Artikel vom 30.01.2006

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Martin Zingg

Artikel vom 08.08.2005 (neu verlinkt)

Schwimmen gehen…

Eine Tagebuchnotiz von Franz Kafka im August 1914 stellt unfreiwillig Banales neben Epochales und verdeutlicht damit den Widersinn in mancher Realität

Von Martin Zingg



Tagebuchschreiber Franz Kafka: «Ich bin ein unpünktlicher Briefeschreiber…es wäre noch ärger, als es ist, wenn ich nicht die Schreibmaschine hätte…». Was schriebe Kafka an seine Verehrten Fräuleins, wenn er eMail gehabt hätte und die Taste «Cancel»? (Bild: Original-Auszug eines persönlichen Briefes Kafkas.)



Die Tagebuchnotizen anderer Menschen braucht man sich ja nicht auch noch einzuprägen, die eigenen reichen durchaus - falls man überhaupt noch dazu kommt, diese zu formulieren. Wo einem das eigene Leben doch manchmal wortlos über den Kopf wächst.

Aber eine Tagebuchnotiz gibt es, eine von Franz Kafka, die man sich leicht einprägen kann, weil wir sie beinahe jeden Tag selber festhalten, ohne sie noch einmal aufschreiben zu müssen. Im August 1914 notiert Kafka in sein Tagebuch: «Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. - Nachmittag Schwimmschule.»

Natürlich ist das eine irritierende Notiz. Ein epochales Ereignis, der Beginn des Ersten Weltkriegs, und eine vergleichsweise banale Begebenheit werden hier gleichrangig nebeneinander gestellt. Der Beginn - und im Grunde längst schon die Fortsetzung - einer weltweiten Katastrophe und das ganz private Glück rücken bis auf zwei trennende Satzzeichen aneinander. Gegen diese Nachbarschaft möchte man sich gerne zur Wehr setzen können.

Als Kafka diese beiläufige Notiz niederschrieb, tat er dies nicht für die Nachwelt, die so etwas ja strenggenommen nichts angeht. Und er tat dies in Unkenntnis der schrecklichen Ereignisse, die in der Zeit nach dem August 1914 alle noch folgen sollten. Seine Notiz ist die vermutlich kürzeste Formel für eine Notwendigkeit, der wir uns jeden Tag ausgesetzt sehen und die wir als Stehsatz immer nur wiederholen können.

Wir müssen das Wissen um all die Schlechtigkeiten aushalten, die in der Welt begangen werden – und zugleich dafür sorgen, dass wir in eben dieser Welt dennoch zurechtkommen. Wer nicht schwimmen geht oder sich sonstwie vergnügt, hat den Krieg oder anderes Elend damit noch keineswegs aufgehalten oder gar verhindert. Sondern: ist bloss nicht Schwimmen gegangen.

Von Martin Zingg


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