Artikel vom 20.03.2006

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J.-P. Lienhards Lupe

Aktualisiert mit Leserreaktion

Napoleon, die Schlumpfs und Boulez im Pyjama

Reminiszenzen und Anekdoten am Rande der Wiedereröffnung der traditionsreichen Basler Nobelherberge (mit Fotoreportage aus dem umgebauten Hotel am Schluss)

Von Jürg-Peter Lienhard



Die beiden berüchtigsten Gäste des alten Hotels «Drei Könige»: Die Wirtschaftskriminellen Hans (links) und Fritz (rechts), erwischt beim Verlassen des Hotels. Exklusiv-Foto: J.-P. Lienhard, Basel © 2006



Wenn das alte Hotel «Drei Könige am Rhein» am Montag, 20. März 2006, nach 20 Monaten Radikal-Umbau als neues Hotel «Les Trois Rois» gerade rechtzeitig zur Uhren- und Schmuckmesse «Basel World» wiedereröffnet wird, ist es als ein wirtschaftliches Ereignis und als ein gelungener Umbau eines historisch bedeutenden Baus in den Medien abgehandelt worden. Bevor es dann aber in den Glanz eines der ersten Häuser der Schweiz eintaucht, erlaube ich mir einige Reminiszenzen und Anekdoten aus der Mottenkiste hervorzukramen.

Vom Hotel «Drei Könige» hiess es immer, es sei das «älteste Hotel Europas». Tatsächlich ist es belegbar 1681 erstmals erwähnt. Auf alten Abbildungen sieht man eine eher bescheidene Herberge, die während der Jahrhunderte zwar um einige Nebengebäude erweitert wurde, aber erst nach einem kompletten Neubau 1844 seine bekannte gegenwärtige Gestalt erhielt. Architekt war derselbe, der drei Jahre zuvor das «Café Spitz» - diametral gegenüber am Kleinbasler Brückenkopf des Rheins - baute, und dessen historischer Flügel noch heute seinen Namen trägt: Amadeus Merian.




Amadeus Merian baute das «Café Spitz» 1841 und dann 1844 das Hotel «Drei Könige». Der Umbau von 2006 respektiert komplett die damalige Architektur sowohl aussen wie innen. Alle folgenden Fotos: J.-P. Lienhard, Basel © 2006



Lustig ist stets zu hören, dass als einer der berühmtesten Gäste «Napoleon» im Hotel «Drei Könige» abgestiegen sei. Nun, Napoleon Buonaparte, der selbsternannte «Erste Konsul der Republik Frankreich», der sich ebenfalls selber zum Kaiser krönte - und damit den Zorn Ludwig van Beethovens auf sich zog, so dass dieser die Widmung an den «Kaiser» in seiner 3. Symphonie (in Es-Dur), der «Eroica», wieder rückgängig machte - dieser Korse hat nie in dem Hotel am Blumenrain und sowieso nie in der «Napoleon-Suite» genächtigt. Napoleon Buonaparte starb nämlich am 5. Mai 1821 unter mysteriösen Umständen in einem Feldbett, auf der Insel Saint Helena im Südatlantik als Gefangener der Engländer (siehe Artikel betr. «Todesursache Magenkrebs» auf webjournal.ch: http://webjournal.ch/article.php?article_id=385).

Allerding war Napoleon Buonaparte einmal in Basel: Aus Italien kommend, reiste er zum Friedenskongress nach Rastatt. Auf dem Weg dorthin, am 24. November 1791, traf er in Basel ein, wo er feierlich empfangen wurde, bevor er gleichtags eilig weiterreiste. So jedenfalls vermerkte der Historiker Roger Jean Rebmann in seiner Zeittafel zu Altbasel.



So sah das «Drei Könige» aus, als Napoleon Bonaparte durch Basel reiste (also nicht nächtigte!). Es ist offensichtlich nicht das gleiche Haus, das heute mit seinem Namen Reklame macht. Warum eigentlich ausgerechnet mit Napoleon Bonaparte, der wie alle späteren Napoleons auch, für seine Machtgier Hunderttausende abschlachten liess?



Nummer !!! schlief auf harter Bettstatt

Es gab aber noch mehr Napoleons als grad dieser. So der mit der Nummer III, die eigentlich gar keine Nummer ist, sondern ein Druckfehler: Ein flüchtiger und schlecht informierter Schriftsetzer missverstand die drei Ausrufezeichen auf dem handgeschriebenen Manuskript zu einem Flugblatt, das Napoleon zur Wahl gratulieren sollte («Vive Napoléon !!!»). Der Druckfehler-Napoleon müsste es also gewesen sein - wenn schon: Nämlich der Charles-Louis-Napoléon, Sohn des Louis Bonaparte, König von Holland und Neffe des Napoleons Nummer I. Doch davon ist in keinem Geschichtsbuch, geschweige denn im «Goldenen Gästebuch» des alten Kastens die Rede…

Apropos «Napoleon»-Teig: Der falsch Numerierte war Artillerie-Offizier der Schweizer Armee und Ehrenbürger des Kantons Thurgau, der auch schon mal in Paris im Käfig sass, weil er zu Strassburg Rabatz machte. Um diesen könnte es sich bei dem «Drei-König-Napoleon» allenfalls gehandelt haben, also um einen «Langfinger» aus «Mostindien», von dem man noch heute munkelt, weil er den Napoleons überhaupt nicht glich, er sei ein «bâtard», ein Fehltritt gewissermassen. Aber lassen wir das, denn das geht tief in den Bereich des Datenschutzes der Familie Tayllerand und deren königlichen «Beziehungen». Wenn man zudem noch weiss, dass er der Verlierer von Sedan war, was dem Elsass bis in unsere Zeit unsägliches Leid brachte, dann ist dieser eitle Hasardeur alles andere als eine Reverenz, und man sollte über ihn den Schleier des Vergessens breiten und nicht frisch gestrichene Zimmer nach ihm benennen!




Das also ist das «Napoleon»-Zimmer, so wie es sich heute nach der umfassenden Renovation von 2006 präsentiert. An der Wand eine Tapete aus der Rixheimer Manufactur von Jean Zuber mit einem romantischen Motiv.



Aber nochmals zurück zur sagenhaften «Napoleon-Suite»: Als ich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts (sic!) ein «Freund des Hauses» am Blumenrain war, weil meine beiden «Brötchengeber» darinnen wohnten und mich der damalige Direktor, Herr Theine, davon überzeugen wollte, dass meine Erinnerungsbildchen von den sauberen Brüdern Schlumpf aus dem Elsass doch im besseren Licht auf der Strasse gelingen würden, erfuhr ich so nebenbei, dass die berühmte Matratze des Napoleon steinhart durchgelegen, aber nichtsdestotrotz heissbegehrtes Nachtlager napoleonesker Nostalgiker war! Na, dann gut‘ Nacht, mag sich, wer auch immer es war, gesagt haben, der Anfang 2004 vor dem Umbau die berüchtigte Ruhestatt ergatterte. Denn da wurde der alte Kasten ausgemistet, und Möbel und Lampen, Geschirr und Besteck, Pfannen und Leintücher rissen sich die Basler buchstäblich aus den Händen - jeder wollte ein Souvenir aus dieser Nobel-Absteige nach Hause schleppen, und seis selbst eine Matratze: So eine brocante hatte Basel noch nie erlebt!

Herzls «Zelle»

Ein anderes berühmtes Zimmer im «Drei Könige», diesmal nicht eine «Suite», sondern schon eher ein an eine Zelle gemahnendes, beherbergte tatsächlich den, dessen Name zwar auch heute noch nicht an der Türe steht - im Gegensatz zu den Namen der Legendenfiguren Balthasar, Caspar und Melchior, nach denen Zimmer benannt sind und deren bemalte Sandstein-Figuren die Fassade des Hotels schmücken (siehe die Links am Schluss): nämlich den Journalisten und Idealisten Theodor Herzl, Verfasser der Broschüre «Der Judenstaat», den er zwar zunächst in Afri- od Ameriko verwirklicht sehen wollte, sich dann aber auf das biblische Land am Jordan besann, und weiss Gott warum, für dieses Projekt den 1. Zionistischen Weltkongress vom 26. bis 29. August ausgerechnet nach Basel einberief. 1997 feierten die Zionisten den 100. Jahrestag dieses Kongresses. Aus diesem Anlass drehte ich für das französische Fernsehen eine Reportage und filmte dabei auch das ärmliche Zimmer Herzls.




Zimmer 117: Hier nächtigte Theoder Herzl Ende August 1897, als er in Basel den ersten von mehreren Zionisten-Kongresse einberief. Die ursprüngliche Ausstattung war eher karg, und es stand nur ein Einerbett darin - nach dem Umbau 2006 ist es zu einem Doppelzimmer geworden.



Kaum zu glauben, wie sich seit dem Tode Herzls 1904 die Ansprüche der Gäste der Gegenwart gewandelt haben. Ich weiss leider nicht mehr, wie das Badezimmer in der Herzl-«Zelle» aussah, und ob es zu Zeiten Herzls überhaupt eines hatte. Ein Badezimmer in einem Hotel war indessen nur in den Luxus-Kästen üblich, oder zumindest gabs in einem Nebenzimmer einen zinnernen Zuber - so wie man ihn allenthalben auf den colorierten «erotischen» Postkartenstichen der Jahrhundertwende zum 20. angucken kann, und worauf eine Schöne (meist nur seitlich von hinten) abgebildet ist, die in so einem geschwungen geformten Zinnzuber steht (!), sich dabei von einer schwarzberockten Bediensteten, mit weissem Häubchen obenauf, aus einem Toiletten-Krug Wasser über den Rücken träufeln lässt. Das war Luxus (und nicht die «bonne», der man ja fast gar nichts bezahlte)!

Die berühmtesten Berüchtigten

Welche Zimmer die beiden Wirtschaftskriminellen Fritz und Hans Schlumpf belegten, als sie nach dem von ihnen betrügerisch verursachten Zusammenbruch ihres Textil-Imperiums von Frankreich nach Basel flohen, weiss ich nicht. Hingegen zeigte man mir dasjenige von Fritz Schlumpf, der viele Jahre länger als sein Bruder Hans in der Nobel-Herberge wohnte, nach dessen Auszug: Das war so luxuriös auch wieder nicht, und der Mietzins war eher «relativ bescheiden», denn er war ein Arrangement, das Fritz Schlumpf heftig verteidigte, wenn eine teuerungsbedingte Anpassung notwendig werden sollte. Schliesslich war es gleichwohl die Mieterhöhung, die Fritz Schlumpf zum Auszug bewog, und nicht die Basler Regierung, die unisono das Verhalten der Wirtschaftsverbrecher verurteilte, und es war auch nicht der Gesamtbundesrat, der dasselbe durch seinen Präsidenten Kurt Furgler ausrichten liess, zwar politisch sehr korrekt, aber ganz klar formuliert: «Im übrigen erachtet es der Bundesrat als nicht verantwortungsvoll, bei Schwierigkeiten im Unternehmen, ins Ausland abzureisen.»

Das liess an Deutlichkeit nichts zu Wünschen übrig, heisst das doch im Klartext so viel wie: «Es ist unehrenhaft, einfach vor Schwierigkeiten abzuhauen, sich hinter der schweizerischen Staatsbürgerschaft zu verstecken, obwohl man Zeit seines Lebens dafür keinen Finger, geschweige denn einen Centimes gerührt hat und sich erst noch auf schweizerisches Recht zu berufen, auf Recht, das man seinen Untergebenen selbst nicht gewähren will!»

Wozu ein Schweizer Pass nützlich sein kann…

Dieser klaren Position des Gesamtbundesrates in einer schriftlichen Antwort auf eine Anfrage des Nationalrates Jean Ziegler, Genf, ging eine längere Abhandlung voraus, worin der Bundesrat erläuterte, welche juristischen Bedingungen die Ausweisung an ausländische Strafbehörden verhindern, wenn die Täterschaft über die schweizerische Staatsbürgerschaft verfügt und in der Schweiz wohnhaft ist. Ebenso, warum die Verfolgung in der Schweiz nach schweizerischem Recht von Staates wegen nicht möglich ist, weil a) bereits eine Strafverfolgungsbehörde den Fall untersuchte (im Falle der Gebrüder Schlumpf war es das parquet von Mülhausen) und b) weil es zur Anklageerhebung in der Schweiz und nach Schweizer Recht an Beweisen fehlte, denn die waren in den Händen der untersuchenden französischen Staatsanwaltschaft.

Der Bundesrat wies auch darauf hin, dass einem Rechtshilfegesuch Frankreichs für die Aburteilung nach Schweizer Recht in der Schweiz nichts im Wege stehe, wenn die Anklagebehörde die Beweise den schweizerischen Behörden zustellten. Und weiter: die schweizerischen Strafverfolgungsbehörden verfolgten den Fall sehr aufmerksam, obwohl sie die juristischen Vorgänge in Frankreich nur der Presse entnehmen konnten.





Der französische Staatspräsident François Mitterand besucht meine Fotoausstellung über die «Schlumpf-Affäre»; ob er bei seinem Aufenthalt in Basel auch im Hotel «Drei Könige» nächtigte, ist mir nicht bekannt, scheint aber unwahrscheinlich.



Nicht wörtlich, aber zwischen den Zeilen, bemerkte der Bundesrat in seiner schriftlichen Antwort, dass, falls Frankreich in Sachen Gebrüder Schlumpf ein Rechtshilfebegehren an die Schweiz stellte, die beiden Wirtschaftskriminellen ungehindert beispielsweise nach Italien ausreisen könnten, wo sich die französische Justiz (damals) auf kein Rechtshilfeabkommen stützen könnte, weshalb die Gebrüder auch dort strafrechtlich unbehelligt blieben. Indessen habe aufgrund eines vorläufigen Rechtshilfegesuches die Basler Staatsanwaltschaft die Gebrüder zu einer ersten Einvernahme aufs Revier beordert, wo sie jeden einzelnen Punkt der Vorhaltungen aus Frankreich abstritten. Mangels Unterlagen aus Frankreich, blieb dem federführenden Wirtschafts-Dezernat unter der Leitung von Dr. Gueng nichts anderes übrig, als die Aussagen zu protokollieren, ohne deren Wahrheitsgehalt überprüfen zu können. Das Dezernat offerierte den französischen Kollegen eine Einvernahme in Basel durch einen französischen Justizbeamten, was aber von den Strafverteidigern der Gebrüder zunächst verzögert und dann vereitelt worden war.

Die Gebrüder Schlumpf wurden in Absentia und nach mehreren Revisionsverfahren zu unterschiedlich langjährigen Zuchthausstrafen ohne Aufschub verurteilt. Fritz Schlumpf erreichte indessen kurz vor seinem Tod im Alter von 87 Jahren, dass das unbedingte Urteil aufgrund seines hohen Alters und aufgrund einer fortgeschrittenen Multiplen Sklerose und einer progressiven Demenz bedingt erlassen wurde, was seine zweite Gattin Arlette Naas publicityträchtig dazu benützte, ihn selbst im Rollstuhl in die beschlagnahmte Automobilsammlung zu karren. Der frühere französische Kulturminister Jack Lang erklärte später, hätte er Kenntnis davon gehabt, dass die Gebrüder beim Kassationshof die Verfügung erreicht hätten, ihren Namen der Sammlung trotz Zuchthausurteil zwingend beizufügen, hätte er dies zu verhindern getrachtet.

Tausende von Unterschriften gegen die Gebrüder Schlumpf

Über Jahre, von 1977 bis 1990, stand das alte Hotel «Drei Könige» wegen der Gebrüder Schlumpf ständig im Brennpunkt der Aufmerksamkeit der Medien, zumal der französischen, aber auch der schweizerischen und der internationalen. Mehrfach gab es Demonstrationen gegen die Anwesenheit der beiden Wirtschaftskriminellen. So demonstrierte die Basler PdA mit etwa 50 Personen und einer Menge Transparenten vor dem Hotel und besetzten kurzzeitig die Récéption. Auch die SP nahm das Hotel zur Zielscheibe und brachte die Affäre Schlumpf in den Rat des Kantons Basel, wo sämtliche Partei-Fraktionen in den Protest gegen die unrühmliche Anwesenheit der Gebrüder einstimmten.

Aber auch die betrogenen Arbeiter, zumal jene der elsässischen Schlumpf-Betriebe von Mülhausen und Erstein sowie vom Hauptsitz Malmerspach, kamen mit den Betriebsräten und Gewerkschaftsvertretern der CFDT zu einer Demonstration in die Hotelhallen. Der spätere Staatssekretär in Paris unter Präsident François Mitterand, Jean Kaspar, knallte dabei mehrere zehntausend Solidaritäts-Unterschriften von Menschen aus der ganzen Welt auf das Pult der Récéption und adressiert an «Les Frères Schlumpf».




«Le Trésor d'Ali Baba», stand in «Paris Match» über meiner Titelgeschichte - hier eine Aufnahme der Privatsammlung in der Zeit, als die Arbeiter das Museum als Pfand für ihre Arbeitsplätze besetzt hielten.



Die Arbeiter besetzten die private Auotmobilsammlung der Gebrüder in Mülhausen, nachdem ich heimlich in das private «Ali Baba» der Gebrüder eingedrungen, es ausgiebig fotografiert und während Wochen als publizistischer Monopolist in der ganzen Weltpresse veröffentlicht hatte. Die Bilder belegten schlagartig, was man im Elsass nur hinter vorgehaltener Hand munkelte, obwohl es die Arbeiter stets sagten: Es waren nicht wirtschaftliche Schwierigkeiten, die zum Bankrott des Schlumpf‘schen Imperiums führten, sondern der masslose Sammelwahn der Gebrüder, die die Substanz der Betriebe in die Objekte ihrer Begierden abzweigten!

«Le Trésor d‘Ali Baba»…

Gemäss gerichtlicher Untersuchungen hatten sie dafür ein raffiniertes betrügerisches System von Scheinfirmen und Strohmännern aufgebaut, um das Vermögen der Gesellschaften abzuziehen, staatliche Investitionsbeiträge zu veruntreuen und Gläubiger zu täuschen und zu schädigen. Sie hatten aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht, als sie glaubten, der Bankrott der Betriebe könne ihr «Privatvermögen» nicht tangieren. Meine Fotos belegten, dass in den Hallen der ehemaligen Kammgarnspinnerei Heilmann, Koechlich et Cie. an der Colmarerstrasse von Mülhausen, die sie in einem aufsehenerregenden Coup unfreundlich übernommen hatten, die 500 Arbeiter entliessen und den Konkurrenzbetrieb sofort schlossen, dass in diesen Hallen rund 500 bis zum letzten I-Tüpfelchen restaurierte Oldtimer untergebracht waren. Also ein enormes, pfändbares Vermögen beiseite geschafft worden war.

Die Arbeiter konsultierten mich, um zu erfahren, wie man auf dem besten Weg in die Tag und Nacht streng bewachte Privatsammlung eindringen könnte, wählten schliesslich nicht meinen «alpinistischen», sondern den direkten Weg: ein zwölfköpfiges Kommando durchtrennte den Metallzaun und überwältigte die Nachtwächter - gewaltlos notabene. Was ich übrigens alles «live» fotografisch festhielt und belegen kann. Damit begann eine zweijährige Besetzung der Sammlung durch die entlassenen Arbeiter - als Pfand für ihre Arbeitsplätze und um zu verhindern, dass die Sammlung auseinandergerissen und veräussert wurde.

Ein ganz wichtiges Ergebnis des nächtlichen Überfalls war jedoch, dass die Arbeiter gewissermassen in letzter Sekunde verhindern konnten, dass wichtige Papiere verschwanden. Die Anklage im Betrugsprozess konnte sich auf die von den Arbeitern beschlagnahmten Dokumente der Gebrüder vollständig stützen und das Beweisverfahren lückenlos bestücken! Die Anklageschrift liest sich noch heute wie ein Kriminalroman…

Der wahre Krimi wartet auf seinen Schreiber

Die wahre Geschichte der «Affäre Schlumpf» aber ist noch nicht geschrieben worden, obwohl unzählige Publikationen sich vor allem der Automobilsammlung widmeten. Der ehemalige Schlumpf-Arbeiter Pierre Schoepfer aus Malmerspach hingegen hat seine Erlebnisse mit den Gebrüdern ganz aus seiner persönlichen Sicht in einem erst kürzlich herausgekommen Buch mit dem Titel «Mon Affaire Schlumpf» höchst eindrücklich niedergeschrieben.

In einer künftigen wissenschaftlichen Abhandlung dieser Affäre, die, zusammen mit den Angehörigen, über 8‘000 Menschen im Elsass betraf, dürfte auch das Hotel «Drei Könige am Rhein» ein Kapitel erhalten. Wohlverstanden, das «Drei Könige», denn mit dem Umbau von 2005/2006 und der Umbenennung zum «Les Trois Rois» schlägt der neue alte Kasten ein noch völlig unbeschriebenes Kapitel auf. Es werden sich darin in Zukunft kaum so viele gekrönte Häupter eintragen, wie sich im Gästebuch des alten «Drei Könige» verewigten. Wir sind im Zeitalter der Geschäftsleute, der geschichtslosen Neureichen und Boulevard-Prominenten, die fossile Patrons und antike Adelige abgelöst haben. Was vielleicht nur Reminiszenzen- und Anekdotenschreiber bedauern werden…

Unvollständige Kategorien

Oh je, vor lauter Schlumpf-Affäre hätte ich noch eine Anekdote vergessen. Genaugenommen sind es zwei. Denn der Besitzer des neuen Hotels «Les Trois Rois» hat jemanden beauftragt, der das Gästebuch des alten Hotels «Drei Könige» nach Prominenz und Berühmtheiten durchstöbern sollte. Dieser jemand machte eine Liste, in die er solche berühmten Gäste in sechs Kategorien auflistete. Die Kategorien lauten: Angehörige von Adelshäusern, Literaten, Künstler, Politiker und Komponisten/Musiker. In der Kategorie «Literaten» steht «Theodor Herzl»; in derjenigen mit den «Komponisten/Musikern» sind auch vermerkt «The Rolling Stones», aber nicht Pierre Boulez!

Na, einem Sport-Historiker darf man nicht verübeln, wenn er nichts von Musik versteht, sowieso, wenn er nicht weiss, dass man auch Musik revolutionieren kann - zumal im Post-Rolling-Stones-Zeitalter…




Diese Aufnahme machte ein Musikwissenschafter am 9. Januar 2004 vor dem Restaurant «Schlüssel» in Basel, wo der Komponist Pierre Boulez (mit Golf-Mütze) im Kreise von Doktoranden der Basler Musikakademie und Studenten der Paul-Sacher-Stiftung gespiesen *) hatte und dabei die Anekdote der Polizeikontrolle im Hotel «Drei Könige» zu aller Erheiterung zum Besten gab. (Der Mann mit Hut ist der Autor dieser Glosse.) *) lt. Duden schweiz. für gespeist © J.-P. Lienhard, Basel 2006


Und damit wären wir bei der zweiten letzten Anekdote, dh. bei Pierre Boulez, dem berühmtesten zeitgenössischen Komponisten und Dirigenten, Freund und Hätschelkind von Paul Sacher, der ihm eine ganze Abteilung auf Burg für seine Partituren und Korrespondenzen gewidmet und wohl den kompetentesten Kurator der Welt dafür angestellt hat. Pierre Boulez, in Frankreich gewissermassen «Staatskünstler», wie weiland Sartre es war, nächtigte nämlich im November 2001 im alten Hotel «Drei Könige», weil er in Basel ein Konzert einstudierte und zu dirigieren hatte. Und dann, um sechs Uhr morgens klopfte es im Hotel «Drei Könige» an die Zimmertüre von Boulez, und zwar so, wie solche Klopfer eben zu klopfen haben: «Aufmachen! Polizei!»

Der erschreckte Dirigent öffnete im Pyjama, und nur weil die Polizisten sahen, dass Boulez schon über 75 Jahre alt war, und gemäss Protokoll «keinen gemeingefährlichen Eindruck machte», verpassten sie ihm keine Handschellen, nahmen aber seinen Pass mit und durchsuchten seine Siebensachen nach Sprengstoff… Ja, nach Sprengstoff! Den fand die gestrenge Hermandad selbstverständlich nicht, denn nie in seinem Leben hatte Boulez je etwas mit Sprengstoff zu tun gehabt, nicht einmal im von den Nazis besetzten Paris! Das heisst, Sprengstoff verwendet Boulez in seinen Kompositionen - aber das zu requirieren, dafür fehlte den wackeren Hütern des Gesetzes natürlich die Bildung.

Die Blamage

Dafür ging der Vorfall um die Welt, kam in den Nachrichten aller Kultursender und nicht nur dort: Die Basler Polizei hatte sich zutiefst blamiert. Was war geschehen? So lächerlich es tönt, so wahr ist es: Boulez hatte vor 1969 als intellektueller Heissporn in einem im deutschen Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» abgedruckten Interview in Zusammenhang mit dem damals sehr verkrusteten Opernbetrieb den inzwischen zum bonmot gewordenen Spruch getan, «man sollte die Opernhäuser in die Luft sprengen», was natürlich ironisch gemeint war, aber eine hysterische Wichtigtuerin in Zürich, weibelte damit zur Polente und denunzierte ihn als potentiellen Attentäter…

Weil Sprengstoff-Delikte in der Schweiz Sache der Bundespolizei ist, kam die Anzeige ins Bundessuchregister, wo es 40 Jahre ungelöscht (!) und auch unbeachtet blieb, bis zu dem Tag, als in Basel ein unterbeschäftigter Polizist mal genauer die Gästeliste des Hotels mit dem Fahndungsregister verglich. Dieser Polizist hatte von Berufs wegen noch nie etwas von Boulez gehört, weshalb der ein Klopf-Kommando ins «Drei Könige» entsandte. Dem Basler Regierungsrat und Chef der Polizei, Jörg Schild, war das natürlich hochnotpeinlich, denn die Rechtsabteilung des Pharmagiganten Hoffmann-La Roche, dessen Mehrheitsaktionär und Boulez-Mäzen Paul Sacher war, sprach mal kurz bei ihm vor…

Oh je, und jetzt kommt gleich noch eine dritte letzte Anekdote hinzu: Während des tosenden Applauses, den das Konzert unter der Leitung von Pierre Boulez verursachte, kletterte ein Polizeifräulein in Uniform auf das Podium, in der Hand einen winzigen, was sage ich, ein mickriges Blumensträusschen und entschuldigte sich im Namen der Polizei für den läppischen Polter-Vorfall in Boulezs Hotelzimmer. Jedoch, fragten sich die Konzertbesucher: wäre es nicht am Chef gewesen, statt eine unschuldige Mitarbeiterin vorzuschicken? Doch lassen wir das, es taugt auch nicht mehr zu einer vierten letzten Anekdote aus dem alten Hotel «Drei Könige»…

Apropos «Drei Könige»: diese waren weder «Heilige» noch «Könige» - aber lesen Sie selbst hier auf webjournal.ch unter untenstehenden beiden Links die Geschichte der «Drei-Königs-Legenden».


Es gibt mehrere Serien exklusiver Fotos von den Gebrüdern Schlumpf im und vor dem Hotel «Drei Könige», von den Demonstrationen gegen deren Anwesenheit sowie eine grosse Menge Dokumente mit den Antworten des Bundesrates sowie Gerichtsakten und die Anklageschrift, die mein Eigentum sind, und die ich deswegen nicht ins Internet stelle.


Leserreaktion vom 22.3.2006


Liebe Redaktion webjournal.ch

Zwar haben mich Ihre Anekdoten zur Neueröffnung des nun «Les Trois Rois» getauften Hotel «Drei Könige» in Basel durchwegs amüsiert und/oder erstaunt. In Zusammenhang mit der Anekdote um Pierre Boulez haben Sie, wohl um den Sarkasmus zu verstärken, etwas gar zu künstlerisch-freiheitlich die Fakten behandelt. Ich erlaube mir deshalb diese Zeilen.

Als Pierre Boulez im November 2001 in Basel von der Polizei aus seinem Hotelzimmer geholt wurde, hat ihm die Polizei «nur» den Pass abgenommen. Dass es nicht zu einer Verhaftung kam, lag nach der Aussage der Polizisten lediglich daran, dass er keinen «gemeingefährlichen Eindruck» gemacht habe.

Wie konnte es so weit kommen? In einem Interview mit dem Spiegel aus dem Jahre 1967 soll Boulez gefordert haben, Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Tatsächlich sagte Boulez: «Die teuerste Lösung wäre, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Aber glauben Sie nicht auch, dass dies die eleganteste wäre?»

Als viele Jahre später eine Journalistin eine Bombendrohung bekam, nachdem sie einen Auftritt Boulez' verrissen hatte, landete er prompt auf der so genannten Ripo-Liste der Schweizer Polizei, schliesslich galt er als Sprengstoffspezialist… allerdings als musikalischer!

Was lernen wir nun aus alledem? Das übliche Feuilletonisten-Spiel, die Schweizer Polizisten doof zu finden, weil sie nicht wissen, wer Pierre Boulez ist, machen wir natürlich nicht mit. Im Gegenteil. Wir sollten uns alle darüber freuen, dass künstlerische Aussagen wieder ernst genommen werden. Dass es endlich Essig ist mit diesen billigen Provokationen, wo irgendwelche Hanseln mit gefährlichen Symbolen spielen, um dann, wenn jemand sie fragt, wie sie es denn mit der Gewalt und der Politik halten, zu sagen: Ist alles nur Kunst.

A.Z. (Name der Redaktion bekannt)


Anm. der Redaktion: Lesen Sie auch: «Ein Rebell wird 80» mittels untenstehendem Link

Von Jürg-Peter Lienhard

Für weitere Informationen klicken Sie hier:

• Fotoreportage aus dem umgebauten Hotel von J.-P. Lienhard, Basel © 2006

• Wissenswertes: Weder Heilige noch Könige

• «Ein Rebell wird 80» - Artikel auf webjournal.ch zum Geburtstag Boulez'

• Aus dem Basler Stadtbuch: Die Geschichte der Gebrüder Schlumpf


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