Artikel vom 03.10.2006

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Basel - Allgemeines

Theater Basel sucht Zeitzeugen

Am 1. November 2006 ist es 20 Jahre her, seit der Sandoz-Katastrophe, als der Rhein und der Himmel bei Schweizerhall rot und Marc Moret nicht mal rot vom Lügen wurde…

Von Juerg-Peter Lienhard



Der ROTE FLUSS Rhein am 1. November 1986: Halloween für die Basler Chemie, Halloween für die Umwelt von Basel bis Rotterdam. Rechts im Bild die ausgebrannte Lagerhalle.


Das Theater Basel sucht für das «Nachtcafé» vom 27. Oktober 2006, 23 Uhr, Zeitzeugen, die sich an die «Halloween-Nacht» vom 1. November 1986 erinnern - der Katastrophennacht, als der «gute» Ruf der Basler Chemie in Flammen aufging und der Rhein von Basel bis Rotterdam blutrot vergiftet wurde. Der Titel des «Nachtcafés» heisst denn «Red River» - was aber viel eindrücklicher ROTER FLUSS meint. Hier schon ein Zeitzeugnis vorab:

Es war eine «verrückte» Nacht - in jeder Beziehung, und sie begann sowieso verrückter, als je eine verrückte Nacht begann: «Halloween», sagt man inzwischen auch bei uns im schweizerischen Basel. Bei mir war's ein elsässischer Schwank im Lokal des «Herrenowa», dem Herrenabend im elsässischen Theater von Mülhausen, wo alle Rollen, zumal die Frauenrollen, von Männern gespielt werden. Selbstverständlich alles unter der Gürtellinie… Ein derber Anlass, der älter als alle Basler Fasnachtsveranstaltungen ist, und daher auch Vorbild für die Basler Fasnachtsveranstaltungen war… Die Premiere dauerte bis vier Uhr am Morgen des 1. November 1986. Dann machte ich mich auf den Nachhauseweg, 0,8 Promille inklusive.

Plötzlich dieser Schatten quer und mitten auf der Strasse in Bartenheim, 20 Kilometer von Schweizerhalle entfernt. Ein Mann, tot, überfahren, verletzt?

Der Körper auf der Strasse

Es war ein Jugendlicher, vielleicht unter 20, aber stockbesoffen. Mein Wagen bot ihm Schutz, denn ich parkierte mit den blinkenden Warnlichtern vor ihm. Ein anderer Automobilist rief die Samu (ausgesprochen Samü), die Sanität. Wir warteten, und inzwischen kam ein Fussgänger und klärte uns auf, dass der Junge ein Tunichtgut sei, seine Familie ein Sozialfall, und er garantiere, dass der «Bub» zuhause grün und blau geschlagen würde, wenn er von der Sanität heimgebracht würde. Die Sanität kam und nahm ihn auf, und ich beschwor die Retter, den Jungen vorerst nicht nach Hause zu bringen. Mir wollte gar scheinen, dass dem jungen Mann derart hoffnungslos zu Mute war, dass er sich absichtlich quer auf die Fahrbahn legte. Er hatte mich gezwungen, mich seines Schicksals anzunehmen, aber mein Schicksal liess mich immerhin rechtzeitig auf die Bremse treten…

Die ganze Zeit über roch es nach verbranntem Plastik. Ja, «Blotze» war ganz in der Nähe. «Blotze» nennt man in dieser Gegend den «Flugplatz» auf dem Gemeindegebiet von Blotzheim, und «Flugplatz» heisst er bei den Einheimischen heute immer noch, weil der Flughafen Basel-Mulhouse eben in den 50er-Jahren als «Flugplatz» mit einer Baracke und Lochblech-Piste angefangen hatte… Und um «Blotze» stinkt's immer - nach Flugbenzin Kerosen! Es war aber kein Kerosen in dieser Nacht des 1. Novembers 1986, das in den Himmel von Bartenheim stank…

Je näher ich Basel zu kam, desto deutlicher roch es nach… Chemie! Bei Hegenheim wunderte ich mich über den «dichten Nebel», und als ich an meinem Wohnort an der Colmarerstrasse das Garagentor aufschloss, sah ich meinen dicht davor parkierten weissen Käfer kaum noch… Es ging schon gegen 5 Uhr, als ich höchst beunruhigt in meiner Wohnung das Radio anstellte und ein Andrea Müller von Radio Beromünster ununterbrochen Neuigkeiten vom Grossbrand Schweizerhall berichtete.

«Chemisch gebildet» - «chemisch infiziert»

Ich ging meine Telefonliste durch, versuchte Leute aus dem Schlaf zu wecken, damit sie die Fenster in ihren Schlafzimmern schliessen konnten, was der Radiomann ja mehrmals aufgrund der Polizeimeldungen empfahl. Ein beliebter und in Chemie gebildeter Kolumnist der Basler Zeitung war gar nicht erfreut über diesen «Weckdienst» und erklärte, dass «Stinken» nicht dasselbe sei, wie «Giftgas» und hängte ein…

Ein anderer bekannter Journalist, nicht ausgestattet mit dem «Ereignis-Spürsinn», kuschelte sich wohlig in seinem Heja-Bettlein in Gelterkinden, Baselland, und wollte jede Neuigkeit genau rapportiert haben, da sich sein Radio in einem anderen Zimmer befand…

Plötzlich realisierte ich das Eindringen des Gestankes in meine Wohnung. Zuerst vermutete ich die Fensterfüllungen - doch die waren ziemlich dicht. Er kam aber durch die feinen Ritzen des Parkettbodens hoch. Ich erkannte: Der Keller. Ich wohnte nämlich im Parterre. Nix wie los ging ich runter in den Keller, wo es bereits grausam stank. Der offene Lüftungsschlitz war aber unerreichbar für mich. Zurück in der Wohnung kroch der Gestank nun durch alle Tür- und Fensterschlitze, bis auch die Luft in meinen Zimmern das Atmen erschwerte.

Warum brauchen Polizeiautos keine Lautsprecher mehr?

Ein Polizeiauto fuhr langsam vor meinem Haus die Strasse hoch. Damals waren auf fast allen Polizei-Volvos noch Lautsprecher zwischen den blauen Blinklampen angebracht, und die Polizeistimme plärrte, man solle die Fenster schliessen und Radio hören… Doch kaum ein Rolladen von den Häusern in der Strasse ging hoch; die Leute schliefen tief…

Was dann über Stunden aus dem Radio zu vernehmen war, war allein schon aktuell das reinste Cabaret. Die aufkommende Vermutung, dass da gelogen wird, dass sich Balken biegen, dass Chaos und Desinformation herrscht, bestätigte sich dann ja auch in den darauffolgenden Tagen und Monaten!

Die allerübelst entlarvendste Meldung war, dass sich der damalige Sandoz-Firmenchef Marc Moret in den Jura zu seiner Tochter flüchtete - der Frau des heutigen Firmenbosses Daniel Vasella… Dass die Versicherung ausgetrickst wurde, erfuhr man erst später, dass Sachen gelagert wurden, die gar nicht gelagert oder nicht so gelagert werden durften, sollte verschleiert werden - allerdings vergeblich. Sandoz wollte die Behörden und Rettungskräfte willentlich hinters Licht führen. Die ekelhafte Verschleierungstaktik hielt die Aufklärung der Ursache zwar auf, fügte aber nicht nur der Sandoz grossen Image-Schaden zu, sondern auch ganz Basel und der Schweiz. In Frankreich hiess das Schlagwort fortan «sans dose», ein Wortspiel, das «ohne Beschränkung» meint, wörtlich «ohne Dosierung» aus «Sandoz» abgeleitet ist.


Das Theater Basel sucht Zeitzeugen

Das Nachtcafe im Theater Basel am 27. Oktober, 23 Uhr, steht unter dem Titel «Red River» (ROTER FLUSS) und erinnert an die gigantische Umweltkatastrophe von Sandoz Schweizerhall vor zwanzig Jahren am 1. November 1986. Die Dramaturgie des Theater Basel sucht zur Vorbereitung des Nachtcafés hierfür Zeitzeugen, die von ihren Erlebnissen vom 1. November 1986 und den Folgen erzählen und bittet um Zusendung der Berichte an:

Theater Basel - Dramaturgie
Elisabethenstrasse 16
4010 Basel

t.claluena@theater-basel.ch
Tel. 061 295 14 60




So nah ging der Basler Fotograf Silvio Mettler ans damalige Geschehen in Schweizerhalle ran, dass das Bild fast wie Kunst aussieht - noch heute… Hoffentlich muss der liebenswürdige Kollege keine Spätfolgen davontragen - auch die Feuerwehr arbeitete ohne Sauerstoffmasken, was heute undenkbar ist!


Von Juerg-Peter Lienhard


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