Artikel vom 03.05.2006

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J.-P. Lienhards Lupe

Glosse

Die Katzenfrau

Meine Begegnung mit der Highsmith: «Die Alte mit dem katzbuckelnden Viech auf der Schulter»…

Von Jürg-Peter Lienhard



Die Krimischriftstellerin mit Katze; «Täter/Opfer» mit Katze: Katzenliebhaber haben eine Affinität für Kommunikation ohne Worte…



Die Basler Buchhandlung Jäggi, die nun von der deutschen Thalia übernommen und jetzt ebenso heisst, hatte in den achtziger Jahren unter dem alten Herrn Jäggi immer wieder gerne Lesungen mit ganz speziellen Autoren gemacht. Um diese der Presse vorzustellen, lud er die Basler Journalisten jeweils zu einer Pressekonferenz ein. An so einer begegnete ich Patricia Highsmith, wo sie mit mir auf eine merkwürdige Art wortlos kommunizierte.

Als Jungpfiff kannte ich die Highsmith nur vom Namen; von ihren Büchern überhaupt nicht. Ich fühlte mich von der Redaktion verknurrt, weil ich kein Krimileser mehr war, dies als pubertäre Periode abtat, die ich seit «Der Richter und sein Henker» nicht mehr wieder aufwärmen wollte.

Es war also alles perfekt vorbereitet für eine Begegnung des Missverständnisses, das in eigentlichem Misstrauen gipfelte. Und sich bestätigt sah angesichts einer «Alten», der «nur noch die schwarze Katze auf dem Buckel fehlte».

Heute bin ich fest davon überzeugt, dass Patricia Highsmith mein beinahe «greifbares» Misstrauen gewissermassen «hörte», denn sie fixierte mich unentwegt, während der alte Herr Jäggi sprach oder Kollegen ihre kenntnisreichen Fragen stellten. Ich versuchte so uninteressiert wie möglich zu wirken, aber wenn ich gleichwohl einen verstohlenen Blick auf sie warf, sah ich, dass sie mich im Auge hatte.

Es war kein feindlicher Blick, aber einer, der sehr genau hinsah. Mir war es unbehaglich, zumal dieser Blick weder feindlich noch bohrend, sondern eher aufmerksam war. Die ganze Zeit hatte ich die Frage auf der Zunge: «Haben Sie Katzen?». Im Plural! Die Frage hätte mich zwar befreien können, aber ich argwöhnte, sie würde als banal verstanden - dabei war sie aggressiv gemeint. Ich vermute, Patricia Highsmith horchte innerlich nach einem Täterbild; ich war ihr Opfer und Täter zugleich…

Mich beschäftigte lange, warum ich die Katzenfrage nicht gestellt hatte, zumal, nachdem ich gelesen hatte, dass sie in ihrem Heim im Tessin eine ganze Katzenkolonie beherbergte. Von da an wandelte sich mein Bild von ihr. Sie war nicht mehr die Hexe mit einem katzenbuckelnden Viech auf der Schulter, sondern ein Mensch, bei dem ich eine aussergewöhnliche sinnliche Begabung zur wortlosen Kommunikation wahrgenommen hatte, obwohl ich das gar nicht zugeben wollte. Ich bedauere es noch heute, sie nicht nach Katzen gefragt zu haben.

Katzen: Das einzige Tier, wofür es in deutscher Sprache kein abwertendes Schimpfwort gibt wie zum Beispiel für Hunde, die «Köter» oder «Kläffer» geschumpfen werden oder die auch als «Schweinehunde» für Erniedrigungen von Menschen herhalten müssen. Nicht einmal Katzenviech ist derart abwertend.

Dafür gibt es jede Menge Schmusewörter für die «Samtpfoten», wofür gerade dieses schon als Synonym für die zärtliche Beziehung vom Menschen zur Katze zählt. Denn die Katze hat ein Geheimnis - ihre stumme Kommunikation, die nur versteht, wer eben Antennen für die Kommunikation ohne Worte hat. Das «Miau» kann zwar deutlich sein, aber dass Menschen völlig freiwillig und ohne Lohn dienstfertigste Diener und Portiers der Katze werden, ja ihnen sogar den besten Fauteuil ohne zu Murren überlassen oder sich nachts im Bett nicht mal zu bewegen getrauen, weil das Katzenviech auf ihren Füssen sich behaglich eingerollt hat, das funktioniert nur via «Telepathie» - eine Fähigkeit, die Katzen diskret, aber meisterhaft beherrschen.

Die Highsmith ist eine Katzenfrau, eine, die Kommunikation ohne Worte versteht, was bei der «Erfindung» ihrer Figuren zum tragen kommt, denn um eine Täterseele so differenziert beschreiben zu können, wie ihr allseits lobend attestiert wird, braucht es diese «röntgenartigen Antennen».

Eigentlich ein Verbrechen, dass ich die Katzenfrage nicht gestellt habe! Doch werde ich nie einen ihrer Kriminalromane lesen. Ich fürchte, mich darin wiedererkennen zu müssen - als Täter oder als Opfer…





Die Schriftstellerin Highsmith war nie eine Schönheit im Sinne eines Modeheftleins, aber sie hatte eine Ausstrahlung aus einer Mischung von Intelligenz und Sensibilität, die sie äusserst attraktiv machte. Und zwar über ihre Jugend bis ins Alter hinaus, denn ihre Augen verloren nie den geheimnisvollen Blick, der gewissermassen ihr «körperliches Markenzeichen» war!

Von Jürg-Peter Lienhard


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