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KulturSchweigen

Artikel vom 09.05.2006

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Basel - Kultur

Mit Gruss getrost: Glück auf!

Das neue Leitungs-Team des Theaters Basel

Von Reinhardt Stumm



Kühl, sachlich, klug: Georges Delnon. Fotos: staatstheater-mainz.de © 2006

«Spielplanabsichten» für die Spielzeit 2006/2007 erklärten die neuen Leiter des Thaters Basel in ihrer Pressekonferenz vom Montag, 8. April 2006. Mit Bewegungen darf also gerechnet werden. Muss gerechnet werden. Wie sie aussehen, wird der ausstehende endgültige Grossratsbeschluss über die Subventionen entscheiden.

Georges Delnons kühle, sachliche, gelassene Standortanalyse war nicht darauf angelegt, Gegensätze zu suchen – Basel hier, Theater dort –, sondern Gemeinsamkeiten. Was charakterisiert Basel? Wie kann das Theater sich in die Energieströme dieser Stadt einfügen? Das ist nicht mehr als vernünftig. Theater ist nicht dazu da, Unfrieden zu stiften – was nicht heisst, dass es das bei gegebenem Anlass nicht sollte!

Auftrag des Theaters ist doch wohl eher, uns alle betreffende Fragen zu stellen, so etwas wie Grundlagenforschung zu treiben, zeitgemässe Ausdrucksformen für die immer gleichen Probleme des Zusammenlebens in den Menschengesellschaften zu finden, Bewusstsein zu schaffen, Verdrängtes zurückzurufen, und nicht zuletzt latente und manifeste ästhetische Bedürfnisse zu befriedigen, an so etwas wie einer Entwicklung von menschlichem Kunstverstand zu arbeiten, ohne den herrschenden auf eine Weise zu brüskieren, die Zuhören und Zuschauen unmöglich macht.

Die Stichwörter: Dynamische Prozesse, Brücken bauen, Signale aussenden, Mut machen – Mut zum Leben! Gemeinschaft stiften. Und bei alledem doch die kritische Distanz nicht verlieren, die allein Erkennen überhaupt erst möglich macht.

Delnon redet, nach ihm unser Operndirektor Dietmar Schwarz, dann Elias Perrig – der Schauspielmann – und Richard Wherlock für das Ballett. Was mir gefällt, ist die Mischung von Gelassenheit und Selbstbewusstsein ohne Anmassung, eine Ahnung von unverkrampftem Humor, von Sachlichkeit und Klarheit, von Sachverstand und offensichtlichem Selbstvertrauen, das zunächst einmal vermittelt, dass hier Leute reden, die ihren Job verstehen. Über alles andere kann man streiten – es gehört zum Theaterhandwerk, dass man in guten Treuen verschiedenster Meinung sein kann. Man darf weitergehen und sagen, Theater findet überhaupt erst da statt, wo man in guten Treuen verschiedenster Meinung ist – und der Herausforderung, sie zu begründen, nicht ausweicht, sondern sie lustvoll sucht.

Vom Musik-Theater

Oper ist nicht mein Fach, ich kann nur resümieren, was zur Kenntnis gebracht wurde. Dass Armin Jordan, der Feuerkopf, die Operneröffnung (15. September) dirigiert: Prokofjews «Liebe zu den drei Orangen». Und dass das ein wenig die Richtung vermitteln soll: «Die Tragischen, Komischen, Lyrischen und die Hohlköpfe geraten über die Frage, was man spielen soll, in Streit.» Daraus wird eine märchenhafte Posse, die nahelegen könnte, dass das Schöne an der Kunst ihre Beweglichkeit ist. Es folgen das Bernstein-Musical «On the Town», Verdis «Don Carlos» in französischer Sprache mit Übertiteln, Mozarts «Zaïde» und Chaya Czernowins «Adama» als Koproduktion mit den Salzburger Festspielen, Franz Wittenbrinks «Sekretärinnen» (eine gestandene Hamburger Baumbauer-Produktion), Rossinis «L’Italiana in Algeri», und – vitale Erinnerung an Paul Sacher, der das Werk vor 69 Jahren zur Uraufführung brachte – zum Saisonschluss Arthur Honeggers «Jeanne d’Arc au bûcher».


Das Schauspiel



Ganz langsam fragen: Elias Perrig.

Schauspieldirektor Elias Perrig blätterte den Spielplan des Schauspiels auf, das – so will es ein Ondit - das Rückgrat des Theaters bildet. Die schönste Doppel-Überraschung zu Beginn: Erstens die Uraufführung von Jürg Laederachs «69 Arten, den Blues zu spielen» (am 16. September) und zweitens in der Regie der Bühnenbilderin Anna Viebrock, die beileibe nicht zum ersten Mal Regie führt, für uns aber wohl doch eine Entdeckung sein wird. Laederach auszugraben (falls das nicht zu despektierlich klingt), beweist so etwas wie eine gute Nase. Wer in dieser Stadt Theater macht, darf versuchen, mit dieser Stadt in Beziehung zu treten. Was Schindhelm nie spürbar interessiert hat. «Unter den jüngeren, die zunächst mit Prosaarbeiten hervorgetreten sind, zählen Jürg Laederach und Jürg Amann (*1974) zu denen, die sich kontinuierlich mit der Bühne beschäftigt haben» (steht bei Klaus Briegleb und Sigrid Weigel, Gegenwartsliteratur seit 1968. Hanser, München 1992). Düggelinfans jener Jahre müssen sich an die «Biertischgespräche» erinnern, die im damaligen Talentschuppen Komödie geführt wurden. Es ist keine Schande, die Vorteile zu nutzen, die einem zugespielt werden, im Gegenteil, es wäre Dummheit, sie nicht zu nutzen. Auch das gefällt mir.

Genauso, dass Werner Düggelin inszenieren wird und dass Raimund Bauer das Bühnenbild zur Uraufführung von Laura de Wecks (1981 geborene Tochter des Zürcher Journalistenehepaars de Weck) Komödie «Lieblingsmenschen» macht. Hier wie sonst eine Vorahnung der Fragen, auf die Antworten ziemlich verzweifelt gesucht werden – reden wir eigentlich noch von was anderem als von Geld? Von Gewinnmaximierung und Kapitalertrag? Wie bemisst sich der Wert eines Menschen? Was heisst Status, was heisst, sich verkaufen können? Was heisst, vor allem, sich nicht verkaufen können? «Da wollen wir ganz altmodisch sein», sagte Perrig, «und ganz langsam fragen: Was ist der Mensch?»

Mein Gott ja, kann man sagen, gibt es eine noch ältere Frage auf dem Theater? Vermutlich nicht. Und gibt es eine, die schwieriger zu beantworten ist und doch dringend beantwortet werden sollte? Spielen wir Sophokles, spielen wir «König Oedipus» (27. September) und nutzen wir die Gelegenheit, vielleicht wieder einmal eine Gänsehaut zu bekommen, wenn wir an uns denken! Spielen wir Rostands «Cyrano de Bergerac» (28. September) und erinnern wir uns an die kleinen Unterschiede zwischen innen und aussen, an das, was einen Menschen adelt oder was ihn gemein macht. Christina Paulhofer wird den hässlichen Mann führen. Christina Paulhofer ist Hausregisseurin, gespielt wird eine Bearbeitung der Journalistin Simone Meier, die noch vor wenigen Jahren ein bewegtes Leben in einer Kommune am Erasmusplatz in Basel führte. Christinas zweite Reise wird Erinnerungen wecken: Wer Marlon Brando «Stella!!!» brüllen hörte in «Endstation Sehnsucht», hat es nie vergessen.

Perrig selber? Debütiert (am 15. Oktober 2006) in Basel mit der deutschsprachigen Erstaufführung von Jon Fosses 2000 geschriebenem Stück «Besuch». Der Norweger Fosse, 56, ist seit fünf/sechs Jahren einer der auf deutschen Bühnen meistgespielten Autoren. Es gibt um die fünfzehn Theaterstücke von ihm (zwei Romane dazu). 1995 bekam er den Ibsen-Preis. Perrig kennt seinen Fosse. Er inszenierte 2003 «Der Sohn» am Schauspielhaus Zürich, 2005 «Lila/Purple» («Lilla») in Stuttgart. Perrig ist fleissig. Am 14. Januar hat Shakespeares Komödie «Was ihr wollt» in seiner Regie Premiere:

Wenn die Musik die Liebe nährt, spielt weiter!
Gebt mir solch Übermass, dass das Verlangen
Krank vom Zuviel wird und so sterben kann.


Rudolf Schallers Übersetzung! Wer die richtige vermisst, hier ist sie, die von Schlegel:

Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist,
Spielt weiter! Gebt mir volles Mass! dass so
Die übersatte Lust erkrank‘ und sterbe. –
Gebt uns volles Mass!


Auch da, wo wir noch ahnungslos sind! Bei David Greig (Entlegene Inseln); bei Andri Beyeler, dem in Bern lebenden Schaffhauser, «The killer in me is the killer in you my love»:

I used to be a little boy
So old in my shoes
And what I choose is my choice
What’s a boy supposed to do?
The killer in me is the killer in you
My love
I send this smile over to you
smashing pumpkins.


«Kürbisse zermatschen» heisst das wohl auf deutsch, und das erhoffte Vergnügen wird am 29. September auf der Kleinen Bühne stattfinden, die in Zukunft der Gegenwartsdramatik vorbehalten sein soll. Es kommen Lewis Caroll mit «Alice hinter den Spiegeln», die Uraufführung einer schon jetzt gerühmten Fassung von Marc von Hennig; schliesslich «Nachts ist es anders» von Sabine Harbeke.

Von schönen Seelen

Und immer noch etwas: «Gösta Berling» nach Selma Lagerlöf, ein Schritt mehr Richtung Skandinavien, das Neugier und Zuneigung der Theaterleute weckte, der Schwede Anders Paulin inszeniert; kommt dazu «(Wilde) Mann mit den traurigen Augen» von Klaus Händl; «Weldon Rising» von Phyllis Nagy und schliesslich eines der grossen Stücke eines alten Mannes: «Vor Sonnenuntergang» von Gerhart Hauptmann. Inszenieren wird der Luzerner Erich Sidler, der sich zuletzt in Linz (wo man sein müsste, wie Qualtinger einst spottete) mit «Hedda Gabler» herumprügelte. Auch eine schöne Seele, falls wir Ibsen richtig verstehen.

Die schönen Seelen, das ist, wie es scheint, der rote Faden, der sich durch diese Stücke zieht. Seiner Entdeckung soll die Arbeit der Schauspieler gelten. Angestrebt wird die gemeinsame Erkenntnis des Menschseins... Schlagwörter, lassen wir sie beiseite – Haltung, klar? Lust auf Entdeckungen, wie nicht? Talente, Hoffnungen, was sonst? Irgendwo im Zweiten Faust liest es sich so:

Aus vollen Adern schöpfen wir:
Metalle stürzen wir zu Hauf
Mit Gruss getrost: Glück auf!
Glück auf!


Fehlt das Ballett. Richard Wherlock kündigt eigene Abende an: «Best of and more» (am 17. September); «A Midsummer Night’s Dream» mit der Musik von Mendelssohn-Bartholdy; einen noch ungetauften «Ballettabend», zusammen mit Jiri Kylian. Auch «Basel tanzt» wird nicht vergessen, der 4. November 2006 ist das Datum – die Grosse Bühne der Ort.

Pläne gibt es weit darüber hinaus – Kinderoper; eine Hommage an Montserrat Caballé (die 1956 zum ersten Mal als Solistin auf der Bühne stand – im alten Stadttheater Basel); Opernstudio, Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater Zürich; ein Composer in Residence soll nach Basel gerufen werden; Autorenförderung wird geplant; der Klosterberg 6 wird zum Begegnungsort für Randaktivitäten des Theaters; geplant ist eine Veranstaltungsreihe der Hochschule für Gestaltung mit dem Theater – Titel: Geistes- Gegenwart; Matinées, Lesungen, Nachtcafé wie gehabt.

So ungefähr und im Randbereich gerade nur in Andeutungen. Theater ist was zum Sehen. Also, gut, wir werden sehen, und zwischendurch gelegentlich an das Sprichwort denken:

Wem das Glück aufspielt,
der hat gut tanzen!

Von Reinhardt Stumm

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Lesen Sie auch den Kommentar zu obenstehendem Bericht

• Wie Delnon am 12. Mai 2004 vorgestellt wurde, und was er damals zu seiner Wahl sagte


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