Artikel vom 31.07.2006

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J.-P. Lienhards Lupe

Glosse

Quer-Jodel

Worüber man am 2. August 2006 nachdenken sollte…

Von Jürg-Peter Lienhard



Die Schweizer sollen sich nicht wegen ihrer schweizerischen Sitten ins Bockshorn jagen lassen, sondern gegen solche Versuche den Marsch blasen! Foto: Jodelfest Aarau - Jodler-Club Echo Basel © 2006



Da hat mir doch einer ungfragt seine Rede zum 1. August zugestellt, einer mit dem seltsamen Namen Ueli, was Deutsche als Üli aussprechen. Apropos Deutsche: Wir Schweizer nennen sie Schwoobe, die Elsässer Schwoowa, was ursprünglich von den Schwaben herkommt, aber mit der Zeit für alle galt, die jenseits des Rheins von «drausse» reingekommen sind, inbegriffen die Preussen, welche die Schwaben «Sau-Preissn» schimpfen…

Von so einem «Sau-Preissn» bin ich letzthin hintenherum nicht sehr stubenrein tituliert worden, was mir per gewollter Indiskretion zugespielt worden war. Beisst mich nicht, aber ein Nebensatz hats in sich und ist prädestiniert für einen 1.-August-Gedanken: Die Injurie endet mit dem Satz: «Eine schweizerische Unsitte»…

Immerhin anerkennt der verdeckt schreibende Autor, dass Schweizer ein Volk mit Sitten sind, denn nur ein Volk mit Sitten, hat auch Sitten, die Unsitten sind. In sittlichen Dingen ist nichts relativ, aber relativ zu etwas, in unserem Beispiel relativ unsittlich zu den tatsächlichen Sitten.

Eine der schweizerischen Sitten ist eine gewisse Zurückhaltung bei der Äusserung von Qualifikationen. Das hat den unglaublich wirkungsvollen Vorteil, dass ein Schweizer eher Diplomat wird, als einer, dessen Urteil gleich ungefiltert über die Zunge kotzt!

Eine weitere schweizerische Sitte ist vorab der Deutschschweizer unverkrampftes Verhältnis zur eigenen Sprache, deren Sonorität sie nie verleugnen suchen, nie in einer Fremdsprache und schon gar nicht im Hochdeutschen, das sie gegenüber Fremden so zurückhaltend intonieren, dass beim Fremden nie der Eindruck entsteht, er werde gleich verhaftet.

Die schweizerische Sitte, am 1. August Fähnlein mit dem Schweizer Kreuz zu schwenken, hat denn eher mit Folklore als mit Nationalismus zu tun. Denn Fahnenschwingen - versuchen Sie es einmal - ist eine Kunst!

Eine andere schweizerische Sitte ist das Jodeln, das insbesondere am 1. August gerne angestimmt wird, aber vor den Mittagsnachrichten im Schweizer Radio verschwunden ist und auf Hochseefahrten es eben schwieriger macht, den Landessender auf dem Kurzwellendienst ausfindig zu machen.

Die schweizerische Sitte des Jodeln im Äther kam vor über zehn Jahren aus der Mode, weil der deutsche Schlager und die amerikanische Popmusik von «drausse» ins Deutschschweizer Sendegebiet eindrangen, weshalb der Nationalsender auch auf deutsche Schlager und amerikanischen Pop umstellen musste.

Die schweizerische Sitte, sich die schweizerischen Sitten ungestraft vorhalten zu lassen, sollten sich die Schweizer endlich als schweizerische Unsitte abgewöhnen: Lassen wir das Jodeln im Äther wieder zu - als schweizerische Sitte, die uns niemand madig machen darf! Und auch gleich noch ein paar schweizerische Sitten dazu, denen es nicht wie mit dem Jodeln gehen soll!

Sie haben nicht verstanden, was ich damit meine? Dies ist eben auch schweizerische Sitte: erst über den Sinn einer 1.-August-Rede am 2. August nachzudenken…

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Eine Sitte, die es so nur in der Schweiz gibt


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