Artikel vom 17.02.2006

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Rubrikübergreifendes

Heine. Aus dem Grundtext

Der deutsche Schriftsteller, Dichter und Journalist Heinrich Heine starb vor 150 Jahren, am 17. Februar 1856, nach langer, ungeduldig ertragener schwerer Krankheit in Paris; er wurde 59 Jahre alt

Von Reinhardt Stumm



Anstelle eines Porträts Heinrich (Harry) Heines: Parodie auf die Zensur, 12. Kapitel der Ideen - «Das Buch Le Grand» aus «Reisebilder». Zweiter Teil (1827). (Illustrationen und Legenden: jpl)



Zeit seines Lebens und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war der Jude, Franzosenfreund und Vaterlandsverräter Heinrich Heine Liebling der Lyrikverliebten und Opfer der Literaturwissenschaft, die ihn dazu missbrauchte, ihre Urteilskriterien zu formulieren und zu festigen. Erst die letzten Jahrzehnte brachten eine Wende – wer moderne Heine-Literatur liest, erfährt endlich mehr über Heine und sein Verhältnis zur Welt als über die Idiosynkrasien seiner Kritiker. Einiges über die Geschichte der Heine-Rezeption.

Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte

(Wallensteins Lager, Schiller, 1798)

Noch um Heines Wiege herum war alles Durchgeistigung, weg von der Materie. Unverständlichkeit als Programm, spottete Heine später – und hatte recht. Jeder Gymnasiast weiss: was jedermann versteht, kann nicht sehr gescheit sein.

Dann das 19. Jahrhundert, seine politischen Bewegungen, das revolutionäre Klima, Preussen, Frankreich, Metternich, der Deutsche Bund, Das Junge Deutschland, Literatur als Sprengstoff, Lyrik mal als Brandfackel, mal als Tarnung, die den Scharfsinn der Zensur herausforderte und oft überlistete. Heine wurde neben Börne, Gutzkow, Herwegh, Freiligrath, Fallersleben, eine treibende Kraft bei der Bildung politischen Bewusstseins, und das hiess – lange nach den Bauernkriegen - auch wieder offene Parteiung, hiess Leidenschaft und Zorn wie in dieser, dem preussischen Königshaus gewidmeten «Schlosslegende» (die 4. von 5 Strophen)

Stets brutal zugleich und blöde,
Stallgedanken, jammervoll,
Ein Gewieher ihre Rede,
Eine Bestie jeder Zoll.


Da lebte Heine, vom Deutschen Bundestag 1835 mit Publikationsverbot belegt, längst in Paris.

Heinrich von Treitschke (1834-1896), wohlbestallter Historiograph des Preussischen Staates, rechnete in seiner «Deutschen Geschichte im Neunzehnten Jahrhundert» (1879-94) mit ihm ab: «Derweil die ernsten Männer sich angeekelt abwendeten, behielt Heine unter der radikalen Jugend noch immer Verehrer, und bald wagte er in seinen ‚Zeitgedichten‘ seine Schmutzereien noch zu überbieten. Über dem stinkenden Sumpf der ‚Lobgesänge auf König Ludwig von Bayern‘ erglänzte noch dann und wann das Irrlicht eines schlechten Witzes; doch den Spottliedern auf Preussen und sein Herrscherhaus fehlte jeder Hauch künstlerischer Anmut, feinen Scherzes; hier erklang nur noch das ‚Steiniget ihn, kreuziget ihn‘, das blödsinnige Wutgeheul jüdischen Hasses. ‚Ihr sollt es ersäufen oder verbrennen‘, so sprach er über Preussen, den Wechselbalg, das Ungetüm, unter einem Aufwand sodomitischer Bilder, wie sie nur seiner unreinen Phantasie entsteigen konnten.»

Wir sind Welten entfernt vom klassischen Weimar. Wer jene Farben noch trägt, A. W. Schlegel, Jahn, Fouqué, de Staël, Görres, kommt nicht ungeschoren davon. Nichts mehr geläuterte Form, alles ist Mittel, Sprache Baustoff zur Darstellung von Wirklichkeit, die – wohl zum ersten Mal - als formbare begriffen wird. Aber auch lustvolles Spiel, erotische Heiterkeit, genüssliche Bosheit, nie ist alles auf einen Nenner zu bringen - tiefes Gefühl und Rührung, Pose, Sentimentalität, Mutterwitz und dazwischen blühender Kitsch. Dazu der amüsante Rechtfertigungszwang des schlechten Gewissens – ich tat dies (und besser als alle anderen bisher) aus folgenden Gründen (die dann auf 47 Seiten ausgebreitet werden).

Wir begreifen, dass da einer mit Genie ist, der die Welt wahrnimmt und ihr vieles übelnimmt, der sich sehr selbstbewusst einmischt und mitspielt – und dem mitgespielt wird. Jedes Lexikon gibt darüber Auskunft.

Larousse pour tous (1905): Auteur de poèsies charmantes, d'une mélancholie ironique et douloureuse, de tableaux de voyages (Reisebilder), écrites avec une verve, un humour pétillants, en allemand et en français. Citons encore: les poèmes Atta Troll, le Romancero. Il essaya de créer une alliance intellectuelle entre la France et l'Allemagne. (De la France, Lutèce, De l'Allemagne).

Meyers Lexikon (1926/7.Aufl.): H. besass zarte Innigkeit des Gefühls, Leidenschaft, lebhafte Phantasie und vor allem zündenden Witz. Aber sein schwankender Charakter, das Fehlen einer festen Gesinnung zerrüttete sein Leben und zersetzte seine Dichtung, die durch das Nebeneinander von hoher Begeisterung und gewollter Plattheit, von Pathos und Zynmismus disharmonisch wirkt.

Deutsches Literatur Lexikon (1953): Heine ging von der volkstümlichen Lyrik aus, brachte sich aber später durch seine giftige, kein Stäubchen an Thron und Altar schonende Satire um seine schönsten Triumphe. Seine Prosa ist stets witzig und geistreich, aber ebenfalls bis zum Sarkasmus ausartend.

Goldmann Lexikon (1998): «Berühmt wurde Heine durch formvollendete Lyrik, deren romantische Stilformen und Motive wie den melancholisch-volksliedhaften Ton er oft durch den plötzlichen Umschlag in skeptisch-nüchterne Realität und scharfen Witz aufhob, so im Buch der Lieder (1827) und den Neuen Gedichten (1844)... Die satirischen Versepen Atta Troll (1843) und Deutschland Ein Wintermärchen (1844) geisselten Tendenzpoesie bzw. polit. und gesellschaftl. Verhältnisse der Restaurationsepoche in Deutschland. Mit kulturellen und polit. Berichten aus Frankreich Ausbildung eines zukunftsweisenden journalistischen und feuilletonistischen Stils...»




Heinrich Heines Büste auf seinem Grab in Paris: «La chose la plus importante, c'est que je suis né».



Das Kolorit alter Lexika ist aufregend (das macht ihren Reiz aus), farbechter sind wissenschaftliche Arbeiten. Der Wölfflinschüler Friedrich Gundolf (1888-1931), Professor in Heidelberg, in seinem Buch «Stefan George» (1920, S.11 f.) über Heine: «Er hat dem Ladenschwengel den Ton des Priesters ermöglicht, dem Redner die Lyrik, dem Bänker die Salbung. Er betritt viele Ebenen nach Willkür und zerstört damit jedes Niveau...»

Dagegen Heine 1848: «Die Herrschaft der Schönschreiberei hat ein Ende... Nicht bloss die Freiheit der Presse, sondern auch die Gleichheit des Stils muss dekretiert werden von einer wahrhaft demokratischen Regierung.»

Und wieder Gundolf - Ein Urteil aus dem professoralen Polstersessel, 1920: «Erst seit Heine gibt es in Deutschland Worte ohne Werte aus allen seelischen und gesellschaftlichen Schichten.» Aber Heines «Buch der Lieder» erschien 1827 zum ersten Mal – und wurde in den folgenden fünfzig Jahren doch 44 Mal nachgedruckt! Nur Ludwig Uhlands «Gedichte» schafften mehr (60 Ausgaben von 1815-1876).

Wahr ist, dass Heine in der Polemik die Grenzen der Geschmacklosigkeit oft weit hinter sich liess – kaum je grundlos. Seine Hassreden auf den homosexuellen Dichter August Graf von Platen (Das Grab im Busento) sind unappetitlich. Es war die Rache für Platens Herablassung dem Juden Heine gegenüber. Keiner schenkte keinem was! 1836 erschien in zweiter Auflage Wolfgang Menzels «Die deutsche Literatur». Menzel über Heine: «Schon in seinen ersten Herzensergiessungen fiel sein Jüdeln auf, seine Prahlerey...». Und über Heines «Reise von München nach Genua» (1829): «Wir sehen da den Judenjungen, mit der Hand in den Hosen, frech vor italienischen Madonnenbildern stehen», den «aus Paris kommenden, nach der neusten Mode gekleideten, aber gänzlich blasierten, durch Lüderlichkeit entnervten Judenjüngling mit spezifischem Moschus- und Knoblauchgeruch.»

Heine wehrt sich, geisselt Menzels angeborenen Knechtssinn, sein schäbiges Privatinteresse, sein Deutschtum, das gegen alles Fremdländische unaufhörlich loszieht. «Wir aber betrachten die ganze Menschheit als eine grosse Familie, deren Mitglieder ihren Wert nicht durch Hautfarbe und Knochenbau, sondern durch die Triebe ihrer Seele, durch ihre Handlungen offenbaren.» (Über den Denunzianten, 1837)

Gundolf hatte wohl recht, wenn er sagt, dass Heine
den Journalismus erfindet. Wie er freilich diese Erfindung beurteilt, diese «unsachlich geschmückte Zweckrede», in der «das raumlose, masslose, bodenlose Wort – das Feuilleton» die Kunst verrät, macht einiges von der Erhabenheit und Weltferne eines Professors deutlich. In «Heine und die Folgen» (1910) argumentiert Karl Kraus ganz ähnlich: «Heine stiftete die grosse Erbschaft, von der der Journalismus bis zum heutigen Tage lebt, zwischen Kunst und Leben ein gefährlicher Vermittler, Parasit an beiden, Sänger, wo er nur Bote zu sein hat, meldend, wo zu singen wäre.»

Wie anders, wieviel härter, erlebter, drängender klingt das bei Heine hundert Jahre früher (1828): «Es ist die Zeit des Ideenkampfes und Journale sind unsere Festungen.»

So sehr weit von unserem unvergessenen Basler Lehrer Walter Muschg ist Gundolf da gar nicht. Für Muschg (Tragische Literaturgeschichte, 1953, 2.Aufl.) war an Heine alles verlogen, sein Stolz, seine Verzweiflung, seine Gottlosigkeit, seine Bekehrung, sein Deutschtum, sein Franzosentum. Heine war ein Marktschreier: «Die Literatur wurde jetzt der Tummelplatz von Gestalten, die in anderen Zeiten als Geisterbanner, Goldmacher oder Wahrsager ihr Wesen getrieben hätten. In der Musik war es das Gleiche; sie produzierte mit Paganini, Liszt, Berlioz und Wagner die bestechendste Form der modernen Kunstzauberei, das Geschlecht der vergötterten Dirigenten und Virtuosen.»

Der elegante Heine! 1822 lebte er in Berlin, gehörte natürlich zu den Stammgästen des Literatencafes Stehely, wo er den gleichaltrigen Christian Dietrich Grabbe (1801-1836) bestaunte – diesen arroganten, zynischen, genialen und absolut chancenlosen Trunkenbold aus ärmlichsten Verhältnissen -, ohne ihn wirklich zu begreifen. Was man Heine vorwarf – bis zu Muschg –, konnten für ihn keine Vorwürfe sein. Man kann keiner Katze vorwerfen, dass sie ein weiches Fell hat. Es waren auch die Widersprüche in seinem Wesen, die ihn so produktiv machten. Und sie waren zeittypisch. Was wir bei Heine finden, finden wir um ihn herum.

Das zu begreifen, dauerte lange – und setzte ein verändertes Verständnis für Literaturwisssenschaft voraus. Noch Muschg zieht Heine vor die Inquisition, einem Ketzer wird der Prozess gemacht: «Man hielt und hält ihn für einen äusserst begnadeten Dichter, während er doch nur ein äusserst raffinierter literarischer Schwarzkünstler war.»

Erst in den sechziger Jahren beginnen Literarhistoriker langsam den längst fälligen Positionswechsel zu vollziehen. Nicht länger nimmt die Literaturkritik Heine in Dienst, um ihre Ideologien, Thesen, Vorlieben, Glaubenssätze an ihm zu exemplifizieren. Langsam beginnt Heine sich in einer Kritik abzubilden, die ihre eigenen Fehlleistungen aufarbeitet: Heine der Jude, Heine der Franzosenfreund (der eine Entente cordiale zwischen Deutschland und Frankreich herbeisehnte!), Heine der Vaterlandsverächter, der Lügner, der Charakterlose, Verführer der Jugend, irreligiöser Materialist, der mit der Revolution nur Spielende, dem nichts ernst war.

Spät genug! Die erste kritische Auseinandersetzung mit dem Dichter Heine erschien 1838 in Deutsche Vierteljahrsschrift. Gustav Pfizer dachte über Heine’s Schriften und Tendenz nach und wünschte sich, «dass seine einschmeichelnd glänzende, dabei aber verführerische und den Geschmack verderbende Prosa verdrängt und vergessen gemacht werde durch Wiederbelebung eines kräftigen, männlichen, lebendigen Styls – nicht zusammengeflickt wie gemachte Blumen, sondern gesund hervorgetrieben aus der Wurzel reiner Gesinnung und gediegenen Geistes.»

Von wo aus immer man ihn betrachtet, sieht er anders aus – der Verdacht ist nicht ganz abwegig, dass die Spielernatur Heines das wusste, mindestens aber ahnte und bediente. Er liebte es, verkannt zu werden. Darf man schliessen, dass man ihn beurteilen kann, wie man will, es kann nie ganz falsch sein?

Die neue Aufmerksamkeit ist vom Kalender diktiert – jenseits davon ist Heine so tot und vergessen wie alles, was im Literaturlexikon aufbewahrt wird.
Wer ihm begegnen will, wird sich schon die Mühe machen müssen, ihn selber zu lesen.


Von Reinhardt Stumm

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• Mehr zu H.H. auf «TV arte» am 17.2.2006


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