Artikel vom 26.06.2006

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Elsass - Kultur

Trop Bête - Soïdumm!

Ein Benefiz-Song mit Cookie Dingler für das notleidende Ecomusée d‘Alsace

Von Juerg-Peter Lienhard



Pas bête - die Autoren von «Trop Bête!» v.l.n.r: Eric Sembach, Cookie Dingler, Thierry Sembach im Brunnen (leer) des Waschhauses im Ecomusée d'Alsace an der Disc-Taufe des Songs. Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2006



UNGERSHEIM BEI MULHOUSE (ELSASS).- So toll, so fetzig, so hintersinnig frech und so deutlich gemünzt - auf jeden Fall aber sehr, sehr sympathisch: Während die elsässischen Politiker-Funktionäre nicht zur Kenntnis nehmen wollen, welch Wirtschafts- und Kultur-Katalysator das Ecomusée d‘Alsace ist, rüsten jetzt die Strassburger Künstler zum Verteidigungskampf mit der schärfsten Waffe überhaupt - mit der Waffe der Satire! Cookie Dingler, der Mitte der achtziger Jahre ganz Frankreich mit dem berühmten Ohrwurm «Femme libérée» verzückte, singt jetzt fürs Ecomusée d‘Alsace «Trop Bête!» (zu dumm, um wahr zu sein).

Wenn man kein Geld hat, dann hat man Ideen zuhauf. Das Ecomusée d‘Alsace lanciert im Vorfeld des Quatorze Juillets eine einzigartige Goodwill-Aktion, um auf seine desolate Finanzsituation aufmerksam zu machen. Die Strassburger Künstler Cookie Dingler und die Brüder Eric und Thierry Sembach haben einen Song komponiert und getextet, der die Situation «tierisch» schildert und wegen Cookie Dingler hitparadenverdächtig ist: «Trop Bête!» - was doppeldeutig je nachdem als «zu dumm» oder «zu tierisch» verstanden werden kann. Oder eben «soïdumm», wie die Elsässer sagen, nämlich saudumm.

Am Vorabend des französischen Nationalfeiertages, am 13. Juli 2006, soll sich dann das Ecomusée d'Alsace bis tief in die Nacht hinein als Orwell‘sche «Farm der Tiere» verwandeln - in einen Maskenball, wie ihn das Elsass schon lange nicht mehr erlebt hat. Mit der Band von Cookie Dingler und vielen anderen Attraktionen (siehe Programm zum runterladen am Schluss).



CD-Cover von «Trop Bête!» - der Cookie-Dingler-Song kann auch als mp3-File für 1 € runtergeladen werden (Adresse folgt).



Niemand entlarvt Dummheit treffender als Kabarettisten und Satiriker, und wenn Politiker in deren Fadenkreuz geraten, dürfte es für diese ernst werden: Weil die elsässische Politik «in Visionen, in die Zukunft» investieren wollte, favorisierte sie das Funparkprojekt «Bioscope» - das sich zwar angeblich dem Menschen und der Umwelt widmen sollte, in Wirklichkeit aber den Menschen als Volldeppen darstellt und an der Umwelt Raubbau betrieben hat (siehe Artikel auf webjournal.ch, Link unten).

Dem Ecomusée d‘Alsace, das in vielfältiger Weise auf die elsässische Wirtschaft, auf die elsässische Kultur und auf das elsässische Bewusstsein eingewirkt hat, wurden die bereits beschlossenen Kredite für die Erhaltung der Infrastruktur rund um den Memopark vorenthalten, weil der Bioscope-Funkpark 30 Millionen Euro öffentliche Gelder verschlang.

Künstler wissen genau, dass gegen Dummheit kein Kraut gewachsen ist, dass nicht einmal der Herrgott dagegen ankommt. Aber wenn sich Dummheit mit Frechheit paart, darf das nicht mehr hingenommen werden! Nur: es braucht den Ton dafür, damit die Musik gehört wird - vor allem gehört wird von Leuten, die weiss Gott Gescheiteres zu tun haben, als sich mit dummen Politikern herumzuschlagen, die ihnen ihr Steuergeld zum Fenster hinauswerfen!



Die Mitwirkenden des Songs «Top Bête!» mit dem Ecomusée-Gründer Marc Grodwohl (im «Junteressli») hatten grössten Spass an der CD-Taufe.



Der Song, der fürs Ecomusée d‘Alsace werben soll, ist eine Metapher, die poetischer nicht sein könnte, die oberflächlich niemanden anklagt, aber hinter der Orwell‘schen Maske doch immer noch sichtbar verbirgt, worum es eigentlich geht: «Trop Bête!» - «soïdumm», geht's auf der «Animal Farm» der elsässischen Politik zu…

Dies allerdings in einem fetzigen Rock‘n Roll im ähnlich kultigen Rhythmus wie «Femme libérée», dem Hitparaden-Topreiter von Cookie Dingler in den 80er-Jahren. Der Refrain allein geht nicht mehr aus den Ohren, und «Trop Bête» lässt sich auf so manches anwenden, was wirklich sehr dumm, «soïdumm» gar ist. «Trop Bête» mag hoffentlich so in den Charts einschlagen, dass selbst die Dummen merken, wer und was gemeint ist!



Cookie Dingler (links), Ecomusée-Esel (Mitte) und Marc Grodwohl (rechts mit Esel-Larve) am Waschhaus, wo die CD-Taufe mit einem Bauern-Picknick feucht und fröhlich gefeiert wurde.



Autoren des Songtextes sind die Brüder Eric und Thierry Sembach, die ihn Cookie Dingler zum Singen gegeben haben. Die Strassburger Künstler gehören zum Dunstkreis der aus dem «Barabli» von Germain Muller entstandenen Cabaret-Kultur rund um Roger Siffer - eine hochkarätige musikalische, poetische und satirische «Bewegung», wie sie sich nur in dieser dreisprachigen multikulturellen Europastadt Strassburg als Gegengewicht zu dessen Politinstitutionalismus entwickeln konnte.

«Hören» wir zunächst den Refrain:

Ce serait trop bête
Que la fête s’arrête.
Ce serait trop bête
Qu’on se mette sur la tête.
Ce serait trop bête
Que cette planète pète.
Ce serait trop bête.


Zu deutsch (etwas ziemlich frei interpretiert):

Es wäre zu dumm,
wenn das Fest abbricht.
Dies wäre zu dumm,
und man stände kopf.
Es wäre zu dumm,
wenn dieses Universum platzte -
es wäre wiklich zu dumm!


Es wäre wirklich soïdumm, bräche das Fest einfach so ab, wären 22 Jahre vergeblich gewesen, hinterliesse man den vielen ausländischen Besuchern das Gefühl, dass ihnen das Elsass eine lange Nase machte! Leider enthält dieser intelligente Text viele gereimte Wortspielereien und abgewandelte Sprichwörter, so dass er nicht übersetzt werden kann, weder wörtlich noch sinngemäss:

Dites-moi, mes canards,
Vous n’en avez pas marre?
La vache, ça me tanne.
Y en a qui nous traitent d’ânes!

Mais qui sont ces loups
Qui nous sautent au cou?
À tort ou à raison?
Des porcs? Ou des cochons?

Et je ne compte pas les moutons.

Oh non! Oh non!

Ce serait trop bête
Que la fête s’arrête.
Ce serait trop bête
Qu’on se mette sur la tête.
Ce serait trop bête
Que cette planète pète.
Ce serait trop bête.

Dites-moi, mes moineaux,
Je donne ma langue aux chameaux
Mais qui sont nos rois?
Dites-moi, c’est les rats ?

On s’écrase comme des chiens ?
On se tire comme des lapins ?
Couchés aux pieds de roquets
Qui singent leurs perroquets

OK, OK, OK.

Ce serait trop bête
Que la fête s’arrête.
Ce serait trop bête
Qu’on se mette sur la tête.
Ce serait trop bête
Que cette planète pète.
Ce serait trop bête.

Dites, c’est quoi cette terre?
Ciel! qui tourne à l’envers?
Pour des thunes, pour des prunes,
On est tous dans la lune.

On envoie sur les roses
Tous ceux qui osent quelque chose
On ne sème rien derrière nous.
On est tous dans les choux?

Ailleurs, toujours ailleurs…
Ailleurs, toujours ailleurs…
Ailleurs, toujours ailleurs…
Higher always higher

Ce serait trop bête
Que s’arrête la fête.
Ce serait trop bête
Qu’on se mette sur la tête.
Ce serait trop bête
Que pète cette planète.

Oh non !
Non !
Non !
Non !
Oh non !
Non !
Non !
Non !

Ce serait trop bête !
Ce serait trop bête !
Ce serait trop bête !
Ce serait trop bête !»



Es wäre wirklich soïdumm, würde man das Ecomusée d‘Alsace derart erwürgen, dass ihm der letzte Schnauf ausginge! Seine Hoffnung sind die intelligenten Leute, die das Leben nicht so tierisch ernst nehmen, wie jene, die sich schnelles Geld und die Wiederwahl erhoffen…

«L‘imagination au pouvoir» - das war schon immer das Crédo von Marc Grodwohl, dem Gründes des Ecomusée d‘Alsace, und wer diese imaginäre Forderung versteht, hält ihm auch die Stange. So wie eben Cookie Dingler und seine Freunde, Künstlerfreunde, und auch eine ganze Reihe von klugen Leuten im In- und Ausland.



Marc Grodwohl versucht am Waschhaus-Brunnen aus Wasser Wein zu machen - doch so wenig wie hier Wein aus dem Brunnenrohr fliesst, so wenig fliessen die längst gesprochenen Infrastrukturgelder ins Ecomusée d'Alsace…



Jedoch: der Erfolg des Ecomusée d‘Alsace ist sein grösster Feind. Zu Beginn im Jahr 1984 wollte niemand im Elsass daran glauben. Heute meint die Politik, Erfolg ist langweilig, Intelligenz ist langweilig und Schönheit und Ruhe und Langsamkeit sind langweilig. Welch langweilige Politiker regieren im Elsass - c‘est trop bête, es ist soïdumm. Wahrhaftig ganz dumm!

Die Disc mit dem Song «Trop Bête» von Cookie Dingler wird zugunsten des Ecomusée d‘Alsace vekauft - in Basel hat sich Musik Hug in der Freien Strasse 70 bereit erklärt, die Disc zu vekraufen, sobald sie demnächst verfügbar ist. Schreiben Sie eine Mail an webjournal.ch, damit wir Sie so rasch wie möglich orientieren können, wo sie sonst noch in der Region zu haben ist. Die Disc wird auch in der Boutique des Ecomusée d‘Alsace verkauft.



Mit dem Erwerb des Ecomusée-Passes wird man Bürger des Ecomusée-Dorfes. Die Rechte sind ebenso wie die Pflichten happig; die Rechte mit den Pflichten vertauscht.

Zum Beispiel die Rechte:

• Die anderen respektieren;

• Lernen nichts zu tun;

• Zu den Tieren sprechen usw.

Die Pflichten hingegen:

• Frei sein;

• Sich freuen…


Von Juerg-Peter Lienhard

Fr weitere Informationen klicken Sie hier:

• Alles über «Trop Bête!» und zum 13. Juli 2006 (La veille du quatorze juillet)

• SOS Ecomusée d'Alsace

• Das Ecomusée d'Alsace in Gefahr - Kommentar von J.-P. Lienhard

• «Apropos Bioscope…» - Kommentar von Reinhardt Stumm


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