Bühnenbild von Peter Lerchbauer) auch daran, dass Menschengesellschaften ohne gesetzgebende Form zerfallen, nicht lebensfähig sind. Und noch eines liesse sich denken, dass nämlich eine so dichte, logisch gebaute Geschichte ihre Schauspieler auf wunderbare Weise trägt - ich meine damit, dass Schauspieler und Rolle so handelseinig werden, dass die «Bewertung» der Leistung wie von selber der Suche nach dem Einverständnis mit dieser Leistung weicht.

Dieser Sophokles lohnt seinen Aufwand, keine Frage, dieser «Oedipus» macht klar, dass Theater wie eh und je psychische Schubkraft hat. Wer diesen Theaterabend unberührt verlässt, hat Grund, sich besorgt im Spiegel zu betrachten und Argumente für sich zu suchen (die er nicht finden wird).



Was sie wollen, ist nicht immer, was sie kriegen… Szenebild aus «Was ihr wollt», aufgenommen von Judith Schlosser, Theater Basel © 2007. Von links: Katharina Schmidt, Martin Hug, Chantal Le Moign, Jan Bluthardt, Bastian Semm


Man kann Fragen und Antworten gleich mit hinübernehmen in Elias Perrigs Inszenierung von Shakespeares «Was ihr wollt». Bei Perrig habe ich genau das Problem, das ich bei Kubelkas Sophokles nicht habe. Ich weiss nicht, was er will. Was ärgert ihn an dieser heitersten Liebeskomödie?

Mir ist eine Inszenierung des Stücks in Erinnerung, die ich vor Ewigkeiten in Avignon gesehen habe - ich weiss so gut wie keine Einzelheiten mehr, aber die Vergnügtheit und Fröhlichkeit des Fussvolks ist mir so unvergesslich wie das melodische Sentiment der Herrschaften - mein Gott, «Was ihr wollt» ist eine leichte Komödie! Eine Liebesgeschichte, die von Gefühlsverwirrungen erzählt. Alles geht durcheinander, und immer gerade die Falschen wissen, was richtig ist. Niemand ist seiner selbst und schon gar nicht des anderen sicher. Wieviel Heiterkeit!



Ein Salatblatt, ein Hühnerknochen oder ein Sargnagel kann erotischer sein als ein Salatblatt, ein Hühnerknochen oder ein Sargnagel, wenn es vom Odem des Könners gestreift wird… Szenebild aus «Was ihr wollt», aufgenommen von Judith Schlosser, Theater Basel © 2007. Von links: Katharina Schmidt, Martin Hug


Wenn Musik der Liebe Nahrung ist, dann mehr davon - so fängt es ja an, um gleich darauf in Trübsinnigkeit zu fallen. Ist das altmodisch? Ist das am Ende auch dämlich, wie der «Sommernachtstraum»?

Hat ein Regisseur die Pflicht, einer Inszenierung seinen Stempel aufzudrücken, egal, ob es Sinn hat oder nicht? Welche Überlegungen führen dazu, aus «Was ihr wollt» alles rauszunehmen, was romantisch und verspielt ist und ein bisschen verrätselt, erheiternd und zauberhaft (im Sinne des Wortes)? Stattdessen mit immer neuen Grobheiten und Crescendos das empfindliche Gleichgewicht des Stückes zu zerstören und Grobheit auch da walten zu lassen, wo Zartheit das Mass erkennen liesse?



Rot ist die Farbe der Liebe. Rot ist auch schön, wie die Liebe… Szenebild aus «Was ihr wollt», aufgenommen von Judith Schlosser, Theater Basel © 2007. Von links: Bastian Semm, Chantal Le Moign


«Was ihr wollt» hat mit Dekadenz nicht viel zu tun, wohl aber mit schrecklichen Gefühls-Turbulenzen, die Christoph Martin Wieland 1762 unvergleichlich als erster ins Deutsche brachte. Der Herzog hört das Musikstück noch einmal - es hat einen so sterbenden Fall:

O, es schlüpfte über mein Ohr hin, wie ein sanfter Südwind, der Gerüche gebend und stehlend über ein Violen-Bette hinsäuselt.

Genug! Nichts mehr!

Mit «Bocksgesang» (an- oder abschwellend), den Botho Strauss irgendwann (1993) zitatfähig machte, hat das nun schon gerade gar nichts zu tun. Und auch nicht (um das auch noch abzuhaken) mit Sex. Wohl aber mit Erotik. Und wer am Ende nicht heult, kann das Theater auf Unterlassung verklagen. Es gibt nicht viele Epiloge wie diesen des Narren hier:

A great while ago the world begun,
With hey, ho, the wind and the rain.
But that's all one, our play is done,
And we'll strive to please you every day.

Von Reinhardt Stumm


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