Artikel vom 03.05.2006

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Bücher

Das Gedächtnis der Schweiz

Die Schweizerische Landesbibliothek stellt sich an der BuchBasel vor und lädt zur Begegnung mit der Krimi-Autorin Patricia Highsmith nach Bern

Von Redaktion



Patricia Highsmith las am 29. November 1982 in der Basler Buchhandlung Jäggi (Bild). Die weltberühmte Krimi- und Literatur-Autorin vermachte der Schweizerischen Landesbibliothek ihren Nachlass an Dokumenten und Briefen, die jetzt in einer Sonder-Ausstellung in Bern zu sehen sind. Foto: Kurt Wyss, Basel © 2006 mit freundlicher Genehmigung der baz



-- Von Yasmine Scheidegger, SLB --

Wo ist eigentlich das Gedächtnis der eidgenössischen Nation? Wer sammelt das geistige Kapital der Schweiz, all die Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, die literarischen Nachlässe, Plakate und fotografische Dokumente? Wie sind sie zugänglich? Werden sie für die Nachwelt aufbewahrt? Seit 1895 sind diese Fragen geregelt. Per Gesetz wurde damals die Schweizerische Landesbibliothek (SLB) – die Nationalbibliothek der Schweiz – ins Leben gerufen.



Gebäude und Lesesaal der SLB in Bern.



Die SLB sammelt «Helvetica». Dieser Begriff umfasst die gesamte literarische und wissenschaftliche Buchproduktion des Landes. Und mehr: Alle im Ausland erschienenen Werke, die einen Bezug zur Schweiz, ihrer Bevölkerung, ihrer Vergangenheit und Zukunft haben sowie Werke von Schweizer Autoren und Autorinnen, einschliesslich deren Übersetzungen – das alles sind «Helvetica». Somit archiviert die SLB nebst Büchern auch Zeitungen, Zeitschriften, Musiknoten, Plakate, geografische Karten, Videos, Geschäftsberichte, Vereinsschriften, Amtsdruckschriften, Jahrbücher oder Dissertationen.

Mitarbeiter der Bibliothek suchen in allen Richtungen, um selbst das fernste «Helveticum» aufzuspüren (so zum Beispiel «Heidi» in Japanisch oder Werke von Friedrich Dürrenmatt in Koreanisch). Der Bestand der SLB ist inzwischen auf 3.7 Millionen Dokumente gestiegen. Aufgestellt sind diese im unterirdischen Magazin, auf sieben Ebenen und in Regalen von insgesamt 56 Kilometern Länge.

Dort finden sich auch Dokumente, die man auf den ersten Blick nicht in einer Bibliothek erwartet:

Das Schweizerische Literaturarchiv

Friedrich Dürrenmatt vermachte 1989 seinen literarischen Nachlass der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit der Bedingung, dass ein Schweizerisches Literaturarchiv (SLA) gegründet werde. Das SLA wurde Anfang 1991 der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern angegliedert und übernahm deren Handschriftenbestände.

Dadurch verfügte das SLA von Anfang an über bedeutende Nachlässe wie jene des einzigen Schweizer Nobelpreisträgers für Literatur, Carl Spitteler, sowie Annemarie Schwarzenbach, Blaise Cendrars, S. Corinna Bille und Maurice Chappaz, aber auch über die wichtige Briefesammlung von Hermann Hesse und das Schweizerische Rilke-Archiv.

Heute befinden sich dort rund 100 grössere Nachlässe und über 140 Teilnachlässe, die für wissenschaftliche, literarische oder publizistische Arbeiten und Studien kostenlos benutzt werden können. Es handelt sich dabei um Notizen und Entwürfe zu Werken, Werkmanuskripte, Korrespondenzen, Tagebücher, Zeitungsausschnitte, wissenschaftliche Sekundärliteratur, Bücher, Ton- und Videokassetten, Fotos, Gemälde und graphische Blätter sowie persönliche Gegenstände.

Das SLA sammelt in den vier Landessprachen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch Dokumente sowie Materialien zu Literatur, die einen Bezug zur Schweiz hat, und zwar mit einem Schwerpunkt im 20. Jahrhundert.

Zu den Landessprachen ist mit dem Nachlass von Patricia Highsmith auch das Englische hinzugekommen. Sie wohnte bis zu ihrem Ableben 1995 zwölf Jahre im Tessin. Erstmals hat das SLA nun ihren Nachlass geöffnet und zeigt zurzeit anhand von Originalobjekten einen Einblick in die Werkstatt dieser Meisterin der Spannung. Die Ausstellung dauert noch bis am 10. September 2006 und ist täglich geöffnet.



Tischvitrine im schweizerischen Literatur-Archiv mit Handschriften und Manuskripten von Friedrich Dürrenmatt.



Die Graphische Sammlung der SLB

Die Graphische Sammlung der Schweizerischen Landesbibliothek pflegt neben dem klassischen Sammelgebiet der Druckgraphik vom 17. - 20. Jahrhundert vier weitere, reichhaltige Spezialbereiche: Eine Fotosammlung mit den Schwerpunkten Portrait und Landschaft, eine Ansichtskartensammlung, dann Künstlerbücher, Editionen und Portfolios aus der zeitgenössischen Schweizer Kunstproduktion sowie eine Plakatsammlung mit dem Schwerpunkt Schweizer Tourismus. (Für die Konsultation von Dokumenten aus dem SLA wie auch aus der Graphischen Sammlung ist eine Voranmeldung erforderlich.)

Erhalten und Vermitteln

Alle Dokumente der SLB müssen auch künftigen Generationen zur Verfügung stehen! Die SLB hat also einen doppelten Auftrag: die Sammlungen möglichst vollständig der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sie aber auch als Kulturgut möglichst vollständig zu erhalten. Zu diesem Zwecke investiert die SLB erhebliche Mittel und Personalressourcen in die Konservierung ihrer Sammlungen.

Sie behandelt und lagert ihre Dokumente nach den modernsten konservatorischen Richtlinien. Zudem ist sie darauf angewiesen, dass Benutzer sorgfältig mit den ausgeliehenen Dokumenten umgehen. Nur so kann sie ihren Auftrag erfüllen und der interessierten Öffentlichkeit heute und in Zukunft Zugang zu Informationen zur richtigen Zeit und in brauchbarer Form garantieren.

Publiziert heisst nicht nur gedruckt

Die SLB sammelt aber nicht nur Gedrucktes. In den letzten Jahren wird vermehrt elektronisch publiziert: auf Disketten, CD-ROM und DVD – und natürlich im Internet.

Die SLB ist deshalb dabei, ein digitales Depot einzurichten. Sowohl online über das Internet abrufbare wie auch auf Datenträgern wie Disketten, CD-ROM oder DVD gespeicherte Informationen sollen archiviert werden.

Damit diese sogenannten «e-Helvetica» auch in Zukunft garantiert les- und interpretierbar sind, muss dabei auch die «Vergänglichkeit» von Datenträgern und Systemumgebungen berücksichtigt werden. Für das im Jahr 2001 gestartete Projekt «e-Helvetica» sucht die SLB gemeinsam mit andern schweizerischen und ausländischen Bibliotheken nach Lösungen für die Langzeitarchivierung und den Umgang mit digitaler Information.

Eine öffentliche Bibliothek

Viele Nationalbibliotheken sind nicht ohne weiteres zugänglich – die SLB macht hier eine Ausnahme. Einschreiben kann sich jede Person über 18 Jahre, die einen festen Wohnsitz in der Schweiz hat. Personen zwischen 15 und 18 oder solche, die keinen ständigen Wohnsitz in der Schweiz haben, brauchen eine Garantieerklärung einer volljährigen Person mit einem festen Schweizer Wohnsitz.

Via die bibliothekarische Fernleihe können Benutzer auf der ganzen Welt Dokumente aus der SLB ausleihen. Wie bei jeder Bibliothek können besonders heikle Dokumente nur in den Lesesaal ausgeliehen werden. Das Einschreibeformular kann auf der Website der SLB (siehe Link unten) heruntergeladen werden.

Alles über die Schweiz

Dank ihrer Spezialisierung auf schweizerische Publikationen und Autoren verfügt die SLB über einen riesigen, einzigartigen Wissensfundus zum Thema Schweiz. Informationsspezialisten, finden in diesem Bestand auf fast alle «Schweiz-Fragen» eine Antwort. Für die selbständige Suche wurde eine Liste mit relevanten Links zum Thema Schweiz zusammengestellt. Die Dienstleistungen des Recherchedienstes der SLB finden Sie via untenstehendem Link.Yasmine Scheidegger, SLB


Die Ausstellung Patricia Highsmith

10. März 2006 bis 10. September 2006



Buchtitel ihres berühmtesten Krimis und ihres Antihelden Mr. Ripley. (Erschienen bei Diogenes, Zürich)



sla.- Patricia Highsmith ist weltbekannt für ihre Kriminalromane. Die letzten fünfzehn Jahre ihres Lebens hat sie in der Schweiz verbracht, im Tessin, wo sie 1995 gestorben ist.

Die Autorin zeigte ein grosses Interesse für Neurotiker und Psychopathen, wenn nicht gar eine zärtliche Zuneigung. Den Wunsch des Publikums nach Gerechtigkeit in Erzählungen und Romanen empfand sie als Ärgernis. Indem sie die Regeln des Kriminalromans auf den Kopf stellte, entwickelte sie ihre eigenen Begriffe von Gerechtigkeit, Moral und Ethik.

Eine «moralische Auflösung» ihrer Erzählungen und Romane schloss sie im Vornherein aus. Die Eigenheit ihrer Intrigen und die beunruhigende Kraft ihrer Antihelden – denken wir an Tom Ripley und seine Darstellung durch Alain Delon im Film «Nur die Sonne war Zeuge» – hat ihr die Aufmerksamkeit zahlreicher ausserordentlicher Künstler gebracht: Truman Capote, Alfred Hitchcock, Paul Bowles, Graham Greene, Arthur Koestler, Peter Handke, Wim Wenders, um nur die wichtigsten zu nennen.

Diese breite Anerkennung brachte Highsmith in ihrer inneren Unrast nicht zur Ruhe. «Hell is the other» («Die Hölle sind die andern»), pflegte sie zu sagen. Patricia Highsmith hatte seit ihrer frühen Jugend in Texas das Gefühl und Bewusstsein, nicht in die soziale Norm zu passen. Ihrer Neigung gemäss blieb sie daher Zeit Ihres Lebens Junggesellin.

Später war sie als in Europa lebende Amerikanerin Aussenseiterin – fremd, wo sie wohnte, und fremd in ihrem Heimatland. Die scheue Autorin Patricia Highsmith spiegelt sich in vielfältiger Art und Weise in ihren Helden, denen sie viel von ihren eigenen sozialen Ängsten verleiht. Den sexuell ambivalenten Mörder Tom Ripley bezeichnete sie als ihre Lieblingsfigur, die ihr zu einer Art alter ego wurde.

Die Tagebücher, Briefe und zahlreichen anderen Dokumente aus dem Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv werfen ein neues Licht auf Leben und Werk von Patricia Highsmith.

Die Schweizerische Landesbibliothek lädt ein zu einer Reise durch unbekannte Gebiete in der Werkstatt dieser ausserordentlichen Romanautorin, gegliedert in acht Etappen:

1. Die Familie als Heimat und Hölle
2. Fantasie und Verbrechen
3. Moral normal
4. Musik und Kunst

5. Die Häuser
6. Seltsame Sammler und Züchter
7. Die Gesellschaft als Gefängnis oder Die universelle Observation
8. Porträt mit Spiegel


Mehr über die Ausstellung siehe untenstehender Link.

Von Redaktion

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Direktlink zum Recherchendienst und zur Homepage SLB

• Mehr zum Schweizerischen Literaturarchiv

• Mehr zur Ausstellung Patricia Highsmith

• Die bei Diogenes Verlag Zürich erschienen Bücher von Patricia Highsmith (deutsch)


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